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Popkultur

40 Jahre „Closer“: Diese Bands würde es ohne Joy Division nicht geben

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Joy Division
Foto: Martin O'Neill/Redferns/Getty Images

Für eine derart kurzlebige Band wie Joy Division ist ihr Zeit und Genres transzendierender Einfluss bis heute von geradezu mystischer Kraft. Zum 40. Geburtstag ihres zweiten und finalen Albums Closer werfen wir einen Blick auf das komplexe Vermächtnis der Post-Punk-Antihelden.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Closer hören:

Und sie wussten nicht, was sie tun: Scheinbar unterbewusst, als Nebeneffekt quasi, haben sich die kurzlebigen Manchester-Boys von Joy Divison mit gerade mal zwei gepeinigten, tristen, desolaten Platten einen agnostischen Schrein errichtet. Bis heute ist das Post-Punk-Paradebeispiel wie ein Portal, durch das zahlreiche Künstler*innen verschiedenster musikalischer Strömungen treten, um ehrfürchtig an den Grabmonumenten von von Unknown Pleasures und Closer zu lehnen und darauf eigene Karrieren aufzuschichten.

Der heilige Gral der Subkultur

So etwas kann natürlich niemand planen. Nicht mal ein Libertine wie Jim Morrison. Bei einer Bande junger Typen wie Joy Division, denen es eigentlich vorrangig um Bier und Zigaretten geht, ist es aber irgendwie schon erstaunlich, dass aus Kumpels, die sich zufällig bei einem Sex-Pistols-Konzert im Juni 1976 treffen, eines der größten Musikenigmas der letzten 40 Jahre hervorgeht. Joy Division sind der heilige Gral ganzer Subkulturen, das Schisma, das endlose Mysterium, angefacht durch den Selbstmord ihres leidenden Frontmanns Ian Curtis.

Auch 40 Jahre nach dessen Tod und der posthumen Veröffentlichung des herabziehenden Schwanengesangs Closer hat diese Bands nichts von ihrer geheimnisvollen Strahlkraft verloren. Manifestiert wird das in den zahlreichen Tattoos, Jutebeutel-Designs oder abgewandelten Shirts mit der ikonischen Unknown-Pleasures-Grafik; aber auch in einer Vielzahl an Bands, die es ohne Joy Division in dieser Form nicht geben würde.

U2

Bevor Bono als Reinkarnation Bon Geldorfs wiedergeboren wurde, war er mit U2 durchaus in anderen Sphären unterwegs. Ihr Debüt Boy (das wenige Monate nach Closer erschien) ist vielleicht nicht ganz so desolat wie der metallische Klang Joy Divisions; die Einflüsse sind dennoch unüberhörbar – und die unorthodoxe Herangehensweise auch: Das Schlagzeug nahm man im Treppenhaus auf und mischte das Geräusch zerspringender Glasflaschen in die Musik. Die zermürbende Monotonie der Vorbilder findet sich auch in späteren Klassikern wie Sunday Bloody Sunday, bevor sich die Iren ab The Joshua Tree eher dem Stadionsound annähern.

The Cure

Auch The Cure gründen sich noch zu Lebzeiten von Ian Curtis. Schon 1979, auf ihrem unpolierten Debüt Three Imaginary Boys, denken sie den Post-Punk Joy Divisions eine Ecke weiter, entstammen aber eindeutig der Manchester-Schule. Schon auf ihrem zweiten Album bleiben von diesem Erbe nur noch die maschinellen Drum- und Bass-Parts, während die Stimmung des Albums unheilvoll wie die Ouvertüre zum späteren Goth-Melodrama hallt.

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Interpol

Ganz anders wirkt der Einfluss von Joy Division eine Generation später. Interpol aus Manhattan, einer der Vorreiter des Post-Punk-Revivals im frühen 21. Jahrhundert, erweisen Ian Curtis und seiner Band mit bewusst treuer Reproduktion die späte Ehre. Schleppend, elegisch, düster und nicht von dieser Welt klingt ihr Debüt Turn On The Bright Lights, trotz aller Experimente und Vorwärtsbewegungen bleibt dieses schwarze Herz bis heute im Zentrum ihres Schaffens. Ebenso essentiell sind in diesem Zusammenhang das monochrome Frühwerk der ewigen Schmachter Editors und die Grundstimmung vieler Songs der White Lies.

Algiers

Noch kontemporärer ist die Welle an Bands, die das verfluchte Erbe Joy Divisions in der vergangenen Dekade für sich entdeckt, zerlegt und neu zusammensetzt. Besonders sind hier Algiers aus Atlanta hervorzuheben, die die kaskadierende Schwere und die repetitive Aura der Verzweiflung mit Gospel, Southern Gothic und Schauerliteraur kreuzen. Joy Division im Geiste, projiziert auf eine neue, fesselnde Bühne.

Idles

Eine ganz andere Seite des Spektrums loten Idles aus. Ihre herausdestillierte Essenz von Joy Division stellt die Wucht, den aus dem Nichts aufsteigenden Zorn und insbesondere ihre frühe Punk-Sozialisierung in den Vordergrund. Insbesondere ihr gefeiertes Debüt Brutalism (2017) klingt so, als hätte Ian Curtis bei den Sex Pistols gesungen und mit ihnen bei Unknown-Pleasures-Produzent Martin Hannett ein Album aufgenommen.

Hip-Hop

Der ultimative Beweis für den kaum zu fassenden Einfluss dieser Band: Er hört nicht an den Rändern der Rockmusik auf. Kurioserweise werden Joy Division nämlich oft und gern im Hip-Hop-Game geehrt und als Einfluss angeführt. Größen wie Tyler, the Creator nennen die Gruppe als Einfluss, Danny Brown betitelt sein 2016er Album in Anlehnung an den gleichnamigen Song Atrocity Exhibition und das Cover von Vince Staples’ Summertime ’06 ist ein Tribut an Unknown Pleasures.

Was auf den ersten Blick zunächst verwunderlich klingt, ergibt tatsächlich Sinn: Ihre Aura, ihre die Rockmusik transzendierende Denke, ihre englische Nonchalance, die Texte von Verlust und Unsicherheit, von Kämpfen und Dämonen, und ihre Allergie gegen Konventionen ist gerade für progressive Rapper bis heute ein Fanal.

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