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Die musikalische DNA von Eric Clapton

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Wusstet ihr, dass Eric Clapton mit zweitem Namen Patrick heißt? Nein? Ist es euch egal? Vermutlich. Denn Fans wissen natürlich: Claptons zweiter Name ist „Slowhand“. Dass sich dahinter wiederum ein boshafter Scherz versteckt, das wiederum ist nicht allen bekannt: Als er in seiner Zeit bei der Band The Yardbirds auf der Bühne eine Saite wechselte, quittierte das englische Publikum das mit sarkastischem, langsamem Applaus – ein sogenannter „Slow Clap“. Ob es ihn wohl ärgert, dass der Name ihm über ein halbes Jahrhundert immer noch anhängt? Wohl kaum, er scheint sich bestens damit arrangiert zu haben.


Hört euch hier Eric Clapton musikalische DNA in unserer essentiellen Playlist an und lest weiter:


So viel zumindest ist sowieso sicher: Mit Blick auf die turbulente Karriere Claptons verblasst der neckische Spitzname vor weitaus größeren Tragödien. Chaotische Zeiten mit Cream, Drogen- und Alkoholprobleme, wilde Liebesaffären, der tragische Tod seines geliebten Sohnes und heikle politische Aussagen – Claptons schillerndes Schaffen als Musiker wurde immer wieder von kleinen Problemchen und großen Skandälchen überschattet. Damit hat er sich nicht immer beliebt gemacht, seine Fans aber halten zweifelsohne zu ihm: „Clapton is God“ las sich bereits 1967 ein Graffito im Londoner Underground. Das würden noch heute viele unterschreiben!

Denn egal, wie lange der junge Clapton vielleicht zum Aufziehen neuer Saiten brauchte, am Instrument selbst macht ihm niemand etwas vor. Wer sonst kann schon von sich behaupten, gleich drei Male in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen worden zu sein? Richtig: Niemand. Wer sonst wird für Konzerte nach Nordkorea eingeladen? Na gut, Laibach. Aber die spielen nicht ansatzweise so gut Gitarre wie die Slowhand vom Dienst! Selbst mit über 70 Jahren steckt er sie noch alle in die Tasche. Wie er so weit gekommen ist, erklärt ein Blick auf die musikalische DNA dieses Jahrhundertmusikers!


1. Robert Johnson – Cross Road Blues

Die Liste derer, die den vielseitigen Gitarristen inspiriert haben, könnte vermutlich nie zu Ende geschrieben werden. Wo sie aber anfängt, das steht fest: Im Mississippi-Delta! Dort soll der legendäre Robert Johnson damals seine Seele an den Teufel verkauft haben, um Berühmtheit zu erlangen. Nicht der allerbeste Deal, denn erst lange nach seinem Tod sollte Johnson Unsterblichkeit erlangen. Die 1961 erschienene LP King of the Delta Blues Singers legte den Grundstein für sein Erbe. Clapton nimmt den Mund nicht zu voll, wenn er ihn als „den wichtigsten Blues-Musiker aller Zeiten“ bezeichnet. „Er blieb seiner Vision treu. So tiefgründig ich mich in den letzten 30 Jahren auch mit Musik beschäftigt habe – ich habe nie jemanden gehört, der beseelter klingt als Robert Johnson“, sagte er Anfang des Jahrtausends in einem Interview. Johnsons Einfluss erstreckt sich nicht nur auf Spiel Claptons, er hat ihm auch einen seiner größten Hits zu verdanken: Crossroads von Cream ist ein Cover des Cross Road Blues. Sogar das von Clapton gegründete Crossroads Centre für Alkohol- und Drogenabhängige benannte er nach dem Song des Blues-Meisters. Den Teufel hätte das vermutlich ziemlich geärgert! Wir nennen das mal ausgleichende Gerechtigkeit.


2. Albert King – Born Under a Bad Sign

Johnson mag für Clapton der beste Blues-Musiker aller Zeiten sein, er bewundert aber noch eine ganze Reihe anderer. Wer zum Beispiel ist wohl gemeint, wenn von einem King die Rede ist? Nein, in Claptons Fall nicht zwangsläufig Elvis Presley! So wichtig der King of Rock auch für ihn gewesen sein mag, stehen gleich drei andere Könige noch höher in seinem Kurs: Freddie King, B.B. King und Albert King nämlich. Die ersten beiden lieferten die Hauptinspiration für die Yardbirds, Albert Kings Einfluss äußerte sich vor allem bei Cream. Wo allerdings die Wertschätzung aufhörte und der Ideenklau anfing, das ist eine andere Frage. Im Cream-Song Strange Bream spielte Clapton das Gitarrensolo von Albert Kings Oh, Pretty Woman notengetreu nach und selbst später mit Derek & The Dominos mopste sich der spontan hinzugestoßene Gitarrist Duane Allman die Melodie von Kings As Years Go Passing By für den Überhit Layla. Ganz offiziell jedoch war das Cream-Cover von Born Under A Bad Sign, das die Band allerdings nur zögerlich auf Bitte ihrer Plattenfirma aufnahm. Die aber sollte letztlich Recht behalten, denn noch heute gilt das Stück als eines ihrer besten und bekanntesten. Das sahen Cream selbst ein und gaben eine Interpretation von Born Under A Bad Sign bei ihrer Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame im Jahr 1993 zum Besten. Der im Vorjahr verstorbene Albert King konnte das nicht mehr miterleben, B.B. King indes teilte sich danach noch öfter mit Clapton das Rampenlicht.


3. Jimi Hendrix – Wild Thing (Live)

Schön, wenn der Held zum Kollegen wird! Schöner vielleicht noch, wenn der Rivale zum Freund wird. Jimi Hendrix trat aus dem Nichts in Eric Claptons Leben und blamierte ihn sogleich mit einer furiosen Spontan-Jam-Session, während derer der Cream-Gitarrist entmutigt die Bühne verließ, weil ihn der Kollege an die Wand spielte. Vom Rand aus musste Clapton zusehen, wie Hendrix in doppelter Geschwindigkeit mit seiner eigenen Band Howlin’ Wolfs Killing Time neu interpretierte. Zu viel für Clapton, der seine Position als bester Gitarrist seiner Zeit bedroht sah! Der Beginn einer intensiven Feindschaft? Nein, denn es sollte anders kommen und aus den ehrgeizigen Konkurrenten wurden enge Vertraute. Beide waren bekanntermaßen keine Kinder von Traurigkeit. Doch während Clapton seine Dämonen eines Tages erfolgreich besiegen konnte, verstarb Hendrix im September 1970 an den Folgen seines exzessiven Lifestyles. Besonders tragisch: Noch einen Tag zuvor hatte Clapton dem Freund eine Fender Stratocaster für Linkshänder gekauft, es sollte sein Geburtstagsgeschenk werden. Wie gerne hätten wir darauf doch Hendrix’ exzessive Gitarrensoli wie auf seinem Wild Thing-Cover gehört! Er sollte nicht der einzige Gitarristenfreund bleiben, der sich abrupt für immer aus Claptons Leben verabschiedete: Im Oktober 1971 starb Claptons enger Freund Duane Allman bei einem Motorradunfall.


4. Big Billy Broonzy – Hey Hey

Beinahe scheint es, als sei der Tod der einzige Begleiter Claptons, der ihm die Treue hält. Einer seiner größten Hits, Tears In Heaven, hätte wohl besser nie geschrieben werden müssen: Darin verarbeitete er den tragischen Tod seines Sohnes Conor, der 1991 bei einem Sturz aus dem Fenster ums Leben kam. Nicht der einzige Schicksalsschlag in dieser Zeit: Noch im Vorjahr waren zwei von Clapton Roadies und der befreundet Musiker Stevie Ray Vaughan bei einem Helikopterunfall gestorben. Als er gemeinsam mit Will Jennings an Tears In Heaven arbeitete, lag ihm das Geschehene noch schwer auf der Seele. „Ich habe nahezu unbewusst Musik als heilende Kraft für mich verwendet und sieh an, es hat funktioniert“, sagte er rückblickend in einem Interview. „Ich habe viel Glück und viel Heilung durch Musik erfahren.“ Besonders markant ist Tears In Heaven wohl auch wegen seiner einfühlsamen Akustikmelodie. Dass der Blues-Rocker überhaupt auf die leisen Töne gekommen ist, hat er unter anderem Big Billy Broonzy zu verdanken, der den Blues nicht nur metronomisch streng mit dem Fuß begleitete, sondern auch auf einer bauchigen Akustikgitarre spielte. Claptons Cover des Broonzy-Stücks Hey Hey reiht sich deshalb in seinem legendären Unplugged-Konzert logischerweise direkt vor Tears In Heaven ein. Ein Song, der glücklich macht und einer mit heilender Kraft – die gehören zusammen!


5. George Harrison – Beware Of Darkness

Eine Band, die gleichermaßen Glück wie Heilung gespendet haben, sind ohne Zweifel die Beatles. Wusstet ihr, dass Clapton beinahe bei den Fab Four eingestiegen wäre? John Lennon dachte sofort an ihn, als George Harrison in Krisenzeiten für wenige Tage mit dem Rest der Band brach. Was wäre das aber für eine unangenehme Situation für die Slowhand gewesen! Der nämlich war dicke mit dem Gitarristenkollegen befreunt und hatte nicht nur für While My Guitar Gently Weeps das Solo beigesteuert, sondern war auch im Jahr 1968 an dessen Soloalbum Wonderwall Music beteiligt. Auch Harrison selbst war beispielsweise auf dem letzten Cream-Album zu hören. In den Credits wird ein ominöser Gast mit dem Namen L’Angelo Misterioso vermerkt, bei dem es sich natürlich um Harrison handelte. Während es sicher kein Leichtes gewesen sein, Zankapfel der Beatles zu sein, so wurde es umso schwieriger, als Harrison dem Freund seine Frau Pattie Boyd vorstellte. Clapton verliebte sich sofort in die Gattin des Kollegen, die ihm aber eine Abfuhr erteilte. Doch die Ehe zwischen Harrison und Boyd fiel 1974 auseinander und 1979 konnte sie nunmehr Clapton nach fünfjähriger Beziehung als die Frau an seiner Seite wähnen. Auch dieses Glück aber hielt nicht lange an und 1987 verließ Boyd ihren ergebenen Lover. Die Freundschaft der beiden Musiker allerdings wurde dadurch allerdings nicht zerstört: Noch oft machten sie Musik miteinander und nach Harrisons Tod im Jahr 2001 kuratierte Clapton eigenhändig das Concert for George, auf welchem er unter anderem ein Cover von Beware Of Darkness spielte.


6. Phil Collins – Sussudio

Die achtziger Jahre waren nicht nur in Liebesangelegenheiten keine einfache Zeit für Clapton, dessen Sound aus der Mode gekommen schien. Gut, dass er auf einen Freund wie Phil Collins zählen konnte, der ihn nicht nur persönlich, sondern auch im Studio unterstützte. Die beiden Clapton-Alben Behind the Sun und August produzierte das Genesis-Mastermind und hinterließ deutlich seine Handschrift auf diesen Platten, deren Drum-Sound stark an Collins’ einzigartigen Stil erinnerte. Hören wir doch einfach mal zuerst in Phil Collins’ Überhit Sussudio herein und vergleich die quietsch fidelen Bläsereinsätze und das makellose Schlagzeugspiel aus der Blechbüchse mit dem von Claptons Song Run auf dem August-Album. Na, fällt euch was auf? Ganz klar, der Kumpel hatte einen mächtigen Einfluss auf den Blues-Narren! Die Freundschaft der beiden rettete sich aber über die achtziger Jahre in die neunziger hinüber. Wenn Collins’ auf Since I Lost You vom Genesis-Album We Can’t Dance aus dem Jahre 1991 die Zeilen „It seems in a moment, your whole world can shatter / Like morning dreams they just disappear“ singt, dann ist das an den Freund gerichtet, der im selben Jahr den Verlust seines Sohnes beklagen musste. Musik spendet eben auch durch die Menschen dahinter Glück, Heilung und Trost.


7. J. J. Cale – Call Me The Breeze

Bevor sich Clapton aber in den achtziger Jahren dank Collins einem elektronischeren Sound zuwandte, versenkte er sich in den siebziger Jahren in der tiefenentspannten Musik von J. J. Cale. Nachdem der zurückhaltende Songwriter 2013 verstarb, widmete Clapton dem Pionier des Tulsa-Sounds im folgenden Jahr ein komplettes Tribute-Album namens The Breeze: An Appreciation Of J. J. Cale. Es verwundert kaum, dass Clapton den Amerikaner als „einen der wichtigsten Musiker der Rock-Geschichte“ betrachtete, wie er selbst immer wieder betonte. Cales mühelose Gratwanderung zwischen Genres wie Jazz, Blues, Rockabilly und Country war eben ganz nach Claptons eigenem Geschmack. Noch lange bevor dieser jedoch dem Idol eine ganze LP widmen sollte, landete er schon 1970 mit einem Cover von After Midnight einen Überraschungshit, auf den ein weiterer folgen sollte: 1977 verpasste er dem soften Cocaine auf seinem Album Slowhand einen zackigeren Anstrich und begeisterte damit sein Publikum. Kein Wunder also, dass die beiden natürlich auch zusammen ins Studio gingen und etwa 2006 gemeinsam mit Derek Trucks und Billy Preston eine gemeinsame Platte aufnahmen. Auch dieses Idol aber musste Clapton von sich gehen lassen…


8. The Band – I Shall Be Released

Als würden seine musikalischen Freundschaften mit Harrison oder Cale nicht schon beweisen, was für ein treuer Begleiter Clapton ist, so zeigt sich seine Standfestigkeit als ergebener Fan auch im Falle von The Band. Als die ehemalige Truppe von Bob Dylan 1968 ihr Debütalbum Music From Big Pink veröffentlichte, kam das wie einen Segen für den Gitarristen, der mit Cream gerade eine handfeste kreative Krise durchlief. „Ich wurde sehr, sehr unzufrieden mit meinem eigenen Kram“, erinnerte er sich Jahrzehnte später in einem Interview. Music From Big Pink aber stellte für ihn alles auf den Kopf. Endlich wieder eine Band, der es nur ums Songwriting und nicht nur die fettesten Verstärkertürme ging! „Es passte einfach“, sagte Clapton, „weil ich der ganzen Virtuosität – oder eher Pseudo-Virtuosität – mit ihren langen, langweiligen Gitarrensoli so überdrüssig geworden war, weil sie so erwartbar waren. The Band brachten wieder alles in den Einklang. Die Priorität lag wieder auf dem Song.“ Genau das also, was er bei Cream vermisste und dem er mit Blind Faith nacheiferte. Frei nach dem Motto: I Shall Be Released! Auch mit The Band (und deren ehemaligen Chef Bob Dylan) traf Clapton sich natürlich im Studio und stand mit ihnen auf der Bühne. Auch auf dem letzten Konzert der Band, das Martin Scorsese in seiner Dokumentation The Last Waltz festhielt. Ein Fan bis zum bittersüßen Ende!


9. Bob Marley & The Wailers – I Shot The Sheriff

Was Clapton neben The Bands Songwriting-Qualitäten noch an ihnen schätze, war das lockere Miteinander von weißen und schwarzen Musikstilen, die in überragenden Songs zusammenfanden. Vielleicht hat der Roots Rock der Gruppe ihn auch auf Roots Reggae gebracht? In den siebziger Jahren zumindest begann er zunehmend, mit den synkopierten Riddims aus Jamaika zu arbeiten. Am bekanntesten ist wohl sein Cover von Bob Marley & The Wailers’ I Shot The Sheriff, das überraschender Weise zu seinem ersten Nummer-Eins-Hit wurde. Mit Alben wie There’s One In Every Crowd vertiefte er seine Beschäftigung mit dem Genre und ist mittlerweile schon in BBC-Dokus über vergessene Reggae-Helden zu sehen gewesen. Und obwohl er damit Marley einem breiteren Publikum vorstellte, so ließ die Kritik nicht lange auf sich warten. Sturzbetrunken lallte Clapton bei einem Auftritt im August 1976 auf der Bühne, dass Großbritannien auf dem besten Wege sei, zur „schwarzen Kolonie“ zu werden und doch bitte weiß bleiben solle. Wie bitte? Der Fotograf veröffentlichte aus Wut über die unsensiblen Aussagen einen offenen Brief an Clapton, der mit den Worten „“Wer hat den Sheriff erschossen, Eric? Das warst verdammt noch mal ganz sicher nicht du!“ Clapton wiegelte ab: Er habe noch nie auf die Hautfarbe geachtet und sich immer nur für die Musik interessiert. „Interessant, dass ich zehn Jahre später als Rassist bezeichnet werde!“ Eine reumütige Entschuldigung sieht anders aus, eins zumindest steht aber fest: Der Blues, dem Clapton sein Leben widmete, wurde von schwarzen Künstlern wie Robert Johnson erfunden.


10. The Derek Trucks Band – Down In The Flood

Womit diese unvollständige Liste wieder am Anfang wäre: Im Mississippi-Delta, der Wiege des Blues. Unweit von dort, noch etwas tief im Süden, entstand ein eigener Sound, der die schwüle Witterung der Südstaaten in Blues-getränkten Rock übersetzte. Eine der größten Bands des Southern Rock sind die Allman Brothers, deren Gitarrist Duane im Laufe seines kurzen Lebens auch mit Clapton zusammenarbeitete. Ein anderer, viel später geborener Gitarrist, sollte mehr als nur Duanes Platz in der Band erben: Derek Trucks’ Vorname geht auf Claptons Band Derek & The Dominos zurück! Kein Wunder, dass auch diese beiden Ausnahmegitarristen zusammenfanden: Auf dem gemeinsamen Album des Briten mit J. J. Cale ist auch Trucks’ unverwechselbares Spiel zu hören. Mehr noch gab der über 30 Jahre ältere Gitarrist zu, dass Trucks ihn auf die Slide-Gitarre gebracht hätte. Clapton eben – er lernt nie aus! „Er war immer schon ziemlich furchtlos, wenn für ihn die Zeit zum Weitergehen gekommen war“, stimmte Trucks ehrerbietig in einem Interview über den Kollegen zu.


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Zeitsprung: Am 5.7.1954 nimmt Elvis Presley seinen ersten Hit „That’s All Right“ auf.

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Michael Ochs Archives/Getty

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.7.1954.

von Tom Küppers und Christof Leim

Natürlich spielt Gevatter Zufall auch im Rock’n’Roll eine wesentliche Rolle. Selbst Elvis Presley, der „King“ höchstselbst, verdankt seinen Karrierestart einem kurzen, absolut ungeplanten Moment…

Hier könnt ihr euch zur Lektüre die Nummer und andere Elvis-Klassiker anhören:

Sam Phillips ist ein umtriebiger Geschäftsmann. Unter dem Banner Sun Records veröffentlicht er Anfang der Fünfziger Tonträger von Künstlern wie B.B. King oder Howlin’ Wolf und betreibt auch das dazugehörige Aufnahmestudio. Schnell kommt er auf die Idee, dieses auch Hobbymusikern zugänglich zu machen, die dann beispielsweise ihren Gesang auf einem rasch gepressten Acetat-Tonträger mit nach Hause nehmen können. Das gefällt auch dem gerade mal zwanzig Jahre jungen Elvis Aron Presley. Der kommt eines Tages in das Studio und möchte als Geburtstagsgeschenk für seine Mutter zwei Songs aufnehmen. Der Kunde ist König, Elvis bekommt seine Platte. Vor allem aber ist Parker recht angetan von dem, was er hört, und lädt den jungen Musiker zu weiteren Aufnahmen ein. 

Zunächst springt der musikalische Funke nicht richtig über, dann hat der Legende nach Parkers Sekretärin Marion Keisker den Geistesblitz, Presley mit dem Gitarristen Scotty Moore bekannt zu machen. Die erste Reaktion des erfahrenen Musikers ist pures Gold: „Elvis Presley? Was zum Geier soll denn das für ein Name sein?“ Nach einer gemeinsamen Probe ändert sich seine Meinung, umgehend wird für den 5. Juli 1954 eine weitere Aufnahmesession angesetzt. Doch die angedachten Interpretationen zeitgenössischer Pop-Hits zünden nicht wirklich. 

Während der Rest der Anwesenden während einer Pause ratlos dreinblickt, schnappt sich Elvis einfach eine Gitarre und beginnt, eine flotte Version von That’s All Right zu singen, einen Proto-Blues von Arthur Crudup. Später wird Presley erzählen, dass er eigentlich lediglich einmal kurz den Clown geben wollte, um die Stimmung aufzuheitern. Kontrabassist Bill Black steigt allerdings zupfenderweise auf den Witz ein, und da geht Parker plötzlich ein Licht auf: Das ist genau der neue Sound, nach dem alle suchen, und er hat ihn gerade eben gefunden. Moore stürzt zurück in den Aufnahmeraum, sucht ein paar Akkorde zusammen, und fertig ist die Nummer. 

Drei Tage später läuft That’s All Right dann zum ersten Mal im Radio bei Sendern, die Philipps mit einer Vorabpressung versorgt hat. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten; in einem Studio glühen die Telefone solange, bis sich der DJ genötigt sieht, die Platte während seiner zweistündigen Show immer und immer wieder aufzulegen. Elvis wird sogar zu einem Liveinterview eingeladen.

Am 19. Juli 1954 steht That’s All Right dann als Single in den Läden mit Blue Moon Of Kentucky als B-Seite, den die drei Musiker auf ähnliche Weise eingespielt hatten: Gesang, Gitarre, Bass, fertig. Und damit beginnt eine bis heute unvergleichliche Weltkarriere.

Und das soll alles darauf basieren, das Presley nur mal kurz einen Witz reißen wollte? Ein paar Jahre vor seinem Tod beantwortet Scotty Moore genau diese Frage mit einem Lachen im Gesicht und einem eindeutigen „Absolut!“ Manche Geschichten kann man sich echt nicht ausdenken…

Zeitsprung: Am 26.8.1969 kann Elvis Presley auf der Bühne nicht aufhören zu lachen.

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Sex, Prügel, Mordversuche: Vor 40 Jahren heiraten Ozzy und Sharon Osbourne

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Sharon & Ozzy Osbourne
Foto: Dave Hogan/Getty Images

Wie die Ehe zwischen zwei absolut unberechenbaren Neurotiker*innen wie Ozzy und Sharon Osbourne wohl so verläuft? Heftiger und exzessiver als sich das jede*r von uns vorstellen kann. Chronik einer sehr wilden Ehe.

von Björn Springorum

Im April 1979 wird Ozzy Osbourne nach katastrophalen Konzerten und unproduktiven Studioaufenthalten bei Black Sabbath vor die Tür gesetzt. Für ihn ist die Sache klar: Ihr Manager Don Arden braucht nur einen Sündenbock, erwischt hat es eben ihn. Arden, ein kompromissloser, brutaler Typ mit Mafiamethoden und einer langen Liste von Feinden und Kontroversen, lenkt damals schon seit einigen Jahren die Geschicke der Band. An der Rezeption sitzt damals seine Tochter Sharon Arden.

Liebe auf den ersten Kick

Auf die hat Ozzy schon seit Beginn der Siebziger ein Auge geworfen, bekommt es jedoch irgendwie hin, die Beziehung die ganzen Jahre über professionell zu halten – und das in einem Jahrzehnt, in dem man sich durchaus fragen kann, wie ein Begriff wie „professionell“ überhaupt in Ozzys Habitus passt. Vielleicht liegt es ja daran, dass er davon ausgeht, sie hielte ihn für einen „Wahnsinnigen“, wie er mal recht luzide reflektierte.

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Damals weiß er noch nicht, dass seine Zukünftige aus dysfunktionalen Verhältnissen stammt: Ihr Vater ist gewalttätig, sie ist oft Zeugin seiner Ausraster, als eine sehr junge schwangere Sharon Osbourne mal ihre Mutter besucht, ruft die ihre aggressiven Hunde nicht zurück, die über ihre Tochter herfallen. Sie verliert das Kind. So ein Ozzy auf welcher Droge auch immer wirkt im Gegenzug eher wie ein Spaziergang.

100.000 Pfund für Drogen

Obwohl Arden den Sänger gefeuert hat, nimmt er ihn auf sein Label Jet Records und entsendet seine Tochter Sharon nach Los Angeles, um dessen Solokarriere aufzubauen. Dort hat sich Ozzy mit seinen rund 100.000 Pfund Anteilen am Namen Black Sabbath (heute wären das über eine halbe Million Pfund) zurückgezogen, um in Frieden alles für Drogen und Suff auszugeben – „bevor ich zurück nach Birmingham kehren und mich arbeitslos melden würde“, so erinnert er sich. Ein folgenschwerer Fehler für den ach so taktierenden Manager: Die beiden verlieben sich, formen eine gemeinsame Front gegen Arden, der daraufhin schwere Geschütze auffährt, um die beiden auseinanderzubringen.

Ozzys erste Frau

Don Arden raubt seine Tochter aus, versucht sie umzubringen und erzählt Ozzy einmal sogar, dass seine Tochter ihren eigenen Vater verführen wollte. Familien… Man kann sie sich eben nicht aussuchen. Ozzy und Sharon bleiben stark, aber da gibt es natürlich noch ein anderes Problem: Ozzy ist seit 1971 mit einer gewissen Thelma Riley verheiratet, die beiden haben sogar zwei Kinder. Um den Weg für die neue Liebe frei zu machen, lässt sich Ozzy 1982 von Riley scheiden und tritt am 4. Juli 1982 mit Sharon Arden vor den Traualtar. Natürlich darf man sich fragen, wie die beiden jemals auch nur annehmen konnten, eine ruhige, harmonische Ehe zu führen, aber es ist natürlich nicht an uns, das zu beurteilen.

 

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Während Ozzy sehr bald danach wieder in einem Schleier aus Drogen und Alkohol durch die Welt stolpert und Sharon Osbourne in ihrer neuen Rolle als Managerin mehr und mehr wird wie ihr brutaler Vater, ist zumindest ihr Hochzeitstag eine romantische Sache: Ozzy im weißen Anzug, mit Fliege und Lorbeerkranz (wie ein römischer Kaiser), Sharon im weißen Kleid mit Schleier. Weiß, die Farbe der Unschuld… Das kommt schon 1982 nicht mehr hin.

Keine großbusige Beutefrau

Was folgt, wissen wir alle: eine wilde Ehe voller Exzesse, Streitereien und physischer Gewalt. Sie überfährt ihn mit dem Auto, er sie mit dem Rasenmäher, 1989 versucht er nach vier Flaschen Wodka, sie zu erwürgen. Dafür kommt er sogar ein paar Monate in den Knast. Sharon hält zu ihm. Die ganze Zeit. 2016 trennen sie sich zwar kurz, als Ozzys Affäre mit der Haarstylistin Michelle Pugh ans Licht kommt, doch nach Dutzenden Affären ist Sharon wohl abgehärtet, schon im Jahr darauf sind sie wieder zusammen. Und nicht nur das: Sie baut ihn über die Jahre zum Nationalheiligtum auf, zur bekanntesten Marke im Heavy Metal. Für Ozzy, klar. Aber auch für sich selbst. „Ich hörte damals immer nur: Ihr werdet das nie schaffen“, erinnerte sie sich mal. „Alle sahen ihn eher mit einer großbusigen Beutefrau, doch er bekam mich: eine kleine, fette, haarige Halbjüdin. Ich musste sehr viel kämpfen.“

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Mittlerweile haben es sogar die beiden geschafft, ihre Ehe in ruhigere Fahrwasser zu steuern. Zu ihrem 40. Hochzeitstag werden die beiden ihr Eheversprechen erneuern – das zweite Mal nach 2017. Und sich dann auf ihren Umzug zurück nach England vorbereiten. Happy anniversary!

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Zeitsprung: Am 4.7.1934 kommt DJ-Legende Mal Sondock zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.7.1934.

von Timon Menge und Christof Leim

Er gilt als „Vater aller Discjockeys“, zumindest in Deutschland. In den Sechzigern und Siebzigern moderiert er die Diskothek im WDR, in den Achtzigern folgt Mal Sondocks Hitparade. Am 4. Juli hätte Mal Sondock seinen Geburtstag gefeiert. Werfen wir einen Blick auf das Leben des Amerikaners, der das deutsche Radio revolutionierte.

Hört euch hier Hey, Annabella Susann von Mal Sondock an:

Es gab eine Zeit in der Welt des Musikhörens, von denen Eltern ihren Kindern heute bloß noch erzählen können. YouTube und Spotify waren noch nicht erfunden, MP3-Dateien ebenfalls nicht. Ja, sogar die Entwicklung der CD lag noch in weiter Ferne. Wir sprechen von einer Zeit, in der man genau vier Möglichkeiten hatte, neue Musik zu entdecken: per Blindkauf, per Fachpresse, per Freundeskreis oder per Radio. Letzteres Medium prägt in Deutschland vor allem ein Mann: Mal Sondock.

Zur Welt kommt Malcolm Ronald „Mal“ Sondock am 4. Juli 1934 in Houston, Texas. Gemeinsam mit einer Schwester wächst er als Sohn eines Zahnarztes auf. Bereits im Alter von 17 Jahren arbeitet er als Discjockey in Oklahoma City, während der College-Zeit heuert er bei mehreren Radiosendern und einer Plattenfirma an. 

1957 verschlägt es Sondock nach Deutschland. Als amerikanischer GI lebt er in Frankfurt am Main, Bremerhaven und München. Um seinen Sold von 75 US-Dollar aufzubessern, organisiert er Tanzveranstaltungen, bei denen er nicht, wie sonst üblich, eine Musikgruppe aufspielen lässt, sondern Schallplatten auflegt. Heute sagt man, dass es sich bei diesen Partys um die ersten Diskotheken Deutschlands gehandelt haben muss. 

Sondock kommt auf den Geschmack und bewirbt sich bei der ARD. Von dort aus landet er beim WDR, zunächst als Urlaubsvertretung für den Briten Chris Howland alias Mr. Pumpernickel. Ab 1961 moderiert Sondock die Montagnachmittagsmelodie, ab 1966 den Diskothekenbummel, aus dem sich 1967 die Sendung entwickelt, mit der er Radiogeschichte schreiben soll: Diskothek im WDR.

Ein großer Teil des Erfolgsrezeptes: Sondocks bescheidene Art. So garniert er seine Sendungen mit selbstironischen Sprüchen wie: „Weil er Deutsch nicht reden kann, schleppt er noch mehr Platten an.“ Er gilt aber auch als Arbeitstier. Laut eigener Aussage hört er für eine bis zwei Sendestunden sechs Tage pro Woche Musik, vier bis fünf Stunden täglich. Oft spielt er die kommenden Hits zum ersten Mal, manchmal sogar als Weltpremiere.

Revolutioniert über Dekaden hinweg das deutsche Radio: Mal Sondock

Ganze 13 Jahre lang bleibt Sondock mit dem beliebten Format auf Sendung und prägt drei bis vier Generationen an Musikhörern. Anders gesagt: Was er nicht spielt, ist auch nicht passiert. Aufgezeichnet wird die Diskothek live vor jugendlichem Publikum, aus dem zu Beginn jeder Show eine fünfköpfige Jury ausgewählt wird. Diese entscheidet im Verlauf der Sendung darüber, ob die vorgestellten Neuerscheinungen „Hit oder Niete“ werden. Die Zuhörer zuhause können außerdem Postkarten mit Musikvorschlägen einschicken, die nach Beliebtheit sortiert gespielt werden. 

Anfang 1981 wird die Diskothek durch Mal Sondocks Hitparade ersetzt. Die Rubrik „Hit oder Niete“ bleibt erhalten, diesmal allerdings per Telefonabstimmung. Knapp vier Jahre später wird die Sendung abgesetzt. Die offizielle Begründung: zu niedrige Einschaltquoten. Kaum jemand glaubt das, denn schließlich hören sie ihn alle, den alten M.A.L. vom WDR. Dennoch: Am 19. Dezember 1984 läuft die letzte Folge — mit Weihnachtsgrüßen von Freddie Mercury, Alan Parsons und Billy Ocean.

Was man sich heute kaum noch vorstellen kann: Sondocks Reichweite. Obwohl seine Sendung nur in Nordrhein-Westfalen und Umgebung ausgestrahlt wird, spielt er die Songs, die wenig später das ganze Land begeistern. Moderne Formen des Musikkonsums wie Spotify oder YouTube gibt es noch nicht, man muss sich anders behelfen. Wer in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern die Hits der Woche konservieren möchte, hängt mit zwei Fingern am Kassettenrecorder und drückt nach den Anmoderationen blitzschnell auf „Play“ und „Record“. Wenn man Glück hat, quatscht Mal nicht in den Song. „Nur bei Sachen, die zwei-, dreimal liefen, habe ich reingesprochen“, verteidigt sich Sondock später, wie der WDR berichtet. „Und das nur, um das Tempo dieser Sendung zu halten. Das hatte ich in Amerika gelernt.“

Neben seinem Job als Radiomoderator betätigt sich Sondock über die Jahre auch als Produzent, Sänger und Schauspieler. So entdeckt er nicht nur den Schlagerstar Michael Holm (Tränen lügen nicht), sondern singt auch selbst einige Platten ein. Seine erfolgreichsten Songs: Hey, Annabella Susann (1962), Das Mädchen mit dem traurigen Blick (1964) und Ich mach’ mir Sorgen um dich (1965). Im Film Stadt ohne Mitleid (1961) spielt er eine Nebenrolle. Zusätzlich tourt der Amerikaner jahrelang als mobiler Discjockey durch Deutschland.

Am 9. Juni 2009 stirbt Sondock im Alter von 74 Jahren in einem Kölner Krankenhaus. Er hinterlässt eine Frau, einen Sohn sowie eine Tochter. Beerdigt wird er auf dem Palm Cemetery in Orange County, Florida. Laut Welt hat Sondock einmal gesagt: „Ich verbreite keine Kultur. Ich bin ein Ami mit schlechtem Deutsch, der die Kinder mit Rock’n’Roll versaut.“ Musikdeutschland dankt ihm dafür. Rest in peace, alter Jockdiscey M.A.L.!

Zeitsprung: Am 25.9.1965 geht der „Beat-Club“ auf Sendung

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