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Popkultur

Die musikalische DNA von Brian Fallon

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Anfang 2018 ging ein Raunen durch die Rock-Welt. The Gaslight Anthem kündigten ihr Comeback in Form einer Tour an, während derer sie ihr Überalbum The 59‘ Sound zur Gänze aufführen würden. Hieß das etwa, dass…? Nein, ließ Mastermind Brian Fallon die Fanbase wissen – von neuer Musik sei erst mal keine Rede. „Ich denke, dass Green Days American Idiot die beste Comeback- beziehungsweise Karrierenmitte-Platte ist, die eine Band je aufgenommen hat“, sagte er. „Würde ich also auf Material von der Güteklasse American Idiot sitzen, dann würde ich die anderen anstupsen und sagen ‚Hey Leute, vielleicht sollten wir das veröffentlichen.‘ Tue ich aber nicht. Ich habe gerade kein zweites Born To Run in mir.“


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von Brian Fallon an:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Ein Statement, wie es nicht nur vorbildlich, sondern auch stellvertretend für Fallons Blick auf die Welt ist. Nie ging es seiner Band oder ihm um den Ausverkauf, immer nur um die Musik – seit immer schon. Seine Mutter, die in den späten sechziger Jahren als Folk-Künstlerin aktiv war, brachte ihm die Begeisterung für die Musik und nicht zuletzt ein paar Songwriting-Kniffe mit, seit seinem 18. Lebensjahr teilt der 1980 geborene US-Amerikaner seine Lebenszeit zwischen Bühne und Studio auf. Am bekanntesten ist er für seine Arbeit mit The Gaslight Anthem, doch hat Fallon immer auch mehr in petto: Zuvor gab es This Charming Man, später gründete er The Horrible Crowes, Molly and the Zombies und nahm einige Solo-Alben auf.

Wenn von Gaslight Anthem im Allgemeinen und Fallon im Speziellen die Rede ist, fällt gerne mal ein Name: Bruce Springsteen. Doch der Boss ist nicht der einzige Musiker, dessen Output Fallon über die Jahre hinweg beeinflusste. Mit einem Blick auf seine musikalische DNA sehen – und hören! – wir schnell, dass sie ihn nicht nur in kreativer Hinsicht, sondern auch in Sachen Haltung geprägt haben.


1. Bruce Springsteen – The Promise

Aber natürlich: Alles fängt beim Boss an. Zwar wurden die Quervergleiche zwischen Fallons Musik und Springsteen gerne mal überbetont, doch sind sie genauso wenig von der Hand zu weisen. Nach der Veröffentlichung von American Slang sagte Fallon in einem Interview: „Es gibt so viel mehr, das in unserem Sound drinsteckt. Zu viel, um für immer auf diesen einen Typen reduziert zu werden.“ Schwingt da ein bisschen Bitterkeit mit? Nicht unbedingt. „Zugleich ist es schön, wenn der Vergleich kommt. Ich schätze mal, wir müssen diese Last tragen, bis sie sich abgenutzt hat.“ Hat sie bisher wohl noch nicht.

Auch wenn Fallon hin und wieder bei Konzerten sein Publikum daran erinnern muss, dass sein Name Brian und nicht Bruce lautet – mit dem Boss selbst teilt er sich gern eine Bühne. Dass er schon mehrfach mit dem großen Heartland Rocker dessen Song No Surrender live aufführen dürfte, sollte da ein Trostpflaster darstellen. Auch The Promise in der intimen Piano-Version, wie sie auf der Outtake-Compilation 18 Tracks zu hören ist, hat eine ganz besondere Bedeutung für Fallon. Als er mit The Gaslight Anthem seinen Durchbruch feierte, brachte der Boss das Gefühl der Desillusioniertheit angesichts der Musikindustrie und der Erschöpfung nach jeder absolvierten Tour perfekt auf den Punkt. „Der Song gab mir das Gefühl, nicht allein zu sein“, so Fallon. „Als würde mich jemand verstehen.“ Und ist das nicht das Schönste, was über Musik gesagt werden kann?


2. Tom Petty – I Won’t Back Down

Springsteen gehört zusammen mit Bob Seger, John Mellencamp und Tom Petty zu einem der prominentesten Vertreter dessen, was gemeinhin als Heartland Rock bezeichnet wird. Einfache, aber smarte Rock-Musik mit Texten, die direkt aus dem Leben gegriffen sind und nicht selten die herrschenden Verhältnisse kritisch aufgreifen. Kein Wunder also, dass Fallon sich immer wieder auch auf die anderen Vertreter dieser Strömung – wenn denn von einer solchen die Rede sein kann – bezogen hat. Insbesondere Tom Petty hat es ihm angetan.

Die Songs American Girl, Refugee und You Got Lucky von Petty und seiner Band, den Heartbreakers, haben The Gaslight Anthem entweder live oder im Studio mit ihrer eigenen Interpretation versehen und in nicht wenigen Songs finden sich Anspielungen auf ihn und seine Lieder. „Er ist der Beste“, schwärmte er in einem Interview auf die Frage hin, mit wem er gerne mal zusammen spielen würde. Möglich ist das nicht mehr, Petty starb im Oktober 2017. Es bleiben aber die zahlreichen Hommagen. Auch bei den Crowes gehören Song wie I Won’t Back Down fest ins Live-Repertoire.


3. Bob Dylan – Just Like A Woman

Wenn wir schon von Bruce Springsteen und Tom Petty sprechen, dürfen wir von Bob Dylan nicht schweigen. Der Träger des Literaturnobelpreises gilt in der Rock-Welt und darüber hinaus nicht ohne Grund als einer der genialsten Songwriter und Texter seiner Generation. Nur logisch, dass Fallon ihn ebenfalls zu seinen Inspirationsquellen zählt. Sein Nebenprojekt Molly and the Zombies benannte sich zwar nach einem Song des 13th Floor Elevators-Mitbegründers Roky Erickson, die Musik der Supergroup – Brian McGee, Catherine Popper und Randy Schrager sind ebenfalls dabei – ist aber dezidiert an Dylans Highway 61 Revisited angelehnt.

Fallons Begeisterung für das musikalische Schaffen von Robert Allen Zimmerman keimte schon in Kindheitstagen auf. „Das war wohl während der späten achtziger und frühen neunziger Jahre“, erinnerte er sich. „Ich hörte viel Guns N‘ Roses und Nirvana, konnte aber nicht so spielen.“ Anders aber, als er zum ersten Mal Just Like A Woman hörte. „Das war schon eine Erleuchtung damals: Da war nur dieser Typ mit einer Gitarre und ein paar Lyrics, der nicht mal eine gute Stimme hatte. Das traf mich und ich sagte mir: ‚Ich kann das auch!‘“ Dass der Text des Stücks nicht unbedingt mehr zeitgemäß ist, gibt er aber unumwunden zu. Fallon hat sich schließlich mit seinen kruden Aussagen zur Evolutionstheorie genug in die Nesseln gesetzt, um anderswo nicht die notwendige Vorsicht walten zu lassen…


4. The Clash – Straight To Hell

À propos Politik: Fallon wuchs relativ, aber nicht vollkommen behütet auf und fand in der Rock-Musik eine Möglichkeit zur Rebellion. „Ich musste mich mit der Frustration herumschlagen, die damals am unteren Ende der Mittelschicht zum Leben dazu gehörte“, erinnerte er sich. Dylan half dabei, bald gesellten sich The Clash und insbesondere ihr charismatischer Frontmann Joe Strummer hinzu. „Ich hörte die erste Clash-Platte und mir wurde der Zusammenhang zwischen Strummers Mundharmonika und der von Dylan sofort klar.“ Der „sound from Camden town“, wie es in der Strummer-Hommage I’da Called You Woody, Joe von The Gaslight Anthem heißt, hat ihn seitdem nicht losgelassen.

Nach seiner liebsten Punk-Single gefragt nennt Fallon heute noch an erster Stelle Straight To Hell von The Clash, zu hören auf deren Album Combat Rock – knapp vor Wrong von den Hives und sogar The Passenger von Iggy Pop. „The Clash waren einfach eine der besten Bands aller Zeiten“, hieß es weiter. „Sie haben im Punk alles verändert, mit den Trennlinien von Sicherheitsnadeln und Lederjacken gebrochen. Bei ihnen ging es mehr um die Message als um die Mode.“ Nicht, dass Fallon den Lederjacken abgeschworen hätte. Aber unter den Klamotten klopft das Herz für Punk und den Aufstand gegen die festgefahrenen Konventionen.


5. Queen – Under Pressure (featuring David Bowie)

Obwohl Brian Fallon mit seinen verschiedenen Bands wie auch als Solo-Künstler gerne mal auf klassische Strukturen zurückgreift, so sind ihm die Randgänger und Exzentriker eben am liebsten. Das gilt auch für einen anderen britischen Künstler, der die Pop-Welt für immer veränderte. „Er hat alles auf den Kopf gestellt“, schwärmte Fallon von einem gewissen David Robert Jones. „Er war jemand, von dem ich wie von Bob Dylan oder Queen dachte, dass ich niemals an dieses Level von Kreativität heranreichen könnte. Das ist einfach nicht möglich. Du willst nicht mal versuchen, das zu kopieren. Andere – wie etwa Bruce Springsteen oder The Clash – fordern dich geradezu dazu auf, es ihnen nachzumachen. Aber Bowie war unberührbar.“

Ob also vielleicht eine Zeile wie „To bow at your feet in the service of the queen“ aus dem Song Her Majesty’s Service als Anspielung auf Bowie und Queen sein könnte? Okay, klar, diese Vermutung trägt mindestens einen Aluhut. Immerhin aber scherzt Fallon gern mal, sowohl den Billy Joel-Song Pressure wie auch das (fast) gleichnamige Stück Under Pressure zu mögen. So oder so: „Er hat mich total umgehauen und ließ mich darüber nachdenken, die Gitarre an den Nagel zu hängen“, sagte Fallon über Bowie – und wir sind froh, dass es nie soweit kam.


6. Misfits – Astro Zombies

Wie sein Faible für Bowie bereits andeutet, mag Fallon es, wenn seine Vorbilder mehr als nur solides Musikerhandwerk mitbringen. Musik ist für ihn immer auch Teil eines kohärenten Gesamtkunstwerks. Deshalb zieht es ihn auch im Punk-Bereich zu genresprengenden Bands wie The Clash oder Gruppen wie Social Distortion, die Punk mit Rockabilly und der entsprechenden Ästhetik zusammen dachten. Wer aber wie Fallon aus New Jersey stammt, der hat auch den örtlichen Punk-Sound in sich aufgesogen. Neben den Bouncing Souls gehören die Horror-Punks von den Misfits zweifelsfrei mit zu den wichtigsten Impulsgebern.

Ehrensache also, dass Fallon gerne mal Misfits-Cover in seine Solo-Sets einbaut und sich nicht zweimal bitten ließ, als das Alkaline Trio ihn für ein Cover von Astro Zombies auf die Bühne bat. Der gesalbte Gesang von Gründungsmitglied Glenn Danzig hallt schließlich zweifellos auch in Fallons eigener Stimme nach. Kaum jemand verband grässliche Inhalte mit dermaßen eingängigen Hooks – ob nun in New Jersey oder sonst irgendwo. Denn dort gibt es ebenfalls mehr zu entdecken als nur die Musik vom Boss!


7. Hot Water Music – No Division

Doch nicht nur mit alten Helden des Punk-Genres, sondern auch deren Erneuerern bezieht Fallon seine Inspiration. Schon auf The 59‘ Sound hatte Chris Wollard von Hot Water Music mitgewirkt, eine noch engere Freundschaft verbindet ihn allerdings mit Chuck Ragan, dem anderen Gitarristen und Sänger der Band aus Gainesville, Florida. Oft teilen sie sich mit ihren akustischen Solo-Projekten eine Bühne und nahmen im Jahr 2009 sogar eine gemeinsame Split-Single mit dem Titel Gospel Songs auf. Ein Geständnis an ihre gemeinsame Liebe für Folk- und Americana-Sounds, vielleicht aber auch ein augenzwinkender Hinweis auf Fallons Glauben, den er sonst aus seiner Musik herauszuhalten pflegt.

Hot Water Music machten sich einen Namen mit einer komplexen und aufreibenden Interpretation von Punk, die frontal und doch emotional aufgeladen war. Mit Alben wie dem 1999 veröffentlichten No Division etablierten sie sich als eine der besten Bands des Genres und konnten den damals erst 19-jährigen Fallon wohl direkt überzeugen. Und weil Wollard, Ragan sowie Drummer George Rebelo und Bassist Jason Black es mit der Message ihrer Songs stets ernst meinten, halfen sie auch der jüngeren Generation aus – Fallon und seiner damals nur im Underground bekannten Band mit eingeschlossen. Dass die sich mit einigen musikalischen Respektbekundungen bedankten, verstand sich da wie von selbst.


8. Pearl Jam – Smile

In seiner Teenager-Zeit aber konnte sich Fallon dem Sound der Stunde nicht entziehen. Wieso denn auch, wenn Bands wie Nirvana und Pearl Jam die Charts stürmten? Die Revolution der sogenannten Grunge-Musik – bis heute ein unliebsames Schlagwort für jede Band, die in der entsprechenden Schublade landete – hinterließ auch bei ihm seine Spuren. Gemeinsam mit The Gaslight Anthem zollte Fallon mit Nirvana durch ein Cover ihres Songs Sliver Tribut und zog auch seinen Hut vor Pearl Jam: Nachdem die Band 2011 im Rahmen ihrer iTunes Session das Stück State of Love and Trust neu einspielte, fand sie sich im September 2012 mit Eddie Vedder auf der Bühne wieder, der es mit ihnen gemeinsam sang.

Als Fallon die Gaslight Anthem-Platte Handwritten ankündigte, nannte er Pearl Jam neben dem seinerseits für die Grunge-Generation als Vorbild dienenden Neil Young als Inspiration. An beiden schätzt er, dass auch sie mit den Konventionen und Erwartungshaltungen ihres jeweiligen Publikums zu brechen bereit waren. „Ich will die No Code-Platten machen“, sagte er mit Verweis auf das gleichnamige Pearl Jam-Album, das im Stück Smile Young Tribut zollte. „Sie hatten drei Rock-Platten veröffentlicht und kamen dann plötzlich damit ums Eck. Und alle nur so: ‚Was zur Hölle?‘ Doch später, fünf Jahre oder so, konnten sich alle einigen: ‚Das ist großartig!‘“ Typisch Fallon: Nicht nur um die Musik, sondern ebenso um die Haltung dahinter geht es ihm.


9. Sam Cooke – Bring It On Home to Me

Im Laufe seiner Karriere ist Fallon stets seinen eigenen Weg gegangen und hat sich trotz aller Zuschreibungen – Punk hier, Springsteen dort – wieder und wieder als freimütiger und wagemutiger Songwriter bewiesen. Außerhalb überholter Konventionen entfaltet er seine typische Magie, die Punk-Fans ebenso begeistert wie das Publikum von eher klassischen Sounds wie dem Heartland Rock oder Folk und Americana. Eine besondere Beigabe ist der Soul, der in seinem unverwechselbaren Gesang mitschwingt. Kein Wunder, denn von Soul ist es nicht weit zum Gospel und dem Blues – beides ebenso wichtige Genres für Rock im Gesamten und Fallons Musik im Speziellen.

Auf Soul stieß Fallon laut eigener Aussage, nachdem er sich mit Käuzen wie Tom Waits angefreundet hatte und auf der Suche nach mehr emotionalem Sprengstoff war. „Bring It On Home to Me war für mich ein Riesensong. Er zeigte mir, dass es möglich war, direkt aus dem Herzen zu singen. Ich wusste zwar, dass ich niemals auf diese Art und Weise singen oder die Instrumente spielen würde, aber das war mir egal.“ Die Rede ist von „The Man Who Invented Soul“, Sam Cooke. Dessen Platten bringen selbst den einschweißten Tanzmuffel Fallon dazu, die Hüfte zu schwingen. Was fürs Herz und die Hüften also. Passt doch!


10. The Killers – All These Things That I’ve Done

Wo wir schon beim Soul waren: „I got soul but I’m not a soldier“, hieß es einmal anderswo und fast hätte diese Zeile auch aus Fallons Mund kommen können. Fast. Denn natürlich hat sie Brandon Flowers, Sänger und Songwriter der Band The Killers, ersonnen. Es gibt viel, was Flowers und seine Truppe von Fallon und seinen zahlreichen Projekten trennt. Wo die Killers den Glanz und die Gloria ihrer Heimatstadt Las Vegas in pompösen Bühneninszenierungen und einem noch pompöseren Rock-Sound verarbeiten, gehört Fallon zu einem erdigen Schlag von Musikern an.

Doch nicht allein ihre gemeinsame Liebe zu den Großen des Fachs – ja, allen voran natürlich Bruce Springsteen! –, sondern auch persönliche Bindungen machte das ungleiche Paar im Jahr 2013 zu Tourpartnern. Nachdem The Gaslight Anthem im Jahr 2015 ankündigten, ihre musikalischen Aktivitäten bis auf Weiteres einzustellen, sangen ihnen die Killers zwei Jahre später ein kleines Ständchen: Bei einem Konzert in New York coverten sie den Song American Slang. Anlässlich der Veröffentlichung seines Albums Sleepwalkers gab Fallon zu, dass er sich die Band als erneute Tourpartner wünschen würde. „Sie haben American Slang gecovert und ich dachte mir: ‚Das ist cool, also… habt ihr’n Schlafplatz für mich? Wie wär’s, ruft mich doch einfach zurück!‘“ Ob das jemals passieren wird? Wir hoffen es! Nicht nur für Fallon…


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Meilenstein im Blitztempo: Wie Big Mama Thornton mit „Hound Dog“ einen Grundstein des Rock’n’Roll legte

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Big Mama Thornton
Foto: Jim Barron/Redferns/Getty Images

Geschrieben in 15 Minuten, aufgenommen am nächsten Tag und für immer ein Teil der Rockgeschichte: Mit Hound Dog landete Big Mama Thornton nicht nur ihren größten Hit, sondern leistete auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Rock’n’Roll. Ein Künstler feierte mit dem Song allerdings noch größere Erfolge.

Hier könnt ihr euch einige der besten Songs von Big Mama Thornton anhören:

„You ain’t nothin’ but a hound dog“: Noch heute steht diese Zeile für die energiegeladenen Anfangstage des Rock’n’Roll. Geschrieben wurde die Nummer allerdings nicht für Elvis Presley, der mit dem Song einen der größten Hits seiner erstaunlichen Karriere landete. Nein, eigentlich komponierten die beiden Songschreiber Jerry Leiber und Mike Stoller das Stück für Willie Mae „Big Mama“ Thornton — und zwar in Rekordzeit. „Für Hound Dog haben wir etwa zwölf bis 15 Minuten gebraucht“, berichtet Leiber 1990 in einem Interview mit dem Rolling Stone. „Der Song ist nicht sonderlich kompliziert.“ Doch wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit zwischen Leiber, Stoller und Thornton?

Wir schreiben den 12. August 1952. Bandleader und Musikproduzent Johnny Otis hat die 19-jährigen Songschreiber Leiber und Stoller zu sich nach Hause eingeladen, damit sie Big Mama Thornton kennenlernen können. Das Duo hört der Sängerin bei einer Probe zu und Otis fragt, ob die Zwei einen Song für Thornton schreiben können. Noch am selben Nachmittag entsteht Hound Dog. „Sie war eine wunderbare Blues-Sängerin mit einem großartigen anklagenden Stil“, schwärmt Stoller im Rolling-Stone-Interview von Thornton. „Es war aber nicht nur ihr Stil, sondern auch ihr Aussehen, das Hound Dog beeinflusst hat, und uns auf die Idee gebracht hat, dass sie den Song eher brummen soll.“

„Erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“

Schon am nächsten Tag steht Thornton im Studio und singt das Stück ein. Die Produktion übernehmen Leiber und Stoller zum ersten Mal selbst. „Wir haben uns Sorgen gemacht, weil der vorherige Schlagzeuger nicht das gleiche Gefühl rüberbrachte wie Otis bei den Proben“, erklärt Stoller in der Autobiografie des Komponistenpaares. „Jerry fragte Johnny, ob er nicht das Schlagzeug einspielen kann. ‚Niemand bringt diesen Groove so auf den Punkt wie du‘, sagte er. Johnny fragte: ‚Und wer betreut die Aufnahme-Session?‘ Stille. ‚Ihr Zwei?‘, fragte er. ‚Die Kids betreuen die Aufnahme?’ Ich sagte: ‚Klar. Die Kids haben es geschrieben. Also lass es die Kids tun.’ Johnny grinste und sagte: ‚Warum nicht?‘“

Bei den Proben geraten die Songschreiber und Thornton aneinander. Leiber und Stoller möchten, dass die Sängerin das Stück ein wenig anders umsetzt, nehmen ihren Mut zusammen und weisen sie darauf hin. Mit ihrer Größe von etwa 1,80 Metern, einem Gewicht von 115 Kilo und zahlreichen Narben im Gesicht macht Thornton ihrem Spitznamen „Big Mama“ alle Ehre, schaut die beiden Komponisten kühl an und sagt: „Weißer Junge, erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“ Touché. Trotz der Unstimmigkeiten finden Thornton, Leiber und Stoller einen Kompromiss und erschaffen die Aufnahme, die Generationen an Rock’n’Roll-Musiker*innen beeinflussen wird.

Hound Dog: Ein Rock’n’Roll-Standard für die Geschichtsbücher

Zu diesen Rock’n’Rollern zählt auch ein junger Mann namens Elvis Presley, der zwei Jahre später seinen ersten Hit That’s All Right aufnimmt. Mit seiner Version von Hound Dog landet der „King“ weitere zwei Jahre später einen der größten Erfolge seiner Karriere. Er verändert dazu einiges an dem Stück, ob in musikalischer oder lyrischer Hinsicht. „Alles wirkte unfassbar nervös, zu schnell, zu weiß“, findet Stoller. „Aber wissen Sie, nachdem sich die Single sieben oder acht Millionen Mal verkauft hatte, klang sie besser.“ Die erste Aufnahme des Songs wird immer die von Big Mama Thornton bleiben — und die steht noch heute für die aufregenden Anfangstage des Rock ‘n‘ Roll.

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Die frühen Frauen des Rock’n’Roll: Wichtig, aber übersehen

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Zeitsprung: Am 13.8.1999 veröffentlichen Kiss den Film „Detroit Rock City“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 13.8.1999.

von Christof Leim

Einmal sind Kiss mit einem Filmprojekt schon auf die geschminkten Nasen gefallen: 1978 verfehlten die damaligen Superstars mit Kiss Meets The Phantom Of The Park ihr Ziel der crossmedialen Weltherrschaft ziemlich deutlich (wie man hier im Detail nachlesen kann). Zwei Dekaden später versuchen sie es erneut: Am 13. August 1999 startet Detroit Rock City in den Kinos – und erweist sich als Comedy-Trash mit viel Siebziger-Vibe…

Detroit Rock City (der Film) schlägt gewissermaßen eine Brücke zwischen zwei Hochphasen von Kiss: Er entsteht 1999, als die Band dank der Reunion der Originalbesetzung wieder zu den größten Geldverdienern im internationalen Rock’n’Roll-Zirkus zählt. Die Handlung des Streifens wiederum spielt 1978, als Kiss vor allem in den USA zu einem kulturellen Phänomen geworden sind und auf einer beeindruckenden Welle des Erfolges reiten. Die Burschen veröffentlichen im September 1978 sogar am gleichen Tag vier Soloalben.

Die Handlung ist schnell umrissen: Vier Kumpels namens Hawk, Lex, Trip und Jam lieben Kiss (wie so ziemliche alle US-Teenager der Siebziger) und spielen sogar in ihrer eigenen Coverband, um ihren Helden zu huldigen. Die wiederum sind für ein großes Konzert in Detroit (wo sonst?) angekündigt, Tickets dafür haben die Jungs bereits am Start – bis die ultrareligiöse Mutter von Jam dahinterkommt und die Eintrittskarten kurzerhand verbrennt. Klar, denn Kiss steht ja bekanntermaßen für „Knights In Satanic Service“.

Also suchen sich die Vier anderweitig Zutritt zur Show und eine Möglichkeit, überhaupt nach Detroit zu kommen. Bis sie Kiss mit Feuer und Explosionen live erleben, müssen sie sich mit Discoschnöseln und Pfarrern rumschlagen, werden vermöbelt, bestohlen, übers Ohr gehauen und zerlegen eine Damentoilette (Ladies Room, get it?). Einer tritt zwischendurch in einem Stripclub auf, der nächste knutscht in einem Beichtstuhl (mit einem Mädel namens Beth, klar), ein anderer wird von einer älteren Lady entjungfert, die von Gene Simmons’ Ehefrau Shannon Tweed gespielt wird. Und Jam geigt seiner konservativen Mutter die Meinung. Dass dazwischen einiges an Mobiliar zu Bruch geht, versteht sich von selbst.

Die Regie übernimmt Adam Rifkin, als Produzent fungiert Gene Simmons, und alle vier Kiss-Musiker treten bei der großen Show am Ende auf. Einige der Schauspieler kennt man ebenfalls: Edward Furlong („Hawk“) spielte in Terminator 2, Natasha Lyonne („Christine“) gehört zur Besetzung von Orange Is The New Black. In den weiteren Hauptrollen: Sam Huntington, Giuseppe Andrews und James DeBello.

Neue cineastische Höhen erklimmt Detroit Rock City damit nicht, sondern erweist sich als überdrehter Klamauk in „bester“ Tradition des Ramones-Streifens Rock’n’Roll High School. Allerdings bietet das bei entsprechender Affinität zu Trash, Seventies und Kiss durchaus einen Unterhaltungswert. Das reicht für einen gewissen Kultstatus, doch geschäftlich ist das Projekt ein formidabler Flop: 17 Millionen US-Dollar soll es gekostet haben, knappe sechs spielt es ein. Nach dem Kinostart am 13. August 1999 kommt schon im Dezember des gleichen Jahres die Homevideo-Variante. 

Der Soundtrack indes macht Spaß, vor allem wegen cooler Coverversionen. So spielen Pantera Cat Scratch Fever (was sogar als Single veröffentlicht wird), Everclear covern The Boys Are Back In Town, Drain STH machen 20th Century Boy zur Doom-Nummer, und die Donnas rocken Strutter. Lediglich der Versuch von Marilyn Manson, sich des AC/DC-Manifests Highway To Hell anzunehmen, darf wegen völliger Seelenlosigkeit als erschreckendes, aber glücklicherweise fast vergessenes Verbrechen der Musikgeschichte betrachtet werden. Dazu gibt es Klassiker von Van Halen, Black Sabbath, Cheap Trick, Bowie und The Sweet, noch zwei Kiss-Gassenhauer (Shout It Out Loud, Detroit Rock City) und sogar einen neuen Song unserer liebsten Schminkemonster. Nothing Can Keep Me From You läuft während der Credits und drückt ordentlich auf die Tränendrüse. Geschrieben hat ihn Hitkomponistin Diane Warren, Paul Stanley singt (ziemlich gut), ansonsten spielt keiner der Band mit. (Es soll lediglich Ex-Gitarrist Bruce Kulick den Bass übernommen haben.) Braucht man nicht.

Überhaupt lässt die Stimmung im Line-up damals schon zu wünschen übrig, nicht zuletzt wegen dieses Films, wie Ace Frehley und Peter Criss in ihren Autobiografien berichten. Vor allem Ace kann es Gene nicht verzeihen, dass eine Szene mit seiner Tochter Monique angeblich absichtlich rausgeschnitten wird. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Interview: Kiss zum Abschied: „Es wird schmerzhaft und schön!“

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Zeitsprung: Am 12.8.1949 kommt Mark Knopfler (Dire Straits) zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 12.8.1949.

von Christof Leim

Songs schreiben kann der Mann. Und ziemlich gut Gitarre spielen. Deshalb erobert Mark Knopfler zuerst als Kopf der Dire Straits die Welt und brilliert danach als Solokünstler. Am 12. August feiert er Geburtstag.

Zur Lektüre gibt’s hier Knopflers Album Down The Road Wherever:

Zunächst will der in Glasgow geborene Mark Knopfler erstmal etwas Vernünftiges machen: Er studiert Journalismus. „Der Plan war, so Geld zu verdienen und Musik als schönes Hobby auszuleben“, erzählt er 2009 in einem Interview. Er arbeitet sogar in diesem Beruf, macht einen Abschluss in Englisch und geht als Dozent an die Universität. Dabei spielt Knopfler aber immer in Bands, die zum Beispiel Brewers Droop oder Café Racers heißen. Vor allem aber schreibt er von Anfang an Songs und entwickelt einen Stil, der sich von anderen unterscheidet: Er benutzt kein Plektrum, sondern spielt seine Gitarre mit den Fingern, was vor allem im Country verbreitet ist und ihm andere Licks als die der gängigen Rockgitarristen ermöglicht. Seine Einflüsse liegen daneben im Rock und Swing, mit bisschen Blues, wie es sich gehört.

Mark Knopfler 1979 – Pic: Klaus Hiltscher/Wiki Commons

So schlägt sich Mark Knopfler Mitte der Siebziger durch die Pubs von London. Er singt und spielt Gitarre, mit dabei sind sein Bruder David an der zweiten Gitarre sowie Bassist John Illsley. Zusammen gründen sie die Band, mit der Knopfler berühmt werden wird: die Dire Straits. Der ersten Demos entstehen 1977, da ist unser Mann schon Ende 20. Auf den ersten Aufnahmen findet sich bereits ein musikalischen Kleinod namens Sultans Of Swing. Kennt man, muss man kennen.

1978 folgt das erste Album Dire Straits, doch ärgerlicherweise gerät die Musikwelt davon nich in Ekstase. Dann allerdings erscheint Sultans Of Swing als Single. Das wunderbare Lied mit dem Text über eine Feierabendband rollt langsam, aber stetig die Charts auf, zunächst in Europa, dann in Nordamerika. Die Dire Straits sind bereit, und sie starten durch: In rascher Abfolge erscheinen Communiqué (1979), Making Movies (1980) und Love Over Gold (1982) und verkaufen sich gut. 

Die Songs darauf stammen samt und sonders von Mark Knopfler, der gerne kleine Geschichten erzählt und eine höchst geschmackvolle Gitarrenarbeit zelebriert. Zwischendurch schreibt er noch Filmmusik, taucht auf einem Bob-Dylan-Album auf, produziert und schreibt Lieder für andere Leute, unter anderem für Private Dancer, das immens erfolgreiche Comeback von Tina Turner 1984.

Richtig ab geht es dann mit Brothers In Arms 1985, das zum internationalen Megahit wird.  Die Songs darauf kennt wirklich jeder: Money For Nothing, Walk Of Life, So Far Away und natürlich das einfühlsame Titelstück. Dire Straits sind jetzt Superstars, allen voran Mark Knopfler. Die nächsten beiden Jahre verbringt die Truppe auf der Straße und fährt einen Erfolg nach dem anderen ein. Dem Chef wird das aber alles zu groß und zu viel. Zunächst gibt es eine Pause, 1988 verkündet Knopfler die Auflösung der Dire Straits.  

Musik machen will er weiterhin, aber eben in kleinerem Rahmen ohne die massiven Erwartungen und Verpflichtungen. Seine nächste Band The Notting Hillbillies jedenfalls widmet sich US-amerikanischer Roots-Musik wie Folk, Blues und Country, alles viel unspektakulärer, vermutlich (oder hoffentlich) genauso befriedigend. Ein Album erscheint 1990, es trägt den schönen Titel Missing…Presumed Having a Good Time. Eine kleine Runde dreht unser Mann mit den Dire Straits aber noch: Im September 1991 kommt mit On Every Street doch noch ein Album, doch unweigerlich folgende Mega-Welttour sorgt dann dafür, dass die Band 1995 endgültig aufgelöst wird.

Mark Knopfler startet darauf eine Solokarriere, seit 1996 erscheinen in lockerer Folge fast ein Dutzend Soloalben: Golden Heart, Sailing To Philadelphia, The Ragpicker’s Dream, Shangri-La, Kill To Get Crimson, Get Lucky, Privateering, Tracker und Down The Road Wherever. Damit feiert er in aller Welt Erfolge, jedoch weit entfernt von der Megalomanie der Achtziger. Zudem kollaboriert er mit unzähligen anderen Künstlern, etwa Emmylou Harris, tourt mit Bob Dylan und beschäftigt sich oft und gerne mit Country. Bei seinen eigenen Konzerten geht es mittlerweile nur um die Musik, große Produktion braucht der Mann nicht mehr. Auf der Bühne trinkt er Tee. Nach einer Dire-Straits-Reunion steht dem musikalischen Kopf der Sinn so gar nicht, nicht mal bei der Einführung der Band in die Rock And Roll Hall Of Fame 2018 taucht er auf.

Songwriter, Meistergitarrist und Geschichtenerzähler: Mark Knopfler 2018 – Pic: Derek Hudson

Sein Privatleben behält Knopfler für sich, Interviews gibt es nicht viele. Er ist zum dritten Mal verheiratet, Vater von vier Kindern, Fan des Newcastle FC und Sammler von Sportwagen. Auf seinen letzten Touren denkt er laut darüber nach, sich zur Ruhe zu setzen und kündigt explizit sogar seinen Abschied von der Bühne, spielt aber nach eigenen Aussagen zu gerne. Hoffen wir, dass das so bleibt. Alles Gute zum Geburtstag, Mr. Knopfler!

Zeitsprung: Am 29.3.1979 landet Mark Knopfler auf einem Bob-Dylan-Album.

 

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