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Popkultur

Die musikalische DNA von The Kinks

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The Kinks

Was wäre die Pop-Geschichte nur ohne die Kinks gewesen? Obwohl es der Band um die Davies-Brüder Ray und Dave nach einem Tourverbot in den USA nicht vergönnt war, die „British Invasion“ anzuführen und obwohl ihr Nachruhm nicht die Ausmaße angenommen hat, wie es später bei den Beatles oder den Rolling Stones der Fall war, und, ja, obwohl es der Band schwer fiel, nach den Swingin’ Sixties wieder Fuß zu fassen: Die Kinks sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich das UK im transatlantischen Pop-Wettrennen stets vorne gehalten hat.


Hört euch hier die musikalische DNA von The Kinks als playlist an und lest weiter:

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Mit dem rohen, riffigen Sound von You Really Got Me legten sie den Grundstein für Punk und Metal, ihre Mitgröhlhmyne Lola darf in keiner Kneipen-Playlist fehlen. Doch die Kinks haben sie sich ebenso mit einfühlsamen Stücken wie Waterloo Sunset und Days tief in die Annalen der Pop-Geschichte eingeschrieben. So vielseitig die von Rhythm and Blues, Folk, Country, Rock and Roll und sogar indischer Musik beeinflusste Band auch war, so vielfältig ist indes ihr Einfluss auf andere Bands.

Werfen wir also einen Blick auf das, was die Davies-Brüder und ihre zahlreichen Mitstreiter bei den Kinks selbst in sich aufgesogen haben! Nur so können wir ihren nachhaltigen Einfluss auf die Welt von Rock und Pop erklären. Obwohl ihnen der große Erfolg streckenweise verwehrt blieb: Den ehrlichen Respekt von Generationen anderer Bands haben sie sich redlich verdient.


1. John Lee Hooker – Boogie Chillen

„Forget culture, Rock’n’Roll is where it’s at”, heißt es auf dem Ray Davies-Hörstück Back In The Front Room von seinem Solo-Album The Storyteller aus dem Jahr 1998. Zugleich als Hommage an seinen Bruder Dave angelegt, zu dem er zu Zeiten der Kinks und insbesondere später ein stets schwieriges Verhältnis hatte, erzählt Ray darauf von den aufregenden Anfangszeiten der Band, welcher er sein Lebenswerk gewidmet hat. Die beiden Musiker fingen zwar klein, aber in einer großen Familie an. „Zu dieser Zeit waren wir eine Arbeiterfamilie und es war noch vor dem Fernsehzeitalter, weshalb wir unsere eigene Unterhaltung gemacht haben“, erinnerte sich Dave 2015 in einem Interview.

Besonders groß soll der Einfluss der größeren Schwestern – acht Kinder hatte die Davies-Familie insgesamt! – gewesen sein. „Meine Schwester spielte – wie im Song Front Room – Klavier und mein Vater die Löffel“, schwärmte Dave im selben Interview über das familiäre Beisammensein. Die Schwestern brachten auch den Rock’n‘Roll nach Hause, Musik von John Lee Hooker beispielsweise, den Dave im genannten Song – der wohl nicht zufällig diesen Titel trägt – ebenfalls genannt wird. „Sein Gitarrensound war so roh“, erklärte Dave begeistert. „Viele wollten seine Ideen kopieren. Der Gesang, der Blues von Muddy Waters oder sogar frühen Künstlern wie Lead Belly hatte so ein tolles Heulen in der Stimme“. Nichts mit dröger Hochkultur: Die Davies-Brüder waren von Anfang an auf Rock’n’Roll geeicht!


2. Little Richard – Long Tall Sally

Da verwundert es kaum, dass sich die Kinks für ihre Debüt-Single eine der allergrößten Rock-Legenden überhaupt vor die Brust nahmen. Im Februar 1964 erschien mit Long Tall Sally ihre Interpretation des Little Richard-Smash-Hits aus dem Jahr 1956. Damit fuhren sie allerdings nur mäßigen Erfolg ein. Ein böses Omen? Wohl eher eine deutliche Lektion für die junge Band, die sich noch zu viel in ihre Angelegenheiten reinreden ließ!

Es wäre vermutlich nie zu dem Long Tall Sally-Cover gekommen, hätte der Beatles-Promoter Arthur Howes der Band nicht dazu geraten. Im Januar 1964 hatte er seinen Protegés aus Liverpool bei einem Konzert dabei zugehört, wie sie den Song interpretierten. Ursprünglich wollte er den Kinks einen Gefallen tun, indem er sie ins Aufnahmestudio schickte, bevor die Pilzköpfe ihre Long Tall Sally-Interpretation veröffentlichen konnten. Ohne den Song jemals vor Publikum performt zu haben, versuchten sich die Davies-Brüder, Drummer Bobby Graham und Bassist Peter Quaife vergeblich an dem Stück. Paul McCartney, dessen Band die Nummer schon seit ihren Anfangstagen im Programm hatte, konnte an den Vocals einfach mehr überzeugen als Ray Davies.


3. The Yardbirds – Heart Full Of Soul

Es ging bescheiden weiter. Auch die zweite Single aus derselben Aufnahmesession, You Still Want Me, floppte und das Kinks-Label Pye wollte schon den Vertrag mit den Jungspunden auflösen. Ein Glück für die Betreiber, dass sie Geduld mit den Burschen zeigten: Im August 1964 landete die Band mit You Really Got Me den bahnbrechenden Hit ihrer frühen Karriere und veränderten damit für immer den Verlauf der weiteren Musikgeschichte. Nicht, dass die Band sich nach dem Durchbruch hätte ausruhen können, nein. Erst mal ging es für sie auf Ochsentour.

Schon bevor die Kinks Boden unter den Füßen gewannen, hatte Ray Davies eine unvergleichliche Ausdauer an den Tag gelegt. Kaum zu zählen sind die Bands, bei denen er anheuerte, bevor er mit den Kinks seine eigene Vision umsetzen konnte. Ein zentraler Angelpunkt der Szene waren dabei stets die Yardbirds, deren Schicksal ähnlich schleppend anlief und die sich dennoch zu einer der wichtigsten UK-Bands der sechziger Jahre mauserten. Eric Clapton, Jimmy Page und Jeff Beck spielten dort bisweilen Gitarre – nicht das schlechteste Aufgebot! Vor allem aber gelang es der Band, Blues mit britannischem Flair zu versehen. Das sollte auch im Sound der Tourpartner von den Kinks seine Spuren hinterlassen.


4. Jimmy Giuffre – The Train and the River

Bekannt wurden die Kinks aber wie bereits gesagt mit You Really Got Me, einem rüpeligen und riff-basierten Song, der heute als Blaupause für Punk, Hard Rock und Metal angesehen wird. Als Inspiration für den scheppernden Sound diente ein Richard Berry-Song, dessen Kingsmen-Version es Ray Davies besonders angetan hatte. Das Cover der US-amerikanischen Band zeichnete sich ein luftiges Drumming und harte Stakkato-Akkorde aus, wie sie in You Really Got Me in harschen Riffs widerhallten.

Bemerkenswert an You Really Got Me war nicht allein das Miteinander von harmonischen Background-Vocals und Rays raspeligem Gesang, sondern insbesondere der Gitarrenklang von Dave. Der schnitt doch tatsächlich die Lautsprechermembran seines Elpico-Verstärkers auf und steckte Nadeln in den legendär gewordenen „little green amp“, bevor das Signal in einen anderen Verstärker umgeleitet wurde. Als musikalische Grundlage für das fette Riff übrigens diente eine Jazz-Komposition: Ray interpretierte Jimmy Giuffres The Train and the River um, das auf Daves sechs Saiten zum wohl ikonischsten Riff der Sechziger wurde.


5. The Byrds – Turn! Turn! Turn! (To Everything There is a Season)

Die Kinks konnten Zeit ihrer Karriere aber nicht allein in Sachen Lautstärke überzeugen. 1966 tauschte Dave seine halbakustische Harmony Meteor-Gitarre, auf der er You Really Got Me gespielt hatte, gegen eine 12-saitige Fender Electric XII ein. Das Ergebnis war zuerst auf I’m Not Like Everybody Else zu hören. Trotz des rotzigen Flairs des Songs wurde schnell klar: Mit dem Wechsel kam auch ein vollerer, harmonischer Sound zurück in die Band.

Ob es ein Zufall war, dass Dave sich eine neue Gitarre zulegte, nachdem die Byrds im Vorjahr mit dem Bob Dylan-Stück Mr. Tambourine Man und dem Pete Seeger-Song Turn! Turn! Turn! (To Everything There is a Season) zwei Welthits landeten? Wohl kaum. „Die Byrds waren ein wichtiger früher Einfluss“, gestand er in einem Interview. Die Band um Roger McGuinn markierte zu Hochzeiten der „British Invasion“ einen wichtigen Zwischenschritt: Erstmals nahm eine US-amerikanische Gruppe erfolgreich die Einflüsse der britischen Kollegen auf und wandelte sie, angereichert durch Folk-Elemente, in etwas ganz Eigenes um.


6. Bidyut Khan Band & Lucyan – Raga Hemant – Alap

Während die Byrds wie der Rest der Welt ihre Ohren in Richtung England spitzten, waren die Kinks allerdings schon 1965 der Weltöffentlichkeit erneut einen Schritt voraus. Vier Monate, bevor die Beatles in Norwegian Wood (This Bird Has Flown) erstmals eine Sitar erklingen ließen, zeigte sich Ray Davies von klassischen indischen Ragas inspiriert. Der Song See My Friends, eine proto-psychedelische Elegie auf die an einem Herzfehler verstorbene Davies-Schwester Rene, verarbeitete mit röhrendem Gitarrendröhnen den Sound von Bombay. Während einer Asientour hatte Ray dort Fischer auf dem Weg zur Arbeit beobachtet, die das morgendliche Treiben der Millionenstadt mit ihren Gesängen unterhielten. Ein prägendes Erlebnis.

Der Davies-Biograf Johnny Rogan allerdings merkte an, dass die Kinks damit noch lange nicht als Erfinder des sogenannten Raga Rocks gelten dürften. Ihm zufolge hatten die Yardbirds kurz nach dem Weggang Eric Claptons bereits kurz zuvor mit der Single Heart Full of Soul den Grundstein gelegt. Was Jeff Beck auf der Aufnahme mit seinem Instrument anstellt, klingt allerdings entschieden anders als der wesentlich mehr an den klassischen Raga-Sound erinnernde Gitarrenteppich unter See My Friends. Oder was meint ihr?


7. Max Miller – Max Miller in the Theatre

Nicht allein aus den USA oder dem fernen Indien allerdings kamen die Einflüsse der Kinks. Sondern auch direkt aus ihrem Heimatland, das neben Blues-Rockern wie den Yardbirds noch viel, viel mehr bot. Das programmatisch betitelte Album Something Else By The Kinks zeichnete sich durch Music Hall-Elemente aus, wie sie den Alltag der Davies-Brüder zu Kindheitszeiten bestimmten. Max Miller – bürgerlich: Thomas Henry Sargent, Spitzname „The Cheeky Chappie“ – gehört zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten der reichhaltigen Music Hall-Tradition. Er vereinte Stand-Up-Comedy mit gekonnten Gesangseinlagen.

Nicht allein das Theatralische, sondern vor allem auch der Humor war immer schon essentieller Bestandteil der Kinkschen DNA. „Humor ist so wichtig“, bekräftigte Dave in einem Interview. „Weil es den Bogen zur Spiritualität hin schlägt. Du wirst verarscht, an deinen Platz in der Welt erinnert, aber es ist dennoch witzig. Deshalb sind alle großen Komiker wie Tony Hancock, Max Miller und Spike Milligan zugleich Philosophen. Der Weg der Kinks ist ein spiritueller.“ Kein Wunder, dass sie genau auf diesem Weg in der Mitte der siebziger Jahre von einer immer größer werdenden Truppe von Bläsern und Schaustellern begleitet wurden. Humor gehörte dabei immer unbedingt hinzu.


8. Johann Sebastian Bach – Choral, BWV 147: „Jesu, Joy of Man’s Desiring”

Denn ihre Späßchen konnten sich weder die Davies-Brüder noch ihre Mitstreiter verkneifen. Ihr Bassist Peter Quaife, der die Band 1969 entnervt verließ und sich seinem neuen Projekt Maple Oak widmete, war deren vielleicht prägendstes Mitglied. Auf Singles wie You Really Got Me, All Day and All of the Night,  Sunny Afternoon und Waterloo Sunset war sein unaufdringliches Spiel zu hören, sein Einfluss auf das legendäre The Kinks Are The Village Green Preservation Society-Album bleibt unumstritten.

Auf eben jener LP, Quaifes letzter mit der Band, findet sich mit Wicked Annabella auch ein ungewöhnliches Stück. Ungewöhnlich ist es allein deswegen, weil der Song zwar von Ray geschrieben und doch von Dave gesungen wurde. Aber insbesondere auch deshalb, weil er ungewöhnlich düster und rau klang und sich Quaife dennoch einen kleinen musikalischen Scherz erlaubte. „Ich dachte immer, dass das wohl das Coolste war, was er je bei uns gemacht hat“, grinste Dave in einem Interview. „Es bewies seine Kreativität und was für ungewöhnliche Ideen er hatte. Wenn ich das Stück höre, muss ich manchmal schmunzeln.“ Was aber hatte Quaife denn nun gemacht? Ganz einfach: Sein Bassspiel zitiert einen barocken Choral von Johann Sebastian Bach. „Oh, ein ganz großer Spaß“, frotzelte der tragischerweise im Jahr 2010 verstorbene Bassist über seinen genialen Einfall.


9. Van Halen – You Really Got Me

„Peter wurde niemals zugutegehalten, was er mit seinem Beitrag und seinem Engagement bei den Kinks beigetragen hat“, schrieb ein aufgelöster Dave kurz nach Quaifes Tod in seinem eigenen Interforum. „Ich wäre ohne ihn heute nicht hier“, sagte auch Ray kurz darauf zu seinem Publikum auf dem Glastonbury Festival in England. Tatsächlich: Auch wenn die Kinks im Kern immer aus den Davies-Brüdern bestanden, so verdankten sie ihren Erfolg auch anderen. Manchmal sogar komplett anderen Bands.

Die siebziger Jahre waren eine schwierige Zeit für die Kinks. Nach dem Weggang von Quaife versuchten sie sich ab 1973, erneut inspiriert von der Music Hall-Tradition und Rockopern wie The Whos Tommy, an theatralischen Formaten. Ihre Alben Preservation Act 1 und Preservation Act 2 aber fielen bei der Kritik komplett durch. Nicht nur das setzte der Band zu, auch Rays persönliche Probleme in seinem Eheleben wie auch mit Drogen und Depressionen wurden zum Hindernis. 1976 setzten die Kinks allerdings einen Schlussstrich unter die Zeit der opulenten Bühnenshows. Nach dem Album Sleepwalker aus dem Folgejahr war es jedoch vor allem eine Coverversion Van Halens, die der Band neuen Auftrieb verlieh. Ihre Interpretation von You Really Got Me erinnerte viele an die britische Band, deren Einfluss auf die Hard Rock-Szene nicht unterschätzt werden konnte. Eine Ironie der Musikgeschichte: Ohne die Kinks hätte es Van Halen wohl nie gegeben, nun aber wurden sie zum Geburtshelfer von deren drittem Karriereabschnitt.


10 Oasis – The Importance Of Being Idle

1996 bedeutete für britische Musik einen Wasserscheidenmoment und das nicht nur, weil in diesem Jahr nach über dreißig Jahren die Kinks das Handtuch warfen. Während die Rave-Epidemie in Großbritannien langsam abebbte, schwang sich der Britpop-Hype zu nie gekannten Höhen herauf. Die wohl größte Band dieser Ära waren – sorry, Blur! – wohl Oasis. Auch bei ihnen stand ein Brüderpaar im Kern der Gruppe, das auf allen Ebenen Ray und Dave Davies das Wasser reichen konnte. Und sei es nur in Sachen Streitlustigkeit… Dave zumindest gab in einem Interview zu verstehen, dass ihn die Gallaghers an ihn und seinen Bruder erinnerten.

In gewohnt großkotz-, äh, selbstbewusster Manier bezeichnete Noel wiederum die Kinks sogar als die fünftbeste Band aller Zeiten. Noch 2005 gestand er, dass für den Oasis-Song The Importance Of Being Idle unter anderem zwei Kinks-Stücke Pate standen, Sunny Afternoon und Dead End Street. À propos Patenschaft: „Es ehrt mich ja, das alles inspiriert zu haben, aber ich bin nicht der Pate dieses Sounds“, gab Ray 2015 gegenüber dem britischen Guardian über den Britpop-Hype der Neunziger zu Protokoll. „E her eine Art besorgter Onkel.“ Ist das nun reine Bescheidenheit – oder wollte sich der Kinks-Mastermind von seinem Erbe distanzieren? So oder so, der Einfluss der nicht immer kommerziell erfolgreichen Band kann und darf nicht unterschätzt werden.


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Popkultur

Zeitsprung: Am 18.1.1974 gehen falsche Fleetwood Mac auf Tour – ganz offiziell.

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"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 18.1.1974.

von Christof Leim

Im Januar 1974 spielen Fleetwood Mac Konzerte in den USA. Das wäre eigentlich ein Grund zur Freude für Classic Rock-Fans, doch leider steht da niemand auf der Bühne, der auf den aktuellen Platten oder den letzten Touren gespielt hat. Anders formuliert: Nur der Name Fleetwood Mac geht auf Tour, die Band blöderweise nicht. Das finden Besucher und Veranstalter natürlich befremdlich, zumal sie das oft erst am Showtag erfahren. Was ist da passiert und wer steckt hinter den „Fakewood Mac“?

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Hört hier in die damals aktuelle Platte Mystery To Me rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Wer sich Anfang 1974 ein Konzertticket für Fleetwood Mac kauft, der erwartet auf der Bühne die Musiker der gerade neuen Platte Mystery To Me: Schlagzeuger Mick Fleetwood und Bassist John McVie zum Beispiel, dazu Sängerin Christine McVie und die Gitarristen Bob Welch und Bob Weston. Doch schon bei der ersten Show der Tour am 18. Januar 1974 ist keine einzige Person dieses Line-ups anwesend. Niemand. Stattdessen spielen fünf Unbekannte Fleetwood Mac-Songs.

Da muss also etwas vorgefallen sein. In einem Artikel des Rolling Stone von damals erzählt der Manager Clifford Davis: „Ich habe mich entschieden, etwas an der Band zu ändern, insbesondere auf der Bühne. Und das habe ich getan. Ich war immer schon der Anführer, der entscheidet, wer mitspielt und wer nicht.“ Eine krasse Ansage, aber Davis geht noch weiter: „Ich möchte endlich den Eindruck zerstreuen, dass dies Mick Fleetwoods Band ist. Diese Band war immer schon meine Band.“

Die echte Band Ende 1973: Welch, Fleetwood, McVie, McVie (v.l.) – Pic: Promo

Doch wie kommt der Mann dazu? In jenen Jahren verlieren Fleetwood Mac ständig ihre Gitarristen: Danny Kirwan fliegt 1972 raus, was den Abbruch einer Tour bedeutet. Im Herbst 1973 wird dann Bob Weston gefeuert, weil Drummer Mick kann es nicht länger mit ansehen, dass sein Kollege ein Verhältnis mit seiner Frau Jenny hat und damit auch in der Öffentlichkeit nicht hinter dem Berg hält. Autsch. Damit endet auch die erste Tour zu Mystery To Me vorzeitig. Dem Manager passt das gar nicht, angeblich nennt er das „unprofessionell“. Als die Musiker dann sogar eine Pause einlegen wollen, in der Mick sich um seine unvermeidliche Scheidung kümmern muss, stellt er kurzerhand eine Ersatztruppe zusammen und schickt sie in den USA auf die Straße.

Das Ersatzaufgebot besteht aus Musikern der Band Legs, die eine Single unter der Ägide des Managers veröffentlicht hatte: Sänger Elmer Gantry, Gitarrist Kirby Gregory, Bassist Paul Martinez und  Pianist John Wilkinson. „Ich habe mich aber entschieden, Mick zu behalten“, erklärt Davis im Rolling Stone. Allerdings habe der kurzfristig wegen privater Probleme wieder zurück nach England fliegen müssen. Also setzt sich Craig Collinge hinter das Schlagzeug.

Der erste Auftritt findet statt in Pittsburgh am 18. Januar 1974. Wenig überraschend gibt es dort umgehend Streit mit dem Veranstalter, und auch die Fans sind nicht erbaut. Deshalb muss Davis von nun an jeden Abend auf der Bühne verkünden, dass ganz neue Musiker spielen werden und Mick Fleetwood selbst, so ein Ärger, es leider nicht geschafft habe. Gut kommt das nicht an, doch es wird noch schlimmer: Eine Woche später rollt der Tross nach New York, wo 30 Minuten vor der Show feststeht, dass Elmer Gantry nicht singen können wird. „Das ist mir noch nie passiert“, röchelt er gegenüber dem Rolling Stone. Dummerweise hat sich ausgerechnet für diesen Abend die versammelte Musikpresse angekündigt. Noch doofer allerdings: Niemand sagt den Veranstaltern rechtzeitig Bescheid. Die hätten mit ein wenig mehr Vorlauf die Sause noch absagen können, jetzt aber stehen nach den Vorgruppen Kiss und Silverhead 3.400 Fans in der Halle und warten. Also fällt die Entscheidung, die „Band“ ohne Frontmann auf die Bühne zu schicken. Nach einer halben Stunde Boogie-Jam machen 800 Fans von dem Angebot Gebrauch, ihr Geld zurückzubekommen…

Das kann alles nicht lange gut gehen. Es gibt sogar die Geschichte, dass der langjährige Tourmanager John Courage irgendwann das Equipment versteckt und so dafür sorgt, dass die Konzertreise unter falscher Flagge gestört und abgebrochen wird. Kein Wunder also, dass der Spuk der„Fakewood Mac“ ziemlich schnell wieder vorbei ist und Clifford Davis mit Anlauf gefeuert wird. Ein unvermeidbares gerichtliches Nachspiel klärt zwar die Namensrechte eindeutig zu Gunsten der echten Fleetwood Mac, doch es bremst die Band mehrere Monate aus.

Die Musiker der Zweitbesetzung kehren zurück nach England und gründen die Band Stretch, die im November 1975 einen Hit landet mit dem Song Why Did You Do It?. Dessen Text kann mal an als klassisches Beziehungsdrama lesen, aber die meisten Kommentatoren sehen hier eine direkte Attacke auf Mick Fleetwood – weil der sich schließlich von der unglücklichen Tour zurückgezogen habe (was der weiterhin dementiert). Fleetwood Mac verstärken sich indes mit dem Gitarristen Lindsey Buckingham und der Sängerin Stevie Nicks und gehen in den Folgejahren durch die Decke. Der Rest ist Geschichte…



Titelfoto: Michael Putland/Getty Images

Zeitsprung: Am 11.7.1975 starten Fleetwood Mac ihrem gleichnamigen Album durch.

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Zeitsprung: Am 17.1.1949 erblickt Mick Taylor das Licht der Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.1.1949.

von Timon Menge und Christof Leim

Mick Taylor zählt zu den versiertesten Gitarristen der Rockgeschichte und hat die Diskografie gleich zwei großer Bands mitgeprägt: John Mayall’s Bluesbreakers und The Rolling Stones. Als Solomusiker tourt er seit 1974 um die Welt. Am 17. Januar feiert Taylor Geburtstag.

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Hört hier in sein Soloalbum Mick Taylor rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.

Der Jugendliche

Mick Taylor kommt am 17. Januar 1949 in Welwyn Garden City in England zur Welt und wächst im Ort Hatfield auf. In seiner Jugend gründet er die Bands The Juniors und The Strangers, mit denen er sogar im Fernsehen auftritt und eine erste Single veröffentlicht. Ab 1965 spielt er als Mitglied von The Gods mit Musikern wie Brian Glascock (später bei Dolly Parton und Iggy Pop), mit seinem Bruder John Taylor (Jethro Tull), Ken Hensley und Lee Kerslake (beide Uriah Heep) sowie Greg Lake (King Crimson, Emerson, Lake & Palmer).

Der Bluesbreaker

Etwa zur selben Zeit besucht Taylor ein Konzert von John Mayall’s Bluesbreakers in seiner Geburtsstadt. Als Mayalls Gitarrist Eric Clapton aus ungewissen Gründen nicht auftaucht, fragt Taylor den britischen Bluesveteranen in der Pause kuzerhand, ob er einspringen soll. Nach kurzer Bedenkzeit ist Mayall einverstanden. Später sagt Taylor dazu: „Ich habe in dem Moment gar nicht daran gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit ist. Ich wollte bloß auf die Bühne und Gitarre spielen.“



Der junge Gitarrist beeindruckt den Bandleader so sehr, dass die beiden ihre Telefonnummern austauschen. Als Mayall ein Jahr später einen Ersatz für Peter Green sucht, erinnert er sich an das Nachwuchstalent. Von 1966 bis 1969 tourt Taylor mit der Gruppe, spielt Alben wie Crusade (1967), Bare Wires (1968) und Blues From Laurel Canyon (1968) ein. Er profiliert sich als hervorragender Blues-Gitarrist mit Jazz-Einflüssen, seine Karriere nimmt Fahrt auf.

Mick Taylor mit den Stones 1972 – Pic: Larry Rogers/Wikimedia Commons

Der Rolling Stone

Als die Rolling Stones im Juni 1969 ihren Gitarristen Brian Jones feuern, legen John Mayall und Stones-Keyboarder Ian Stewart bei Mick Jagger ein gutes Wort für Taylor ein. Die Stones laden ihn ein, nehmen einige Songs mit ihm auf – und rekrutieren den damals 20-jährigen als neues Mitglied. Sein Bühnendebüt gibt er am 5. Juli 1969 bei einem kostenlosen Konzert im Londoner Hyde Park. Mehr als eine Viertelmillion Zuschauer pilgern zu der Show, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Konzert spontan zu einem Brian Jones-Tribut entwickelt: Der Stones-Mitgründer war zwei Tage vorher gestorben.



In den kommenden Jahren gestaltet Taylor eine wichtige Phasen der Truppe mit: So spielt er nicht nur die legendären Platten Let It Bleed (1969) und das Livealbum Get Yer Ya-Ya’s Out! (1970) ein, sondern auch die Klassiker Sticky Fingers (1971) und Exile On Main St. (1972). Im Zuge der Aufnahmen zu It’s Only Rock ’n Roll (1974) kommt es jedoch zu Querelen zwischen den Musikern. So hat Taylor nach eigenen Aussagen die Songs Till The Next Goodbye und Time Waits For No One mitverfasst, wird aber nicht als Songschreiber genannt. Überhaupt: Bei ihm stellt sich das Gefühl ein, mit den Rolling Stones alles erreicht zu haben. Außerdem ist dem Gitarristen der immense Drogenkonsum der Gruppe nicht geheuer. Im Dezember 1974 verlässt er die Band, seine Nachfolge tritt Ron Wood von Faces an, nachdem sich diese aufgelöst haben.



1995 sagt Mick Jagger in einem Interview mit dem Rolling Stone über Taylor: „Er hat Großes geleistet und für mehr Musikalität in der Gruppe gesorgt. Sein Stil ist sehr flüssig und melodisch. Das hatten wir vorher nicht und haben es bis heute nicht. Weder Keith noch Ronnie Wood spielen wie er. Es war sehr gut für mich, mit ihm zu arbeiten.“ Kein Wunder also, dass sich die Wege der Musiker auch in folgenden Jahrzehnten kreuzen und Taylor immer wieder mit seinen alten Kollegen auf der Bühne steht.



Der Solokünstler

Nach seiner Zeit bei den Stones widmet sich Mick Taylor den unterschiedlichsten Projekten. So spielt er mit Mike Oldfield, Little Feat, Bob Dylan, Carla Olson, Alvin Lee und Mark Knopfler, heuert gelegentlich bei seinem alten Arbeitgeber John Mayall an und gründet eine Band mit Jack Bruce von Cream. 1977 unterschreibt er einen Solo-Plattenvertrag mit Columbia Records, 1979 erscheint sein erstes Album Mick Taylor. Seine zweite Platte unter eigenem Namen lässt bis 1998 auf sich warten und trägt den Titel A Stone’s Throw.

Der Gitarrist

Taylor erzählt mit jedem Solo eine Geschichte anstatt bloß sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Da verwundert es nicht, dass zum Beispiel Slash von Guns N’ Roses den Briten als Einfluss nennt. New York Times-Musikjournalist Robert Palmer bringt Mick Taylors Karriere folgendermaßen auf den Punkt: „Er ist der fähigste Gitarrist, der jemals für die Rolling Stones gespielt hat. Taylor war nie ein Rocker oder gar eine Rampensau, sondern ein Blues-Gitarrist mit dem melodischen Gespür eines Jazz-Musikers.“ Respekt. Wir sagen: Happy Birthday!



Titelfoto: Dina Regine/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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„Der Triumph des Jazz“: Die musikalischen Einflüsse des Martin Luther King, Jr.

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Martin Luther King Jr.
Foto: Donald Uhrbrock/Getty Images

Am 15. Januar 2022 hätte die US-amerikanische Bürgerrechtsikone Martin Luther King ihren 93. Geburtstag gefeiert. Zu Ehren Kings möchten wir an dieser Stelle seine Verbindung zur Musikkultur ein wenig näher beleuchten.

von Markus Brandstetter

Die Bilder und Worte sind fest im kollektiven Bewusstsein verankert, selbst wenn man zu jener Zeit noch nicht auf der Welt war: Im August 1963 fanden sich über 200.000 Menschen in Washington, DC zum „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ (englischer Titel: March on Washington for Jobs and Freedom) zusammen.

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Vor dem Lincoln Memorial hielt Martin Luther King seine berühmte Rede, deren Worte „I have a dream“ in die Geschichte eingingen. Musik war (nicht nur) an diesem Tag ein wesentlicher Bestandteil der Proteste. Bob Dylan und Joan Baez traten auf, Peter, Paul & Mary, Odetta Holmes, Mahalia Jackson und der Eva Jessye Choir, auch Harry Belafonte war anwesend. Für King war Musik aber weit mehr als eine akustische Untermalung — er sah sie als Mittel zur Veränderung an — und, im Falle von Jazz, Triumph der Schwarzen — dazu später mehr.

Kings musikalischer Background

Für Martin Luther King, das schreibt der US-amerikanische Autor Alfonso Pollard in seinem Artikel The Extraordinary Influences of Dr. Martin Luther King, Jr., habe Musik seit seiner Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt. Kings Mutter Alberta King spielte hier wohl die Schlüsselrolle: Sie war Chorleiterin und Organistin in der Ebenezer Baptist Church. Auch Kings spätere Ehefrau Coretta Scott, die er an der Universität kennenlernte, war Kirchenchorleiterin, außerdem Sopranistin und Multiinstrumentalistin.

Geht es nach Pollard, gab es in Kings musikalischer Sozialisation zwei große Säulen: die Gospelmusik zum einen, zeitgenössische Sängerinnen wie Mahalia Jackson, Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Miriam Makeba zum anderen. Später wurde auch Jazz für ihn immer wichtiger — eine Musik, die er als „triumphal“ bezeichnete. Damit meinte er den Triumph der Afroamerikaner*innen über die Unterdrückung, über Ungerechtigkeit, Kummer, Tragödien.

Der Triumph des Jazz

1964 wurde King gebeten, die Eröffnungsrede auf dem JazzFest Berlin (damals „Berliner Jazztage“ genannt) zu halten. In seiner Rede sprach er über eben dieses Triumphale im Jazz: „Gott hat viele Dinge aus der Unterdrückung heraus geschaffen. Er hat seine Geschöpfe mit der Fähigkeit ausgestattet, zu erschaffen, und aus dieser Fähigkeit sind die süßen Lieder der Trauer und der Freude hervorgegangen, die es dem Menschen ermöglicht haben, mit seiner Umwelt und vielen verschiedenen Situationen zurechtzukommen. Der Jazz spricht für das Leben. Der Blues erzählt von den Schwierigkeiten des Lebens, und wenn man einen Moment nachdenkt, wird man feststellen, dass er die härtesten Realitäten des Lebens in Musik umsetzt, um dann mit neuer Hoffnung oder einem Gefühl des Triumphs wieder herauszukommen.“

„Die letzte Bastion des Elitismus“

Wie die Verbindung Kings zur klassischen Musik ist, ist indes nicht hinreichend beleuchtet. Der US-Dirigent Paul Freeman (1936-2015) berichtete einst in einem Interview von ein Zusammentreffen mit dem Bürgerrechtler. Als dieser ihn fragte, was er in Atlanta mache, erklärte ihm Freeman, er habe ein Engagement als Gastdirigent des Atlanta Symphony Orchestra. Die Antwort von King darauf kann als sozialkritisch bis sarkastisch gelesen werden: „Ah, die letzte Bastion des Elitismus! Glory, Halleluja!“ Freeman, dessen erklärte Mission es war, die Klassik (sowohl als Musiker*in als auch als Hörer*in) für alle zugänglich zu machen, sah dies aber nicht als Seitenhieb, sondern als Inspiration, sein Ziel zu verfolgen.

Nachzusehen ist dies in diesem Interview:

Wie wichtig King war, zeigen zahlreiche Tribute. Soul-Legende Stevie Wonder war ausschlaggebend dafür, dass Martin Luther Kings Geburtstag zum Feiertag erklärt wurde — und widmete ihm das Stück Happy Birthday. U2 schrieben Pride (In The Name Of Love) über ihn, James Taylor zollte ihm mit Shed A Little Light Tribut — und natürlich darf man Nina Simones Stück Why (The King Of Love Is Dead) nicht vergessen, dass sie drei Tage nach seinem Tod vorstellte.

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