------------

Popkultur

Die musikalische DNA von James Brown

Published on

Mr. Dynamite. The Soul Brother No. 1. The Godfather of Soul. The Hardest Working Man In Show Business. Sex Machine. Die Reihe von Spitznamen allein zeigt, was für ein Typ James Brown war und welche Bedeutung er für die Entwicklung der gesamten Pop-Geschichte hatte. „Er war beinahe ein Musikgenre für sich“, sagte ein ehrfürchtiger Jimmy Page einmal über den Entertainer. „Er veränderte und entwickelte sich ständig, sodass sein Publikum von ihm lernen konnte.“ Zu diesem Publikum gehören sie alle: Angefangen mit seinem vielleicht größten Fan Michael Jackson hin zu unzähligen Rockbands und den tausenden von Rap-Artists, die für ihre Tracks Drum-Breaks und Vocals aus seinen Songs sampelten.


Hör dir hier James Browns musikalische DNA als Playlist an und lies weiter:


Der Erfolg Browns liegt nicht nur in viel Leidenschaft, sondern auch harter Arbeit begründet. Hart war er aber auch zu anderen. Von seiner Band verlangte er ungebrochene Disziplin, jedes Mitglied musste Abend für Abend genauso wie der Chef zum Äußersten gehen. Er selbst schonte sich nie und verschleppte mehr als eine Krankheit, weil er lieber auf die Bühne stürmte anstatt im Wartezimmer eines Arztes Däumchen zu drehen. Im Privaten indes verlor er häufig die Kontrolle – insbesondere gegen Frauen. Physische Gewalt und sogar Vergewaltigung wurden Brown vorgeworfen. Der Mann mit den vielen Spitznamen hatte viele Gesichter und nicht jedes davon war schön anzusehen.

Mit seiner Musik allein hat Brown viel Gutes getan. Songs wie Say It Loud – I’m Black and I’m Proud drückten nach Jahrhunderten von Unterdrückung und Rassismus ein neues Selbstbewusstsein aus, das bis heute noch ganze Generationen von KünstlerInnen beeinflusst. Und Brown selbst? Von wem hat sich der Godfather of Soul beeinflussen lassen? Wir finden es raus! Mit Blick auf die musikalische DNA von James Brown werden wir herausfinden, was den Mann mit den vielen Spitznamen so vielseitig machte.


1. Louis Jordan & His Tympany Five – Caldonia

Früh übt sich, weiß der Volksmund zu berichten. Das stimmt auch im Falle von James Brown. Schon als junges Kind stand der Knirps bei Talentwettbewerben auf der Bühne, das erste Mal im zarten Alter von elf Jahren im Lenox Theater in Augusta, Georgia – angeblich mit der unvergesslichen Ballade So Long. Von da an hatte es den Jungspund gepackt. Er lernte Klavierspielen, brachte sich seine ersten Kniffe auf der Gitarre bei und meisterte sogar die Mundharmonika.

Den Ausschlag dafür gab ein ganz bestimmter Song: „Mein Einfluss war Louis Jordan, der einen Song namens Caldonia aufnahm sowie weitere Stücke, die in den fünziger und späten vierziger Jahren groß waren“, so Brown selbst. Er selbst nahm wie viele andere Größen der damaligen Zeit – darunter etwa B. B. King – eigene Coverversionen des Jump-Blues-Stücks auf. Insbesondere Jordans exaltierter Gesangsstil wird es ihm angetan haben. Der kieksiger Sprechgesang Jordans, der viel Wert auf mitreißende Dynamiken legte, wurde später von Brown perfektioniert.


2. The Staple Singers – The Old Landmark

Mit nur dreizehn Jahren scharte Brown bereits Musiker um sich, um seinen Traum in die Tat umzusetzen. Es sollte zuerst aber anders kommen. Lediglich drei Jahre später ging es für den jungen Wilden zuerst einmal ins Kittchen. Und weil es ihm dort langweilig wurde, gründete er flugs sein eigenes Gospel-Quartett und widmete sich auch nach seiner frühzeitigen Entlassung der spirituellen Musik, die in vielen seiner Songs nachhallt.

Ein kleines Highlight in Browns Karriere war zweifellos sein Auftritt im Kultfilm Blues Brothers, in welchem er seine Gospel-Leidenschaft voll ausleben konnte. In seiner Rolle als verschwitzter und heiserer Prediger war der Sänger schließlich voll in seinem Element! Wenn er mit der Gemeinde den Klassiker The Old Landmark spielt, der unter anderem in der Version der Staple Singers zu einem großen Hit wurde, dann wird das Kirchenschiff schnell zum Dancefloor. Da kann selbst ein abgebrühter Blues Brother nur ehrfürchtig zittern…


3. The Orioles – Baby Please

Bevor Brown als Solokünstler seinen endgültigen Durchbruch feiern konnte, schloss er sich verschiedenen Bands an. Als Sänger der Famous Flames konnte er aber die Grundlagen für seinen späteren Welterfolg legen. Try Me oder Please, Please, Please waren bittersüß eingefärbte Songs, die dem Rhythm and Blues-Genre einen balladesken Anstrich gaben. Kein Wunder, kamen die Einflüsse der Band doch von Gruppen wie Hank Ballard und seinen Midnights, Billy Ward und den Dominoes oder den Orioles.

Die Orioles gehörten zu den ersten Gruppen, die ausgehend von Rhythm and Blues, Doo Wop und dem Blues einen neuen Sound zu schmieden begannen, der vor komplexen Vocal-Arrangements ebenso wenig zurück schreckte wie vor dem Einsatz von Kammerorchestern. 1951 coverte die Band das Blues-Stück Baby Please, das laut dem Musikjournalisten Larry Birnbaum für den ersten Hit der Flames Pate stand: Please, Please, Please.


4. Little Richard – Lucille

„Moment mal“, werden nun Fans protestieren. „Alles Quatsch! Die Inspiration für das Stück kam doch von jemand ganz anderem!“ Und ja, es gibt zum Signature-Song der Flames noch eine andere Geschichte, die niemand Geringeren als Little Richard zur Hauptfigur hat. Von dieser Geschichte existieren mehrere abweichende Versionen, sicher indes scheint der ungefähre Ablauf: Brown und seine Band fragten den Rock-Pionier, ob sie ihn auf der Bühne begleiten dürften. Der lehnte zwar ab, ließ die junge Truppe aber in der Pause ihr Ding machen – und war so angetan von ihr, dass er sie an seinen Manager Clint Brantley verwies.

Brantley schickte sie direkt weiter zur nächstbesten Radiostation, wo sie eine gewisse Nummer mit dem Namen Please, Please, Please aufnahmen. Die Lyrics sowie die passende Musik dazu soll Brown geschrieben haben, nachdem der Lucille-Sänger die titelgebenden Worte auf eine Serviette gekritzelt hatte. Was stimmt nun also? Vermutlich beides, denken wir. Obwohl Little Richard den ersten Impuls für das Stück gab, so hallt darin immer noch der Doo Wop-orientierte Herzschmerz-Sound der Orioles nach. Ist doch ein guter Kompromiss, oder?


5. Fela Kuti – Viva Nigeria

Browns eigenwilliger und für seine Zeit absolut visionärer Sound wurzelte allerdings nicht nur in den Genres, die sich zu seiner Zeit in den USA breit machten. Er schaute stattdessen auch nach Afrika, wo einigen Musikhistorikern zufolge die gesamte Pop-Geschichte ihren Anfang nahm. Während der sechziger Jahre traten die Blues- und Gospel-Elemente in Browns Musik zurück, die Rhythmen wurden härter… Kurzum, der Funk war geboren!

Gegen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre beschäftigte sich Brown noch entschiedener mit afrikanischer Musik und kam dabei natürlich nicht um Fela Kuti herum. Die beiden sollen sich gegenseitig beeinflusst haben. Laut Kutis Drummer Tony Allen soll Brown sogar seinen Bandleader David Matthews auf ein Konzert der nigerianischen Band geschickt haben, um sich Notizen zu machen. Und Browns ehemaliger Bassist Bootsy Collins erinnert sich an einen legendären Auftritt in Lagos, bei dem die dortige Afrobeat-Szene den Soul Brother No. 1 mit offenen Armen empfing.


6. Fred Wesley & The Horny Horns feat. Maceo Parker & Mike E. Clark – Four Play

Die komplexen, unwiderstehlichen Grooves des Afrobeats wurden so nahtlos in die Musik Browns übertragen. Nicht das einzige Genre, von dem er sich die besten Elemente heraus pickte, um sie in sein klangliches Gesamtbild zu integrieren – zum Leidweisen seiner Bandmitglieder. Denn nicht selten folgte auf eine stilistische Neuorientierung ein Besatzungswechsel. Fred Wesley beispielsweise gehört zu den Musikern, die neben Maceo Parker in den sechziger und siebziger Jahren als Ko-Songwriter maßgeblich den neuen, an Jazz geschulten Funk Browns mitprägten.

„Ich war nicht nur Bandleader, sondern Psychologe. Ich musste mich um Psycho-James kümmern, genauso um die Musiker und die Tontechniker“, erzählt Wesley rückblickend in einem Interview. „Ich musste alles am Laufen halten. Jeder Musiker, der bei James Brown spielte, war irgendwann so angenervt, dass er gehen wollte.“ Seine Leidenschaft für Bebop konnte er da nur bedingt ausleben und verabschiedete sich 1975 von der Band, als Brown den nächsten Stilwechsel forcierte. Ohne Wesley, Parker und andere aber hätte der Hardest Working Man In Show Business aber sicher nicht den Sound schmieden können, der ihn damals von allen anderen absetzte.


7. David Bowie – Fame

Warum Wesley damals das Handtuch schmiss? Nein, es lag nicht allein an seiner eigenen Drogensucht. Vielmehr waren es musikalische Gründe, die ihn zum Weggang bewegten. „Weil er, der Erfinder des Funk, auf einmal wollte, dass ich die Musik anderer für ihn kopiere: Fame von David Bowie etwa oder die Afro-Funk-Sachen“, so Wesley. „Wir hatten bis dahin immer neue Musik geschaffen. Und jetzt sollte ich auf einmal kopieren? Noch dazu Musik, die zum Teil von James Brown kopiert und inspiriert war? Nein.“

Dann eben ohne Wesley: 1976, ein Jahr nach dessen Ausstieg, veröffentlichte Brown einen Hit (I Need To Be Loved, Loved, Loved, Loved), der auf einem Hauptriff aufbaut, das von David bowie und dem Gitarristen Carlos Alomar geschrieben wurde. Kein Wunder eigentlich, dass die beiden das zuließen: Alomar war zuvor selbst schon Teil von Browns Band gewesen. Dennoch ist es bemerkenswert, dass sich Brown auch mal von einem Weißbrot wie Bowie eine Scheibe abschnitt.


8. MFSB – Love Is The Message

Aber so war Brown: Er hatte immer ein Ohr am Puls der Zeit. Was ihm Wesley vorwarf – diejenigen zu imitieren, die von ihm beeinflusst waren – lässt sich auch positiv deuten: Brown nahm dankend an, was mit seiner Musik veranstaltet wurde und dachte es selber weiter. Als sich Ende der sechziger Jahre in der Bathhouse-Szene New Yorks Männer trafen, um zu treibender Musik – darunter natürlich auch viele Klassiker der Sex Machine – Drogen zu konsumieren und ihre Homosexualität frei auszuleben, war noch nicht abzusehen, was eines Tages daraus werden würde. Beinahe hätte auch Brown die Geburtsstunde von Disco verpasst. Weil er aber Mitte der siebziger Jahre eine kommerzielle Durststrecke durchlief, suchte er auf dem Dancefloor neue Inspiration.

Als Brown 1979 ein Album mit dem etwas protzigen Titel The Original Disco Man veröffentlichte, war die Discomania jedoch bereits an seinem Zenit angekommen. Eins aber müssen wir Brown zugutehalten: Statt sich am klinischen Euro-Disco-Sound von Giorgio Moroder und Co. zu orientieren oder den New York-Style zu kopieren, horchte er lieber nach Philadelphia, wo Kollektive wie MFSB Disco-Musik schmiedeten, die zugleich mitreißend und komplex arrangiert war. So wie Brown es selbst vorgemacht hatte und wie er es wieder und wieder perfektionierte. Es ist doch keine Schande, sich von den nachfolgenden Generationen inspirieren zu lassen!


9. Afrika Bambaataa – Planet Rock

Dasselbe gilt auch für die achtziger und neunziger Jahre, in denen das aufstrebende Hip Hop-Genre den klassischen schwarzen Musikstilen wie Soul und Funk den Rang ablief. Afrika Bambaataas Planet Rock gilt als eine der maßgeblichen Rap-Platten. Als Grundlage dafür dienten gleich zwei Kraftwerk-Songs – Numbers und Trans Europe Express –, das Fundament aber war ein funkiger Groove, wie ihn James Brown der Welt beigebracht hatte. Nur die Mittel waren andere: Statt dem Funky Drummer Clyde Stubblefield war eine Roland TR-808 zu hören.

Der Sound der japanischen Drummachine hallt auch in Unity nach, der gemeinsamen Single von Afrika Bambaataa mit James Brown. Es sollte nicht seine einzige Stippvisite in dem Genre sein, als dessen Vordenker er bis heute gilt: 1992 stattete er MC Hammer in einem Video einen Besuch ab, was durchaus als respektvolle Geste seitens des Ballonhosenträgers zu verstehen war: Ohne Browns Musik, die so oft im Rap gesampelt wurde, und seine legendären Tanzeinlagen, die ihrerseits einen immensen Einfluss auf die B-Boy- und Girl-Kultur hatten, dürften es weder Bambaataa noch Hammer in die Charts geschafft haben.


10. Public Enemy – Fight The Power

Es gibt noch so viele andere Musiker, die James Brown Zeit seiner langen Karriere beeinflusst haben – von Frank Sinatra bis Ray Charles. Wer aber seinen Einfluss verstehen will, muss zwangsläufig nachvollziehen, wie sich Brown mit den unterschiedlichen Strömungen seiner Zeit auseinandergesetzt hat. So nämlich wird klar, dass von Louis Jordans Caldonia hin zu Afrika Bambaataa und MC Hammer eine Traditionslinie besteht, die der Godfather of Soul wie kein zweiter geprägt hat. Das kurze Drum-Break Stubblefields in Funky Drummer gehört zu den meistgesampelten überhaupt und stellt die Grundlage für unzählige Hip Hop-Tracks. So auch Fight The Power von Public Enemy, die mit Alben wie Fear Of A Black Planet die Brownsche Losung Say It Loud – I’m Black and I’m Proud auf ein neues Level hoben.

Ob es ein Zufall ist, dass die Gruppe denselben Namen trägt wie ein James Brown-Song vom Album There It Is? Wohl kaum! Und sicher ist auch, dass ohne Browns markanten Sprechgesang dieses Ding namens Rap niemals möglich gewesen wäre. Es hat ihm eben nicht gereicht, den Funk zu erfinden – Brown hatte als Musiker schon immer noch größere Pläne. Er wurde ja schließlich nicht umsonst The Hardest Working Man In Show Business genannt. Also, unter anderem.


Das könnte dir auch gefallen:

Say It Loud: James Browns stolzes Statement

Die musikalische DNA von Johnny Cash

Die musikalische DNA von The Doors

Popkultur

Zeitsprung: Am 2.12.1969 nehmen die Rolling Stones drei Klassiker auf.

Published on

Foto: Stroud/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.12.1969.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 02. Dezember 1969 verschlägt es die Rolling Stones auf ihrer US-Tour in die Muscle Shoals Sound Studios nach Alabama. Die drei Songs, die sie dort in nur drei Tagen aufnehmen, fangen nicht nur perfekt den Country-, Blues- und Roots-Vibe des amerikanischen Südens ein, sondern bilden auch den ersten Grundstock an künftigen Klassikern für das im April 1971 veröffentlichte Album Sticky Fingers

Hier könnt ihr euch Sticky Fingers anhören:

Dass die Stones ein ausgemachtes Faible für die musikalische Ursuppe der USA hegen und somit eine große Liebe zu (Rhythm and) Blues, Country und Soul verspüren, hatten sie bereits auf Platten wie Beggars Banquet  (1968) und Let It Bleed (1969) mit ihrer Adaption des Ami-Sounds eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Deshalb wäre es unverzeihlich gewesen, ein paar freie Tage während der US-Tour Ende 1969 nicht zu nutzen, um in den heiligen Hallen des Muscle Shoals Sound Studios Station zu machen.

Der Sound des Südens

Der Mythos des Örtchens Muscle Shoals geht bereits auf die frühen Sechziger zurück, als in den programmatisch benannten FAME Studios Stars wie Wilson Pickett, Percy Sledge, Etta James oder Aretha Franklin etliche Hits einspielen. Begleitet werden sie bei diesen Sessions von einer höchst patenten Backing-Band, der Muscle Shoals Rhythm Section, bestehend aus Keyboarder Barry Beckett (Keyboards), Schlagzeuger Roger Hawkins, Gitarrist Jimmy Johnson und Bassist David Hood (Vater des Drive-By Truckers-Bandleaders Patterson Hood). Diese Koryphäen sollten später auch als die Swampers bekannt und in Lynyrd Skynyrds Sweet Home Alabama mit den schönen Zeilen „Now Muscle Shoals has got the Swampers/And they’ve been known to pick a song or two“ bewundernd besungen werden. 1969 hatten sie just beschlossen, sich selbstständig zu machen und ihr eigenes Tonstudio zu gründen: die Muscle Shoals Sound Studios

Tradition verpflichtet

Als die Stones dort am 2. Dezember aufschlagen, fehlt von Produzent Jimmy Miller jede Spur, weshalb man kurzerhand Swamper Jimmy Johnson als Tontechniker vor Ort verpflichtet. Nachdem sich die Band warmgespielt hat, geht es ans Eingemachte: You Gotta Move, das Cover eines alten Spirituals, welches erst 1965 vom Blueser Mississippi Fred McDowell gecovert wurde, ist in dieser Umgebung natürlich Pflicht.

An den zwei darauffolgenden Tagen schließt sich die Kür an, zunächst in Form des kompositorisch hauptsächlich Mick Jagger zuzuschreibenden Brown Sugar, eine verschmitzt verschwitzte, funkige Ode an Heroin und die holde Weiblichkeit gleichermaßen. Für den finalen Abend der Aufnahmen glänzt Keith Richards mit einem weiteren künftigen Klassiker im Stones-Katalog – dem akustischen Wild Horses

Bis heute eine Reise wert

Während Wild Horses von Keith-Kumpel und Country-Rock-Vorreiter Gram Parsons und dessen Band, den Flying Burrito Brothers, bereits auf deren Album Burrito Deluxe (1970) unorthodoxerweise –  als bis dato unveröffentlichter Stones-Song gecovert wird, soll es noch bis zum April 1971 dauern, bis alle drei Stücke der Südstaaten-Session der Stones in voller Muscle-Shoals-Pracht auf dem Album Sticky Fingers erstrahlen. Nach den Stones machen in den Folgejahren unter anderen noch Rod Stewart, Bob Seger, Lynyrd Skynyrd und die Black Keys in den Studios halt. Und auch nach den Restaurationsarbeiten und der Wiedereröffnung 2017 nehmen in der Hausnummer 3614 Jackson Highway, die tagsüber zur Touristenattraktion und nachts abermals zum Tonstudio mutiert, heute wieder junge Rockhoffnungsträger wie jüngst die Rival Sons oder die Allman Betts Band auf.

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

Continue Reading

Popkultur

Komplex, überraschend, mitreißend: „Octopus“ der Prog-Legenden Gentle Giant wird 50!

Published on

Gentle Giant
Foto: Jorgen Angel/Getty Images

Am 1.12.1972 veröffentlichten Gentle Giant ihr Album „Octopus“ — ein grandioses Werk zwischen Komplexität, Überraschung und Eingängigkeit.

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr euch Octopus anhören:

Es gibt Alben, die schwere Geburten sind. Und es gibt Alben, bei denen von Anfang an alles rundzulaufen scheint — die Ideen, der Vibe, die Stimmung im Studio. Als Gentle Giant am 24. Juli 1972 ins Tonstudio gingen, um ihr viertes Album aufzunehmen, war zweiteres der Fall. „Ich erinnere mich, dass wir uns ziemlich sicher fühlten, als wir dieses Album aufnahmen”, erinnert sich  Gitarrist Gary Green in den Liner Notes der Neuauflage des Albums. „Wir hatten einen guten Haufen Melodien und unsere Studiotechnik (besonders die von Ray) wurde mit jeder Platte besser. Wir experimentierten weiter mit Instrumentenkombinationen, Sounds und Effekten und tauschten unsere Ideen mit dem Tontechniker Martin Rushent aus, der unsere verrückten Ideen voll und ganz unterstützte“.

Großes Selbstvertrauen, große Inspiration

Die Inspiration war so groß wie das Selbstvertrauen, die Band brauchte nicht lange, um dorthin zu kommen, wo sie hin wollte: Am 5. August 1972 waren die Aufnahmesessions schon wieder zu Ende. Herausgekommen ist in diesen wenigen, höchst kreativen Tagen dabei eines der komplexesten, vielschichtigsten und bemerkenswertesten Alben der Prog-Geschichte. Wohin die Reise auf Octopus gehen würde, macht bereits der Opener The Advent Of Purge klar. Extrem vielschichtig, vertrackt, überbordend vor Ideen und Richtungen. Octopus geht seinen eigensinnigen Weg zwischen Prog, Jazz und Klassik. Manchmal meint man auch, etwas Folk-Einflüsse durchzusehen. Es setzt auf Gesangsschichtungen, Kontrapunkte und überraschende  Wendungen, auf das Spiel mit Dissonanzen und Brüchen — nur um wenige Sekunden später wieder plötzlich völlig eingängig daherzukommen.

Literarische und philosophische Inspirationen

Natürlich musste das nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch Anspruch und einen roten Faden haben. So ließ man sich von literarischen und philosophischen Werken inspirieren — unter anderem von den französischen Schriftsteller François Rabelais und Albert Camus. Die Band selbst war zufrieden mit dem Ergebnis. „Octopus war wahrscheinlich unser bestes Album, mit Ausnahme von Acquiring the Taste vielleicht“, erklärte Gründungsmitglied und Multiinstrumentalist Ray Shulman einmal.

Zur Genese des Albums erzählt er: „Wir begannen mit der Idee, einen Song über jedes Mitglied der Band zu schreiben. Ein Konzept im Kopf zu haben, war ein guter Ausgangspunkt für das Schreiben. Ich weiß nicht, warum, aber trotz des Einflusses von The Who’s Tommy und Quadrophenia wurden Konzeptalben fast über Nacht plötzlich als langweilig und prätentiös empfunden.“ Dass die Platte Octopus heißt, soll der Ehefrau von Shulmans Bruder und Bandkollegen Phil Shulman geschuldet sein. Die brachte Octopus als Anspielung auf die Zahl acht (die Anzahl der Tracks) und das Wort Opus ins Spiel.

Ein geniales gut gealtertes Werk

Oft ist es bei Alben, die zu jener Zeit als avantgardistisch gelten ja so, dass man Jahrzehnte später bemerkt, dass sie irgendwie schlechter gealtert sind oder anachronistisch klingen. Bei Octopus ist dies nicht der Fall — das kreative Wagnis von Garry Green, Kerry Minnear, Derek, Ray und Phil Shulman sowie John Weathers klingt heute sogar noch überraschend frisch. Octopus quillt nur so über voller musikalischer Abenteuerlust — und klingt bei aller Raffinesse und allem Intellekt nie verkopft. Im Gegenteil: Manchmal, wie in „Dog’s Life“ geht es textlich geradezu leichtfüßig zur Sache.

2015 hat sich Prog-Superstar Steven Wilson der Platte angenommen und den Mix überarbeitet — so erstrahlte Octopus in Wilsons Remix/Remaster noch besserer Soundqualität. Aber in welcher Version auch immer: Octopus ist ein mitreißendes Abenteuer, das im Plattenregal jedes Prog-Fans stehen sollte. Octopus zeigt auch den besonderen Status, den Gentle Giant in der Proggeschichte haben. Sie wurden keine Superstars wie andere ihrer Kollegen und Kolleginnen — leider! — aber gelten als wichtiger Einfluss für viele Bands, die danach kamen.

Eine großartige Platte und eine unbedingte Empfehlung!

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Continue Reading

Popkultur

„Happy Xmas (War Is Over)“: Wie der Protestsong zu einem Weihnachtsklassiker wurde

Published on

John Lennon und Yoko Ono

„And so this is Christmas“: Man könnte mit dem Zitieren des Textes hier aufhören und hätte seinem Gegenüber bereits einen Ohrwurm verpasst. Längst ist der Song aus der Feder von John Lennon und Yoko Ono ein Klassiker in Sachen Weihnachts- und Protestsong – normalerweise nicht unbedingt miteinander verwandte Genres.

von Markus Brandstetter

Dabei sah es zumindest bei der Erstveröffentlichung in den USA zunächst nicht danach aus, als hätte man es hier mit einem zukünftigen Klassiker zu tun. Denn als Happy Xmas (War Is Over) am 1. Dezember 1971 in den Vereinigten Staaten erschien, schaffte der Song zunächst nur mäßige Chartplatzierungen. Gut, der Platz drei bei den Billboard Christmas Singles Chart mal ausgenommen. Das hatte einerseits damit zu tun, dass man Weihnachtssongs, zumindest damals, für gewöhnlich mit etwas mehr zeitlichem Vorlauf veröffentlichen sollte, andererseits schien auch die PR-Abteilung nur wenig motiviert.

Erfolg in Großbritannien

In Lennons Heimat Großbritannien sah das schon besser aus. Allerdings dauerte es bis zum Release dort eine ganze Weile. Aufgrund von einem Streit um Publishing-Rechte mit Northern Songs erschien der Song dort erst am 24. November 1972. Happy Xmas (War Is Over)  schaffte es bis auf Platz vier der Single-Charts, die Platte musste bald nachgepresst werden. Zunächst erschien der Song nur als Single, auf einem Album landete er erst 1975 – auf der Compilation Shaved Fish.

Ewiger Klassiker

Aber was macht Happy Xmas (War Is Over) so bemerkenswert und erinnerungswürdig? Den Slogan ansich hatten Lennon und Ono nicht erfunden, der tauchte bereits in anderen Stücken auf – bei The Doors und John Ochs. Lennon und Ono waren zu dem Zeitpunkt bereits bekannte Aktivist*innen, hatten mit den Bed-Ins, bei denen sie im Bett vor Medienvertreter*innen für den Weltfrieden demonstrierten, bereits für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt. Lennon und Ono ließen in zwölf großen Städten Plakate mit den Worten „WAR IS OVER! If You Want It – Happy Christmas from John & Yoko“ errichten.

Bei dem Stück trifft eine eingängige, durchaus weihnachtstaugliche Melodie auf Sozialkritik. Diese kommt aber nicht von oben herab, sondern eher mit besorgt-freundlichem, sanft optimistischen Ton. Lennon wollte Kitsch vermeiden, aber die soziale Message in etwas Eingängiges packen. Es war Lennons und Onos Statement gegen den Vietnamkrieg, der noch bis 1975 wütete und viele Opfer fordern sollte. Man könnte sagen, der Song setzte dort an, wo Give Peace A Chance 1969 aufgehört hatte. „And so happy Christmas / For black and for white / For yellow and red ones / Let’s stop all the fights / A very merry Christmas / And a happy New Year / Let’s hope it’s a good one / Without any fears“ heißt es darin. Unterstützt werden Lennon und Ono gesanglich vom Harlem Community Choir, den Lennon für die Aufnahmen leitete.

Eigenleben

Happy Xmas (War Is Over), produziert von Phil Spector, nahm über die Jahre ein Eigenleben an. Es kam immer wieder in die Charts – die höchste Platzierung erfuhr es nach der Ermordung Lennons 1980 mit Platz zwei der britischen Single-Charts (Platz eins ging damals an Imagine). Er wurde tausende Male gecovert – von Celine Dion und Neil Diamond, von Carly Simon und REO Speedwagon, von Laura Pausini und Miley Cyrus, von Jimmy Buffett, John Legend und Jessica Simpson.

Längst gehört Happy Xmas (War Is Over) in den Kanon der Weihnachtsklassiker – und jener der Protestsongs. Man kann den Fokus beim Hören legen wie man möchte. Happy Xmas (War Is Over) funktioniert als nachdenklicher, altruistischer Weihnachtssong, als Statement gegen Krieg – und als ewig gültige und stets nötige Hoffnung, dass sich die Welt vielleicht doch ein Stück bessert.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

„Imagine“: Wie der kontroverse Song von John und Yoko zur Friedenshymne wurde

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss