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Popkultur

Die musikalische DNA von The Kinks

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The Kinks

Was wäre die Pop-Geschichte nur ohne die Kinks gewesen? Obwohl es der Band um die Davies-Brüder Ray und Dave nach einem Tourverbot in den USA nicht vergönnt war, die „British Invasion“ anzuführen und obwohl ihr Nachruhm nicht die Ausmaße angenommen hat, wie es später bei den Beatles oder den Rolling Stones der Fall war, und, ja, obwohl es der Band schwer fiel, nach den Swingin’ Sixties wieder Fuß zu fassen: Die Kinks sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich das UK im transatlantischen Pop-Wettrennen stets vorne gehalten hat.


Hört euch hier die musikalische DNA von The Kinks als playlist an und lest weiter:


Mit dem rohen, riffigen Sound von You Really Got Me legten sie den Grundstein für Punk und Metal, ihre Mitgröhlhmyne Lola darf in keiner Kneipen-Playlist fehlen. Doch die Kinks haben sie sich ebenso mit einfühlsamen Stücken wie Waterloo Sunset und Days tief in die Annalen der Pop-Geschichte eingeschrieben. So vielseitig die von Rhythm and Blues, Folk, Country, Rock and Roll und sogar indischer Musik beeinflusste Band auch war, so vielfältig ist indes ihr Einfluss auf andere Bands.

Werfen wir also einen Blick auf das, was die Davies-Brüder und ihre zahlreichen Mitstreiter bei den Kinks selbst in sich aufgesogen haben! Nur so können wir ihren nachhaltigen Einfluss auf die Welt von Rock und Pop erklären. Obwohl ihnen der große Erfolg streckenweise verwehrt blieb: Den ehrlichen Respekt von Generationen anderer Bands haben sie sich redlich verdient.


1. John Lee Hooker – Boogie Chillen

„Forget culture, Rock’n’Roll is where it’s at”, heißt es auf dem Ray Davies-Hörstück Back In The Front Room von seinem Solo-Album The Storyteller aus dem Jahr 1998. Zugleich als Hommage an seinen Bruder Dave angelegt, zu dem er zu Zeiten der Kinks und insbesondere später ein stets schwieriges Verhältnis hatte, erzählt Ray darauf von den aufregenden Anfangszeiten der Band, welcher er sein Lebenswerk gewidmet hat. Die beiden Musiker fingen zwar klein, aber in einer großen Familie an. „Zu dieser Zeit waren wir eine Arbeiterfamilie und es war noch vor dem Fernsehzeitalter, weshalb wir unsere eigene Unterhaltung gemacht haben“, erinnerte sich Dave 2015 in einem Interview.

Besonders groß soll der Einfluss der größeren Schwestern – acht Kinder hatte die Davies-Familie insgesamt! – gewesen sein. „Meine Schwester spielte – wie im Song Front Room – Klavier und mein Vater die Löffel“, schwärmte Dave im selben Interview über das familiäre Beisammensein. Die Schwestern brachten auch den Rock’n‘Roll nach Hause, Musik von John Lee Hooker beispielsweise, den Dave im genannten Song – der wohl nicht zufällig diesen Titel trägt – ebenfalls genannt wird. „Sein Gitarrensound war so roh“, erklärte Dave begeistert. „Viele wollten seine Ideen kopieren. Der Gesang, der Blues von Muddy Waters oder sogar frühen Künstlern wie Lead Belly hatte so ein tolles Heulen in der Stimme“. Nichts mit dröger Hochkultur: Die Davies-Brüder waren von Anfang an auf Rock’n’Roll geeicht!


2. Little Richard – Long Tall Sally

Da verwundert es kaum, dass sich die Kinks für ihre Debüt-Single eine der allergrößten Rock-Legenden überhaupt vor die Brust nahmen. Im Februar 1964 erschien mit Long Tall Sally ihre Interpretation des Little Richard-Smash-Hits aus dem Jahr 1956. Damit fuhren sie allerdings nur mäßigen Erfolg ein. Ein böses Omen? Wohl eher eine deutliche Lektion für die junge Band, die sich noch zu viel in ihre Angelegenheiten reinreden ließ!

Es wäre vermutlich nie zu dem Long Tall Sally-Cover gekommen, hätte der Beatles-Promoter Arthur Howes der Band nicht dazu geraten. Im Januar 1964 hatte er seinen Protegés aus Liverpool bei einem Konzert dabei zugehört, wie sie den Song interpretierten. Ursprünglich wollte er den Kinks einen Gefallen tun, indem er sie ins Aufnahmestudio schickte, bevor die Pilzköpfe ihre Long Tall Sally-Interpretation veröffentlichen konnten. Ohne den Song jemals vor Publikum performt zu haben, versuchten sich die Davies-Brüder, Drummer Bobby Graham und Bassist Peter Quaife vergeblich an dem Stück. Paul McCartney, dessen Band die Nummer schon seit ihren Anfangstagen im Programm hatte, konnte an den Vocals einfach mehr überzeugen als Ray Davies.


3. The Yardbirds – Heart Full Of Soul

Es ging bescheiden weiter. Auch die zweite Single aus derselben Aufnahmesession, You Still Want Me, floppte und das Kinks-Label Pye wollte schon den Vertrag mit den Jungspunden auflösen. Ein Glück für die Betreiber, dass sie Geduld mit den Burschen zeigten: Im August 1964 landete die Band mit You Really Got Me den bahnbrechenden Hit ihrer frühen Karriere und veränderten damit für immer den Verlauf der weiteren Musikgeschichte. Nicht, dass die Band sich nach dem Durchbruch hätte ausruhen können, nein. Erst mal ging es für sie auf Ochsentour.

Schon bevor die Kinks Boden unter den Füßen gewannen, hatte Ray Davies eine unvergleichliche Ausdauer an den Tag gelegt. Kaum zu zählen sind die Bands, bei denen er anheuerte, bevor er mit den Kinks seine eigene Vision umsetzen konnte. Ein zentraler Angelpunkt der Szene waren dabei stets die Yardbirds, deren Schicksal ähnlich schleppend anlief und die sich dennoch zu einer der wichtigsten UK-Bands der sechziger Jahre mauserten. Eric Clapton, Jimmy Page und Jeff Beck spielten dort bisweilen Gitarre – nicht das schlechteste Aufgebot! Vor allem aber gelang es der Band, Blues mit britannischem Flair zu versehen. Das sollte auch im Sound der Tourpartner von den Kinks seine Spuren hinterlassen.


4. Jimmy Giuffre – The Train and the River

Bekannt wurden die Kinks aber wie bereits gesagt mit You Really Got Me, einem rüpeligen und riff-basierten Song, der heute als Blaupause für Punk, Hard Rock und Metal angesehen wird. Als Inspiration für den scheppernden Sound diente ein Richard Berry-Song, dessen Kingsmen-Version es Ray Davies besonders angetan hatte. Das Cover der US-amerikanischen Band zeichnete sich ein luftiges Drumming und harte Stakkato-Akkorde aus, wie sie in You Really Got Me in harschen Riffs widerhallten.

Bemerkenswert an You Really Got Me war nicht allein das Miteinander von harmonischen Background-Vocals und Rays raspeligem Gesang, sondern insbesondere der Gitarrenklang von Dave. Der schnitt doch tatsächlich die Lautsprechermembran seines Elpico-Verstärkers auf und steckte Nadeln in den legendär gewordenen „little green amp“, bevor das Signal in einen anderen Verstärker umgeleitet wurde. Als musikalische Grundlage für das fette Riff übrigens diente eine Jazz-Komposition: Ray interpretierte Jimmy Giuffres The Train and the River um, das auf Daves sechs Saiten zum wohl ikonischsten Riff der Sechziger wurde.


5. The Byrds – Turn! Turn! Turn! (To Everything There is a Season)

Die Kinks konnten Zeit ihrer Karriere aber nicht allein in Sachen Lautstärke überzeugen. 1966 tauschte Dave seine halbakustische Harmony Meteor-Gitarre, auf der er You Really Got Me gespielt hatte, gegen eine 12-saitige Fender Electric XII ein. Das Ergebnis war zuerst auf I’m Not Like Everybody Else zu hören. Trotz des rotzigen Flairs des Songs wurde schnell klar: Mit dem Wechsel kam auch ein vollerer, harmonischer Sound zurück in die Band.

Ob es ein Zufall war, dass Dave sich eine neue Gitarre zulegte, nachdem die Byrds im Vorjahr mit dem Bob Dylan-Stück Mr. Tambourine Man und dem Pete Seeger-Song Turn! Turn! Turn! (To Everything There is a Season) zwei Welthits landeten? Wohl kaum. „Die Byrds waren ein wichtiger früher Einfluss“, gestand er in einem Interview. Die Band um Roger McGuinn markierte zu Hochzeiten der „British Invasion“ einen wichtigen Zwischenschritt: Erstmals nahm eine US-amerikanische Gruppe erfolgreich die Einflüsse der britischen Kollegen auf und wandelte sie, angereichert durch Folk-Elemente, in etwas ganz Eigenes um.


6. Bidyut Khan Band & Lucyan – Raga Hemant – Alap

Während die Byrds wie der Rest der Welt ihre Ohren in Richtung England spitzten, waren die Kinks allerdings schon 1965 der Weltöffentlichkeit erneut einen Schritt voraus. Vier Monate, bevor die Beatles in Norwegian Wood (This Bird Has Flown) erstmals eine Sitar erklingen ließen, zeigte sich Ray Davies von klassischen indischen Ragas inspiriert. Der Song See My Friends, eine proto-psychedelische Elegie auf die an einem Herzfehler verstorbene Davies-Schwester Rene, verarbeitete mit röhrendem Gitarrendröhnen den Sound von Bombay. Während einer Asientour hatte Ray dort Fischer auf dem Weg zur Arbeit beobachtet, die das morgendliche Treiben der Millionenstadt mit ihren Gesängen unterhielten. Ein prägendes Erlebnis.

Der Davies-Biograf Johnny Rogan allerdings merkte an, dass die Kinks damit noch lange nicht als Erfinder des sogenannten Raga Rocks gelten dürften. Ihm zufolge hatten die Yardbirds kurz nach dem Weggang Eric Claptons bereits kurz zuvor mit der Single Heart Full of Soul den Grundstein gelegt. Was Jeff Beck auf der Aufnahme mit seinem Instrument anstellt, klingt allerdings entschieden anders als der wesentlich mehr an den klassischen Raga-Sound erinnernde Gitarrenteppich unter See My Friends. Oder was meint ihr?


7. Max Miller – Max Miller in the Theatre

Nicht allein aus den USA oder dem fernen Indien allerdings kamen die Einflüsse der Kinks. Sondern auch direkt aus ihrem Heimatland, das neben Blues-Rockern wie den Yardbirds noch viel, viel mehr bot. Das programmatisch betitelte Album Something Else By The Kinks zeichnete sich durch Music Hall-Elemente aus, wie sie den Alltag der Davies-Brüder zu Kindheitszeiten bestimmten. Max Miller – bürgerlich: Thomas Henry Sargent, Spitzname „The Cheeky Chappie“ – gehört zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten der reichhaltigen Music Hall-Tradition. Er vereinte Stand-Up-Comedy mit gekonnten Gesangseinlagen.

Nicht allein das Theatralische, sondern vor allem auch der Humor war immer schon essentieller Bestandteil der Kinkschen DNA. „Humor ist so wichtig“, bekräftigte Dave in einem Interview. „Weil es den Bogen zur Spiritualität hin schlägt. Du wirst verarscht, an deinen Platz in der Welt erinnert, aber es ist dennoch witzig. Deshalb sind alle großen Komiker wie Tony Hancock, Max Miller und Spike Milligan zugleich Philosophen. Der Weg der Kinks ist ein spiritueller.“ Kein Wunder, dass sie genau auf diesem Weg in der Mitte der siebziger Jahre von einer immer größer werdenden Truppe von Bläsern und Schaustellern begleitet wurden. Humor gehörte dabei immer unbedingt hinzu.


8. Johann Sebastian Bach – Choral, BWV 147: „Jesu, Joy of Man’s Desiring”

Denn ihre Späßchen konnten sich weder die Davies-Brüder noch ihre Mitstreiter verkneifen. Ihr Bassist Peter Quaife, der die Band 1969 entnervt verließ und sich seinem neuen Projekt Maple Oak widmete, war deren vielleicht prägendstes Mitglied. Auf Singles wie You Really Got Me, All Day and All of the Night,  Sunny Afternoon und Waterloo Sunset war sein unaufdringliches Spiel zu hören, sein Einfluss auf das legendäre The Kinks Are The Village Green Preservation Society-Album bleibt unumstritten.

Auf eben jener LP, Quaifes letzter mit der Band, findet sich mit Wicked Annabella auch ein ungewöhnliches Stück. Ungewöhnlich ist es allein deswegen, weil der Song zwar von Ray geschrieben und doch von Dave gesungen wurde. Aber insbesondere auch deshalb, weil er ungewöhnlich düster und rau klang und sich Quaife dennoch einen kleinen musikalischen Scherz erlaubte. „Ich dachte immer, dass das wohl das Coolste war, was er je bei uns gemacht hat“, grinste Dave in einem Interview. „Es bewies seine Kreativität und was für ungewöhnliche Ideen er hatte. Wenn ich das Stück höre, muss ich manchmal schmunzeln.“ Was aber hatte Quaife denn nun gemacht? Ganz einfach: Sein Bassspiel zitiert einen barocken Choral von Johann Sebastian Bach. „Oh, ein ganz großer Spaß“, frotzelte der tragischerweise im Jahr 2010 verstorbene Bassist über seinen genialen Einfall.


9. Van Halen – You Really Got Me

„Peter wurde niemals zugutegehalten, was er mit seinem Beitrag und seinem Engagement bei den Kinks beigetragen hat“, schrieb ein aufgelöster Dave kurz nach Quaifes Tod in seinem eigenen Interforum. „Ich wäre ohne ihn heute nicht hier“, sagte auch Ray kurz darauf zu seinem Publikum auf dem Glastonbury Festival in England. Tatsächlich: Auch wenn die Kinks im Kern immer aus den Davies-Brüdern bestanden, so verdankten sie ihren Erfolg auch anderen. Manchmal sogar komplett anderen Bands.

Die siebziger Jahre waren eine schwierige Zeit für die Kinks. Nach dem Weggang von Quaife versuchten sie sich ab 1973, erneut inspiriert von der Music Hall-Tradition und Rockopern wie The Whos Tommy, an theatralischen Formaten. Ihre Alben Preservation Act 1 und Preservation Act 2 aber fielen bei der Kritik komplett durch. Nicht nur das setzte der Band zu, auch Rays persönliche Probleme in seinem Eheleben wie auch mit Drogen und Depressionen wurden zum Hindernis. 1976 setzten die Kinks allerdings einen Schlussstrich unter die Zeit der opulenten Bühnenshows. Nach dem Album Sleepwalker aus dem Folgejahr war es jedoch vor allem eine Coverversion Van Halens, die der Band neuen Auftrieb verlieh. Ihre Interpretation von You Really Got Me erinnerte viele an die britische Band, deren Einfluss auf die Hard Rock-Szene nicht unterschätzt werden konnte. Eine Ironie der Musikgeschichte: Ohne die Kinks hätte es Van Halen wohl nie gegeben, nun aber wurden sie zum Geburtshelfer von deren drittem Karriereabschnitt.


10 Oasis – The Importance Of Being Idle

1996 bedeutete für britische Musik einen Wasserscheidenmoment und das nicht nur, weil in diesem Jahr nach über dreißig Jahren die Kinks das Handtuch warfen. Während die Rave-Epidemie in Großbritannien langsam abebbte, schwang sich der Britpop-Hype zu nie gekannten Höhen herauf. Die wohl größte Band dieser Ära waren – sorry, Blur! – wohl Oasis. Auch bei ihnen stand ein Brüderpaar im Kern der Gruppe, das auf allen Ebenen Ray und Dave Davies das Wasser reichen konnte. Und sei es nur in Sachen Streitlustigkeit… Dave zumindest gab in einem Interview zu verstehen, dass ihn die Gallaghers an ihn und seinen Bruder erinnerten.

In gewohnt großkotz-, äh, selbstbewusster Manier bezeichnete Noel wiederum die Kinks sogar als die fünftbeste Band aller Zeiten. Noch 2005 gestand er, dass für den Oasis-Song The Importance Of Being Idle unter anderem zwei Kinks-Stücke Pate standen, Sunny Afternoon und Dead End Street. À propos Patenschaft: „Es ehrt mich ja, das alles inspiriert zu haben, aber ich bin nicht der Pate dieses Sounds“, gab Ray 2015 gegenüber dem britischen Guardian über den Britpop-Hype der Neunziger zu Protokoll. „E her eine Art besorgter Onkel.“ Ist das nun reine Bescheidenheit – oder wollte sich der Kinks-Mastermind von seinem Erbe distanzieren? So oder so, der Einfluss der nicht immer kommerziell erfolgreichen Band kann und darf nicht unterschätzt werden.


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Popkultur

Zum Geburtstag der Metal-Diva: Tarja Turunen wird 45!

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Tarja Turunen
Foto: Giuseppe Maffia/NurPhoto via Getty Images

Mit Nightwish hat sie den Metal-Olymp erklommen, seit 2005 verfolgt sie eine überaus erfolgreiche Solokarriere: Tarja Turunen zählt ohne Weiteres zu den erfolgreichsten Sängerinnen der Rockmusik. Doch wie hat eigentlich alles angefangen und was macht die finnische Grande Dame des Metal heute?

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch In The Raw von Tarja anhören:

Ob wohlklingend oder nicht: Der erste Schrei von Tarja Turunen ertönt am 17. August 1977 in einem kleinen finnischen Dorf namens Puhos nahe der russischen Grenze. Sie wächst mit einem jüngeren und einem älteren Bruder auf; ihre Eltern arbeiten in der Stadtverwaltung und als Zimmermann. Schon im Alter von drei Jahren fällt Tarja als herausragende Sängerin auf, als sie bei einer Kirchenveranstaltung eine finnische Version des Stücks Vom Himmel hoch da komm’ ich her von Martin Luther zum Besten gibt. Anschließend tritt sie in den Kirchenchor ein, mit sechs nimmt sie die ersten Klavierstunden. Noch weiß das Wunderkind nicht, dass ihm eine große Karriere bevorsteht.

Auch in der Schule bemerkt man Tarjas musikalisches Können. „Man musste ihr nur eine Note geben und sie hat sofort alles verstanden“, erzählt ihr früherer Musiklehrer Plamen Dimov in einem Interview für die offizielle Nightwish-Biografie. „Mit anderen musste ich drei-, vier-, fünfmal proben.“ Tarjas Talent bringt allerdings auch Probleme mit sich. Weil einige Mitschülerinnen neidisch auf ihre Singstimme sind, mobben sie die junge Musikerin. Lehrer Dimov reagiert darauf und verlagert die musikalischen Aktivitäten von der Schule in die Freizeit. Ihren ersten großen Auftritt hat Tarja mit 15, als sie im Rahmen eines Kirchenkonzerts als Solistin vor rund Tausend Menschen auftritt. Doch noch immer steht die Sängerin bloß am Anfang dessen, was noch kommen soll.

Tarja Turunen: Mit Nightwish an die Spitze des Metal-Olymp

Mitten im finnischen Winter 1996 meldet sich Tarjas alter Schulkamerad Tuomas Holopainen bei der damals 19-jährigen Musikerin. Er habe ein neues akustisches Musikprojekt gegründet. Ob Tarja nicht als Sängerin einsteigen wolle. Sie schlägt ein, doch dann kommt alles anders. Gleich bei den ersten Proben merken alle Beteiligten, dass Tarjas Stimme seit der Schulzeit reichlich an Kraft gewonnen hat und gar nicht mehr zu ruhigen Akustik-Songs passt. Gitarrist Emppu Vuorinen steigt auf eine E-Gitarre um, Holopainen beschließt, dass die Band viel massiver klingen muss, um Tarjas Stimme gerecht zu werden. Das Grundgerüst steht. Nur ein Name für das Projekt fehlt noch. Kurze Zeit später ist klar: Die neue Band heißt Nightwish.

„Mehr Bombast, mehr Drama“ lautet das Motto der neu gegründeten Gruppe. Holopainen kann einen Plattenvertrag für Nightwish an Land ziehen und ab da geht es für die Newcomer nur noch in eine Richtung: nach oben. Schon das Debüt Angels Fall First (1997) schlägt ein, sehr zur Überraschung der Plattenfirma. Ab da wird es richtig ernst. Nightwish gehen auf Tour, Tarja bricht ihr Studium ab. Mit den folgenden Alben Oceanborn (1998), Wishmaster (2000) und Century Child (2002) klettern Nightwish immer weiter an die Spitze, 2004 gelingt den Finnen mit Once zum ersten Mal der Sprung auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Gleich danach kommt es zum Bruch — und die Finnen setzen ihre Sängerin vor die Tür.

„Es ist an der Zeit, sich zu entscheiden, ob die Geschichte von Nightwish hier endet, oder ob sie weitergehen wird“, schreibt die Band in einem offenen Brief an Tarja. Man wolle die Band fortführen. „Genauso sicher ist aber, dass wir mit dir und Marcelo [Tarjas Ehemann — Anm. d. Aut.] nicht mehr weitermachen können.“ Ihren Rauswurf trägt Tarja mit der maximal möglichen Fassung, doch an einer Sache stört sie sich: „Ich kann die Art und Weise, wie meine Band mir das Ganze mitgeteilt hat, immer noch nicht nachvollziehen“, erklärt sie nach dem offenen Brief von Nightwish. „Es hätte so viele Möglichkeiten gegeben, mir das auf anderem Wege zu sagen.“ Nach einer schweren Phase der Trauer rappelt sich die Sängerin wieder auf — und macht solo weiter.

„Heute ist alles anders.“

Nach wie vor zählt Tarja Turunen zu den berühmtesten und versiertesten Sänger*innen des Metal. Mit ihrer dreieinhalb Oktaven starken Stimme zieht sie weiterhin Fans auf der ganzen Welt in ihren Bann und hat seit 2006 stolze acht Soloalben veröffentlicht. „Heute ist alles anders“, verrät sie 2016 in einem Interview mit dem britischen Metal Hammer. „Ich habe eine Karriere, ich habe mein Publikum und mein Leben als Künstlerin. Ich bin frei. Es ist unglaublich, wenn man sich die Dinge selbst aussuchen kann, entscheiden kann, wie man was macht, und mit wem man zusammenarbeitet. Das möchte ich nicht mehr missen.“ Die aktuelle Nightwish-Sängerin Floor Jansen bezeichnet Tarja im selben Interview als „längjährige Freundin“ und ergänzt: „Wir haben vor ein paar Tagen noch gemailt.“

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Zeitsprung: Am 1.11.1997 debütieren Nightwish mit „Angels Fall First“.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 17.8.1959 erscheint „Kind Of Blue“ von Miles Davis.

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Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.8.1959.


von Timon Menge und Christof Leim

Kind Of Blue gehört zu den schlichtesten Aufnahmen der Musikgeschichte, aber auch zu den wichtigsten und schönsten. Am 2. März und am 22. April 1959 spielen Miles Davis und seine sechs Mitmusiker die Platte ein, am 17. August 1959 erscheint sie. Werfen wir zum Geburtstag einen Blick auf das Jahrhundertwerk des Jazz.

Hier könnt ihr euch Kind Of Blue anhören:

Ende des Jahres 1958 gehören Miles Davis und seine Bandmitglieder zu den gefragtesten Jazzmusikern New Yorks. Die Gruppe spielt einerseits Klassiker des Bebop, andererseits ein Repertoire von Popsongs. Wie im Jazz üblich, reichern die Künstler ihre Nummern mit Improvisationen an, die zu den Akkordfolgen der Stücke passen. Wie viele andere Musiker stört sich allerdings auch Davis zunehmend an den engen Grenzen der Richtung — und schlägt einen anderen Weg ein.

Diese fünf Musiker wurden erst etwas später berühmt

Die Aufnahmen zu Kind Of Blue finden an zwei Tagen in den 30th Street Studios in New York City statt. Am 2. März 1959 spielen Davis und seine Band, zu der auch Jazzlegende John Coltrane gehört, die Songs So What, Freddie Freeloader und Blue In Green ein. All Blues und Flamenco Sketches folgen am 22. April. Entgegen der landläufigen Meinung, das Album sei während nur eines einzigen Versuchs entstanden, befindet sich wahrheitsgemäß kein einziger sogenannter „First Take“ auf der Platte.

Vor den Sessions haben Davis’ Mitmusiker beinahe keine Gelegenheit zum Üben. Sie wissen noch nicht einmal so genau, was sie überhaupt einspielen sollen. In den Liner Notes kann man nachlesen, dass der Bandleader im Vorfeld gerade einmal grobe Skizzen mit einigen Tonleitern und Melodieabläufen verteilt. Als sich die Instrumentalisten im Studio einfinden, gibt Davis ihnen eine kurze Einweisung zu den einzelnen Songs, und die Aufnahme eines der wohl wichtigsten Jazzalben aller Zeiten beginnt. 

An dieser Stelle in das weite Feld der Kirchentonarten, Halbtonschritte und Modi einzusteigen, würde den Rahmen sprengen. Halten wir daher Folgendes fest: Mit Kind Of Blue entfernen sich Davis und seine Mitmusiker von den seinerzeit üblichen Dur-/Moll-Tonleitern und greifen auf eine wesentlich umfangreichere Trickkiste zurück. Dadurch schaffen sie nicht nur deutlich mehr Abwechslung, was die grundlegenden Songstrukturen betrifft, sondern vor allem jede Menge Raum für vielfältige Improvisation.

Bis heute behält Kind Of Blue seinen Legendenstatus. Ob im Jazz, in der Klassik oder im Pop: Die meisten Experten teilen die Meinung, dass Miles Davis mit seinem größten Erfolg die Musikwelt umgekrempelt hat. Mehr als sechs Millionen Mal geht das Werk über die Ladentheke, in den USA genießt das Album vierfachen Platinstatus, ein sagenhafter, fast pop-esquer Maßstab.

Miles Davis 1984 – Foto: David Gahr /Getty Images

Zeitsprung: Am 8.11.1985 spielt Miles Davis den Bösen bei „Miami Vice“.

 

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Eine ahnungslose Gospelband, ein Blitzlogo und ein Besuch von Bruce Springsteen: 3 Anekdoten, die nur aus dem Leben von Elvis stammen können

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Elvis Presley
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Seit inzwischen 45 Jahren müssen wir ohne Elvis Presley auskommen. Am 16. August 1977 verstarb der „King“ im Alter von nur 42 Jahren. Doch bis heute ranken sich zahlreiche Legenden und Geschichten um den ersten aller Rockstars. Drei davon haben wir für euch aufgeschrieben — darunter auch ein ungebetener Besuch vom „Boss“.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch den Soundtrack zum Biopic Elvis von Regisseur Baz Luhrmann anhören:

1. Mit 19 wurde Elvis von einer Gospelgruppe abgelehnt.

Genau wie die Beatles einmal legendär abgelehnt wurden, musste auch der „King Of Rock’n’Roll“ zu Beginn seiner Laufbahn mit allerhand Zurückweisung zurechtkommen. So attestierte ihm sein Musiklehrer in der Schule zum Beispiel, dass Elvis nicht besonders gesangsbegabt sei. So kann man sich täuschen. Im Alter von 19 Jahren bewarb sich Elvis Presley außerdem bei den Songfellows, einem Ableger der deutlich berühmteren Gospelgruppe The Blackwood Brothers. Doch die Band lehnte ihn ab. Als wenig später ein Platz bei den Songfellows frei wurde, weil eines der Mitglieder zu den Blackwood Brothers wechselte, sollte der „King“ noch eine Chance bekommen. Zu jener Zeit hatte Elvis allerdings schon einen Plattenvertrag mit Sun Records unterschrieben. Der Rest ist Geschichte.

2. Ein Gewitter während eines Flugs nach Memphis lieferte die Inspiration für das legendäre TCB-Logo — oder doch nicht?

Wie genau das ikonische TCB-Logo [kurz für: „Taking Care of Business“] entstand, das sich Elvis als Halskette für seine Band wünschte, daran scheiden sich bis heute die Geister. Eine weit verbreitete Theorie lautet, dass Elvis ein so großer Fan von Captain Marvel Jr. war, dass er nicht nur dessen Optik imitierte, sondern auch den Blitz vom Cape des Comic-Superhelden übernahm. Eine andere Meinung vertritt Elvis’ Cousin Billy Smith, der sich sicher ist, dass Elvis den Blitz aufgrund seiner Zeit bei der US Army verwendete. „Es war das Abzeichen seines Bataillons“, gibt Smith in einem Interview zu Protokoll. Das stimmt, wie ihr hier sehen könnt. Wiederum anderer Meinung ist Elvis’ Ex-Frau Priscilla, die kürzlich in einem Interview mit der Vogue erzählte: „Die TCB-Halskette habe ich entworfen. Wir saßen in einem Flugzeug nach Memphis und er [Elvis] sagte zu mir, dass er sich ein Schmuckstück wünscht, das nur für seine Jungs entworfen wurde, also für TCB. Während des Flugs fing es an zu regnen und am Himmel war ein Blitz zu sehen. Ich habe mir den Blitz angeschaut, ihn aufgemalt und die Buchstaben TCB darüber gesetzt. Dann habe ich ihn gefragt, ob es das ist, was er meint. Und er sagte: ‚Oh Gott, das ist es.‘ Wer hätte ahnen können, dass dieses Symbol einmal so bekannt werden würde? Ich werde mich ewig darüber ärgern, dass ich kein Patent darauf habe.“ Wie genau das Logo entstanden ist, wird also wohl immer ein Geheimnis bleiben. Wir Fans dürfen uns immerhin über gleich drei unterschiedliche Geschichten dazu freuen.

3. Am 29. April 1976 bekam der „King“ Besuch vom „Boss“. Zumindest fast.

Fans tun manchmal die verrücktesten Dinge, um ihren Stars ein wenig näher zu kommen. Besonders unterhaltsam wird es, wenn die Fans selbst Superstars sind. Im April 1976 war Bruce Springsteen schon längst in der Rock’n’Roll-Champions-League angekommen, allerspätestens mit seinem dritten Album Born To Run (1975) und der dazugehörigen Tour. Dennoch ist der „Boss“ auch selbst noch Fan und geht in der Nacht vom 29. April 1976 einen kliiitzekleinen Schritt zu weit, um seinen großen Helden Elvis Presley kennenzulernen. Statt einen Termin mit dem „King“ auszumachen, entscheidet sich Springsteen nämlich für einen anderen Weg: Gegen drei Uhr morgens erklimmt er die Mauer von Elvis’ Anwesen Graceland, nimmt die Beine in die Hand und rennt mit Vollgas auf das Haus seines Idols zu. Dort brennt sogar noch Licht, doch bis zur Tür kommt der „Boss“ gar nicht. Einer von Elvis’ Wachmännern ringt den jungen Musiker nieder und geleitet ihn vom Gelände. „Ich bin auch berühmt!“, lässt Springsteen den Wachhabenden wissen. Der wiederum erklärt dem begeisterten Fan, dass Elvis gar nicht zu Hause sei, sondern am Lake Tahoe verweile. Dumm gelaufen. Gut ein Jahr später stirbt Elvis; Springsteen lernt er vorher nicht mehr kennen. Doch wer ganz genau hinschaut, kann erkennen, dass der „Boss“ dem „King“ schon vor seiner Einbruchsaktion auf dem Cover von Born To Run die Ehre erwies:

the king cover

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