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Popkultur

Der Geist des Punk: Vertonter Nonkonformismus – von den Sex Pistols bis zu Anti-Flag

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In dem Mockumentary-Klassiker The Great Rock’n’Roll Swindle über die Sex Pistols macht deren damaliger Manager Malcolm McLaren ein wichtiges Statement: „Traue keinem Hippie – konzentrier dich stattdessen einfach aufs Tagesgeschehen“, so sein Kommentar gegenüber Helen Wellington-Lloyd, um gleich danach zuzugeben, dass das Silberne Thronjubiläum von Elisabeth II. einfach die ideale Vorlage für die Sex Pistols war, die perfekte Situation, die sie einfach „ohne Ende ausschlachten“ mussten.

von Tim Peacock

So lustig diese und andere Episoden des Films auch sein mögen, behauptet natürlich niemand, dass sich damals (im Jahr 1977) alles tatsächlich genau so abgespielt hat. Eine Sache jedoch hat der 2010 verstorbene McLaren damals ganz richtig festgestellt: Dass Vertreter des Punk noch nie vor einem offenen Schlagabtausch mit den Regierenden, mit den Meinungen des Mainstream zurückgeschreckt sind. Eine Anti-Establishment-Haltung war von Anfang Sache des Punk, gepaart mit einer unmissverständlichen Anti-Haltung gegen die vorherrschenden politischen Ansichten.

Staatsfeinde

Von Anfang an ging es im Punk, dessen Vertreter ab Mitte der Siebziger auf beiden Seiten des Atlantiks aus dem Boden schossen, um politische Ansagen, um vertonten und gelebten Nonkonformismus, um eine laute, deutliche Absage an den Status quo. Kein Wunder, dass auch die britischen Behörden die Sex Pistols sofort auf dem Schirm hatten, wo Johnny Rotten & Co. doch vor laufenden Fernsehkameras mit Schimpfworten um sich geworfen hatten. Echte Staatsfeinde waren sie spätestens, nachdem die Polizei ihr berüchtigtes Bootskonzert im Sommer ’77 auf der Themse beendet hatte – immerhin feierte die Queen, wie bereits angedeutet, wenige Meter daneben gerade ihr Silbernes Thronjubiläum… ungeplanter Soundtrack dazu: God Save The Queen und Anarchy In The UK von den Sex Pistols! Perfekt „ausgeschlachtetes“ Timing, um es mit McLaren zu sagen!



Noch immer gelten diese beiden Songs als das ultimative Manifest der Punkbewegung, gewissermaßen als Fundament und Blaupause für alle relevanten Punksongs, die auf sie folgen sollten. Ähnlich legendär sind dabei Stücke wie London’s Burning oder Career Opportunities, die The Clash im selben Jahr auf ihrem gleichnamigen Debüt präsentierten – zusammen mit ihrer grandiosen Coverversion des Reggae-Songs Police & Thieves. Arbeitslosigkeit, soziale Unruhen, Polizeigewalt & Co. zählen seither zu den Kernthemen des Punk.

Dazu gab es schon früh Allianzen mit anderen gesellschaftlichen und politischen Bewegungen: The Clash, The Ruts, die Tom Robinson Band, Sham 69 und Stiff Little Fingers traten z.B. allesamt schon 1978 und 1979 für Rock Against Racism auf. Und während sich die Punkbewegung schließlich in verschiedene Lager ausdifferenzierte, blieb der Fokus aufs Politische auch danach zentral: The Slits, The Raincoats und Gang Of Four thematisierten u.a. die Konsumgesellschaft und Geschlechterfragen; Paul Weller von The Jam hingegen schrieb Songs wie Mr Clean, Down In The Tube Station At Midnight und Eton Rifles, die mit rechter Gewalt und dem britischen Klassensystem abrechnen.



Natürlich hatten jegliche Veränderungen in der politischen Landschaft der Achtziger direkte Auswirkungen auf die Weiterentwicklung des Punk: Dead Kennedys aus Kalifornien attackierten dabei nicht nur Politiker vor der eigenen Haustür (California Über Alles), sondern auch in Kambodscha – mit der Single Holiday In Cambodia. Danach knöpften sie sich auf Alben wie Plastic Surgery Disasters und Frankenchrist den US-Präsidenten Ronald Reagan vor, gegen den sie obendrein sogar eine Reihe von Rock Against Reagan-Konzerten organisierten.

How does it feel, Frau Thatcher?

Danach wurde der Sound härter, aggressiver, schneller – Hardcore war geboren. An der US-Westküste traten z.B. Black Flag auf den Plan, im Osten der USA wurde Washington DC zu einem neuen Epizentrum – mit Bands wie den Bad Brains und Minor Threat. Letztere brachten auch das Thema „straight edge“ ins Spiel: kein Alkohol, keine Drogen, Vegetarismus waren essentielle Grundpfeiler für sie und andere Straight-Edge-Hardcore-Acts. In Großbritannien waren Crass zwar eher dem Anarcho-Punk zuzuordnen, aber auch sie machten sich u.a. für Tierrechte stark, wie auch für Feminismus und Umweltschutz. Dazu erteilten sie der Arbeitsweise der Musikindustrie eine klare Absage.



Die Agenda von Crass und ihren Anarcho-Zeitgenossen wie Poison Girls und Conflict stand vor allem im krassen Gegensatz zur damaligen britischen Regierung: Margaret Thatcher & Co. waren ein rotes Tuch für sie, stand das konservative Lager doch für alles, was diese Bands verurteilten. Für ihren Pazifismus bekannte Punk-Combos wie Discharge und Charged GBH schraubten das Tempo derweil noch ein bisschen höher und setzten auf Gitarrensounds, die von Motörhead inspiriert waren – ein Sound, der als Streetpunk oder auch UK82 bekannt werden sollte.

Der kurze aber heftige Falklandkrieg, den England gegen Argentinien führen sollte, war eines der nächsten großen Themen, die von den Bands verurteilt wurden: Plötzlich meldete sich sogar ein New-Wave-Künstler wie Elvis Costello zu Wort (Shipbuilding, das auch Robert Wyatt einsingen sollte), und Crass brachten die Frage, die alle sich stellten, auf den Punkt: How Does It Feel (To Be The Mother Of A Thousand Dead)? Kollegen wie Paul Weller, Billy Bragg und Tom Robinson schlossen sich ab Mitte der Achtziger sogar zu einem richtigen Anti-Thatcher-Bündnis zusammen: Ihr Kollektiv Red Wedge wollte die Labour-Partei unterstützen und alles dafür tun, dass Thatcher 1987 nicht wiedergewählt wurde (wurde sie doch).

Obwohl US-Präsident Bush in den Staaten weniger Hass auf sich zog als sein Vorgänger Reagan, sollte die Protestwelle gegen den Golfkrieg im Januar 1991 auch das Weiße Haus erreichen – wo direkt vor der Tür von Mr. Bush aus diesem Grund ein großes Punkkonzert stattfand. Mit dabei: u.a. Fugazi, die zweite legendäre Band von Ian MacKaye (zuvor Minor Threat). Neben dem Irak-Krieg adressierten die Demonstranten und Bands u.a. auch das Problem der Obdachlosigkeit in den USA.

Von Green Day bis Pussy Riot

In den Neunzigern, die als Jahrzehnt des Alternative-Rock (Grunge & Co.) in die Geschichte eingehen sollten, traten in den USA dann Bands wie Green Day, Rancid und The Offspring auf den Plan – womit auch der alte Punkspirit plötzlich ein sehr angesagtes zeitgenössisches Update hatte. Besonders nach dem 11. September war es Präsident George W. Bush, der viele Bands richtig, richtig wütend machte und sie so zu immer neuen Protestsongs inspirierte.



Anknüpfend an die bereits erwähnten Anti-Reagan-Konzerte der Dead Kennedys, veranstalteten NOFX z.B. einige Rock Against Bush-Shows, zu denen auch Compilation-Alben erschienen. Wie viele Menschen sich mit ihren Haltungen identifizieren konnten, bewiesen wiederum Green Day: Ihr American Idiot-Album aus dem Jahr 2004, das wie eine Punkrock-Oper angelegt ist und gleichermaßen gegen Bush und die Medien austeilt, verkaufte sich allein sechs Millionen Mal in den USA. Einen Grammy gab’s obendrein.

Seit dem Beginn des digitalen Zeitalters ist es deutlich einfacher geworden für Bands (und andere Aktivisten), auf Do-It-Yourself-Methoden zu setzen und im Alleingang politische Grassroots-Bewegungen loszutreten. So wurden die drei Russinnen von Pussy Riot z.B. sehr schnell international berühmt, nachdem sie für ihr spontanes „Punk-Gebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau sogar ins Gefängnis mussten. In Island stellte sich derweil Ex-Punk Jón Gnarr nach dem Börsencrash zur Wahl auf und wurde tatsächlich mit seiner „besten Partei“ Bürgermeister von Reykjavík: Ab sofort hatten vier Jahre lang in seinem Kabinett etliche Künstler und Ex-Punks das Sagen, und es wurden Dinge auf den Weg gebracht, die wahrscheinlich sogar Vorreiter wie die Band Crass abgesegnet hätten.



Auch in Zeiten von Fake News gibt es unmissverständliche Songs aus den Staaten zu hören: Anti-Flag aus Pittsburgh und die Rap/Punk-Supergroup Prophets Of Rage machen ihren Namen alle Ehre und nehmen kein Blatt vor den Mund.

Natürlich klingen diese neuesten Inkarnationen ganz anders als der Punk von 1977. Natürlich ist die Szenerie heute eine ganz andere. Doch die Stoßrichtung, der Geist und die Energie sind immer noch dieselben – was Punk nicht nur zu einem wichtigen Ventil macht, sondern auch zu einem notwendigen Sprachrohr und einer Gegenkraft, die tatsächlich Veränderungen auslösen kann.


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Popkultur

35 Jahre „Lita“: Wie Lita Ford dem Hard-Rock-Männerclub den Kampf ansagte

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Lita Ford
Foto: Al Pereira/Getty Images

1988 hat Lita Ford schon eine Weltkarriere mit den Runaways hinter sich. Ihr drittes Soloalbum wird dennoch zu ihrer Sternstunde – eine mustergültige Hard-Rock-Bibel, auf der auch Ozzy Osbourne nicht fehlen darf.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Lita anhören:

In der zweiten Hälfte der Achtziger ist die Rockmusik von zahlreichen weiblichen Stimmen geprägt. Roxette, Bonnie Tyler, Doro, Suzi Quatro oder Vixen feiern große Erfolge im Bandkollektiv oder im Alleingang. Ganz oben mischt auch Lita Ford mit. Die hat schon eine ganze Karriere hinter sich, als sie sich Anfang der Achtziger als Solitärin der Musikwelt stellt: 1975 wird sie in Los Angeles vom flamboyanten und undurchsichtigen Manager Kim Fowley für die neu gegründeten The Runaways entdeckt. Damals ist Lita Ford 16 Jahre alt.

Punk oder Hard Rock?

Die gebürtige Engländerin macht ihrem Namen alle Ehre, schmeißt alles hin und schließt sich der Damenband an, in der auch eine gewisse Joan Jett an der Gitarre steht. Musik spielt in ihrem Leben da schon lang eine Rolle: Mit elf fängt sie mit der Gitarre an, inspiriert von ihrem großen Helden Ritchie Blackmore, entdeckt auch ihre kräftige Stimme. Von Long Beach ist es nur ein Katzensprung auf den verruchten Sunset Strip, wo es dann nicht lange dauert, bis sie dem bestens vernetzten Fowley in die Arme läuft.

The Runaways werden zur Erfolgsgeschichte. Schon ihr Debüt The Runaways wird 1976 zum Hit, die Band tourt mit Van Halen, Cheap Trick oder Tom Petty And The Heartbreakers. Sie rutschen in die entstehende Punk-Bewegung, hängen im legendären New Yorker Club CBGB ab, feiern diesseits und jenseits des Atlantiks mit den Ramones oder den Sex Pistols. Nach einigen Welttourneen und dem großen Einmaleins der Rock’n’Roll-Exzesse geht es dann auch für die Runaways zu Ende. Erst feuern sie Manager Fowley, dann kriegen sie sich auch untereinander in die Haare. Joan Jett möchte mehr in Richtung Punk gehen, Lita Ford weiterhin Hard Rock spielen. Nach einem letzten gemeinsamen Auftritt am Silvesterabend 1978 bei San Francisco ist im April 1979 endgültig Schluss.

„Du musst hart sein, um in dieser Musik zu bestehen“

Für Lita Ford geht es da aber eben gerade erst los: Ihre ersten Gehversuche als Solokünstlerin verlaufen zunächst sehr unbefriedigend: Ihr früheres Runaways-Label Mercury Records bringt 1983 ihr Debüt Out For Blood raus, das Album bleibt aber weitgehend unbemerkt und floppt. Das lupenreine Heavy-Metal-Artwork mit Spinnweben, einer blutigen Gitarre und Ford in einem knappen Lederbody zeigt aber klar ihre musikalischen Ambitionen. „Rock’n’Roll ist eine harte Musik und du musst hart sein, um in dieser Musik zu bestehen“, sagte sie mal. „Leider sind nicht allzu viele Frauen hart, deswegen gibt es nicht so viele von uns.“ Ford gibt also nicht auf, beißt sich durch, landet mit dem Nachfolger Dancin’ In The Edge einen Achtungserfolg, der ihr zudem eine Grammy-Nominierung für ihre Gesangsleistung einbringt. Für eine Musikerin, die bislang überwiegend als Gitarristin aufgefallen ist, kann sich das durchaus sehen lassen. Oder auch: Die musikalische Früherziehung macht sich so langsam richtig bezahlt.

Ihren größen Coup landet Lita Ford vor 35 Jahren: Die selbstbetitelte dritte Platte Lita wird zum Vulkan, zum Platin-Erfolg, der sie für immer in den Annalen der Rockmusik verewigt. Nach den beiden Vorgängern gelingt Ford hier eine archetypische Rockplatte der Achtziger, wie viele ähnliche Releases der damaligen Zeit sorgsam austariert zwischen Hard Rock, Glam und Heavy Metal. Knackige, kernige Uptempo-Brecher, monumentale Balladen, flotte Pop-Rock-Hymnen, getragen von ihrer starken Stimme. Lita ist archetypisch Achtziger: Die Drums von Myron Grombacher klingen als wären sie in einer Kathedrale aufgenommen, die Keyboards laufen heiß, die Gitarren sägen, die Stimmung ist durch und durch hochdramatisch.

Duett mit Ozzy Osbourne

Lita ist aber auch aus anderen Gründen ein besonderes Album: Es markiert das erste Ergebnis der neuen Zusammenarbeit zwischen Ford und ihrer neuen Managerin Sharon Osbourne. Die bringt Ford gleich mit ihrem Ehemann Ozzy zusammen. Daraus entsteht der große letzte Akt Close My Eyes Together, eine große, epische Ballade mit amüsanter Background-Story: Ford und Osbourne müssen sich vom Fleck weg so gut verstanden haben, dass sie sich gleich mal gemeinsam im Studio die Birne vollsaufen und die Lyrics zu einem von Ozzy begonnenen Song gemeinsam schreiben. Der Song entsteht ungeplant – und wird doch zum größten Solo-Erfolg für sowohl Lita Ford als auch Ozzy Osbourne.

Schon abgefahren, wie es manchmal laufen kann. „Ich flog mal aus L.A. nach England nach Hause, als mich Sharon anrief und mich nach diesem halbfertigen Song fragte“, so Ozzy mal in einem Interview. „Ich konnte mich schon gar nicht mehr daran erinnern, aber offensichtlich wollte Lita mit mir an ihm arbeiten. Also flog ich zurück, wir tranken und schrieben das Ding und ich sagte ihr: Weißt du was? Du kannst ihn haben.“ Good guy Ozzy!

Ozzy Osbourne ist übrigens nicht der einzige Prominente, der sich auf Lita einfindet: Für Falling In And Out Of Love tut sich Ford mit Nikki Sixx von Mötley Crüe zusammen. Und Can’t Catch Me wird unter anderem von Lemmy Kilmister geschrieben. Wenn Lita Ford ruft, kommen sie damals eben alle. Und auch wenn sie seit 2012 kein Album mehr veröffentlicht hat: Lita Ford hat den Rock’n’Roll noch immer nicht aufgegeben.

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Zeitsprung: Am 5.8.1975 werden The Runaways gegründet, die erste große weibliche Rockband.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 2.2.1969 lässt sich Yoko Ono von Gatte Nr. 2 scheiden & verliert ihre Tochter.

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Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.2.1969.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Als sich Yoko Ono am 2. Februar 1969 von ihrem zweiten Ehemann Tony Cox scheiden lässt, steht Töchterchen Kyoko zwischen den Stühlen. Der folgende Sorgerechtsstreit sorgt dafür, dass Cox samt Kind schließlich untertaucht. Da die Scheidung den Stein ins Rollen bringt, nutzen wir ihr Datum für den heutigen Zeitsprung. Religiöser Fanatismus kommt auch vor.

Hört euch hier Sometime In New York City von John Lennon und Yoko Ono an, das kurz nach der Entführung entstand: 

Obwohl Yoko Onos Privatleben gefühlt der Weltöffentlichkeit gehört, dürften sich viele fragen: zweiter Gatte? Tochter? Die größte Aufmerksamkeit gilt stets der Beziehung und Ehe mit John Lennon, vielleicht noch Sohn Sean. Dass die Japanerin mit dem Beatle jedoch bereits das dritte Mal Hochzeit feierte, fällt häufig unter den Tisch. Angetrauter Nummer zwei: Anthony „Tony“ Cox, ein Filmproduzent und Kunstförderer.

Ungewöhnliche Verhältnisse

Der Amerikaner tritt 1961 in Onos Leben, nachdem er eines ihrer Werke sieht. Begeistert macht er sie in Tokio ausfindig. Man verliebt sich, die Ehelichung erfolgt ein gutes Jahr später. Oder tut es beinahe, denn die zierliche Künstlerin hatte wohl übersehen, die Scheidung von ihrem ersten Mann zu vollziehen. Macht ja nichts, nach einer Annullierung versucht man es einfach erneut, da ist dann auch schon Nachwuchs auf dem Weg. Kyoko Chan Cox kommt am 8. August 1963 zur Welt.

Auch beruflich macht man gemeinsame Sache, sodass beide trotz auftretender Eheprobleme an der Beziehung festhalten. Cox zeigt sich dabei verantwortlich für die Tochter und die Öffentlichkeitsarbeit des Künstlerpaares. Ono inspirieren die immer häufiger auftretenden Turbulenzen zu Konzeptkunst wie Half-A-Room und dem berühmten Ceiling Painting/Yes Painting.

Wer entführt wen?

Da kommt dann auch schon John Lennon ins Spiel, und die Ehe erhält den finalen Knacks. Die Scheidung von Ono und Cox erfolgt am 2. Februar 1969, aber 1971 nehmen die Dinge einen gleichermaßen unglaublichen und tragischen Verlauf: Mitten im Sorgerechtsstreit tauchen John und Yoko auf Mallorca auf und „entführen“ das dort lebende Kind, zumindest ein paar Stunden lang. Erst erhält Ono das Sorgerecht, dann kontert Cox mit deren Drogenkonsum; Kyoko soll laut Gericht doch bei ihm leben. Als seine Ex-Frau zumindest das Besuchsrecht durchsetzen möchte, sieht Cox rot.

Gemeinsam mit der Tochter und seiner neuen Frau taucht er in Kalifornien unter, verpasst Kyoko eine neue Identität und hält es scheinbar für eine gute Idee, sich einer Sekte namens The Walk oder Church Of The Living Word anzuschließen. Deren religiöser Fanatismus geht so weit, dass sie  unter anderem für die Ermordung diverser US-Präsidenten beten . Ab März 1972  verfrachten sie die Familie  in die ländliche Isolation. Ono und Lennon lassen derweil verzweifelt nach Kyoko suchen. Ohne Erfolg.

Ohne jede Spur

Nach einigen Jahren schnappt sich Cox seine Tochter und kehrt der Glaubensgemeinschaft den Rücken; Kontakt zu den Lennons sucht er keinen. Nach Johns Ermordung 1980 schicken er und Kyoko immerhin eine Beileidsbekundung an die Witwe. Erst 1986 gibt es wieder ein Lebenszeichen von Cox, dann gleich in Form einer Dokumentation: In Vain Glory erzählt er von seinen Erfahrungen im Schoße der Sekte. Ono sieht ihre Chance und verfasst einen öffentlichen Brief:

„Liebe Kyoko,

all diese Jahre gab es nicht einen Tag, an dem ich dich nicht vermisst habe. Du bist auf ewig in meinem Herzen. Ich werde jedoch keinen Versuch unternehmen, dich zu kontaktieren, da ich deine Privatsphäre respektiere. Ich wünsche dir nur das Beste. Falls du je mit mir in Kontakt treten möchtest, sei versichert, dass ich dich innig liebe und froh wäre, von dir zu hören. Du solltest dich jedoch nicht schuldig fühlen, wenn du dich entscheidest, es nicht zu tun. Du hast für immer meinen Respekt, meine Liebe und meine Unterstützung.

In Liebe, Mama“

Zunächst kommt nichts; erst in den Neunzigern meldet sich Kyoko bei ihrer Mutter. Seitdem pflegen die beiden regelmäßig Kontakt. So ganz scheinen sie die getrennte Zeit zwar bis heute nicht überwinden zu können, aber welche Familie ist schon perfekt?

Zeitsprung: Am 20.3.1969 heiraten John Lennon & Yoko Ono. Ein Song entsteht auch.

 

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Popkultur

Ein Schal für Freddie Mercury: Lisa Marie Presley wäre 55 Jahre alt geworden

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Lisa Marie Presley
Foto: Christopher Polk/Getty Images for Wonderwall

Am 1. Februar 2023 hätte Lisa Marie Presley ihren 55. Geburtstag gefeiert. Der Schock, dass sie das niemals tun wird, sitzt immer noch tief: Die Tochter von Elvis und Priscilla Presley starb am 25. Januar 2023 völlig überraschend.

 von Markus Brandstetter

Ein Leben im Scheinwerferlicht, das war für die einzige Tochter des King of Rock’n’Roll vorprogrammiert. Genau neun Monate nach der Hochzeit von Elvis und Priscilla wurde Lisa Marie Presley in Memphis im US-amerikanischen Bundesstaat Tennessee geboren. Sie war sechs Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden ließen. Sie zog mit ihrer Mutter nach Los Angeles, besuchte Elvis aber oft in Graceland.

Gute Beziehung zu Elvis

„Er war sehr beschützend, sehr fürsorglich und sehr wachsam. Ich wusste, dass ich geliebt wurde, daran bestand kein Zweifel“, erzählte sie einmal in einem Interview über ihren Vater. Lisa Marie war neun Jahre alt, als ihr Vater starb. Gemeinsam mit ihrer Großmutter Minnie Mae und ihrem Großvater Vernon Presley wurde sie zur Erbin des Elvis-Nachlasses erkoren; als die beiden 1979 und 1980 starben, wurde sie zur Alleinerbin. Als sie 25 Jahre alt war, bekam sie das Elvis Estate, damals 100 Millionen Dollar wert. Gut gewirtschaftet wurde mit dem Geld aber wohl nicht: 2018 erklärte sie vor Gericht, dass sie nur noch 14.000 Dollar habe und dies ihrem ehemaligen Businessmanager Barry Siegel zu verdanken sei.

Lisa Marie Presley zog es selbst zur Musik hin — ihr erstes Konzerterlebnis hatte sie ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters. Da sah sie die britischen Rocklegenden Queen — und schenkte Freddie Mercury nach dem Konzert ein Accessoire ihres Vaters. „Ich erinnere mich, dass ich Freddie Mercury einen Schal meines Vaters mitbrachte und ihn ihm nach der Show schenkte. Ich liebte es. Ich liebte die Theatralik. Ich liebte Freddie. Ich fand Queen großartig“, erzählte sie einmal. Das erste Mal selbst in Erscheinung trat sie erst 1997 — mit einem virtuellen Duett mit ihrem Vater. Elvis hatte vor seinem Tod einige Aufnahmen und Gesangsspuren hinterlassen — aus einem wurde das Duett Don’t Cry Daddy.

„Ihre eigene Rock-Queen“: Presleys erstes Soloalbum

2003 veröffentlichte Lisa Marie Presley ihr erstes Soloalbum — und alle Augen waren natürlich auf sie gerichtet. Auf To Whom It May Concern arbeitete sie mit bekannten Songwritern und Produzenten (unter anderem Glen Ballard) zusammen. Die Lyrics stammen alle von ihr (mit Ausnahme des Stücks The Road Between, das sie gemeinsam mit Gus Black verfasste), bei der Musik war sie an allen Songs als Co-Autorin beteiligt. „Presleys überraschend kraftvolle Stimme schwingt von einem tiefen Ton bis zu einem bluesgetränkten Heulen und übertrumpft die glänzende Produktion von Eric Rosse und Andrew Slater“, schrieb der US-amerikanische Rolling Stone damals. Die Kritiken waren wohlwollend: „Nichtsdestotrotz zeigt To Whom It May Concern eine Menge Herzenswärme. Wenn sie das hier gezeigte Potenzial ausschöpft, hat die Tochter des King of Rock die Chance, ihre eigene Rock-Queen zu werden.“ Noch überzeugter zeigte sich der Kritiker Robert Hilburn, der die Kompromisslosigkeit des Albums lobte und attestierte: „Presleys mutige, bluesige Stimme hat ein unverwechselbares Flair.“ Das Album schaffte es auf Nummer 5 der US-amerikanischen Billboard Charts und wurde mit Gold ausgezeichnet.

2005 legte Presley mit dem Album Now What nach — mit eher durchwachsenen Kritiken. Wie auch der Vorgänger war die Platte eher im Pop-Rock angesiedelt. Ihr wohl bestes Werk war ihr letztes: Auf Storm & Grace widmete sich Presley Country, Folk und Blues (das alles immer noch mit jeder Menge Pop-Appeal), arbeitete dafür mit dem renommierten Musiker und Produzenten T Bone Burnett zusammen.

Nicht wegen Musik im Scheinwerferlicht

Allerdings war Lisa Marie Presley mehr wegen ihres Privatlebens als ihres musikalischen Schaffens im Rampenlicht. Klar, wenn die Tochter des King of Rock’n’Roll den King of Pop — wir sprechen hier natürlich von Michael Jackson — heiratet, ist das schon spektakulär. Die Ehe — es war nicht ihre erste – hielt zwei Jahre. Insgesamt war Presley viermal verheiratet, mit Danny Keough (sie hatte ihn bei Scientology kennengelernt) hatte sie zwei Kinder. Sechs Jahre nach der Ehe mit Jackson heiratete sie den Hollywood-Schauspieler Nicholas Cage, die Ehe ging nach drei Monaten in die Brüche. Von 2006 bis 2008 war sie mit dem Musiker Michael Lockwood verheiratet, mit dem sie 2021 Zwillingstöchter bekam. Den größten Schicksalsschlag ihres Lebens erlitt Lisa Marie Presley im Juli 2020, als ihr Sohn Benjamin Keough sich das Leben nahm.

Kurz vor ihrem Tod zeigte sich Lisa Marie Presley noch gemeinsam mit Mutter Priscilla auf dem roten Teppich der Premiere des Elvis-Biopics. Kurz danach kam die Meldung, sie habe einen Herzstillstand erlitten und befinde sich im Krankenhaus. Wenig später kam die traurige Gewissheit, dass Lisa Marie Presley im Alter von nur 54 Jahren verstorben war. Über ihren Gesundheitszustand, ihre letzten Monate und zuletzt auch ihr Testament wird immer noch viel spekuliert und berichtet, dies soll an dieser Stelle ausgespart werden. Über ihre eigenen Kämpfe berichtete sie im Laufe der Jahre selbst immer wieder — erzählte von Süchten, zerbrochenen Ehen und ihrer Einsamkeit als Teenager.

Lisa Marie Presley wurde in Graceland beigesetzt — neben ihrem Vater Elvis und ihrem Sohn Benjamin.

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Axl Rose: „November Rain“-Soloauftritt bei Lisa Marie Presleys Trauerfeier

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