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Die musikalische DNA von Eric Clapton

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Wusstet ihr, dass Eric Clapton mit zweitem Namen Patrick heißt? Nein? Ist es euch egal? Vermutlich. Denn Fans wissen natürlich: Claptons zweiter Name ist „Slowhand“. Dass sich dahinter wiederum ein boshafter Scherz versteckt, das wiederum ist nicht allen bekannt: Als er in seiner Zeit bei der Band The Yardbirds auf der Bühne eine Saite wechselte, quittierte das englische Publikum das mit sarkastischem, langsamem Applaus – ein sogenannter „Slow Clap“. Ob es ihn wohl ärgert, dass der Name ihm über ein halbes Jahrhundert immer noch anhängt? Wohl kaum, er scheint sich bestens damit arrangiert zu haben.


Hört euch hier Eric Clapton musikalische DNA in unserer essentiellen Playlist an und lest weiter:


So viel zumindest ist sowieso sicher: Mit Blick auf die turbulente Karriere Claptons verblasst der neckische Spitzname vor weitaus größeren Tragödien. Chaotische Zeiten mit Cream, Drogen- und Alkoholprobleme, wilde Liebesaffären, der tragische Tod seines geliebten Sohnes und heikle politische Aussagen – Claptons schillerndes Schaffen als Musiker wurde immer wieder von kleinen Problemchen und großen Skandälchen überschattet. Damit hat er sich nicht immer beliebt gemacht, seine Fans aber halten zweifelsohne zu ihm: „Clapton is God“ las sich bereits 1967 ein Graffito im Londoner Underground. Das würden noch heute viele unterschreiben!

Denn egal, wie lange der junge Clapton vielleicht zum Aufziehen neuer Saiten brauchte, am Instrument selbst macht ihm niemand etwas vor. Wer sonst kann schon von sich behaupten, gleich drei Male in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen worden zu sein? Richtig: Niemand. Wer sonst wird für Konzerte nach Nordkorea eingeladen? Na gut, Laibach. Aber die spielen nicht ansatzweise so gut Gitarre wie die Slowhand vom Dienst! Selbst mit über 70 Jahren steckt er sie noch alle in die Tasche. Wie er so weit gekommen ist, erklärt ein Blick auf die musikalische DNA dieses Jahrhundertmusikers!


1. Robert Johnson – Cross Road Blues

Die Liste derer, die den vielseitigen Gitarristen inspiriert haben, könnte vermutlich nie zu Ende geschrieben werden. Wo sie aber anfängt, das steht fest: Im Mississippi-Delta! Dort soll der legendäre Robert Johnson damals seine Seele an den Teufel verkauft haben, um Berühmtheit zu erlangen. Nicht der allerbeste Deal, denn erst lange nach seinem Tod sollte Johnson Unsterblichkeit erlangen. Die 1961 erschienene LP King of the Delta Blues Singers legte den Grundstein für sein Erbe. Clapton nimmt den Mund nicht zu voll, wenn er ihn als „den wichtigsten Blues-Musiker aller Zeiten“ bezeichnet. „Er blieb seiner Vision treu. So tiefgründig ich mich in den letzten 30 Jahren auch mit Musik beschäftigt habe – ich habe nie jemanden gehört, der beseelter klingt als Robert Johnson“, sagte er Anfang des Jahrtausends in einem Interview. Johnsons Einfluss erstreckt sich nicht nur auf Spiel Claptons, er hat ihm auch einen seiner größten Hits zu verdanken: Crossroads von Cream ist ein Cover des Cross Road Blues. Sogar das von Clapton gegründete Crossroads Centre für Alkohol- und Drogenabhängige benannte er nach dem Song des Blues-Meisters. Den Teufel hätte das vermutlich ziemlich geärgert! Wir nennen das mal ausgleichende Gerechtigkeit.


2. Albert King – Born Under a Bad Sign

Johnson mag für Clapton der beste Blues-Musiker aller Zeiten sein, er bewundert aber noch eine ganze Reihe anderer. Wer zum Beispiel ist wohl gemeint, wenn von einem King die Rede ist? Nein, in Claptons Fall nicht zwangsläufig Elvis Presley! So wichtig der King of Rock auch für ihn gewesen sein mag, stehen gleich drei andere Könige noch höher in seinem Kurs: Freddie King, B.B. King und Albert King nämlich. Die ersten beiden lieferten die Hauptinspiration für die Yardbirds, Albert Kings Einfluss äußerte sich vor allem bei Cream. Wo allerdings die Wertschätzung aufhörte und der Ideenklau anfing, das ist eine andere Frage. Im Cream-Song Strange Bream spielte Clapton das Gitarrensolo von Albert Kings Oh, Pretty Woman notengetreu nach und selbst später mit Derek & The Dominos mopste sich der spontan hinzugestoßene Gitarrist Duane Allman die Melodie von Kings As Years Go Passing By für den Überhit Layla. Ganz offiziell jedoch war das Cream-Cover von Born Under A Bad Sign, das die Band allerdings nur zögerlich auf Bitte ihrer Plattenfirma aufnahm. Die aber sollte letztlich Recht behalten, denn noch heute gilt das Stück als eines ihrer besten und bekanntesten. Das sahen Cream selbst ein und gaben eine Interpretation von Born Under A Bad Sign bei ihrer Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame im Jahr 1993 zum Besten. Der im Vorjahr verstorbene Albert King konnte das nicht mehr miterleben, B.B. King indes teilte sich danach noch öfter mit Clapton das Rampenlicht.


3. Jimi Hendrix – Wild Thing (Live)

Schön, wenn der Held zum Kollegen wird! Schöner vielleicht noch, wenn der Rivale zum Freund wird. Jimi Hendrix trat aus dem Nichts in Eric Claptons Leben und blamierte ihn sogleich mit einer furiosen Spontan-Jam-Session, während derer der Cream-Gitarrist entmutigt die Bühne verließ, weil ihn der Kollege an die Wand spielte. Vom Rand aus musste Clapton zusehen, wie Hendrix in doppelter Geschwindigkeit mit seiner eigenen Band Howlin’ Wolfs Killing Time neu interpretierte. Zu viel für Clapton, der seine Position als bester Gitarrist seiner Zeit bedroht sah! Der Beginn einer intensiven Feindschaft? Nein, denn es sollte anders kommen und aus den ehrgeizigen Konkurrenten wurden enge Vertraute. Beide waren bekanntermaßen keine Kinder von Traurigkeit. Doch während Clapton seine Dämonen eines Tages erfolgreich besiegen konnte, verstarb Hendrix im September 1970 an den Folgen seines exzessiven Lifestyles. Besonders tragisch: Noch einen Tag zuvor hatte Clapton dem Freund eine Fender Stratocaster für Linkshänder gekauft, es sollte sein Geburtstagsgeschenk werden. Wie gerne hätten wir darauf doch Hendrix’ exzessive Gitarrensoli wie auf seinem Wild Thing-Cover gehört! Er sollte nicht der einzige Gitarristenfreund bleiben, der sich abrupt für immer aus Claptons Leben verabschiedete: Im Oktober 1971 starb Claptons enger Freund Duane Allman bei einem Motorradunfall.


4. Big Billy Broonzy – Hey Hey

Beinahe scheint es, als sei der Tod der einzige Begleiter Claptons, der ihm die Treue hält. Einer seiner größten Hits, Tears In Heaven, hätte wohl besser nie geschrieben werden müssen: Darin verarbeitete er den tragischen Tod seines Sohnes Conor, der 1991 bei einem Sturz aus dem Fenster ums Leben kam. Nicht der einzige Schicksalsschlag in dieser Zeit: Noch im Vorjahr waren zwei von Clapton Roadies und der befreundet Musiker Stevie Ray Vaughan bei einem Helikopterunfall gestorben. Als er gemeinsam mit Will Jennings an Tears In Heaven arbeitete, lag ihm das Geschehene noch schwer auf der Seele. „Ich habe nahezu unbewusst Musik als heilende Kraft für mich verwendet und sieh an, es hat funktioniert“, sagte er rückblickend in einem Interview. „Ich habe viel Glück und viel Heilung durch Musik erfahren.“ Besonders markant ist Tears In Heaven wohl auch wegen seiner einfühlsamen Akustikmelodie. Dass der Blues-Rocker überhaupt auf die leisen Töne gekommen ist, hat er unter anderem Big Billy Broonzy zu verdanken, der den Blues nicht nur metronomisch streng mit dem Fuß begleitete, sondern auch auf einer bauchigen Akustikgitarre spielte. Claptons Cover des Broonzy-Stücks Hey Hey reiht sich deshalb in seinem legendären Unplugged-Konzert logischerweise direkt vor Tears In Heaven ein. Ein Song, der glücklich macht und einer mit heilender Kraft – die gehören zusammen!


5. George Harrison – Beware Of Darkness

Eine Band, die gleichermaßen Glück wie Heilung gespendet haben, sind ohne Zweifel die Beatles. Wusstet ihr, dass Clapton beinahe bei den Fab Four eingestiegen wäre? John Lennon dachte sofort an ihn, als George Harrison in Krisenzeiten für wenige Tage mit dem Rest der Band brach. Was wäre das aber für eine unangenehme Situation für die Slowhand gewesen! Der nämlich war dicke mit dem Gitarristenkollegen befreunt und hatte nicht nur für While My Guitar Gently Weeps das Solo beigesteuert, sondern war auch im Jahr 1968 an dessen Soloalbum Wonderwall Music beteiligt. Auch Harrison selbst war beispielsweise auf dem letzten Cream-Album zu hören. In den Credits wird ein ominöser Gast mit dem Namen L’Angelo Misterioso vermerkt, bei dem es sich natürlich um Harrison handelte. Während es sicher kein Leichtes gewesen sein, Zankapfel der Beatles zu sein, so wurde es umso schwieriger, als Harrison dem Freund seine Frau Pattie Boyd vorstellte. Clapton verliebte sich sofort in die Gattin des Kollegen, die ihm aber eine Abfuhr erteilte. Doch die Ehe zwischen Harrison und Boyd fiel 1974 auseinander und 1979 konnte sie nunmehr Clapton nach fünfjähriger Beziehung als die Frau an seiner Seite wähnen. Auch dieses Glück aber hielt nicht lange an und 1987 verließ Boyd ihren ergebenen Lover. Die Freundschaft der beiden Musiker allerdings wurde dadurch allerdings nicht zerstört: Noch oft machten sie Musik miteinander und nach Harrisons Tod im Jahr 2001 kuratierte Clapton eigenhändig das Concert for George, auf welchem er unter anderem ein Cover von Beware Of Darkness spielte.


6. Phil Collins – Sussudio

Die achtziger Jahre waren nicht nur in Liebesangelegenheiten keine einfache Zeit für Clapton, dessen Sound aus der Mode gekommen schien. Gut, dass er auf einen Freund wie Phil Collins zählen konnte, der ihn nicht nur persönlich, sondern auch im Studio unterstützte. Die beiden Clapton-Alben Behind the Sun und August produzierte das Genesis-Mastermind und hinterließ deutlich seine Handschrift auf diesen Platten, deren Drum-Sound stark an Collins’ einzigartigen Stil erinnerte. Hören wir doch einfach mal zuerst in Phil Collins’ Überhit Sussudio herein und vergleich die quietsch fidelen Bläsereinsätze und das makellose Schlagzeugspiel aus der Blechbüchse mit dem von Claptons Song Run auf dem August-Album. Na, fällt euch was auf? Ganz klar, der Kumpel hatte einen mächtigen Einfluss auf den Blues-Narren! Die Freundschaft der beiden rettete sich aber über die achtziger Jahre in die neunziger hinüber. Wenn Collins’ auf Since I Lost You vom Genesis-Album We Can’t Dance aus dem Jahre 1991 die Zeilen „It seems in a moment, your whole world can shatter / Like morning dreams they just disappear“ singt, dann ist das an den Freund gerichtet, der im selben Jahr den Verlust seines Sohnes beklagen musste. Musik spendet eben auch durch die Menschen dahinter Glück, Heilung und Trost.


7. J. J. Cale – Call Me The Breeze

Bevor sich Clapton aber in den achtziger Jahren dank Collins einem elektronischeren Sound zuwandte, versenkte er sich in den siebziger Jahren in der tiefenentspannten Musik von J. J. Cale. Nachdem der zurückhaltende Songwriter 2013 verstarb, widmete Clapton dem Pionier des Tulsa-Sounds im folgenden Jahr ein komplettes Tribute-Album namens The Breeze: An Appreciation Of J. J. Cale. Es verwundert kaum, dass Clapton den Amerikaner als „einen der wichtigsten Musiker der Rock-Geschichte“ betrachtete, wie er selbst immer wieder betonte. Cales mühelose Gratwanderung zwischen Genres wie Jazz, Blues, Rockabilly und Country war eben ganz nach Claptons eigenem Geschmack. Noch lange bevor dieser jedoch dem Idol eine ganze LP widmen sollte, landete er schon 1970 mit einem Cover von After Midnight einen Überraschungshit, auf den ein weiterer folgen sollte: 1977 verpasste er dem soften Cocaine auf seinem Album Slowhand einen zackigeren Anstrich und begeisterte damit sein Publikum. Kein Wunder also, dass die beiden natürlich auch zusammen ins Studio gingen und etwa 2006 gemeinsam mit Derek Trucks und Billy Preston eine gemeinsame Platte aufnahmen. Auch dieses Idol aber musste Clapton von sich gehen lassen…


8. The Band – I Shall Be Released

Als würden seine musikalischen Freundschaften mit Harrison oder Cale nicht schon beweisen, was für ein treuer Begleiter Clapton ist, so zeigt sich seine Standfestigkeit als ergebener Fan auch im Falle von The Band. Als die ehemalige Truppe von Bob Dylan 1968 ihr Debütalbum Music From Big Pink veröffentlichte, kam das wie einen Segen für den Gitarristen, der mit Cream gerade eine handfeste kreative Krise durchlief. „Ich wurde sehr, sehr unzufrieden mit meinem eigenen Kram“, erinnerte er sich Jahrzehnte später in einem Interview. Music From Big Pink aber stellte für ihn alles auf den Kopf. Endlich wieder eine Band, der es nur ums Songwriting und nicht nur die fettesten Verstärkertürme ging! „Es passte einfach“, sagte Clapton, „weil ich der ganzen Virtuosität – oder eher Pseudo-Virtuosität – mit ihren langen, langweiligen Gitarrensoli so überdrüssig geworden war, weil sie so erwartbar waren. The Band brachten wieder alles in den Einklang. Die Priorität lag wieder auf dem Song.“ Genau das also, was er bei Cream vermisste und dem er mit Blind Faith nacheiferte. Frei nach dem Motto: I Shall Be Released! Auch mit The Band (und deren ehemaligen Chef Bob Dylan) traf Clapton sich natürlich im Studio und stand mit ihnen auf der Bühne. Auch auf dem letzten Konzert der Band, das Martin Scorsese in seiner Dokumentation The Last Waltz festhielt. Ein Fan bis zum bittersüßen Ende!


9. Bob Marley & The Wailers – I Shot The Sheriff

Was Clapton neben The Bands Songwriting-Qualitäten noch an ihnen schätze, war das lockere Miteinander von weißen und schwarzen Musikstilen, die in überragenden Songs zusammenfanden. Vielleicht hat der Roots Rock der Gruppe ihn auch auf Roots Reggae gebracht? In den siebziger Jahren zumindest begann er zunehmend, mit den synkopierten Riddims aus Jamaika zu arbeiten. Am bekanntesten ist wohl sein Cover von Bob Marley & The Wailers’ I Shot The Sheriff, das überraschender Weise zu seinem ersten Nummer-Eins-Hit wurde. Mit Alben wie There’s One In Every Crowd vertiefte er seine Beschäftigung mit dem Genre und ist mittlerweile schon in BBC-Dokus über vergessene Reggae-Helden zu sehen gewesen. Und obwohl er damit Marley einem breiteren Publikum vorstellte, so ließ die Kritik nicht lange auf sich warten. Sturzbetrunken lallte Clapton bei einem Auftritt im August 1976 auf der Bühne, dass Großbritannien auf dem besten Wege sei, zur „schwarzen Kolonie“ zu werden und doch bitte weiß bleiben solle. Wie bitte? Der Fotograf veröffentlichte aus Wut über die unsensiblen Aussagen einen offenen Brief an Clapton, der mit den Worten „“Wer hat den Sheriff erschossen, Eric? Das warst verdammt noch mal ganz sicher nicht du!“ Clapton wiegelte ab: Er habe noch nie auf die Hautfarbe geachtet und sich immer nur für die Musik interessiert. „Interessant, dass ich zehn Jahre später als Rassist bezeichnet werde!“ Eine reumütige Entschuldigung sieht anders aus, eins zumindest steht aber fest: Der Blues, dem Clapton sein Leben widmete, wurde von schwarzen Künstlern wie Robert Johnson erfunden.


10. The Derek Trucks Band – Down In The Flood

Womit diese unvollständige Liste wieder am Anfang wäre: Im Mississippi-Delta, der Wiege des Blues. Unweit von dort, noch etwas tief im Süden, entstand ein eigener Sound, der die schwüle Witterung der Südstaaten in Blues-getränkten Rock übersetzte. Eine der größten Bands des Southern Rock sind die Allman Brothers, deren Gitarrist Duane im Laufe seines kurzen Lebens auch mit Clapton zusammenarbeitete. Ein anderer, viel später geborener Gitarrist, sollte mehr als nur Duanes Platz in der Band erben: Derek Trucks’ Vorname geht auf Claptons Band Derek & The Dominos zurück! Kein Wunder, dass auch diese beiden Ausnahmegitarristen zusammenfanden: Auf dem gemeinsamen Album des Briten mit J. J. Cale ist auch Trucks’ unverwechselbares Spiel zu hören. Mehr noch gab der über 30 Jahre ältere Gitarrist zu, dass Trucks ihn auf die Slide-Gitarre gebracht hätte. Clapton eben – er lernt nie aus! „Er war immer schon ziemlich furchtlos, wenn für ihn die Zeit zum Weitergehen gekommen war“, stimmte Trucks ehrerbietig in einem Interview über den Kollegen zu.


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Zeitsprung: Am 28.1.1970 fällt Jimi Hendrix’ Band Of Gypsys krachend auseinander.

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Foto: Hendrix im Madison Square Garden 1970/ Bild: Fred W. McDarrah/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.1.1970.

von Christof Leim

„That’s what happens when earth fucks with space. Never forget that.“ So kommentiert Jimi Hendrix einen katastrophalen Gig im Madison Square Garden am 28. Januar 1970, der nach anderthalb Songs bereits endet. Es sollte die letzte Show der Band Of Gypsys werden…

Hier könnt ihr euch die Band Of Gypsys live anhören:

Mit der Band Of Gypsys geht es verheißungsvoll los: Nach dem Zusammenbrechen der Jimi Hendrix Experience umgibt sich der Gitarrenmeister mit neuen Musikern und spielt einen legendären Auftritt in Woodstock. Die neue Gruppierung nennt er „Gypsy Sun And Rainbows“ und erklärt von der Bühne: „It’s nothing but a band of gypsys.“ Mehr „Hippie“ geht fast nicht.

Pflichtarbeit

In Folgezeit kehrt er mit Bassist Billy Cox und Schlagzeuger Buddy Miles wieder zum Trioformat zurück und erforscht neue musikalische Sphären. Vor allem R&B und Funk halten Einzug. Zum Jahreswechsel 1969/1970 nehmen die drei im Fillmore East in New York City ein Livealbum auf, das den Titel Band Of Gypsys trägt. Oft wird auch dieses Line-up so bezeichnet. Wie viel echtes Herzblut Jimi in dieses Projekt steckt, weiß man nicht so genau. Ein Teil der Motivation kommt aus vertraglichen Verpflichtungen, ein neues Album abzuliefern, wie der Künstler später bereitwillig erklärt.

Cover

Ein dritter Auftritt findet schließlich am 28. Januar 1970 im großen und altehrwürdigen Madison Square Garden statt. Hier spielt die Band Of Gypsys beim Winter Festival For Peace, einer Benefizveranstaltung zugunsten von Antikriegsinitiativen. Mit zum Aufgebot des auf fünf Stunden angelegten Abends gehören unter anderem Harry Belafonte, Blood Sweet & Tears und Dave Brubeck. Anscheinend läuft es mit dem Zeitplan nicht so rund, denn Hendrix, Cox und Miles gehen erst kurz nach drei Uhr morgens auf Bühne. 

Ein Debakel

Der Auftritt wird eine Katastrophe: Das Trio stolpert uninspiriert durch zwei Songs (Who Knows und Earth Blues), vor allem Hendrix selbst scheint nicht er selbst zu sein. Als eine Zuschauerin nach Foxy Lady verlangt, gibt er einen rüden Kommentar ab, und während Earth Blues erklärt er den Anwesenden: „That’s what happens when earth fucks with space“, auf Deutsch: „Das passiert, wenn die Erde mit dem Weltraum fickt.“ (Nein, wir verstehen das auch nicht.) Schließlich setzt er sich auf den Drumriser und weigert sich weiterzuspielen. Irgendwann stöpselt er sein Instrument aus und verschwindet ganz. 

Was war denn da los? Gitarrenkollege Johnny Winter hat Hendrix vor der Show getroffen und berichtet später: „Er kam mit gesenktem Kopf rein, hat sich alleine auf die Couch gesetzt und seinen Kopf in seine Hände gelegt. Bis zur Show hat er sich nicht bewegt.“ Es kursiert die Theorie, dass Manager Michael Jeffrey seinem Künstler einen schlechten LSD-Trip untergeschoben haben soll, um die Band Of Gypsys zu sabotieren, auf dass die erfolgreichere Experience wieder zusammenkomme. Das Kamerateam, dass Jeffrey für den Abend engagiert hat, spricht allerdings eine andere Sprache. Zudem scheint es unwahrscheinlich, dass er seinen Künstler vor großer Kulisse und versammelter Presse so blamieren möchte. Dass Jimi an diesem Abend (mehr als sonst) unter Drogen steht – wissentlich, unwissentlich oder beides – kann man jedoch nicht ausschließen. Für die Band Of Gypsys bedeutet dieses Desaster sofort im Anschluss das Ende: Manager Jeffrey feuert Schlagzeuger Miles, Bassist Cox quittiert seinen Dienst.

Aber: Er freut sich.

Damit scheint es dem Protagonisten allerdings gut zu gehen. Unmittelbar nach dem Gig sieht Produzent Alan Douglas ihn in seiner Garderobe: „Er saß da, spielte Gitarre und lächelte.“ Wenige Tage später erzählt Hendrix dem Rolling Stone: „Ich denke, die Show im Madison Square Garden ist wie das Ende eines großen, langen Märchens. Ich hätte mir kein besseres Ende ausdenken können. Es hat sich da viel in meinem Kopf geändert. Ich konnte das gar nicht genau sagen, ich war sehr müde. Ich habe da den größten inneren Kampf meines Lebens ausgefochten.“ Bereits im Februar kommt die Jimi Hendrix Experience wieder zusammen (mit Billy Cox statt Noel Redding), im September ist der große Künstler schon tot. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 20.2.1959 spielt Jimi Hendrix seinen ersten Gig – und fliegt raus.

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„Give peace a chance“: Die stärksten Lieder gegen den Vietnamkrieg

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Vietnamkrieg
Foto: PhotoQuest/Getty Images

Vor genau 50 Jahren wurde in Paris ein Friedensvertrag unterzeichnet, der das langsame Ende des Vietnamkriegs einläuten sollte. Diese zehn Songs werden auf ewig an das sinnlose Gemetzel im Indopazifik erinnern.

von Björn Springorum

Bis März 1973 waren fast alle US-amerikanischen Truppen aus Vietnam abgezogen. Dennoch dauerte es noch bis 1975, bis auch die letzten Amerikaner das versehrte Land verlassen und ein grausamer, sinnloser, bestialischer Krieg langsam zu Ende geht. Die zehn Jahre davor waren in den USA beherrscht von immer lauteren und massiveren Protesten und Kundgebungen gegen den Krieg – der Aufstieg der Gegenkultur und ihrer unsterblichen Songs. Diese Lieder werden uns für immer an den Vietnamkrieg denken lassen. Und uns in Zukunft hoffentlich bessere Entscheidungen treffen lassen.

1. Barry McGuire – Eve Of Destruction (1965)

„The Eastern world, it is explodin’ – Violence flarin’, bullets loadin’ – You’re old enough to kill but not for votin’“ singt Barry McGuire 1965 im aufgewühlten Eve Of Destruction. Er findet klare Worte, was ihm prompt einen Bann vieler Radiosender einbringt. Der Erfolg des Songs kann davon nicht aufgehalten werden: Im September 1965 ist Eve Of Destruction an der Spitze der US-Charts angekommen.

2. Phil Ochs – I Ain’t Marching Anymore (1965)

Auch der texanische Protestsänger Phil Ochs versteckt sich nicht hinter Metaphern: In I Ain’t Marching Anymore (1965) rechnet er mit der blutigen Geschichte der Vereinigten Staaten ab und singt mit ernster Stimme: „It’s always the old to lead us to the wars – Always the young to fall – Now look at all we’ve won with the saber and the gun – Tell me, is it worth it all?“ Das kriegt Bob Dylan auch nicht besser hin.

3. Tom Paxton – Lyndon Johnson Told The Nation (1965)

Eine politische Folk-Moritat reiht sich ebenfalls 1965 von Tom Paxton ins Antikriegsgeschehen ein: Zu melancholischen Klängen erinnert er daran, dass Präsident Lyndon B. Johnson stets beteuerte, nicht in den Krieg eingreifen zu wollen – im besten „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“-Style. „Lyndon Johnson told the nation – Have no fear of escalation – I am trying everyone to please – Though it isn’t really war – We’re sending fifty thousand more – To help save Vietnam from the Vietnamese“ singt er voller verzweifeltem Zynismus. Da muss man schon mal schlucken.

4. Joan Baez – Saigon Bride (1967)

1967 vertont Joan Baez ein Gedicht von Nina Duschek und macht mit fragiler Trauer auf die Sinnlosigkeit des Krieges aufmerksam: „How many dead men will it take – To build a dike that will not break? How many children must we kill – Before we make the waves stand still?“

5. Country Joe & The Fish – Feel Like I’m Fixin’ To Die (1967)

Einen ganz anderen Ansatz wählen Country Joe & the Fish in ihrem ikonischen Woodstock-Evergreen Feel Like I’m Fixin’ To Die. Beschwingte Hillbilly-Stimmung statt elegischer Wandergitarre, dazu ein aberwitziger, bizarrer, trotziger Text zum Mitträllern, der die Rekrutierungsmethoden der US-Armee aufs Korn nimmt: „And its 1, 2,3 what are we fighting for? Don’t ask me I don’t give a damn – The next stop is Vietnam – And it’s 5, 6, 7 open up the pearly gates – Well there ain’t no time to wonder why – WHOOPEE we’re all gonna die.“ Vielleicht der größte aller Anti-Vietnam-Songs.

6. Richie Havens – Handsome Johnny (1967)

Noch ein unvergessener Woodstock-Moment: Handsome Johnny von Richie Havens wird zu einem Meilenstein der Gegenkultur, zum Soundtrack eines Landes, das den Krieg immer weniger unterstützen kann.

7. Creedence Clearwater Revival – Fortunate Son (1969)

Fortunate Son ist nicht nur einer der besten Rock-Songs aller Zeiten. Sondern auch einer der wichtigsten: Geschrieben nach der Hochzeit von David Eisenhower und Julie Nixon handelt der Song von denen, die nicht in den Krieg müssen, weil sie mit einem Silberlöffel in der Hand geboren werden und dem Einzug durch Macht, Geld und Einfluss entgehen dürfen. Ein großer Moment.

8. John Lennon – Give Peace A Chance (1969)

Die überwältigende Anzahl der Protestsongs aus der Zeit des Vietnamkriegs kommt natürlich aus den USA. Mit Give Peace A Chance steuert aber auch John Lennon ein wichtiges Kapitel zum Antikriegskanon dieser Zeit bei. Aufgenommen in einem Take in Montreal, fünf Monate später von einer halben Million Kehlen bei einem Protestmarsch gesungen. Lennon hat auch als Engländer den richtigen Ton getroffen.

9. Edwin Starr – War (1970)

Edwin Starr bringt es 1970 mit Funk, Disco und Bläsern auf den Punk: „War, huh yeah – What is it good for? Absolutely nothing, oh hoh, oh.” Mehr muss man wirklich nicht dazu sagen. Außer vielleicht: ursprünglich wird der Song für The Temptations geschrieben, die ihn dann aber lieber doch nicht anfassen, um keine Fans zu verärgern. Glück für Edwin Starr: Die Nummer wird zu einer der erfolgreichsten des Jahres.

10. Jimmy Cliff – Vietnam (1969)

Auch die Reggae-Welt rechnet mit dem Krieg ab. 1969 veröffentlicht Jimmy Cliff das schlicht Vietnam betitelte Stück, nach Ansicht Bob Dylans „der beste Protestsong, der jemals geschrieben wurde“. Cliff erzählt in der ersten Strophe von einem Soldaten, der einen Brief nach Hause schickt – und in der zweiten von einem Telegramm, das den Tod des Soldaten übermittelt.

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Protest in zwei Minuten: Die erste The-Clash-Single „White Riot“

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Zeitsprung: Am 26.1.1973 veröffentlichen Deep Purple „Who Do We Think We Are“ – mit Folgen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 26.1.1973.

von Christof Leim

Who Do We Think We Are von Deep Purple wird am 26. Januar 1973 veröffentlicht. Zwar verkauft sich die Scheibe gut und liefert mit Woman From Tokyo sogar einen Hit, aber einfach kam das Album nicht zustande. Das verwundert kaum angesichts des Arbeitspensums der Band. Dass damals zudem zwei der fünf Musiker nicht miteinander reden, hilft natürlich auch nicht. Schlussendlich zerbricht das legendäre Mark-II-Line-up kurz nach der Veröffentlichung.

Hört euch das Album hier und lest die ganze Geschichte:

Vielleicht war einfach die Luft raus. Als Deep Purple im Sommer 1972 ihr siebtes Album angehen, haben sie gerade 18 Monate Tour hinter sich. „Irgendwann bekam jeder von uns ernsthafte gesundheitliche Probleme“, erinnert sich Ian Gillan. Eine Pause gibt es trotzdem nicht, und die Schuld dafür sucht der Sänger – wie so oft in der Rockgeschichte – beim Management: „Wenn das vernünftige Leute gewesen wären, hätten sie uns für drei Monate in den Urlaub geschickt. Stattdessen haben sie uns gedrängt, die Platte im Zeitplan abzuliefern.“

Immer weiter

Also verschanzen sich Ian Gillan, Ritchie Blackmore, Roger Glover, Jon Lord und Ian Paice im Studio, zunächst in Rom, später in Walldorf bei Frankfurt. Aufgenommen wird mit dem Rolling Stones Mobile, das die Band schon im unsterblichen Smoke On The Water besungen hatte. Als Toningenieur agiert Martin Birch, der später mit Rainbow, Black Sabbath und Iron Maiden zu weiterem Weltruhm gelangen sollte.

Das legendäre Mark-II-Line-up von Deep Purple: Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice.

Die Stimmung innerhalb der Truppe befindet sich schon vor den Aufnahmen an einem Tiefpunkt, wie Bassist Glover in einer Dokumentation der BBC beschreibt: „Ich glaube nicht, dass Ritchie und Ian in dem letzten Jahr dieser Besetzung ein Wort miteinander gesprochen haben. Sie wurden zu zwei entgegengesetzten Polen, die sich immer weiter angestachelt und voneinander entfernt haben.“ Deshalb spielen die Musiker ihre Parts sogar getrennt ein; die legendäre musikalische Interaktion von Deep-Purple-Konzerten kommt so natürlich nicht zustande. Blackmore wünscht sich außerdem, dass die Band ihre Blues-Wurzeln wiederentdeckt, angeblich deshalb, weil ihm die letzten Platten zu „poppig“ erscheinen. Das allerdings klingt angesichts der Rockmacht von Machine Head (1972) und Made In Japan (1973) doch sonderbar. Man könnte sogar anführen, dass Who Do We Think We Are „poppiger“ und gefälliger klingt.

Ladehemmung

Der einzige Track aus den Rom-Sessions im Sommer, der es auf das Album schafft, heißt Woman From Tokyo. Hier singt Gillian über die Erfahrungen der ersten Japan-Tour. Den Rest kann die Band erst nach einer erneuten Konzertreise durch Fernost aufnehmen. Dabei kommt die Kreativität nur langsam ins Rollen, schlussendlich enthält die Platte nicht mehr als sieben Songs. Einer davon, Mary Long, handelt von zwei bekannten britischen Persönlichkeiten: der erzkonservativen Aktivistin Mary Whitehouse und dem Sozialreformer Lord Longford. „Die beiden waren ständig mit erhobenem Zeigefinger unterwegs“, erläutert der Sänger später. „Es ging um die Standards der älteren Generation und die gängige Moral. Ich habe die beiden zu einer Person verschmolzen, um die Heuchelei der Zeit darzustellen“. Mit Place In Line findet sich sogar ein echtes Blues-Stück auf der Platte, ansonsten regiert der bekannte Stil des Mark-II-Lineups mit kompetenten Songs und souveränen Wechselspielen zwischen Orgel und Gitarre. Langlebige Hits produziert die Scheibe mit Ausnahme von Woman In Tokyo jedoch nicht.

Who Do We Think We Are erscheint am 26. Januar 1973. Als Titelinspiration dient negative Fanpost, die laut Drummer Ian Paice gerne mit der Frage beginnt: „Wer glauben Deep Purple eigentlich wer sie sind?“ Trotz aller Probleme erweist sich das Werk als Kassenschlager mit einer halben Millionen verkaufter Exemplare in den ersten drei Monaten, was sicher auch an den äußerst erfolgreichen Vorgängern liegt. Das reicht für Platz 15 in den US-Charts, Platz vier in Großbritannien und Platz drei in Deutschland. In den USA bringt im ganzen Jahr 1973 niemand mehr Alben unter die Leute als Deep Purple.

Doch es hilft alles nichts: Die anhaltenden Zwistigkeiten führen dazu, dass dieses Line-up schon am 29. Juni 1973 in Osaka sein letztes Konzert spielt. In einem Brief an die Kollegen verkündet Ian Gillan seinen Ausstieg, Roger Glover geht gleich mit. Erst 1984 kommt die Mark-II-Besetzung wieder für Perfect Strangers zusammen. Die Band engagiert nach Who Do We Think You Are den Trapeze-Bassisten Glenn Hughes und einen gänzlich unbekannten Sänger namens David Coverdale. Schon im Folgejahr erscheinen die Alben Burn und Stormbringer. Aber das ist eine andere Geschichte…

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Zeitsprung: Am 25.1.1975 gibt es Ärger zwischen Deep Purple und AC/DC.

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