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Popkultur

Gesprengte Rassenschranken: Wie Motown die Welt eroberte

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Foto: Motown/EMI Hayes Archives

Alle lieben Motown. Unabhängig von Alter, Herkunft, Hautfarbe. Wer behauptet, keinen einzigen Titel aus Hitsville zu mögen, der*die hat einfach noch nicht den richtigen gehört. Ganz zu Beginn jedoch, vor etwa 60 Jahren, hatte Motown es als von einem Schwarzen gegründetes Label gar nicht so leicht – schließlich war die Welt in den Köpfen vieler Menschen noch klar in Weiß und Schwarz unterteilt. Doch gerade die vielen Single-Hits des Labels waren wichtig, um die Dinge ins Rollen zu bringen, um Vorurteile abzubauen und Rassenschranken aufzuweichen und schließlich zu brechen.

von Ian McCann

Wenige Jahre nach der Gründung war Motown bereits der Inbegriff eines Soul- und R&B-Labels. Dabei war es nicht nur die Qualität der Songs, denn das Label ließ wirklich nichts unversucht, um immer noch mehr Menschen zu erreichen – ganz unabhängig von Hautfarbe und ethnischen Wurzeln.

Hört hier die größten Motown-Hits:

Dass „black music“ auch ein weißes Publikum anziehen kann, war schon damals nicht neu: Der Jazz hatte es schließlich vorgemacht. Allerdings wussten viele Menschen kaum etwas über die Wurzeln dieser „schwungvollen“ Musik, und wie auch? Schließlich waren viele der bekanntesten Swing-Orchester der 1930er und 1940er auch komplett mit weißen Musikern besetzt! Was sie nicht wussten: Dass Duke Ellington oder auch Count Basie schon vor ihren Favoriten diese Art von Sound gemacht hatten.

Im Popbereich sah es nun mal so aus, dass das weiße Publikum in der Regel stark verwässerte Versionen der Schwarzen Originale präsentiert bekam; dunkle Hautfarbe hatten allenfalls jene Sängerinnen und Sänger, die auf softere Klänge setzten: Nat King Cole oder Harry Belafonte beispielsweise, die damit sogar Superstars wurden. Nachdem mit Elvis ein weißer Musiker entdeckt worden war, der auch R&B-Einflüsse in seine Hits einfließen lassen konnte (über den Erfolg davon brauchen wir nicht zu sprechen), traten danach auch Künstler wie Little Richard, Fats Domino und Jackie Wilson auf den Plan – die ersten Rocker mit afroamerikanischen Wurzeln, was auch funktionierte. Berry Gordy, Jr. hatte für Jackie Wilson erste Hits geschrieben und nutzte diese Erfahrungen, um ab 1959 sein Label aufzubauen: Motown Records.

Ein vollkommen neuer Sound

Gordy hatte erkannt, dass der begnadete Entertainer Wilson es genau genommen geschafft hatte, auch R&B-Songs einem sehr viel breiteren Publikum schmackhaft zu machen. Während andere Labels, inklusive dem von Wilson, daran arbeiteten, jeden Anflug von Soul durch Altbekanntes zu ersetzen, dachte Gordy die Sache konsequent weiter und landete bei folgender Frage: Was wäre wohl passiert, wenn ein Label Wilson wirklich verstanden und ihn so präsentiert hätte, wie er es selbst wollte? Als Gordy Anfang 1959 sein Tamla-Label gründete, startete er genau diesen Versuch: Er wollte echte Soul-Musik aufnehmen – und damit ganz Amerika erobern, weiße wie Schwarze Fans mit diesem Sound begeistern.

Um das zu schaffen, definierte er Standards – in jeder Hinsicht. Der Look: Sie mussten von Anfang an so umwerfend aussehen, wie die Stars, zu denen sie schließlich werden sollten. Die Attitüde: Haltung war gefragt, Coolness wurde ihnen regelrecht anerzogen. Auch die Tanzschritte wurden ausgearbeitet, und dann natürlich der Sound: Die Aufnahmen klangen so, dass man sie schon bald als Motown-Veröffentlichungen erkennen konnte. Nach ein paar Jahren mussten auch die Inhalte neu definiert werden: Wenn die Künstler*innen in den turbulenten Umwälzungen der Sechziger relevantere oder gar kritische Statements machen und Klartext reden wollten, dann hatte das trotzdem harmonisch zu klingen. Revolutionäres, verpackt als radiofreundliche Single, was die Message nur noch weiter verbreitete – siehe Dancing In The Street von Martha And The Vandellas. Ja, selbst Niedergeschlagenheit klang bei den Four Tops noch so eingängig, dass alle auf die Fläche rannten: um zu Seven Rooms Of Gloom zu tanzen.

Übers Ziel hinaus…

Während der langen Hitserie gab es jedoch auch Momente, an denen die Motown-Macher ein wenig übers Ziel hinausschießen sollten – weil sie doch etwas zu sehr auf ein Vegas-Publikum abzielten. So lieferte der Marvin Gaye der Sechziger ein paar extrem sanfte „Jazzy“-Alben ab, die er sich womöglich hätte sparen können, und die Supremes sangen nicht nur Country-Songs, sondern auch etliche Stücke, die man eigentlich von den Beatles kannte. Wirklich innovativ war das nicht, keine Frage. Ebenfalls keine Glanzleistung von Gordy waren ein paar Neuzugänge, die sich gar nicht gut in den Trademark-R&B-Kanon des Labels einfügen sollten: Swing-Veteran Billy Eckstine war kurz unter Vertrag, ja selbst ein britischer Schauspieler wie Albert Finney zierte plötzlich Plattencover. Entscheidungen, die im Nachhinein nur noch deutlicher machen, dass Motown vor allem sich selbst treu bleiben musste, um weiterhin Erfolg zu haben.

Und dann war da ja noch die Sache mit den Sublabels: Rare Earth hieß eines davon, die Rocksparte, gegründet 1969. Mit Get Ready landete die gleichnamige Band, die übrigens auch heute noch aktiv ist (!), einen massiven Hit, was auch für ihre Version von (I Know) I’m Losing You galt. Auch Stoney & Meat Loaf waren dank Rare Earth indirekt bei Motown unter Vertrag, aber der große Erfolg von letzterem kam erst ein paar Jahre später – womit klar war: Die Leute wollten Soul hören, wenn Motown draufstand. Alles andere besorgten sie sich anderswo.

So eingängig die Melodien der klassischen Motown-Ära waren, gab es doch eine etwas knifflige Frage: Wie konnte man die Pop-DJs und Shops dazu bekommen, auch die deutlich politischeren Titel des Labels zu spielen und zu verkaufen? Der Trick bestand darin, dass Motown schon ab Anfang der Sechziger weiße Anwälte, Promoter und Sales-Fachleute engagierte – eine Entscheidung, die von Schwarzen Aktivist*innen durchaus kritisiert wurde. Da es jedoch keine in Stein gemeißelte Regel war, gab es schließlich auch immer häufiger Ausnahmen, und so traten die Künstler*innen und der Labelboss öfter selbst in Aktion: Motown-Stars spielten Instore-Gigs, Mr. Gordy schaute persönlich bei Vertriebsleuten, DJs und Shops vorbei, um die Sache anzukurbeln. Seine Message: „Wir sind ein offizieller Laden, keine Klitsche, die etwas Glück hatte mit ein paar Songs; auf uns könnt ihr zählen!“ – und das konnte man auch.

Gordon 1996. Foto: Kingkongphoto/Wiki Commons

Entertainment für alle

Als Motown schließlich ein Außenbüro in Großbritannien eröffnete, waren die Verantwortlichen so clever, die UK-Kolleg*innen selbst entscheiden zu lassen, was im Königreich unter der Motown-Flagge erscheinen sollte: Die Marke sollte so aufgebaut werden, dass sie zu den lokalen Marktgegebenheiten passte. Doch weil der Sound der ersten Jahre so einzigartig war, benutzten viele Brit*innen den Labelnamen schon beinahe wie einen Künstlernamen: Man hörte halt „Motown“ – oder „Tamla“ –, anstatt von den Miracles oder den Supremes zu reden.

Der Startschuss für die britische Dependance fiel 1965, und die UK-Kultsendung Ready Steady Go! widmete Motown auch gleich ein TV-Special. Inspiriert von den hohen Wellen, die dieses Special schlagen sollte, kümmerte sich Gordy auch daheim um mehr TV-Präsenz: Ein Resultat davon hieß TCB (für Taking Care of Business), ein hauseigenes Format, in dem ein paar Jahre später Diana Ross, The Supremes und The Temptations glänzten. Ein Comic-Format war es dann zu Beginn der Siebziger, das den Erfolg einer anderen Gruppe noch weiter ankurbelte: The Jackson 5ive hieß die (beinahe) gleichnamige Sendung, die sich über 23 Folgen erstreckte und dem Publikum mit jeder neuen Episode zwei neue Hits von Michael Jackson & Co. servierte.

Jede dieser Maßnahmen machte die Songs der Motown-Künstler*innen noch bekannter, und das Element, das sie verbindet – nennen wir es mal: Soul – hat immer wieder dazu beigetragen, Menschen zusammenzuführen, Vorurteile abzubauen, Rassenschranken obsolet zu machen. Funktionieren konnte das gerade deshalb so gut, weil Gordy und seine Künstler*innen eine Sache selbst bei den klar politischen Titeln nie aus den Augen verloren haben: den Unterhaltungs-Faktor. Den nämlich haben alle gespürt, ganz egal, welche Hautfarbe sie hatten…

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Rock Me: 10 Schwarze Künstler*innen, die die Rockmusik für immer verändert haben

Popkultur

Zeitsprung: Am 28.1.1970 fällt Jimi Hendrix’ Band Of Gypsys krachend auseinander.

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Foto: Hendrix im Madison Square Garden 1970/ Bild: Fred W. McDarrah/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.1.1970.

von Christof Leim

„That’s what happens when earth fucks with space. Never forget that.“ So kommentiert Jimi Hendrix einen katastrophalen Gig im Madison Square Garden am 28. Januar 1970, der nach anderthalb Songs bereits endet. Es sollte die letzte Show der Band Of Gypsys werden…

Hier könnt ihr euch die Band Of Gypsys live anhören:

Mit der Band Of Gypsys geht es verheißungsvoll los: Nach dem Zusammenbrechen der Jimi Hendrix Experience umgibt sich der Gitarrenmeister mit neuen Musikern und spielt einen legendären Auftritt in Woodstock. Die neue Gruppierung nennt er „Gypsy Sun And Rainbows“ und erklärt von der Bühne: „It’s nothing but a band of gypsys.“ Mehr „Hippie“ geht fast nicht.

Pflichtarbeit

In Folgezeit kehrt er mit Bassist Billy Cox und Schlagzeuger Buddy Miles wieder zum Trioformat zurück und erforscht neue musikalische Sphären. Vor allem R&B und Funk halten Einzug. Zum Jahreswechsel 1969/1970 nehmen die drei im Fillmore East in New York City ein Livealbum auf, das den Titel Band Of Gypsys trägt. Oft wird auch dieses Line-up so bezeichnet. Wie viel echtes Herzblut Jimi in dieses Projekt steckt, weiß man nicht so genau. Ein Teil der Motivation kommt aus vertraglichen Verpflichtungen, ein neues Album abzuliefern, wie der Künstler später bereitwillig erklärt.

Cover

Ein dritter Auftritt findet schließlich am 28. Januar 1970 im großen und altehrwürdigen Madison Square Garden statt. Hier spielt die Band Of Gypsys beim Winter Festival For Peace, einer Benefizveranstaltung zugunsten von Antikriegsinitiativen. Mit zum Aufgebot des auf fünf Stunden angelegten Abends gehören unter anderem Harry Belafonte, Blood Sweet & Tears und Dave Brubeck. Anscheinend läuft es mit dem Zeitplan nicht so rund, denn Hendrix, Cox und Miles gehen erst kurz nach drei Uhr morgens auf Bühne. 

Ein Debakel

Der Auftritt wird eine Katastrophe: Das Trio stolpert uninspiriert durch zwei Songs (Who Knows und Earth Blues), vor allem Hendrix selbst scheint nicht er selbst zu sein. Als eine Zuschauerin nach Foxy Lady verlangt, gibt er einen rüden Kommentar ab, und während Earth Blues erklärt er den Anwesenden: „That’s what happens when earth fucks with space“, auf Deutsch: „Das passiert, wenn die Erde mit dem Weltraum fickt.“ (Nein, wir verstehen das auch nicht.) Schließlich setzt er sich auf den Drumriser und weigert sich weiterzuspielen. Irgendwann stöpselt er sein Instrument aus und verschwindet ganz. 

Was war denn da los? Gitarrenkollege Johnny Winter hat Hendrix vor der Show getroffen und berichtet später: „Er kam mit gesenktem Kopf rein, hat sich alleine auf die Couch gesetzt und seinen Kopf in seine Hände gelegt. Bis zur Show hat er sich nicht bewegt.“ Es kursiert die Theorie, dass Manager Michael Jeffrey seinem Künstler einen schlechten LSD-Trip untergeschoben haben soll, um die Band Of Gypsys zu sabotieren, auf dass die erfolgreichere Experience wieder zusammenkomme. Das Kamerateam, dass Jeffrey für den Abend engagiert hat, spricht allerdings eine andere Sprache. Zudem scheint es unwahrscheinlich, dass er seinen Künstler vor großer Kulisse und versammelter Presse so blamieren möchte. Dass Jimi an diesem Abend (mehr als sonst) unter Drogen steht – wissentlich, unwissentlich oder beides – kann man jedoch nicht ausschließen. Für die Band Of Gypsys bedeutet dieses Desaster sofort im Anschluss das Ende: Manager Jeffrey feuert Schlagzeuger Miles, Bassist Cox quittiert seinen Dienst.

Aber: Er freut sich.

Damit scheint es dem Protagonisten allerdings gut zu gehen. Unmittelbar nach dem Gig sieht Produzent Alan Douglas ihn in seiner Garderobe: „Er saß da, spielte Gitarre und lächelte.“ Wenige Tage später erzählt Hendrix dem Rolling Stone: „Ich denke, die Show im Madison Square Garden ist wie das Ende eines großen, langen Märchens. Ich hätte mir kein besseres Ende ausdenken können. Es hat sich da viel in meinem Kopf geändert. Ich konnte das gar nicht genau sagen, ich war sehr müde. Ich habe da den größten inneren Kampf meines Lebens ausgefochten.“ Bereits im Februar kommt die Jimi Hendrix Experience wieder zusammen (mit Billy Cox statt Noel Redding), im September ist der große Künstler schon tot. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 20.2.1959 spielt Jimi Hendrix seinen ersten Gig – und fliegt raus.

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Popkultur

„Give peace a chance“: Die stärksten Lieder gegen den Vietnamkrieg

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Vietnamkrieg
Foto: PhotoQuest/Getty Images

Vor genau 50 Jahren wurde in Paris ein Friedensvertrag unterzeichnet, der das langsame Ende des Vietnamkriegs einläuten sollte. Diese zehn Songs werden auf ewig an das sinnlose Gemetzel im Indopazifik erinnern.

von Björn Springorum

Bis März 1973 waren fast alle US-amerikanischen Truppen aus Vietnam abgezogen. Dennoch dauerte es noch bis 1975, bis auch die letzten Amerikaner das versehrte Land verlassen und ein grausamer, sinnloser, bestialischer Krieg langsam zu Ende geht. Die zehn Jahre davor waren in den USA beherrscht von immer lauteren und massiveren Protesten und Kundgebungen gegen den Krieg – der Aufstieg der Gegenkultur und ihrer unsterblichen Songs. Diese Lieder werden uns für immer an den Vietnamkrieg denken lassen. Und uns in Zukunft hoffentlich bessere Entscheidungen treffen lassen.

1. Barry McGuire – Eve Of Destruction (1965)

„The Eastern world, it is explodin’ – Violence flarin’, bullets loadin’ – You’re old enough to kill but not for votin’“ singt Barry McGuire 1965 im aufgewühlten Eve Of Destruction. Er findet klare Worte, was ihm prompt einen Bann vieler Radiosender einbringt. Der Erfolg des Songs kann davon nicht aufgehalten werden: Im September 1965 ist Eve Of Destruction an der Spitze der US-Charts angekommen.

2. Phil Ochs – I Ain’t Marching Anymore (1965)

Auch der texanische Protestsänger Phil Ochs versteckt sich nicht hinter Metaphern: In I Ain’t Marching Anymore (1965) rechnet er mit der blutigen Geschichte der Vereinigten Staaten ab und singt mit ernster Stimme: „It’s always the old to lead us to the wars – Always the young to fall – Now look at all we’ve won with the saber and the gun – Tell me, is it worth it all?“ Das kriegt Bob Dylan auch nicht besser hin.

3. Tom Paxton – Lyndon Johnson Told The Nation (1965)

Eine politische Folk-Moritat reiht sich ebenfalls 1965 von Tom Paxton ins Antikriegsgeschehen ein: Zu melancholischen Klängen erinnert er daran, dass Präsident Lyndon B. Johnson stets beteuerte, nicht in den Krieg eingreifen zu wollen – im besten „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“-Style. „Lyndon Johnson told the nation – Have no fear of escalation – I am trying everyone to please – Though it isn’t really war – We’re sending fifty thousand more – To help save Vietnam from the Vietnamese“ singt er voller verzweifeltem Zynismus. Da muss man schon mal schlucken.

4. Joan Baez – Saigon Bride (1967)

1967 vertont Joan Baez ein Gedicht von Nina Duschek und macht mit fragiler Trauer auf die Sinnlosigkeit des Krieges aufmerksam: „How many dead men will it take – To build a dike that will not break? How many children must we kill – Before we make the waves stand still?“

5. Country Joe & The Fish – Feel Like I’m Fixin’ To Die (1967)

Einen ganz anderen Ansatz wählen Country Joe & the Fish in ihrem ikonischen Woodstock-Evergreen Feel Like I’m Fixin’ To Die. Beschwingte Hillbilly-Stimmung statt elegischer Wandergitarre, dazu ein aberwitziger, bizarrer, trotziger Text zum Mitträllern, der die Rekrutierungsmethoden der US-Armee aufs Korn nimmt: „And its 1, 2,3 what are we fighting for? Don’t ask me I don’t give a damn – The next stop is Vietnam – And it’s 5, 6, 7 open up the pearly gates – Well there ain’t no time to wonder why – WHOOPEE we’re all gonna die.“ Vielleicht der größte aller Anti-Vietnam-Songs.

6. Richie Havens – Handsome Johnny (1967)

Noch ein unvergessener Woodstock-Moment: Handsome Johnny von Richie Havens wird zu einem Meilenstein der Gegenkultur, zum Soundtrack eines Landes, das den Krieg immer weniger unterstützen kann.

7. Creedence Clearwater Revival – Fortunate Son (1969)

Fortunate Son ist nicht nur einer der besten Rock-Songs aller Zeiten. Sondern auch einer der wichtigsten: Geschrieben nach der Hochzeit von David Eisenhower und Julie Nixon handelt der Song von denen, die nicht in den Krieg müssen, weil sie mit einem Silberlöffel in der Hand geboren werden und dem Einzug durch Macht, Geld und Einfluss entgehen dürfen. Ein großer Moment.

8. John Lennon – Give Peace A Chance (1969)

Die überwältigende Anzahl der Protestsongs aus der Zeit des Vietnamkriegs kommt natürlich aus den USA. Mit Give Peace A Chance steuert aber auch John Lennon ein wichtiges Kapitel zum Antikriegskanon dieser Zeit bei. Aufgenommen in einem Take in Montreal, fünf Monate später von einer halben Million Kehlen bei einem Protestmarsch gesungen. Lennon hat auch als Engländer den richtigen Ton getroffen.

9. Edwin Starr – War (1970)

Edwin Starr bringt es 1970 mit Funk, Disco und Bläsern auf den Punk: „War, huh yeah – What is it good for? Absolutely nothing, oh hoh, oh.” Mehr muss man wirklich nicht dazu sagen. Außer vielleicht: ursprünglich wird der Song für The Temptations geschrieben, die ihn dann aber lieber doch nicht anfassen, um keine Fans zu verärgern. Glück für Edwin Starr: Die Nummer wird zu einer der erfolgreichsten des Jahres.

10. Jimmy Cliff – Vietnam (1969)

Auch die Reggae-Welt rechnet mit dem Krieg ab. 1969 veröffentlicht Jimmy Cliff das schlicht Vietnam betitelte Stück, nach Ansicht Bob Dylans „der beste Protestsong, der jemals geschrieben wurde“. Cliff erzählt in der ersten Strophe von einem Soldaten, der einen Brief nach Hause schickt – und in der zweiten von einem Telegramm, das den Tod des Soldaten übermittelt.

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Protest in zwei Minuten: Die erste The-Clash-Single „White Riot“

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Zeitsprung: Am 26.1.1973 veröffentlichen Deep Purple „Who Do We Think We Are“ – mit Folgen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 26.1.1973.

von Christof Leim

Who Do We Think We Are von Deep Purple wird am 26. Januar 1973 veröffentlicht. Zwar verkauft sich die Scheibe gut und liefert mit Woman From Tokyo sogar einen Hit, aber einfach kam das Album nicht zustande. Das verwundert kaum angesichts des Arbeitspensums der Band. Dass damals zudem zwei der fünf Musiker nicht miteinander reden, hilft natürlich auch nicht. Schlussendlich zerbricht das legendäre Mark-II-Line-up kurz nach der Veröffentlichung.

Hört euch das Album hier und lest die ganze Geschichte:

Vielleicht war einfach die Luft raus. Als Deep Purple im Sommer 1972 ihr siebtes Album angehen, haben sie gerade 18 Monate Tour hinter sich. „Irgendwann bekam jeder von uns ernsthafte gesundheitliche Probleme“, erinnert sich Ian Gillan. Eine Pause gibt es trotzdem nicht, und die Schuld dafür sucht der Sänger – wie so oft in der Rockgeschichte – beim Management: „Wenn das vernünftige Leute gewesen wären, hätten sie uns für drei Monate in den Urlaub geschickt. Stattdessen haben sie uns gedrängt, die Platte im Zeitplan abzuliefern.“

Immer weiter

Also verschanzen sich Ian Gillan, Ritchie Blackmore, Roger Glover, Jon Lord und Ian Paice im Studio, zunächst in Rom, später in Walldorf bei Frankfurt. Aufgenommen wird mit dem Rolling Stones Mobile, das die Band schon im unsterblichen Smoke On The Water besungen hatte. Als Toningenieur agiert Martin Birch, der später mit Rainbow, Black Sabbath und Iron Maiden zu weiterem Weltruhm gelangen sollte.

Das legendäre Mark-II-Line-up von Deep Purple: Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice.

Die Stimmung innerhalb der Truppe befindet sich schon vor den Aufnahmen an einem Tiefpunkt, wie Bassist Glover in einer Dokumentation der BBC beschreibt: „Ich glaube nicht, dass Ritchie und Ian in dem letzten Jahr dieser Besetzung ein Wort miteinander gesprochen haben. Sie wurden zu zwei entgegengesetzten Polen, die sich immer weiter angestachelt und voneinander entfernt haben.“ Deshalb spielen die Musiker ihre Parts sogar getrennt ein; die legendäre musikalische Interaktion von Deep-Purple-Konzerten kommt so natürlich nicht zustande. Blackmore wünscht sich außerdem, dass die Band ihre Blues-Wurzeln wiederentdeckt, angeblich deshalb, weil ihm die letzten Platten zu „poppig“ erscheinen. Das allerdings klingt angesichts der Rockmacht von Machine Head (1972) und Made In Japan (1973) doch sonderbar. Man könnte sogar anführen, dass Who Do We Think We Are „poppiger“ und gefälliger klingt.

Ladehemmung

Der einzige Track aus den Rom-Sessions im Sommer, der es auf das Album schafft, heißt Woman From Tokyo. Hier singt Gillian über die Erfahrungen der ersten Japan-Tour. Den Rest kann die Band erst nach einer erneuten Konzertreise durch Fernost aufnehmen. Dabei kommt die Kreativität nur langsam ins Rollen, schlussendlich enthält die Platte nicht mehr als sieben Songs. Einer davon, Mary Long, handelt von zwei bekannten britischen Persönlichkeiten: der erzkonservativen Aktivistin Mary Whitehouse und dem Sozialreformer Lord Longford. „Die beiden waren ständig mit erhobenem Zeigefinger unterwegs“, erläutert der Sänger später. „Es ging um die Standards der älteren Generation und die gängige Moral. Ich habe die beiden zu einer Person verschmolzen, um die Heuchelei der Zeit darzustellen“. Mit Place In Line findet sich sogar ein echtes Blues-Stück auf der Platte, ansonsten regiert der bekannte Stil des Mark-II-Lineups mit kompetenten Songs und souveränen Wechselspielen zwischen Orgel und Gitarre. Langlebige Hits produziert die Scheibe mit Ausnahme von Woman In Tokyo jedoch nicht.

Who Do We Think We Are erscheint am 26. Januar 1973. Als Titelinspiration dient negative Fanpost, die laut Drummer Ian Paice gerne mit der Frage beginnt: „Wer glauben Deep Purple eigentlich wer sie sind?“ Trotz aller Probleme erweist sich das Werk als Kassenschlager mit einer halben Millionen verkaufter Exemplare in den ersten drei Monaten, was sicher auch an den äußerst erfolgreichen Vorgängern liegt. Das reicht für Platz 15 in den US-Charts, Platz vier in Großbritannien und Platz drei in Deutschland. In den USA bringt im ganzen Jahr 1973 niemand mehr Alben unter die Leute als Deep Purple.

Doch es hilft alles nichts: Die anhaltenden Zwistigkeiten führen dazu, dass dieses Line-up schon am 29. Juni 1973 in Osaka sein letztes Konzert spielt. In einem Brief an die Kollegen verkündet Ian Gillan seinen Ausstieg, Roger Glover geht gleich mit. Erst 1984 kommt die Mark-II-Besetzung wieder für Perfect Strangers zusammen. Die Band engagiert nach Who Do We Think You Are den Trapeze-Bassisten Glenn Hughes und einen gänzlich unbekannten Sänger namens David Coverdale. Schon im Folgejahr erscheinen die Alben Burn und Stormbringer. Aber das ist eine andere Geschichte…

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Zeitsprung: Am 25.1.1975 gibt es Ärger zwischen Deep Purple und AC/DC.

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