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Popkultur

Der Geist des Punk: Vertonter Nonkonformismus – von den Sex Pistols bis zu Anti-Flag

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In dem Mockumentary-Klassiker The Great Rock’n’Roll Swindle über die Sex Pistols macht deren damaliger Manager Malcolm McLaren ein wichtiges Statement: „Traue keinem Hippie – konzentrier dich stattdessen einfach aufs Tagesgeschehen“, so sein Kommentar gegenüber Helen Wellington-Lloyd, um gleich danach zuzugeben, dass das Silberne Thronjubiläum von Elisabeth II. einfach die ideale Vorlage für die Sex Pistols war, die perfekte Situation, die sie einfach „ohne Ende ausschlachten“ mussten.

von Tim Peacock

So lustig diese und andere Episoden des Films auch sein mögen, behauptet natürlich niemand, dass sich damals (im Jahr 1977) alles tatsächlich genau so abgespielt hat. Eine Sache jedoch hat der 2010 verstorbene McLaren damals ganz richtig festgestellt: Dass Vertreter des Punk noch nie vor einem offenen Schlagabtausch mit den Regierenden, mit den Meinungen des Mainstream zurückgeschreckt sind. Eine Anti-Establishment-Haltung war von Anfang Sache des Punk, gepaart mit einer unmissverständlichen Anti-Haltung gegen die vorherrschenden politischen Ansichten.

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Staatsfeinde

Von Anfang an ging es im Punk, dessen Vertreter ab Mitte der Siebziger auf beiden Seiten des Atlantiks aus dem Boden schossen, um politische Ansagen, um vertonten und gelebten Nonkonformismus, um eine laute, deutliche Absage an den Status quo. Kein Wunder, dass auch die britischen Behörden die Sex Pistols sofort auf dem Schirm hatten, wo Johnny Rotten & Co. doch vor laufenden Fernsehkameras mit Schimpfworten um sich geworfen hatten. Echte Staatsfeinde waren sie spätestens, nachdem die Polizei ihr berüchtigtes Bootskonzert im Sommer ’77 auf der Themse beendet hatte – immerhin feierte die Queen, wie bereits angedeutet, wenige Meter daneben gerade ihr Silbernes Thronjubiläum… ungeplanter Soundtrack dazu: God Save The Queen und Anarchy In The UK von den Sex Pistols! Perfekt „ausgeschlachtetes“ Timing, um es mit McLaren zu sagen!



Noch immer gelten diese beiden Songs als das ultimative Manifest der Punkbewegung, gewissermaßen als Fundament und Blaupause für alle relevanten Punksongs, die auf sie folgen sollten. Ähnlich legendär sind dabei Stücke wie London’s Burning oder Career Opportunities, die The Clash im selben Jahr auf ihrem gleichnamigen Debüt präsentierten – zusammen mit ihrer grandiosen Coverversion des Reggae-Songs Police & Thieves. Arbeitslosigkeit, soziale Unruhen, Polizeigewalt & Co. zählen seither zu den Kernthemen des Punk.

Dazu gab es schon früh Allianzen mit anderen gesellschaftlichen und politischen Bewegungen: The Clash, The Ruts, die Tom Robinson Band, Sham 69 und Stiff Little Fingers traten z.B. allesamt schon 1978 und 1979 für Rock Against Racism auf. Und während sich die Punkbewegung schließlich in verschiedene Lager ausdifferenzierte, blieb der Fokus aufs Politische auch danach zentral: The Slits, The Raincoats und Gang Of Four thematisierten u.a. die Konsumgesellschaft und Geschlechterfragen; Paul Weller von The Jam hingegen schrieb Songs wie Mr Clean, Down In The Tube Station At Midnight und Eton Rifles, die mit rechter Gewalt und dem britischen Klassensystem abrechnen.



Natürlich hatten jegliche Veränderungen in der politischen Landschaft der Achtziger direkte Auswirkungen auf die Weiterentwicklung des Punk: Dead Kennedys aus Kalifornien attackierten dabei nicht nur Politiker vor der eigenen Haustür (California Über Alles), sondern auch in Kambodscha – mit der Single Holiday In Cambodia. Danach knöpften sie sich auf Alben wie Plastic Surgery Disasters und Frankenchrist den US-Präsidenten Ronald Reagan vor, gegen den sie obendrein sogar eine Reihe von Rock Against Reagan-Konzerten organisierten.

How does it feel, Frau Thatcher?

Danach wurde der Sound härter, aggressiver, schneller – Hardcore war geboren. An der US-Westküste traten z.B. Black Flag auf den Plan, im Osten der USA wurde Washington DC zu einem neuen Epizentrum – mit Bands wie den Bad Brains und Minor Threat. Letztere brachten auch das Thema „straight edge“ ins Spiel: kein Alkohol, keine Drogen, Vegetarismus waren essentielle Grundpfeiler für sie und andere Straight-Edge-Hardcore-Acts. In Großbritannien waren Crass zwar eher dem Anarcho-Punk zuzuordnen, aber auch sie machten sich u.a. für Tierrechte stark, wie auch für Feminismus und Umweltschutz. Dazu erteilten sie der Arbeitsweise der Musikindustrie eine klare Absage.



Die Agenda von Crass und ihren Anarcho-Zeitgenossen wie Poison Girls und Conflict stand vor allem im krassen Gegensatz zur damaligen britischen Regierung: Margaret Thatcher & Co. waren ein rotes Tuch für sie, stand das konservative Lager doch für alles, was diese Bands verurteilten. Für ihren Pazifismus bekannte Punk-Combos wie Discharge und Charged GBH schraubten das Tempo derweil noch ein bisschen höher und setzten auf Gitarrensounds, die von Motörhead inspiriert waren – ein Sound, der als Streetpunk oder auch UK82 bekannt werden sollte.

Der kurze aber heftige Falklandkrieg, den England gegen Argentinien führen sollte, war eines der nächsten großen Themen, die von den Bands verurteilt wurden: Plötzlich meldete sich sogar ein New-Wave-Künstler wie Elvis Costello zu Wort (Shipbuilding, das auch Robert Wyatt einsingen sollte), und Crass brachten die Frage, die alle sich stellten, auf den Punkt: How Does It Feel (To Be The Mother Of A Thousand Dead)? Kollegen wie Paul Weller, Billy Bragg und Tom Robinson schlossen sich ab Mitte der Achtziger sogar zu einem richtigen Anti-Thatcher-Bündnis zusammen: Ihr Kollektiv Red Wedge wollte die Labour-Partei unterstützen und alles dafür tun, dass Thatcher 1987 nicht wiedergewählt wurde (wurde sie doch).

Obwohl US-Präsident Bush in den Staaten weniger Hass auf sich zog als sein Vorgänger Reagan, sollte die Protestwelle gegen den Golfkrieg im Januar 1991 auch das Weiße Haus erreichen – wo direkt vor der Tür von Mr. Bush aus diesem Grund ein großes Punkkonzert stattfand. Mit dabei: u.a. Fugazi, die zweite legendäre Band von Ian MacKaye (zuvor Minor Threat). Neben dem Irak-Krieg adressierten die Demonstranten und Bands u.a. auch das Problem der Obdachlosigkeit in den USA.

Von Green Day bis Pussy Riot

In den Neunzigern, die als Jahrzehnt des Alternative-Rock (Grunge & Co.) in die Geschichte eingehen sollten, traten in den USA dann Bands wie Green Day, Rancid und The Offspring auf den Plan – womit auch der alte Punkspirit plötzlich ein sehr angesagtes zeitgenössisches Update hatte. Besonders nach dem 11. September war es Präsident George W. Bush, der viele Bands richtig, richtig wütend machte und sie so zu immer neuen Protestsongs inspirierte.



Anknüpfend an die bereits erwähnten Anti-Reagan-Konzerte der Dead Kennedys, veranstalteten NOFX z.B. einige Rock Against Bush-Shows, zu denen auch Compilation-Alben erschienen. Wie viele Menschen sich mit ihren Haltungen identifizieren konnten, bewiesen wiederum Green Day: Ihr American Idiot-Album aus dem Jahr 2004, das wie eine Punkrock-Oper angelegt ist und gleichermaßen gegen Bush und die Medien austeilt, verkaufte sich allein sechs Millionen Mal in den USA. Einen Grammy gab’s obendrein.

Seit dem Beginn des digitalen Zeitalters ist es deutlich einfacher geworden für Bands (und andere Aktivisten), auf Do-It-Yourself-Methoden zu setzen und im Alleingang politische Grassroots-Bewegungen loszutreten. So wurden die drei Russinnen von Pussy Riot z.B. sehr schnell international berühmt, nachdem sie für ihr spontanes „Punk-Gebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau sogar ins Gefängnis mussten. In Island stellte sich derweil Ex-Punk Jón Gnarr nach dem Börsencrash zur Wahl auf und wurde tatsächlich mit seiner „besten Partei“ Bürgermeister von Reykjavík: Ab sofort hatten vier Jahre lang in seinem Kabinett etliche Künstler und Ex-Punks das Sagen, und es wurden Dinge auf den Weg gebracht, die wahrscheinlich sogar Vorreiter wie die Band Crass abgesegnet hätten.



Auch in Zeiten von Fake News gibt es unmissverständliche Songs aus den Staaten zu hören: Anti-Flag aus Pittsburgh und die Rap/Punk-Supergroup Prophets Of Rage machen ihren Namen alle Ehre und nehmen kein Blatt vor den Mund.

Natürlich klingen diese neuesten Inkarnationen ganz anders als der Punk von 1977. Natürlich ist die Szenerie heute eine ganz andere. Doch die Stoßrichtung, der Geist und die Energie sind immer noch dieselben – was Punk nicht nur zu einem wichtigen Ventil macht, sondern auch zu einem notwendigen Sprachrohr und einer Gegenkraft, die tatsächlich Veränderungen auslösen kann.


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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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Wie fast Guns N‘Roses statt Queen in „Wayne‘s World“ gelandet wären

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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