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Popkultur

Die musikalische DNA von The Kinks

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The Kinks

Was wäre die Pop-Geschichte nur ohne die Kinks gewesen? Obwohl es der Band um die Davies-Brüder Ray und Dave nach einem Tourverbot in den USA nicht vergönnt war, die „British Invasion“ anzuführen und obwohl ihr Nachruhm nicht die Ausmaße angenommen hat, wie es später bei den Beatles oder den Rolling Stones der Fall war, und, ja, obwohl es der Band schwer fiel, nach den Swingin’ Sixties wieder Fuß zu fassen: Die Kinks sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich das UK im transatlantischen Pop-Wettrennen stets vorne gehalten hat.


Hört euch hier die musikalische DNA von The Kinks als playlist an und lest weiter:


Mit dem rohen, riffigen Sound von You Really Got Me legten sie den Grundstein für Punk und Metal, ihre Mitgröhlhmyne Lola darf in keiner Kneipen-Playlist fehlen. Doch die Kinks haben sie sich ebenso mit einfühlsamen Stücken wie Waterloo Sunset und Days tief in die Annalen der Pop-Geschichte eingeschrieben. So vielseitig die von Rhythm and Blues, Folk, Country, Rock and Roll und sogar indischer Musik beeinflusste Band auch war, so vielfältig ist indes ihr Einfluss auf andere Bands.

Werfen wir also einen Blick auf das, was die Davies-Brüder und ihre zahlreichen Mitstreiter bei den Kinks selbst in sich aufgesogen haben! Nur so können wir ihren nachhaltigen Einfluss auf die Welt von Rock und Pop erklären. Obwohl ihnen der große Erfolg streckenweise verwehrt blieb: Den ehrlichen Respekt von Generationen anderer Bands haben sie sich redlich verdient.


1. John Lee Hooker – Boogie Chillen

„Forget culture, Rock’n’Roll is where it’s at”, heißt es auf dem Ray Davies-Hörstück Back In The Front Room von seinem Solo-Album The Storyteller aus dem Jahr 1998. Zugleich als Hommage an seinen Bruder Dave angelegt, zu dem er zu Zeiten der Kinks und insbesondere später ein stets schwieriges Verhältnis hatte, erzählt Ray darauf von den aufregenden Anfangszeiten der Band, welcher er sein Lebenswerk gewidmet hat. Die beiden Musiker fingen zwar klein, aber in einer großen Familie an. „Zu dieser Zeit waren wir eine Arbeiterfamilie und es war noch vor dem Fernsehzeitalter, weshalb wir unsere eigene Unterhaltung gemacht haben“, erinnerte sich Dave 2015 in einem Interview.

Besonders groß soll der Einfluss der größeren Schwestern – acht Kinder hatte die Davies-Familie insgesamt! – gewesen sein. „Meine Schwester spielte – wie im Song Front Room – Klavier und mein Vater die Löffel“, schwärmte Dave im selben Interview über das familiäre Beisammensein. Die Schwestern brachten auch den Rock’n‘Roll nach Hause, Musik von John Lee Hooker beispielsweise, den Dave im genannten Song – der wohl nicht zufällig diesen Titel trägt – ebenfalls genannt wird. „Sein Gitarrensound war so roh“, erklärte Dave begeistert. „Viele wollten seine Ideen kopieren. Der Gesang, der Blues von Muddy Waters oder sogar frühen Künstlern wie Lead Belly hatte so ein tolles Heulen in der Stimme“. Nichts mit dröger Hochkultur: Die Davies-Brüder waren von Anfang an auf Rock’n’Roll geeicht!


2. Little Richard – Long Tall Sally

Da verwundert es kaum, dass sich die Kinks für ihre Debüt-Single eine der allergrößten Rock-Legenden überhaupt vor die Brust nahmen. Im Februar 1964 erschien mit Long Tall Sally ihre Interpretation des Little Richard-Smash-Hits aus dem Jahr 1956. Damit fuhren sie allerdings nur mäßigen Erfolg ein. Ein böses Omen? Wohl eher eine deutliche Lektion für die junge Band, die sich noch zu viel in ihre Angelegenheiten reinreden ließ!

Es wäre vermutlich nie zu dem Long Tall Sally-Cover gekommen, hätte der Beatles-Promoter Arthur Howes der Band nicht dazu geraten. Im Januar 1964 hatte er seinen Protegés aus Liverpool bei einem Konzert dabei zugehört, wie sie den Song interpretierten. Ursprünglich wollte er den Kinks einen Gefallen tun, indem er sie ins Aufnahmestudio schickte, bevor die Pilzköpfe ihre Long Tall Sally-Interpretation veröffentlichen konnten. Ohne den Song jemals vor Publikum performt zu haben, versuchten sich die Davies-Brüder, Drummer Bobby Graham und Bassist Peter Quaife vergeblich an dem Stück. Paul McCartney, dessen Band die Nummer schon seit ihren Anfangstagen im Programm hatte, konnte an den Vocals einfach mehr überzeugen als Ray Davies.


3. The Yardbirds – Heart Full Of Soul

Es ging bescheiden weiter. Auch die zweite Single aus derselben Aufnahmesession, You Still Want Me, floppte und das Kinks-Label Pye wollte schon den Vertrag mit den Jungspunden auflösen. Ein Glück für die Betreiber, dass sie Geduld mit den Burschen zeigten: Im August 1964 landete die Band mit You Really Got Me den bahnbrechenden Hit ihrer frühen Karriere und veränderten damit für immer den Verlauf der weiteren Musikgeschichte. Nicht, dass die Band sich nach dem Durchbruch hätte ausruhen können, nein. Erst mal ging es für sie auf Ochsentour.

Schon bevor die Kinks Boden unter den Füßen gewannen, hatte Ray Davies eine unvergleichliche Ausdauer an den Tag gelegt. Kaum zu zählen sind die Bands, bei denen er anheuerte, bevor er mit den Kinks seine eigene Vision umsetzen konnte. Ein zentraler Angelpunkt der Szene waren dabei stets die Yardbirds, deren Schicksal ähnlich schleppend anlief und die sich dennoch zu einer der wichtigsten UK-Bands der sechziger Jahre mauserten. Eric Clapton, Jimmy Page und Jeff Beck spielten dort bisweilen Gitarre – nicht das schlechteste Aufgebot! Vor allem aber gelang es der Band, Blues mit britannischem Flair zu versehen. Das sollte auch im Sound der Tourpartner von den Kinks seine Spuren hinterlassen.


4. Jimmy Giuffre – The Train and the River

Bekannt wurden die Kinks aber wie bereits gesagt mit You Really Got Me, einem rüpeligen und riff-basierten Song, der heute als Blaupause für Punk, Hard Rock und Metal angesehen wird. Als Inspiration für den scheppernden Sound diente ein Richard Berry-Song, dessen Kingsmen-Version es Ray Davies besonders angetan hatte. Das Cover der US-amerikanischen Band zeichnete sich ein luftiges Drumming und harte Stakkato-Akkorde aus, wie sie in You Really Got Me in harschen Riffs widerhallten.

Bemerkenswert an You Really Got Me war nicht allein das Miteinander von harmonischen Background-Vocals und Rays raspeligem Gesang, sondern insbesondere der Gitarrenklang von Dave. Der schnitt doch tatsächlich die Lautsprechermembran seines Elpico-Verstärkers auf und steckte Nadeln in den legendär gewordenen „little green amp“, bevor das Signal in einen anderen Verstärker umgeleitet wurde. Als musikalische Grundlage für das fette Riff übrigens diente eine Jazz-Komposition: Ray interpretierte Jimmy Giuffres The Train and the River um, das auf Daves sechs Saiten zum wohl ikonischsten Riff der Sechziger wurde.


5. The Byrds – Turn! Turn! Turn! (To Everything There is a Season)

Die Kinks konnten Zeit ihrer Karriere aber nicht allein in Sachen Lautstärke überzeugen. 1966 tauschte Dave seine halbakustische Harmony Meteor-Gitarre, auf der er You Really Got Me gespielt hatte, gegen eine 12-saitige Fender Electric XII ein. Das Ergebnis war zuerst auf I’m Not Like Everybody Else zu hören. Trotz des rotzigen Flairs des Songs wurde schnell klar: Mit dem Wechsel kam auch ein vollerer, harmonischer Sound zurück in die Band.

Ob es ein Zufall war, dass Dave sich eine neue Gitarre zulegte, nachdem die Byrds im Vorjahr mit dem Bob Dylan-Stück Mr. Tambourine Man und dem Pete Seeger-Song Turn! Turn! Turn! (To Everything There is a Season) zwei Welthits landeten? Wohl kaum. „Die Byrds waren ein wichtiger früher Einfluss“, gestand er in einem Interview. Die Band um Roger McGuinn markierte zu Hochzeiten der „British Invasion“ einen wichtigen Zwischenschritt: Erstmals nahm eine US-amerikanische Gruppe erfolgreich die Einflüsse der britischen Kollegen auf und wandelte sie, angereichert durch Folk-Elemente, in etwas ganz Eigenes um.


6. Bidyut Khan Band & Lucyan – Raga Hemant – Alap

Während die Byrds wie der Rest der Welt ihre Ohren in Richtung England spitzten, waren die Kinks allerdings schon 1965 der Weltöffentlichkeit erneut einen Schritt voraus. Vier Monate, bevor die Beatles in Norwegian Wood (This Bird Has Flown) erstmals eine Sitar erklingen ließen, zeigte sich Ray Davies von klassischen indischen Ragas inspiriert. Der Song See My Friends, eine proto-psychedelische Elegie auf die an einem Herzfehler verstorbene Davies-Schwester Rene, verarbeitete mit röhrendem Gitarrendröhnen den Sound von Bombay. Während einer Asientour hatte Ray dort Fischer auf dem Weg zur Arbeit beobachtet, die das morgendliche Treiben der Millionenstadt mit ihren Gesängen unterhielten. Ein prägendes Erlebnis.

Der Davies-Biograf Johnny Rogan allerdings merkte an, dass die Kinks damit noch lange nicht als Erfinder des sogenannten Raga Rocks gelten dürften. Ihm zufolge hatten die Yardbirds kurz nach dem Weggang Eric Claptons bereits kurz zuvor mit der Single Heart Full of Soul den Grundstein gelegt. Was Jeff Beck auf der Aufnahme mit seinem Instrument anstellt, klingt allerdings entschieden anders als der wesentlich mehr an den klassischen Raga-Sound erinnernde Gitarrenteppich unter See My Friends. Oder was meint ihr?


7. Max Miller – Max Miller in the Theatre

Nicht allein aus den USA oder dem fernen Indien allerdings kamen die Einflüsse der Kinks. Sondern auch direkt aus ihrem Heimatland, das neben Blues-Rockern wie den Yardbirds noch viel, viel mehr bot. Das programmatisch betitelte Album Something Else By The Kinks zeichnete sich durch Music Hall-Elemente aus, wie sie den Alltag der Davies-Brüder zu Kindheitszeiten bestimmten. Max Miller – bürgerlich: Thomas Henry Sargent, Spitzname „The Cheeky Chappie“ – gehört zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten der reichhaltigen Music Hall-Tradition. Er vereinte Stand-Up-Comedy mit gekonnten Gesangseinlagen.

Nicht allein das Theatralische, sondern vor allem auch der Humor war immer schon essentieller Bestandteil der Kinkschen DNA. „Humor ist so wichtig“, bekräftigte Dave in einem Interview. „Weil es den Bogen zur Spiritualität hin schlägt. Du wirst verarscht, an deinen Platz in der Welt erinnert, aber es ist dennoch witzig. Deshalb sind alle großen Komiker wie Tony Hancock, Max Miller und Spike Milligan zugleich Philosophen. Der Weg der Kinks ist ein spiritueller.“ Kein Wunder, dass sie genau auf diesem Weg in der Mitte der siebziger Jahre von einer immer größer werdenden Truppe von Bläsern und Schaustellern begleitet wurden. Humor gehörte dabei immer unbedingt hinzu.


8. Johann Sebastian Bach – Choral, BWV 147: „Jesu, Joy of Man’s Desiring”

Denn ihre Späßchen konnten sich weder die Davies-Brüder noch ihre Mitstreiter verkneifen. Ihr Bassist Peter Quaife, der die Band 1969 entnervt verließ und sich seinem neuen Projekt Maple Oak widmete, war deren vielleicht prägendstes Mitglied. Auf Singles wie You Really Got Me, All Day and All of the Night,  Sunny Afternoon und Waterloo Sunset war sein unaufdringliches Spiel zu hören, sein Einfluss auf das legendäre The Kinks Are The Village Green Preservation Society-Album bleibt unumstritten.

Auf eben jener LP, Quaifes letzter mit der Band, findet sich mit Wicked Annabella auch ein ungewöhnliches Stück. Ungewöhnlich ist es allein deswegen, weil der Song zwar von Ray geschrieben und doch von Dave gesungen wurde. Aber insbesondere auch deshalb, weil er ungewöhnlich düster und rau klang und sich Quaife dennoch einen kleinen musikalischen Scherz erlaubte. „Ich dachte immer, dass das wohl das Coolste war, was er je bei uns gemacht hat“, grinste Dave in einem Interview. „Es bewies seine Kreativität und was für ungewöhnliche Ideen er hatte. Wenn ich das Stück höre, muss ich manchmal schmunzeln.“ Was aber hatte Quaife denn nun gemacht? Ganz einfach: Sein Bassspiel zitiert einen barocken Choral von Johann Sebastian Bach. „Oh, ein ganz großer Spaß“, frotzelte der tragischerweise im Jahr 2010 verstorbene Bassist über seinen genialen Einfall.


9. Van Halen – You Really Got Me

„Peter wurde niemals zugutegehalten, was er mit seinem Beitrag und seinem Engagement bei den Kinks beigetragen hat“, schrieb ein aufgelöster Dave kurz nach Quaifes Tod in seinem eigenen Interforum. „Ich wäre ohne ihn heute nicht hier“, sagte auch Ray kurz darauf zu seinem Publikum auf dem Glastonbury Festival in England. Tatsächlich: Auch wenn die Kinks im Kern immer aus den Davies-Brüdern bestanden, so verdankten sie ihren Erfolg auch anderen. Manchmal sogar komplett anderen Bands.

Die siebziger Jahre waren eine schwierige Zeit für die Kinks. Nach dem Weggang von Quaife versuchten sie sich ab 1973, erneut inspiriert von der Music Hall-Tradition und Rockopern wie The Whos Tommy, an theatralischen Formaten. Ihre Alben Preservation Act 1 und Preservation Act 2 aber fielen bei der Kritik komplett durch. Nicht nur das setzte der Band zu, auch Rays persönliche Probleme in seinem Eheleben wie auch mit Drogen und Depressionen wurden zum Hindernis. 1976 setzten die Kinks allerdings einen Schlussstrich unter die Zeit der opulenten Bühnenshows. Nach dem Album Sleepwalker aus dem Folgejahr war es jedoch vor allem eine Coverversion Van Halens, die der Band neuen Auftrieb verlieh. Ihre Interpretation von You Really Got Me erinnerte viele an die britische Band, deren Einfluss auf die Hard Rock-Szene nicht unterschätzt werden konnte. Eine Ironie der Musikgeschichte: Ohne die Kinks hätte es Van Halen wohl nie gegeben, nun aber wurden sie zum Geburtshelfer von deren drittem Karriereabschnitt.


10 Oasis – The Importance Of Being Idle

1996 bedeutete für britische Musik einen Wasserscheidenmoment und das nicht nur, weil in diesem Jahr nach über dreißig Jahren die Kinks das Handtuch warfen. Während die Rave-Epidemie in Großbritannien langsam abebbte, schwang sich der Britpop-Hype zu nie gekannten Höhen herauf. Die wohl größte Band dieser Ära waren – sorry, Blur! – wohl Oasis. Auch bei ihnen stand ein Brüderpaar im Kern der Gruppe, das auf allen Ebenen Ray und Dave Davies das Wasser reichen konnte. Und sei es nur in Sachen Streitlustigkeit… Dave zumindest gab in einem Interview zu verstehen, dass ihn die Gallaghers an ihn und seinen Bruder erinnerten.

In gewohnt großkotz-, äh, selbstbewusster Manier bezeichnete Noel wiederum die Kinks sogar als die fünftbeste Band aller Zeiten. Noch 2005 gestand er, dass für den Oasis-Song The Importance Of Being Idle unter anderem zwei Kinks-Stücke Pate standen, Sunny Afternoon und Dead End Street. À propos Patenschaft: „Es ehrt mich ja, das alles inspiriert zu haben, aber ich bin nicht der Pate dieses Sounds“, gab Ray 2015 gegenüber dem britischen Guardian über den Britpop-Hype der Neunziger zu Protokoll. „E her eine Art besorgter Onkel.“ Ist das nun reine Bescheidenheit – oder wollte sich der Kinks-Mastermind von seinem Erbe distanzieren? So oder so, der Einfluss der nicht immer kommerziell erfolgreichen Band kann und darf nicht unterschätzt werden.


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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.2.1950 kommt Mike Campbell, Gitarrist von Tom Petty, zur Welt.

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Foto: Larry Hulst/Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.2.1950.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Februar 1950 erblickt Mike Campbell das Licht der Welt, der später als Gitarrist, Songschreiber und Produzent Karriere machen sollte. Von seiner emotionalen, stets songdienlichen Saitenarbeit und Kompositionskunst profitierten nicht nur Tom Petty (und die Heartbreakers), sondern auch Rockgrößen wie Stevie Nicks, Roy Orbison, Don Henley und Bob Dylan. Wir gratulieren dem Heartland-Rocker zu seinem heutigen Geburtstag!

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Tom Petty And The Heartbreakers anhören:

Kein Versumpfen

1950 in Panama City, Florida geboren und in Jacksonville aufgewachsen, greift Campbell im Alter von 16 Jahren erstmals zur Gitarre. Als Einfluss erweisen sich subtilere Sechs-Saiten-Stars wie Scotty Moore (Elvis Presley), Luther Perkins (Johnny Cashs Tennessee Three) und George Harrison, außerdem hinterlassen Bob Dylans Folk-Verständnis und der psychedelischen Rock der Byrds Eindruck. So geprägt unternimmt Campbell zusammen mit einem gewissen Tom Petty ab Anfang der Siebziger erste ernstzunehmende musikalische Gehversuche. Ihre Band Mudcrutch kann im regionalen Umkreis Erfolge verzeichnen, der Umzug von Florida nach Los Angeles 1974 sowie der erste Plattenvertrag fruchten indes noch nicht so wie zunächst gedacht. Also lösen sich Mudcrutch auf. Aus ihrer Asche entsteht 1976 die Formation Tom Petty And The Heartbreakers. 

Hoch hinaus 

Nach zwei Platten (Tom Petty And The Heartbreakers, You’re Gonna Get It!), die man eher unter „Achtungserfolge“ verbuchen kann, erfolgt für Petty, Campbell und den Rest schließlich 1979 mit dem Album Damn The Torpedos (alles dazu hier) der große Mainstream-Durchbruch. Der von Roots zu Rock bis hin zu Pop schwingende Sound der Band trifft den Massengeschmack und ist Ausdruck eines archetypischen Amerikas zwischen Diners und Sägewerken, Fabriken und Roadhouse Bars. Bis zum Jahre 2014 wird Campbell mit Petty und den Heartbreakers 13 Studioalben aufnehmen und (zuletzt primär) die heimatlichen Bühnen der USA bereisen. 

Dabei ist Bandleader Petty nicht der einzige, der auf Mike Campbells Gitarrentalent und Künste als gelegentlicher Co-Songwriter baut. Mit der stimmgewaltigen Fleetwood-Mac-Magierin Stevie Nicks kollaboriert Campbell seit deren Solodebüt Bella Donna (1981) auf sämtlichen ihrer acht Album-Alleingänge. Ebenso greift der Gitarrist für Building The Perfect Beast (1984)von Don Henley in die Saiten und fungiert zudem als Co-Komponist und -Produzent von dessen Über-Hit The Boys Of Summer.

Der Gaststar

Ab Mitte der Achtziger ist Campbell gerne gesehener Studiogast bei Größen wie Bob Dylan, Roy Orbison und Joe Cocker. Mitte der Neunziger akquiriert ihn Produzent Rick Rubin zusammen mit Petty und den anderen Heartbreakers für Johnny Cashs American-Aufnahmereihe als Begleitband. Doch Campbell fühlt sich nicht nur dem Rock- und Country-Adel (und damit im Laufe seiner Karriere nahezu allen einstigen musikalischen Helden) verpflichtet. Auch die Punklegenden Bad Religion zeigen sich vom musikalischen Minimalismus des Mannes begeistert und laden ihn 2004 und 2010 zu Gastbeiträgen auf jeweils einem Song ein. Oder wie es Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz formuliert: „Mike Campbell ist mein Held, auch wenn er es immer peinlich findet, wenn ich das sage. Er mag nicht für seine Soli berühmt sein, aber er spielt einfach immer genau das richtige – genau das, was ein Song braucht.“

Das Leben nach Tom Petty

Das mit Tom Pettys überraschendem Tod am 2. Oktober 2017 zwangsläufig eingeläutete Ende seiner Stammband bricht Mike Campbell wie Heartland-Rock-Fans allerorts das Herz. Umso mehr freut, dass Campbell musikalisch schon bald die Flucht nach vorn antritt. Nachdem er zunächst von 2018 bis 2019 (neben Neil Finn von Crowded House) Fleetwood Macs eigentlichen Leadgitarristen Lindsey Buckingham auf deren Welttournee vertreten hat, zieht es Campbell mit eigener Band zurück ins Rampenlicht. Mit The Dirty Knobs, einer Kapelle, die er schon seit gut 15 Jahren parallel zu seinen Aktivitäten mit den Heartbreakers unterhält, veröffentlicht der Umtriebige am 20. März 2020 das erste Album Wreckless Abandon. Der Sound? Natürlich Roots-geschulter, amerikanischer Classic Rock mit hochmelodischer Sechziger-Pop-Sensibilität. Wobei Campbell sowohl am Mikro als auch optisch in Pettys Fußstapfen zu treten scheint. 

Damit bleibt uns, dem Gitarristen an seinem Ehrentag alles erdenklich Gute sowie noch eine ganze Reihe an weiteren musikalischen Höhenflügen zu wünschen!

Zeitsprung: Am 23.5.1979 geht Tom Petty pleite — absichtlich.

 

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Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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