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Popkultur

Die musikalische DNA von Madonna

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Madonna: Queen of Pop

Madonna ist ein Gesamtkunstwerk. Und zwar eins, das sich ständig wandelt. Von ihren bescheidenen Anfängen Ende der siebziger Jahre in der Punk- und Dance-Szene New Yorks über ihre Blütezeit während der MTV-Ära bis heute prägt die Queen of Pop das Musikgeschehen. Nicht alle lieben sie dafür, aber Neid und Ablehnung gehört eben zum Business dazu. Ihr unvergleichlicher kommerzieller Erfolg allein scheint ihr Recht zu geben. Vor allem ist es ihr beständiger Einfluss auf die Pop-Welt, der Madonna zu einer der größten Künstlerinnen des letzten und diesen Jahrhunderts macht.

Madonnas explizites Spiel mit Sex und Körperlichkeiten, ihre popularisierende Koketterie mit ethnischen wie religiösen Fragen gehören genauso zum unüberschaubaren Erbe der Madonna Louise Ciccone wie ihre ikonischen Videos, die rekordverdächtigen Live-Shows und nicht zuletzt ihre Musik. Anders als viele andere im Business verließ sich die US-Amerikanerin nie allein auf die Hilfe ihrer Entourage, sondern legte beim Songwriting und der Produktion stets selbst Hand an. Heißt: Wo Madonna drauf steht, da ist auch Madonna drin.

Dennoch muss sich selbst eine Queen of Pop regelmäßig böse Worte anhören. Die meisten ihrer regelmäßigen Auftritte als Schauspielerin fielen bei der Kritik durch, so manche Neuerfindung wurde im Laufe ihrer Karriere vorschnell als gescheitert verurteilt. Hartnäckig hält sich auch der Vorwurf, Madonna würde sich bedenkenlos bei Subkulturen bedienen und ihren Profit aus der Arbeit des Undergrounds schlagen. Fest steht zumindest, dass sie immer ein Ohr am Puls der Zeit hat und Trends entweder vorhersieht oder sie gar selbst ins Leben ruft. Ein Blick auf ihre musikalische DNA verrät uns also einiges über ihr unübertroffenes Erfolgsrezept. Live out your fantasy here with her, just let the music set you free!


Hört euch hier die musikalische DNA von Madonna in einer Playlist an und lest weiter:


1. Marvin Gaye – I Want You


Wenn wir an die junge Madonna denken, dann kommt uns sofort New York in den Sinn. Kaum jemand verkörperte den freigeistigen Spirit des Big Apple besser als die Tänzerin, die mit ein paar Dollars in der Tasche und ohne Plan B in der Hinterhand dort ankam und es zum Weltstar schaffte. Aufgewachsen ist Madonna aber in der Nähe einer nicht weniger inspirierenden Stadt, Detroit.

Obwohl er selbst nicht in der City of Champignons aufwuchs, wurde Marvin Gaye eine der prägendsten Stimmen des hiesigen Motown-Sounds. Gemeinsam mit Massive Attack nahm Madonna wiederum 1995 eine Version von Gayes I Want You auf, die den bittersüßen Soul-Song eng am Puls des Trip Hop-Zeitalters in eine nachtschattige Ballade verwandelte. Das war jedoch nicht das erste und bestimmt nicht das letzte Mal, dass sie ihrer Heimat Tribut zollte. Als Madonna 2008 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, bat sie die ebenfalls aus dem Bundesstaat Michigan stammenden Stooges, Coverversionen ihrer Songs Burning Up und Ray Of Light zu spielen. Weder der Detroiter Soul noch ihren Heimatstolz hat die Künstlerin hinter sich gelassen.


2. Blondie – One Way Or Another


Madonna wollte aber weiter hinaus als es ihr das beschauliche Vorstadtleben im Speckgürtel der Motor City je erlaubt hätte. New York hingegen bot ihr Ende der siebziger Jahre alles, was sie sich nur wünschen konnte. Von klassischer Musik – Mozart, Chopin und die Kompositionen des Barockzeitalters waren für die junge Ciccone wichtig – über Tanz bis Punkrock konnte sie dort alles erleben und ausprobieren. Ganz klar: Madonna wäre nie zu dem schillernden, sich ständig verwandelnden Star geworden, hätte sie nicht in New York die volle kreative Freiheit und ein paar Vorbilder vorgefunden.

Eines ihrer role models war in frühen Zeiten Debbie Harry, die Frontfrau von Blondie. „Ganz am Anfang, als ich gerade erst begann, mich für Musik zu interessieren, war ich total von Debbie Harry beeindruckt“, gab sie in einem Fernsehinterview zu. „Sie hatte die totale Kontrolle über alles, was sie machte. Sie hatte Witz. Sie war clever. Ich mochte das.“ Neben Chrissie Hynde ist Harry damit eine von Madonnas frühen Idolen. Unter anderem von Blondie beeinflusst waren auch die Bands Breakfast Club und Emmy, in der Madonna dem Vorbild auch in musikalischer Hinsicht nacheiferte und mit Wave- und Punk-Klängen experimentierte.


3. ABBA – Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)


Ob nun Marvin Gaye oder Blondie: Madonna konnte Beides miteinander vereinen und vor allem auf Beides tanzen. Nicht nur auf ihren frühen Platten, auch im späteren Verlauf ihrer Karriere war Dance Music im weitesten Sinne einer der Eckpfeiler von Madonnas Sound. Kein Wunder, denn neben Wave, Punk und Hip Hop war Disco eine der wichtigsten Zutaten im musikalischen Schmelztiegel der Stadt New York. Noch heute wird Madonna allerdings vorgeworfen, sich allzu großzügig bei der Disco-Community bedient zu haben. Ihre Tanzperformances beinhalteten Elemente der sogenannten Ballroom-Szene, in der die LGBTQ-Szene mit dem Voguing ihre eigene Ausdrucksform entwickelte.

Ganz ähnliche Kritik bekam das schwedische Quartett ABBA Zeit seiner Karriere zu hören, als es mit Dancing Queen seine Version der schwarzen Tanzmusik auf die Bühnen der Welt brachte. Einige mögen deshalb mit der Nase gerümpft haben, als Madonna als zweite Künstlerin der Musikgeschichte überhaupt die Erlaubnis bekam, einen ABBA-Song für eine eigene Komposition zu samplen. Die markante Streicherfigur aus Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight) tauchte 2005 im Stück Hung Up auf. Doppelt schlimm für manche, immerhin aber lobte ABBA-Mitglied Björn Ulvaeus die Kollegin mit den Worten: „Es ist ein wundervoller Track – 100%ig solide Pop-Musik!“


4. David Bowie – Rebel Rebel

Zur Ehrenrettung Madonnas wird gerne drauf hingewiesen, dass sie ohne die eine oder andere Leihgabe aus den verschiedensten Subkulturen wohl kaum jemals zu einer dermaßen wandelbaren Persönlichkeit geworden. Auch dafür allerdings hatte sie ein Vorbild! David Bowie zeigte der jungen Madonna noch vor ihrer Reifezeit in New York, dass Popstars sich über erstarrte Geschlechterrollen hinwegsetzen und sich allenthalben neu erfinden können.

„David Bowie hat mein Leben für immer verändert“, schrieb Madonna kurz nach seinem Tod im Januar 2016 in einem aufgewühlten Facebook-Post. „Ich fand ihn so inspirierend und innovativ. Einzigartig und provokativ. Ein echtes Genie.“ Und weil ihr erstes Konzert ein Auftritt Bowies in Detroit war, scheint es nur eben sinnig, dass sie diesen zarten Worten im Rahmen ihrer zeitgleich laufenden Rebel Heart-Tour eine deftige Live-Interpretation von Bowies Klassiker Rebel, Rebel hinterher schickte.


5. John Lennon – Imagine


Ihre rebellische Haltung vereinte Bowie und Madonna weit über die Musik hinaus. Und obwohl sich die Sängerin zuletzt mit deutlich scharfen Worten in Richtung des Weißen Hauses unter Donald Trump richtete, so bleibt die eifrige Kabbala-Schülerin und Kinderbuchautorin doch eine friedfertige Seele. Derweil sie neben Bowie oft Led Zeppelin als eine für die prägende Band zitiert, so war ein britisches Quartett für ihre Sozialisation keinesfalls weniger wichtig. Ist ja auch klar, die hatten schließlich einen Song, der ihr wie auf den Leib geschrieben schien: Lady Madonna. Obwohl, wenn wir uns die Lyrics der McCartney-Komposition mal genau anschauen… Naja, lassen wir das und wenden wir uns hoffnungsvolleren und ausgesprochen friedfertigen Tönen zu.

2005 stimmte Madonna im Rahmen des Tsunami Aid-Benefizkonzerts für die Opfer der Flutkatastrophe im indischen Ozean John Lennons Imagine an und unterstrich dabei zugleich ihre karikative Ader wie sie ihre sanfte Seite zeigte. Sie kann eben nicht nur pumpende Pop-Songs aus dem Ärmel schütteln, sondern auch feinfühlige Balladen mit sozialpolitischem Anspruch auf ihre ganz eigene Weise interpretieren.


6. Don McLean – American Pie


Ihre größten Karriere-Highlights hat Madonna aber unzweifelhaft immer dann gehabt, wenn sie die emotionalen Aspekte ihrer Musik auf mitreißende Art und Weise verpackte. Als Schauspielerin hat sie wieder und wieder dasselbe versucht, aber ach – naja, sagen wir so: Es glückte ihr nur manchmal. Ihre Ambitionen auf der Leinwand allerdings brachten des Öfteren tolle Musik mit sich. So auch ihr einerseits neckisches wie andererseits bewegendes Cover von Don McLeans Klassiker American Pie für den Soundtrack des Films The Next Best Thing, in dem sie selbst mitspielte.

In American Pie erzählte McLean gleichermaßen melancholisch wie jubilierend die Geschichte des Rock and Rolls von 1959 bis 1969 nach. Wie das Original schwankt Madonnas Interpretation zwischen tragischen Tönen und Euphorie, die in ganz neuem Gewand präsentiert werden. Madonna ist eben selbst dann noch eine visionäre und einzigartige Künstlerin, wenn sie von der Filmkritik in der Luft zerrissen wird. Wie es ihr just widerfuhr, als The Next Best Thing im Jahr 2000 in den Kinos anlief. Zumindest der Soundtrack passte.


7. Public Enemy – Security Of The First World

Nein, Madonna war nicht immer erfolgreich, wenn sie andere darzustellen versuchte. In Sachen Selbstdarstellung aber hat sie sich das Prädikat „Queen of Pop“ redlich verdient. Eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und ein bisschen Ellbogenfett gehört wohl ebenso dazu wie absolute Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Strömungen. Wie Blondie und deren Sängerin Debbie Harry zuvor liebäugelte Madonna schon früh mit der Hip Hop-Szene, wo Selbstdarstellung und ein manchmal etwas rüder Umgangston an der Tagesordnung liegen. Keine Berührungsängste!

Zumindest zeigte sie keine, als sie 1985 die damals noch recht unbekannten Beastie Boys mit auf Tour nahm oder 1990 den Song Justify My Love veröffentlichte, der von Lenny Kravitz produziert wurde und dessen Lyrics auf einem Gedicht Ingrid Chavez’ basierten. Der von unterkühlten Synthesizer-Akkorden umspielte Beat aber stammte nicht aus Madonnas Feder, obwohl sie gewöhnlich als Songwriterin immer ihre Finger im Spiel hat. Tatsächlich handelt es sich um einen Track von Public Enemys ikonischer LP It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back. Dass Chavez Kravitz vor Gericht zog, weil ihr kein Credit zugesprochen wurde, war dabei noch der geringte Skandal. Vor allem war es das Video zum Song, das wegen seiner BDSM-Anleihen Kontroversen auslöste. Wie effektive Provokation geht, hatte Madonna schließlich unter anderem im Hip Hop gelernt – auch wenn sie ihr auf ganz eigene Art und Weise gelang, zum „Public Enemy“ des prüden Amerikas zu werden.


8. Aaliyah – Try Again


Die Hip Hop-Elemente zogen sich auch weit über die neunziger Jahre hinweg durch Madonnas Musik. Für ihr elftes Studioalbum Hard Candy kollaborierte sie mit dem Hit-Produzenten Timbaland, der um die Jahrtausendwende mit seinen Bhangra-inspirierten Beats einen ganz neuen Sound berühmt gemacht hatte. Das Video zum Song 4 Minutes war vielen ein erneuter Aufreger wert. Obwohl es in dem Text zum Lied eigentlich eher um sozialpolitische Fragen ging, nutzten sie und ihr Kollaborationspartner Justin Timberlake die Gelegenheit, um sich auf dem TV-Bildschirm nahe zu kommen. Und sich dabei gegenseitig der einen oder andere Klamotte zu entledigen, versteht sich. Neues Futter für die ständig überköchelnde Gerüchteküche um Madonnas Liebesleben!

Vielleicht hätte doch vielmehr über den Text oder aber die Musik diskutiert werden können. Schließlich handelt es sich bei 4 Minutes um einen von Timbalands aufwändigsten, um nicht zu sagen ausgefeiltesten Beats. Eine direkte Verbindung zwischen dem Produzenten und Madonna findet sich übrigens in Aaliyah, die Madonna bereits 1994 auf ihrem Album Bedtime Stories sampelte und die mit Timbaland hinter den Reglern im Jahr 2000 ihren Überhit Try Again landete. Verbindungslinien, wie sie zuhauf in Madonnas Werk zu finden sind.


9. Britney – Toxic

Nicht wenige empfangen Madonnas Zusammenarbeit mit Timbaland und Timberlake jedoch als anbiedernd. Dabei hat es im Hause Ciccone doch Tradition, die Nähe von spannenden Artists zu suchen. Nicht nur Timbaland, auch Missy Elliott gehörte dem Aaliyah-Umkreis an und fand sich schon 2003 gemeinsam mit ihr auf der Bühne wieder. Die beiden waren aber nicht allein, sondern hatten mit Christina Aguilera und Britney Spears zwei Sängerinnen dabei, die unter der Hand schon seit langer Zeit als Madonna-Erbinnen gehandelt wurden. Mit ihrer gemeinsamen Performance von Like A Virgin und Hollywood aber zeigte das Quartett, wer die Hosen an hat – und zwar buchstäblich.

Während Aguilera und Spears im Hochzeitskleid auftraten, feierte Madonna einen pompösen Einzug mit Zylinder, langen Stiefeln und Reithosen. Und was hätte die so als Bräutigam verkleidete Diva denn auch anderes tun sollen, als ihren beiden Bräuten einen Kuss zu verpassen? Die kurzen Knutscher wurden schnell von Elliotts wirbelnder Performance von Work It abgelöst, natürlich aber war der nächste Skandal damit perfekt. Die Beziehung insbesondere zwischen Madonna und Spears sollte aber noch weitere Früchte tragen: Im selben Jahr holte Sears das Idol für den Song Me Against The Music ins Studio. Ein noch größerer Hit gelang Spears aber mit der ebenfalls 2003 veröffentlichten Single Toxic. Fand wohl auch Madonna, die den Song 2016 als bizarre Kabarettnummer live aufführte, um gegen Donald Trump zu protestieren.


10. Lady Gaga – Poker Face


Keine Frage, Madonna hat Erfolgsgeschichten wie die von Britney Spears und Christina Aguilera erst ermöglicht. Obwohl häufig darüber diskutiert wurde, ob ihr nicht eine der beiden früher oder später den Rang ablaufen würde, konnte sie sich immer künstlerisch gegen den Nachwuchs behaupten und zollte ihnen trotzdem den gebührenden Respekt. 2008 aber schien Madonna erstmals kräftig Konkurrenz zu bekommen. Als Lady Gaga wie aus dem Nichts auftauchte und mit Songs wie Poker Face die Pop-Welt im Sturm eroberte, erinnerte sie nicht von ungefähr an die große Ikone.

Madonna wie Gaga haben italienische Wurzeln und lernten in der New Yorker Szene ihr Handwerk, sie beide provozierten mit sexuell zwei- oder manchmal auch eindeutigen Performances und grellen Bühnenoutfits. So richtig warm wurden sie dennoch nie miteinander. Heutzutage hat Gaga für ihr ehemaliges Idol kaum noch gute Worte übrig. In der Dokumentation Gaga: Five Foot Two teilte Gaga gegen Madonna aus, die ihre Musik zuvor in einem Interview als „reductive“ bezeichnet hatte – was ungefähr bedeutet, dass sie die jüngere Kollegin für eindimensional und simpel hält. „Sie sagt mir übers Fernsehen, dass ich ein Stück Dreck bin? Das ist so, als würde ein Typ mir mittels eines Freundes einen Zettel zustecken“, konterte Lady Gaga. So viel die beiden wohl gemeinsam haben – Freundinnen werden sie wohl nicht mehr.


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Popkultur

Interview mit In Flames: „Sobald man ein paar Alben veröffentlicht hat, ist plötzlich alles voller Regeln“

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In Flames

Mit Foregone liefern In Flames das Album, auf das alle seit Reroute To Remain gewartet haben: Ein großes Melodic-Death-Metal-Album, das mehr als nur ein bisschen auf die legendären Neunziger schielt. Warum das nichts mit Nostalgie zu tun hat, wie die Schweden Fortschritt dosieren und was er gern an seinem 50. Geburtstag machen würde, verrät uns Sänger und Kappenträger Anders Fridén im Interview.

von Björn Springorum

Ihr habt schon vor Veröffentlichung des neuen Albums eine lange Europatournee gespielt. Was man so gehört hat, kam die ja wahnsinnig gut an. Wie war es, wieder unterwegs zu sein?

Ich weiß nicht, was, aber wir scheinen gerade irgendwas richtig zu machen. (lacht) Der Band geht es sehr gut und wir alle haben es genossen, endlich mal wieder eine richtige Tour zu spielen. Es war viel zu lang her.

Die Stimmung in In Flames ist derzeit also bestens?

Unsere Band verteilt sich ja mittlerweile auf Schweden und die USA, also waren wir wegen der Pandemie ewig nicht zusammen im selben Raum. Das war nicht einfach, hat unserer Beziehung aber gut getan. Wir konnten alle mal einen Schritt zurücktreten und in aller Ruhe betrachten, was wir uns da eigentlich aufgebaut haben. Als Band machst du ja nie Pause, du machst einfach immer so weiter, bis du ein wenig aus den Augen verlierst, was für ein gewaltiges Privileg das alles ist. Alle sind jetzt wieder so dermaßen hungrig auf die Band, alle ziehen an einem Strang. Außerdem sind alle in absoluter Topform. So eine hohe Qualität hatten wir bei In Flames noch nie.

Wie hast du die Pandemie überstanden?

Habe ich das? (lacht) Ja, wahrscheinlich schon. Es ging. Ich fühlte mich merkwürdig ruhig, als alles losging. Erstmals in meinem Leben gab es da ein Ereignis, das alle auf der Welt im gleichen Maße betraf. Ich fühlte mich allen anderen Menschen verbunden, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Das änderte sich dann auch bei mir irgendwann in Richtung Frustration, aber zumindest die erste Phase war durchaus inspirierend.

„Ich weiß, dass wir die Hoffnung nie verlieren sollten“

Deine Texte waren ja immer sehr introspektiv und persönlich. Hat die Pandemie sie universaler gemacht?

Die Texte sind persönlich wie immer, richtig. Aber wenn ich so darüber nachdenke, dann sind sie tatsächlich mehr nach außen gerichtet. Ich beobachte mein Umfeld mehr.

Foregone sprüht nicht gerade vor Optimismus und Zuversicht. Wo findest du noch Hoffnung?

In meinem ersten Kaffee am Morgen? (grinst) Ansonsten ist es schwierig, das gebe ich zu. Ich sollte wahrscheinlich einfach aufhören, die Nachrichten zu lesen. Sicher, Hoffnung gibt es irgendwie immer, aber manchmal scheint es alles immer nur noch schlimmer zu werden. Es ist nicht einfach und sagt sich so leicht, aber ich weiß, dass wir die Hoffnung nie verlieren sollten. Für unser eigenes Seelenheil.

Foregone wurde aus Frustration und Angst geboren“

Auf der letzten Tour habt ihr die Songs der neuen Platte direkt mit sehr alten Songs gepaart. Zufall?

Ich finde, dass die neuen Songs sehr gut zu den eher älteren Sachen aus unserem Kanon passen. Irgendwas an ihnen transportiert diese Stimmung der Neunziger.

Hat das mit Nostalgie zu tun?

Ich weiß schon, dass einige der neuen Songs nach unseren ganz frühen Alben klingen, aber wir sehen das anders. Ich bin kein nostalgischer Mensch, ich schaue eigentlich nie zurück. Diese Elemente waren immer da und kommen jetzt einfach wieder ein wenig mehr zum Vorschein, denke ich. Foregone wurde aus Frustration und Angst geboren, diese beiden abgefuckten letzten Jahre sind in dieses Album geflossen.

„Man hört einem Song an, dass es ein In-Flames-Song ist“

Dann war es also keine bewusste Wurzelkunde?

Nein. Mit In Flames haben wir im Grunde nur ein Ziel: Wir wollen besser werden. Bessere Songwriter, bessere Musiker, bessere Menschen. Es ist ja nun mal so: Wir schreiben Songs, mit denen wir für immer leben müssen. Also haben wir keine andere Wahl als alles zu geben. Wer uns nicht mehr mag, kann einfach aufhören, uns zu hören, aber ich muss hinter diesen Songs stehen und sie Nacht für Nacht spielen.

Es kommt also nicht vor, dass ihr im Proberaum mal sagt: „Cooles Riff, klingt aber zu sehr nach Cloud Connected“?

Wir haben unseren Sound, von dem können und wollen wir uns auch gar nicht lösen. Manchmal klingt ein Riff also nach The Jester Race, manchmal nach Reroute To Remain. Man könnte natürlich auch sagen: Manchmal klingen In Flames nach In Flames (lacht). Wir versuchen, uns nicht zu wiederholen, aber auch unsere Gitarren haben nur diese Anzahl an Noten…

Und wie dosiert ihr dann Fortschritt?

Gute Frage. Es ist uns wichtig, uns immer weiterzuentwickeln. Aber wir wollen nie so weit gehen, dass man uns nicht mehr erkennt. Ich denke, das haben wir geschafft. Sicher gab es Änderungen und eine Menge Evolution, aber man darf nicht vergessen, dass wir mittlerweile sehr viele Jahre, sehr viele Tourneen und sehr viele Biere hinter uns haben. Doch unser Sound ist sofort erkennbar. Man hört einem Song an, dass es ein In-Flames-Song ist. Das liegt sicherlich an meiner Stimme, aber auch an der Art und Weise, wie wir Songs schreiben. Das können nur wir so.

„Jede neue Band ist voller Naivität und Aufbruchstimmung“

Wie ist Foregone entstanden?

Wir schreiben weder, wenn wir auf Tour sind, noch alleine für uns. Björn [Gelotte] und ich müssen im selben Raum sein, sonst gibt es keine Magie. Wir zehren voneinander, beflügeln uns gegenseitig. Was sich nie ändern wird: Wir schreiben Alben, keine Singles. Da werden wir für immer alte Schule bleiben.

Du wirst im März 50. Was macht das Älterwerden mit dir?

Es bringt mehr Ruhe. Privat wie musikalisch. Jede neue Band ist voller Naivität und Aufbruchstimmung. Und das ist ja auch das Schöne daran. Deswegen fand ich mein Zuhause in der Heavy-Metal-Szene: Es gab keine Regeln. Doch sobald man dann ein paar Alben veröffentlicht hat, ist plötzlich alles voller Regeln. Fremde sagen dir, was du tun darfst und was nicht und du wirst plötzlich unsicher und weißt nicht mehr, wo du stehst. Das ändert sich mit dem Älterwerden zum Glück wieder. Du wirst dein eigener Kompass und hörst auf deine innere Stimme. Ich mache das seit 1989, da bleibt schon bisschen was hängen.

Was darf man als Band nie verlieren?

Die Leidenschaft. Ich will auf die Bühne geben und das Gefühl haben, dass es auf der ganzen Welt nichts Besseres gibt. Wenn das mal nicht mehr da ist, höre ich auf. Warum sollte ich das sonst auf mich nehmen? Ich war 2022 fast pausenlos auf der ganzen Welt unterwegs…

Was wünschst du dir zum 50. Geburtstag?

Ein Urlaub auf einer einsamen Insel mit meiner Familie, weit weg von euch allen. (lacht)

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Zeitsprung: Am 3.9.2002 wagen In Flames etwas mit „Reroute To Remain“.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.2.2013 verliert Axl Rose den Prozess gegen „Guitar Hero III“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.2.2013.

von Christof Leim

2010 verklagte W. Axl Rose die Firma Activision, die das Computerspiel Guitar Hero III auf den Markt gebracht hatte, in dem auch Guns N’ Roses vorkommen. Der Sänger störte sich vor allem daran, dass beim Song Welcome To The Jungle Gitarrist Slash als spielbare Figur auftaucht. Nicht nur das: Sein alter Kollege ziert sogar die Verpackung. Mit seiner Beschwerde kommt Axl allerdings nicht durch…

Hört euch hier die Klassiker von Guns N’ Roses an und lest weiter:

Den Deal damals hatte Axl als Herrscher über das Guns-N’-Roses-Imperium abgesegnet. Dabei vereinbarte er mit der Firma, dass auf keinen Fall sein (damals) ungeliebter Ex-Kollege Slash zu sehen sein darf. Dass zudem einige Songs von dessen neuer Combo Velvet Revolver in der Bonussektion gespielt werden können, störte den Rotschopf ebenso. Nach Meinung von Axl habe die Firma ihn trotz entsprechender Versprechen damit schlicht hintergangen und sei vertragsbrüchig. Als Schadenersatzsumme warf seine anwaltliche Vertretung eine praktische runde Summe in den Ring: 20 Millionen Dollar.

Tauchen beide in Guitar Hero III auf: W. Axl Rose und Slash. Das geht gegen die Abmachung, fand Axl. Credit Foto rechts: Stefan Brending / via Wikimedia Commons.

Die Klage wird abgewiesen

Doch daraus wird nichts: Am 8. Februar 2013, wird die Klage mit Schwung abgewiesen. Hauptgrund: Das Spiel war schon 2007 erschienen, aber Team Axl hat sich drei Jahre Zeit mit der Klageerhebung gelassen – zu lange. Und das, obwohl der Agent des Künstlers schon viel früher eine Beschwerdemail an Activision geschrieben hatte. Rose hatte aber einen guten Grund zu warten, denn die Firma hatte ihm ein eigenes Spiel angeboten. Da wartet man doch gerne. Über die juristischen Details streiten sich in der Folge diverse Anwaltskanzleien.

Ganz schön viel Theater um Daddelei und Rockbands, könnte man meinen. Allerdings geht es um viel Geld und, vielleicht wichtiger, Außenwirkung. Immerhin ist Axl Rose damals mit einer ganz neuen Gunners-Besetzung unterwegs. Glücklicherweise hat sich das aber erledigt: Heute sind er und Slash wieder Freunde und touren höchst erfolgreich um die Welt. Ist auch besser so.

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Zeitsprung: Am 21.7.1985 spielen Guns N’ Roses auf einer Universitätsparty.

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Popkultur

Prince, Madonna und die Rolling Stones: Die besten Super-Bowl-Halbzeitshows aller Zeiten

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Prince
Foto: Jonathan Daniel/Getty Images

Ein Auftritt im Rahmen der Super-Bowl-Halbzeitshow gleicht einem popkulturellen Ritterschlag, nirgendwo ist das TV-Publikum größer. Vielen Sternchen wurde diese Ehre in den vergangenen Jahrzehnten bereits zuteil. Von U2 bis hin zu den Rolling Stones: Diese zehn Halbzeitshows finden wir besonders gelungen.

von Timon Menge

10. The Blues Brothers, ZZ Top, James Brown (1997)

Wenn der Super Bowl in einer Blues-Metropole wie New Orleans stattfindet, muss natürlich auch eine Blues-orientierte Halbzeitshow her. Mit Everybody Needs Somebody To Love und Soul Man gaben die Blues Brothers am 26. Januar 1997 zwar vor allem Soul-Klassiker zum Besten, genau wie James Brown im Anschluss; doch spätestens ZZ Top versorgten das Publikum mit reichlich Bluesrock. Eine coole Sonnenbrillen-Party zwischen zwei Halbzeiten!

9. U2 (2002)

Den Iren U2 wurde am 3. Februar 2002 eine ganz besondere Verantwortung zuteil. Die Terroranschläge von 11. September 2001 lagen noch kein halbes Jahr zurück, da sollten Bono und Co. bei der größten Unterhaltungsveranstaltung der Welt auftreten – übrigens erneut in New Orleans. Doch U2 wurden ihrem Auftrag gerecht, lieferten ein hervorragendes Set ab und gedachten auf einer riesigen Leinwand all jenen, die am 11. September ums Leben gekommen waren.

8. The Rolling Stones (2006)

Auf eine große Bombast-Show verzichteten die Rolling Stones bei ihrem Auftritt am 5. Februar 2006 in Detroit. Doch ganz ehrlich: Wenn Mick Jagger und seine jahrzehntelangen Weggefährten eine Bühne betreten, braucht es keine Schnörkel und kein Chichi. In wenigen Minuten rockten sich die Stones durch große Hits wie Start Me Up und (I Cant Get No) Satisfaction. Einen Luxus gönnten sich die Briten dann allerdings doch: eine Bühne in Form einer riesigen roten Zunge.

7. Katy Perry (2015)

Zugegeben, für hartgesottene Rocker*innen klingt der Sound von Katy Perry etwas ungewohnt. Doch mindestens zwei Dinge kann ihr keiner nehmen: hervorragende Popsongs und einen mehr als nur gelungenen Auftritt am 1. Februar 2015. In Sachen Show macht den größten Pop-Sternchen einfach niemand etwas vor, wie wir auch im weiteren Verlauf unserer Liste feststellen werden. Als Gäste durfte Perry Hip-Hop-Legende Missy Elliott und Gitarrengott Lenny Kravitz begrüßen.

6. Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige, Kendrick Lamar & 50 Cent (2022)

Diese Halbzeitshow ist noch nicht lange her, setzte am 13. Februar 2022 aber völlig neue Standards. Zum ersten Mal in der Geschichte des Super Bowl durfte sich die Hip-Hop-Welt nach Herzenslust präsentieren. Das Line-up des Abends liest sich wie ein Who‘s who: Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige, Kendrick Lamar … Sie alle waren dabei und setzten dem Sprechgesang ein etwa 15-minütiges Popkultur-Denkmal. Als Gaststars tauchten 50 Cent und Anderson .Paak auf.

5. Madonna (2012)

Wenn die „Queen Of Pop“ eine Halbzeitshow gestaltet, darf man einiges erwarten. Und wie so oft wurde Madonna den Erwartungen am 5. Februar 2012 vollständig gerecht. Als griechische Göttin verkleidet, ließ sie sich von ihren Spartaner-Tänzern über die Bühne tragen und manifestierte ihren Status als größte Popkünstlerin aller Zeiten. Unterstützung erhielt sie unter anderem von Cee Lo Green, Nicki Minaj, M.I.A. und LMFAO. Den Abschluss der Show markierte ein Gospelchor, mit dem Madonna Like A Prayer zum Beten … äh … zum Besten gab.

4. Lady Gaga (2017)

Als die Verantwortlichen der NFL den Vertrag mit Lady Gaga unterzeichneten, dürften ihnen durchaus ein paar Schweißperlen auf der Stirn gestanden haben. Schließlich kann man bei der exzentrischen Künstlerin nie so genau wissen, mit welchen Show-Einlagen sie ihr Publikum überrascht. (Wir erinnern uns an das Rindfleischkleid von 2010.) Bei der Super-Bowl-Halbzeitshow am 5. Februar 2017 ging die Musikerin allerdings auf Nummer sicher und legte einen unfassbaren Auftritt hin. Die Performance ihrer LGBTQ-Hymne Born This Way ließ sich Gaga trotzdem nicht nehmen.

3. Michael Jackson (1993)

Zu den Eigenheiten der Super-Bowl-Halbzeitshow zählt unter anderem der enge Zeitplan. Selten stehen für die Performance mehr als 15 Minuten zur Verfügung; meist wird jede Sekunde davon genutzt. Michael Jackson ging das Ganze im Januar 1993 ein wenig anders an. Länger als eine Minute blieb er vor seiner fulminanten Show still auf der Bühne stehen, als sei er eine Statue – und wurde dafür auch noch bejubelt. Das sagt einiges über seinen damaligen Stand des „King Of Pop“ aus.

2. Beyoncé & Destiny’s Child (2013)

Die Super-Bowl-Halbzeitshow 2013 war in jeder Hinsicht etwas Besonderes. Nicht nur, dass mit Beyoncé eine der hochkarätigsten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts das Programm gestaltete. Nein, es kam auch zur lange erwarteten Reunion von Destiny’s Child, denn Kelly Rowland und Michelle Williams waren ebenfalls mit von der Partie. An jenem Abend dürften Beyoncé und ihre Kolleginnen viele Frauen und Mädchen sehr glücklich gemacht haben. Im Anschluss an ihren Auftritt fiel allerdings für mehr als eine halbe Stunde der Strom aus.

1. Prince (2007)

Der Auftritt von Prince im Rahmen der 41. Super-Bowl-Halbzeitshow ist nichts anderes als eine Lehrstunde in Sachen Rockstar-Perfektion. Scheinbar mühelos fegte der gerade einmal 1,57 Meter große Musiker am 4. Februar 2007 über die Bühne in Form seines Logos. Keine Sekunde verging, ohne dass er das Publikum fest im Griff hatte. Prince und eine Blaskapelle? Oh ja. Prince spielt Purple Rain im Regen? Absolut. Ein Abend für die Geschichtsbücher!

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„California Love“: Die musikalischen Höhepunkte der Super-Bowl-Halbzeitshow

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