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Popkultur

Die musikalische DNA von Diana Ross

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Es gibt viele Antworten auf die Frage, was das überhaupt sei, Soul. Die kürzeste aber lautet: Diana Ross ist Soul! Als Leadsängerin der Supremes schrieb sie Motown-Geschichte, als Solo-Künstlerin bricht sie bis heute noch alle Rekorde. Das Billboard-Magazin nannte sie 1976 die „Entertainerin des Jahrhunderts“ und sogar im Guinness-Buch der Rekorde konnte sie 1993 einen Eintrag für sich verbuchen – keine Künstlerin hatte mehr Hit-Singles vorzuweisen.


Hier bekommst du einen Vorgeschmack von Diana Ross’ musikalischer DNA, zur ganzen Playlist kommst du über den “Listen”-Button:


Songs wie Ain’t No Mountain High Enough werden für immer mit ihrem Namen verbunden sein und ganze Generationen von Jazz- und Soul-Sängerinnen werden nicht drum herum kommen, Ross-Stücke in ihr Repertoire aufzunehmen. Sie ist eben die Königin des Souls und ein Vorbild insbesondere für afro-amerikanische Künstlerinnen, wie auch Oprah Winfreys Einladung zu ihrem Legends Ball bewies, zu dem Ross ebenso erschien wie die Bürgerrechtlerin Rosa Parks, die Schriftstellerinnen Toni Morrison und Maya Angelou oder die Kolleginnen Aretha Franklin und Patti LaBelle.

Ross hat der Welt nicht allein mit ihrer eigenen Musik viel gegeben. Auch andere hat sie immer wieder ins Rampenlicht befördert. Michael Jacksons Karriere wäre vermutlich ganz anders gelaufen, hätte Ross nicht die Jackson 5 unter ihre Fittiche genommen. Doch welche Musik hat sie selbst im Laufe ihrer jahrzehntelangen Karriere beeinflusst? Ein Blick auf die musikalische DNA von Diana Ross verrät es uns!


1. Dorothy Love Coates – (You Can’t Hurry God) He’s Right on Time

Wie so viele schwarze Sängerinnen sammelte die kleine Diana – eigentlich sollte sie übrigens Diane heißen und ist auch mit diesem Namen auf den ersten Supremes-Platten genannt, doch ein Tippfehler auf ihrer Geburtsurkunde machte aus dem E ein A – ihre ersten musikalischen Erfahrungen in der Kirche. Mehr noch als anderen lag der Baptistin die Religion im Blut: Ihr Großvater mütterlicherseits war Pastor!

In der Kirche lernte sie einerseits Harmonietechniken und andererseits, sich gegen zahlreiche andere Stimmen durchzusetzen. Gospel wurde aber auch außerhalb des Kirchenschiffs stilprägend für die junge Soul-Bewegung, an deren Speerspitze Ross bald treten sollte. Dorothy Love Coates beispielsweise stand für einen Gospel-Sound, der sich neuzeitlicher Rock- und Pop-Musik versperrte und dennoch einen großen Einfluss auf die Motown-Generation ausübte. Die Supremes etwa stibitzten für ihren Megaerfolg You Can’t Hurry Love Coates’ (You Can’t Hurry God) He’s Right on Time und verpassten ihm einen säkularen Anstrich.


2. Smokey Robinson & The Miracles – The Tracks of my Tears

Nicht allein den Gospel bekam Ross schon in Kindheitstagen beigebracht, sie machte auch Bekanntschaft mit einem der größten Genies des späteren Motown-Sounds. Bevor sich William „Smokey“ Robinson Jr. als Bandleader der Miracles einen Namen machte und unsterbliche Klassiker wie The Tracks of my Tears schrieb, wohnten die beiden auf derselben Straße. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die beiden sogar mehr als Nachbarn waren…

Sicher ist zumindest, dass Ross dem Knirps von damals ihre Karriere zu verdanken hat. Als ihre erste Gruppe, die Primettes, sich mit einigen Live-Auftritten einen Ruf in der „Motor City“ Detroit erspielt hatte, stellte er die Verbindung zu Motown her – im Austausch gegen Primettes-Gitarristen Marv Tarplin, der Robinson 30 Jahre lang zur Seite stehen sollte. Ein fairer Deal, fanden beide Seiten. Und der Beginn einer langwährenden Zusammenarbeit zwischen Ross und Robinson im Hitsville-Studio.


3. Chic – Le Freak

Obwohl Ross während ihrer jahrzehntelangen Karriere wieder und wieder ihr gesangliches Talent bewies, übernahmen das Songwriting doch oftmals andere für sie. Für ihr 1980 veröffentlichtes Album diana holte sie mit Bernard Edwards und Nile Rodgers zwei Musiker und Komponisten ins Studio, deren funkige Rhythmen die Disco-Ära dominiert hatten. Chics Le Freak beispielsweise, ein als frustrierter Studio-Jam begonnener Song – geschrieben hatten ihn die beiden, nachdem ihnen im legendären Studio 54 der Einlass verwehrt wurde – brach alle Rekorde.

Ross hatte noch 1979 mit The Boss ein eher klassisches Motown-Album aufgenommen und wollte ihr Klangspektrum erweitern. Da kamen die Kompositionen, die Edwards und Rogers eigentlich für Aretha Franklin geschrieben hatten, gerade recht. Sie hatte den richtigen Riecher: Der Song Upside Down wurde zu einem Welthit und diana verkaufte mehr Platten als jedes andere ihrer Alben zuvor. Es lohnt sich eben manchmal, mit der Zeit zu gehen – nicht nur in künstlerischer Hinsicht.


4. Commodores – Easy

Upside Down, das beschreibt auch ganz gut Ross’ Verhältnis mit dem Label Motown. Nicht immer war das Verhältnis zwischen der Sängerin und der Detroiter Institution ein friedliches. Eine kleine Ironie des Schicksals also, dass ihr letzter Song für die Plattenfirma den Titel Endless Love hieß. Benannt war er nach dem gleichnamigen Film, dessen Titelstück er zugleich war. Eingesungen hat Ross die einfühlsame Ballade gemeinsam mit dem Commodores-Sänger Lionel Richie, der ein Jahr später als Solo-Künstler seinen Durchbruch feiern durfte.

Für die frühe Schützenhilfe sollte sich Richie noch oftmals bei Ross bedanken. So schrieb er etwa den Song Missing You für sie. An die Arbeit an Endless Love erinnert er sich jedoch am liebsten zurück. „Da bin ich also, im Studio, es ist drei Uhr nachts und Diana Ross kommt rein“, erinnerte er sich mit einem schelmischen Grinsen. „Und sie so: ‚Lionel, ich mag ein paar von deinen Parts… Was denkst du… Ich weiß nicht…‘, also sage ich ihr: ‚Welche Töne sich auch immer für dich am besten anfühlen, singst du einfach!‘“ Am Ende stand ein komplett neuer Song. Das ist echtes Teamwork! Bei den Commodores hatte Richie schließlich gelernt, wie’s geht. Für sie schrieb er Hits wie Easy.


5. Julio Iglesias – La Vida Sigue Igual

So wie Ross dem jüngeren Kollegen Richie gleichermaßen beim Aufbau seiner Solo-Karriere unter die Arme griff wie sie von seinen Qualitäten als Songwriter profitierte, ging sie mit Julio Iglesias eine Bindung ein, die beiden zugutekommen sollte. Ross’ Karriere war nach ihrem Zerwürfnis mit Motown-Chef Berry Gordy schwer angeschlagen und Iglesias versuchte, endlich auf dem englischsprachigen Markt Fuß zu fassen. Die Lösung für beider Probleme lautete All of You, für das die beiden 1984 unbekannterweise zusammen ins Studio gingen.

Angeblich haben sie sich selbst dort nicht getroffen und lernten einander erst beim gemeinsamen Videodreh für die Erfolgssingle kennen. Doch schon bald freundeten sie sich eng an und Ross verbrachte sogar die folgenden Weihnachtstage in Iglesias’ Residenz in Miami. Gut, dass der La Vida Sigue Igual-Sänger in Vorbereitung auf seine Karriere als englischsprachiger Sänger extra die Sprache gelernt hatte… So konnten sie einander nicht nur musikalisch verstehen.


6. Marvin Gaye – What’s Going On

Neben den lebenden Kollegen, mit denen Ross das Studio teilte, waren es auch alte Helden, die in ihrer Musik immer wieder auflebten. Missing You, die von Lionel Richie für Ross komponierte Ballade, war ein berührender Tribut an die Goldkehle des Motown-Sounds, Marvin Gaye, der im Jahr 1984 ermordet wurde. „Since you’ve been away / I’ve been down and lonely / Since you’ve been away / I’ve been thinking of you / Trying to understand / The reason you left me / What were you going through?“, lauten die ersten Zeilen des Stücks.

Gaye und Ross verband eine lange Freundschaft, die 1973 sogar auf einem Duettalbum namens Diana & Martin festgehalten wurde. Seitdem sie 1961 beide bei Motown unterschrieben hatten, inspirierten sie einander wieder und wieder. Der beste Beweis dafür, wie wichtig Gaye für seine Kollegin war, ist wohl Ain’t No Mountain High Enough. Obwohl der Song heute vor allem in der Version von Ross bekannt ist, wurde die Komposition von Nickolas Ashford und Valerie Simpson doch zuerst von Gaye und Tammi Terrell veröffentlicht. Ross’ Coverversion leitete ihre Solo-Karriere mit einem Knall ein. Kein Wunder, dass sie den Mentor und Freund Gaye vermisste.


7. Billie Holiday – Lover Man

Einen (fast) noch schöneren Tribut hat Diana Ross ihrer großen Heldin Billie Holiday dargebracht. Im Film Lady Sings the Blues schlüpfte sie 1972 in die Rolle der legendären Jazz-Sängerin und steuerte eine ganze Doppel-LP mit ihren Interpretationen von Holiday-Klassikern wie Lover Man als Soundtrack bei. Sogar der Kritiker und Holiday-Freund Leonard Feather sprach ihr zu, „die Essenz von Lady Day“ perfekt auf die Leinwand gebracht zu haben. Kein Wunder, hatte die Musik der 1959 verstorbenen Künstlerin doch ihr Leben lang begleitet.

Nicht alle waren allerdings so angetan wie Feather. Es hagelte böse Worte noch bevor der Film im Kasten war. Zu unterschiedlich seien die beiden. „Während meiner neunmonatigen Recherche traf ich ein paar wichtige Entscheidungen“, notierte Ross in ihrer Autobiografie Secrets of a Sparrow. „Eine davon war, dass ich nicht wie Billie klingen wollte. Stattdessen war es mir wichtig, meinen eigenen Sound mit einzubringen. Merkwürdigerweise habe ich, wohl weil ich die ganze Zeit über nichts anderes hörte, einige ihrer Phrasierungen übernommen und bin ihrem Stil auf diese Art sehr nahe gekommen.“ Die einen überzeugte es, die anderen nicht. So viel jedoch steht fest: Für Ross waren der Film sowie der dazugehörige Soundtrack ein Herzensprojekt.


8. Bessie Smith – ‘Tain’t Nobody’s Bizness If I Do

Billie Holiday ist nicht die einzige Sängerin, die Ross während ihrer Karriere darstellen durfte. Auch die legendäre Bessie Smith wurde von ihr komplett neu interpretiert. 1977 war Ross mit einer sogenannten One-Woman-Show auf Tour und nahm in diesem Rahmen auch ein Konzert in Los Angeles auf. Die auf der Doppel-LP An Evening with Diana Ross abgebildete Performance zeigt Ross in Topform. Ein Block war ihren Heldinnen reserviert: Billie Holiday, Josephine Baker, Ethel Waters und eben jener Bessie Smith zollte sie darin Respekt und sang unter anderem den Blues-Standard ‘Tain’t Nobody’s Bizness If I Do, der fest zu Smith’ Repertoire gehörte.

„Jazz und Blues waren ein Teil meiner Kindheit und wenn du genug davon hörst, wird es irgendwann zu einem Teil von dir“, erzählte sie in einem Interview. „Ganz gleich, ob du genauso singst. Als ich erwachsen wurde, studierte ich die älteren Blues-Sängerinnen, die echten dreckigen Sängerinnen wie Bessie Smith und sammelte die Lyrics. Nicht mit dem Ziel, genauso zu werden, sondern weil ich Spaß daran hatte und weil es mich zum Nachdenken anregte.“ Musikalischer Einfluss muss nicht immer direkt hörbar sein, manchmal äußert er sich auch subtil.


9. Ella Fitzgerald – I’ve Got a Crush on You

Deutlicher vielleicht ist Ella Fitzgeralds Einfluss auf Ross herauszuhören, obwohl die verrückten Volten der Queen of Jazz sich nicht unbedingt in Ross’ umfassender Diskografie wiederfinden. 2005 vertonte sie allerdings für Rod Stewarts Thanks for the Memory: The Great American Songbook, Volume IV ein Duett des Gershwin-Klassikers I’ve Got a Crush on You neu. Das von George Gershwin komponierte Stück, dessen Lyrics Ira Gershwin schrieb, wurde oft interpretiert, kaum je aber besser als von Fitzgerald.

„Seitdem ich jung war, hat mich Jazz-Musik beeinflusst“, gestand Ross, als ihr 2014 der Ella-Fitzgerald-Award verliehen wurde. „Einige meiner Favoriten waren Ethel Waters und Bessie Smith, natürlich aber auch Ella Fitzgerald. […] Beim Jazz geht es darum, sich in der Musik zu verlieren.“ Und wie ginge das besser als mit den Songs der Gershwins, gesungen von der First Lady of the Song, Ella Fitzgerald? Die Auszeichnung, die Ross im Sommer 2014 in Montreal entgegen nahm, bedeutete daher eine ganz besondere Ehre für sie.


10. Jackson 5 – I Want You Back

Es gäbe noch so viel mehr Sängerinnen und Sänger, Musikerinnen und Musiker aufzuzählen, die Ross auf ihrem langen und erfolgreichen Weg begleitet haben. Aretha Franklin zum Beispiel, Etta James oder die Drifters. Doch jede Liste muss eines Tages ihr Ende finden. Und jedes Ende bringt unweigerlich auch einen Abschied mit sich. Ross kennt sich damit besser aus, als ihr wohl lieb wäre. Im Juni 2009 musste sie sich von einem ganz besonderen Wegbegleiter verabschieden: Michael Jackson war an einer Überdosis Drogen verstorben, die ihm sein Hausarzt Conrad Murray verabreicht hatte.

Ross hatte Jacksons Karriere buchstäblich von Kindesbeinen an begleitet. Dem Label Motown zufolge war sie es, die die Jackson 5 entdeckte und zu Beginn ihrer Solo-Karriere zu Konzerten von sich einlud. Nicht wenige vermuten allerdings, dass die Wahrheit eine andere war und Motown lediglich über Ross’ Namen mehr Platten absetzen wollte. Sei’s drum: Nachdem die Jackson 5 mit I Want You Back ihren ersten Erfolg landeten, brauchten sie ihre Schützenhilfe nicht mehr. Michael und Diana aber wurden zu einem erfolgreichen Songwriter-Team, das weit über das Ende der Band hinaus einen Erfolg nach dem nächsten landete. Umso tragischer, dass sie ihn eines Tages zu Grabe tragen musste.


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„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

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The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

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Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

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Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

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Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

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Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

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