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Popkultur

Motown Records: Vom Party- zum Protest-Sound einer ganzen Generation

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Das Label Motown feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Es waren sechs turbulente Jahrzehnte, in denen die einst in Detroit gegründete „Hitfabrik“ die Welt mit immer neuen Hitsingles versorgt hat – dabei war kein Jahrzehnt so turbulent wie die Anfangstage. Gerade wenn man wie Gründer und Labelboss Berry Gordy den „Sound Of Young America“ prägen und definieren wollte, musste man natürlich den Geschmack dieser jungen Generation immer wieder treffen. Nur änderte der sich radikal in jenen Tagen – Stichwort: Bürgerrechtsbewegung. Die 68er. Die chart- und tanzflächenerprobte Hitformel von Motown und die politische Agenda jener Tage gingen nicht immer Hand in Hand, aber wenn diese Elemente zusammenkamen, entstand etwas wirklich Explosives.

von Ian McCann

Im Januar 1959 gegründet, konzentrierten sich Berry Gordy & Co. mit Motown Records zunächst auf astreine Gute-Laune-Hits: Die Kids sollten zu den Aufnahmen, die in seiner Hitfabrik bekanntermaßen Tag und Nacht gemacht wurden, vor allem tanzen, sich amüsieren. Dancing In The Street hieß es denn auch 1964 bei Martha & The Vandellas – seit über 50 Jahren einer der größten Songs der Musikgeschichte, der nicht selten als Protesthymne angeführt wird. An die Straßenproteste, die bald darauf folgen sollten, hatten die Autoren dabei noch nicht gedacht.


Hört hier in die Playlist Motown: What’s Going On rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Krieg, Krisen und Umbrüche

Im Amerika der Sechziger gab es vieles, wogegen man Stellung beziehen und protestieren konnte: Rassentrennung, Polizeigewalt, mangelnde Chancengleichheit und natürlich den Vietnamkrieg, weshalb auch etliche Motown-Veröffentlichungen davon handelten, dass Sängerinnen ihre bessere Hälfte vermissten – die nämlich war Soldat und neuerdings am anderen Ende der Welt stationiert. You’re Gone (But Always In My Heart) hieß es 1967 bei den Supremes, bei Martha & The Vandellas im selben Jahr Jimmy Mack. Hier ist es der Marschrhythmus, der als Anspielung auf die US Army gelten darf. Waren Edwin Starrs Songs War und Stop The War Now im Jahr 1970 schon sehr viel klarer formuliert, fasste in jenen Tagen auch Marvin Gaye den Entschluss, das Thema Liebe ad acta zu legen und stattdessen auf Protest zu setzen.

Der viel zu früh verstorbene US-Musiker, der im Frühjahr 2019 seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte, legte mit What’s Going On einen Album-Meilenstein vor, der seither von vielen als ultimatives Soul-/R&B-Protestalbum eingestuft wird. Die Tatsache, dass viele seiner Fans mit dem kritischeren Gaye dann doch nicht so viel anfangen konnten, sollte im Jahr 1972 dafür sorgen, dass das geplante Album zur Single You’re The Man in der Schublade landete – und es erst jetzt, mit fast 50 Jahren Verspätung erscheint. Mit dem romantischeren Let’s Get It On-Longplayer kehrte der damals 35-Jährige dann auch zurück zu anderen Themen, was ihm den größten Verkaufshit seiner ganzen Karriere bescheren sollte.

Früher oder später richteten die meisten Motown-Acts ihren Blick nicht mehr nur durch die rosarote Brille, sondern beleuchteten auch weniger schöne Themen – wie Drogenexzesse oder zerrüttete Familienverhältnisse (man denke etwa an Papa Was A Rolling Stone von den Temptations). Schon ab 1968 rückte besonders das Thema „zerrüttete Familien und häusliche Schwierigkeiten“ in den Fokus der Songwriter: So war beispielsweise der Song Love Child ganz bewusst den Supremes auf den Leib geschrieben worden, weil sie mit dieser Hymne über alleinerziehende Mütter den Zeitgeist der 68er transportieren sollten.



Songs In The Key Of Life

Gegen Ende des Jahrzehnts wurde es so gut wie allen Künstlern des Labels mindestens nahegelegt, sich doch auch mit jenen Themen zu befassen, die ein paar Jahre zuvor noch als eher unpassend und „haarig“ gegolten hätten. Der schon im zarten Alter von elf Jahren entdeckte und als einziger Künstler nach wie vor bei Motown unter Vertrag stehende Stevie Wonder spielte eine der wichtigsten Rollen auf dieser zunehmend politisierten Bühne. Ende der Sechziger wollte er das Label eigentlich verlassen, weil sich beide Seiten nicht mehr so ganz sicher waren, wie eine gemeinsame Zukunft aussehen konnte. Er blieb Barry Gordys Label erhalten – und sagte ab 1970 immer deutlicher, was er wirklich dachte. Schon auf Where I’m Coming From (1970) nahm er kein Blatt vor den Mund, und die darauf folgenden Karrieremeilensteine, angefangen bei Talking Book von 1972, über Songs wie He’s Misstra Know-It-All und Living For The City von Innervisions (1973), bis hin zu Village Ghetto Land und Pastime Paradise auf Songs In The Key Of Life (1976), sind allesamt von klaren politischen Ansagen geprägt.

Ein klares Highlight dieser Verschmelzung von Songwriting und politischem Aktivismus war ein Geburtstagsgruß: Die Single Happy Birthday, mit der Stevie Wonder ab dem Jahr 1980 jene große Kampagne anschieben sollte, die schließlich dazu führte, dass der Geburtstag des Bürgerrechtlers Martin Luther King im Jahr 1986 zum Feiertag in den Vereinigten Staaten erklärt wurde. Angekurbelt vom Erfolg der Single hatten sechs Millionen Menschen die Petition unterzeichnet – mehr als jede andere Petition in der US-Geschichte.



Das Black Forum

Auch wenn Stevie Wonders Happy Birthday als erfolgreichster politischer Song aus dem Motown-Backkatalog gelten muss, gab es schon ab den frühen Siebzigern ein eigenes Sublabel von Motown – Black Forum –, das noch klarer politisiert war: Spoken-Word-Aufnahmen von aufstrebenden Dichtern jener Tage waren das Spezialgebiet von Black Forum, u.a. das Album It’s Nation Time von Amiri Baraka (LeRoi Jones), das in der Tat sehr wenig gemein hatte mit den anfänglichen Popmelodien aus der Hitfabrik. Sogar Elaine Brown, die einzige weibliche Führerin der Black Panther Party, veröffentlichte mit Until We’re Free ihr zweites und letztes Studioalbum bei dem Sublabel. Allerdings sollte Black Forum im Jahr 1973, nach nur vier Jahren, schon wieder eingestellt werden.

Das Mutterschiff Motown, das dieser Tage seinen 60. Geburtstag feiert, setzte seinen Balanceakt zwischen Mainstream-Charterfolg und politischen Messages mit Veröffentlichungen wie People… Hold On (Eddie Kendricks) fort. Während manche Aufnahmen erst jetzt das Licht der Welt erblicken – wie die Archiv-Veröffentlichung von Marvin Gayes You’re The Man, mit dem das Label die Jubiläumsfeierlichkeiten einläutet –, laufen andere Motown-Klassiker seit Jahrzehnten rauf und runter. Sie sind dermaßen omnipräsent geworden, dass man beinahe vergessen könnte, wie neu und revolutionär ihre Inhalte ursprünglich waren. Weniger eingängig oder tanzbar macht sie das keineswegs.


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Popkultur

Zeitsprung: Am 28.1.1970 fällt Jimi Hendrix’ Band Of Gypsys krachend auseinander.

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Foto: Hendrix im Madison Square Garden 1970/ Bild: Fred W. McDarrah/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.1.1970.

von Christof Leim

„That’s what happens when earth fucks with space. Never forget that.“ So kommentiert Jimi Hendrix einen katastrophalen Gig im Madison Square Garden am 28. Januar 1970, der nach anderthalb Songs bereits endet. Es sollte die letzte Show der Band Of Gypsys werden…

Hier könnt ihr euch die Band Of Gypsys live anhören:

Mit der Band Of Gypsys geht es verheißungsvoll los: Nach dem Zusammenbrechen der Jimi Hendrix Experience umgibt sich der Gitarrenmeister mit neuen Musikern und spielt einen legendären Auftritt in Woodstock. Die neue Gruppierung nennt er „Gypsy Sun And Rainbows“ und erklärt von der Bühne: „It’s nothing but a band of gypsys.“ Mehr „Hippie“ geht fast nicht.

Pflichtarbeit

In Folgezeit kehrt er mit Bassist Billy Cox und Schlagzeuger Buddy Miles wieder zum Trioformat zurück und erforscht neue musikalische Sphären. Vor allem R&B und Funk halten Einzug. Zum Jahreswechsel 1969/1970 nehmen die drei im Fillmore East in New York City ein Livealbum auf, das den Titel Band Of Gypsys trägt. Oft wird auch dieses Line-up so bezeichnet. Wie viel echtes Herzblut Jimi in dieses Projekt steckt, weiß man nicht so genau. Ein Teil der Motivation kommt aus vertraglichen Verpflichtungen, ein neues Album abzuliefern, wie der Künstler später bereitwillig erklärt.

Cover

Ein dritter Auftritt findet schließlich am 28. Januar 1970 im großen und altehrwürdigen Madison Square Garden statt. Hier spielt die Band Of Gypsys beim Winter Festival For Peace, einer Benefizveranstaltung zugunsten von Antikriegsinitiativen. Mit zum Aufgebot des auf fünf Stunden angelegten Abends gehören unter anderem Harry Belafonte, Blood Sweet & Tears und Dave Brubeck. Anscheinend läuft es mit dem Zeitplan nicht so rund, denn Hendrix, Cox und Miles gehen erst kurz nach drei Uhr morgens auf Bühne. 

Ein Debakel

Der Auftritt wird eine Katastrophe: Das Trio stolpert uninspiriert durch zwei Songs (Who Knows und Earth Blues), vor allem Hendrix selbst scheint nicht er selbst zu sein. Als eine Zuschauerin nach Foxy Lady verlangt, gibt er einen rüden Kommentar ab, und während Earth Blues erklärt er den Anwesenden: „That’s what happens when earth fucks with space“, auf Deutsch: „Das passiert, wenn die Erde mit dem Weltraum fickt.“ (Nein, wir verstehen das auch nicht.) Schließlich setzt er sich auf den Drumriser und weigert sich weiterzuspielen. Irgendwann stöpselt er sein Instrument aus und verschwindet ganz. 

Was war denn da los? Gitarrenkollege Johnny Winter hat Hendrix vor der Show getroffen und berichtet später: „Er kam mit gesenktem Kopf rein, hat sich alleine auf die Couch gesetzt und seinen Kopf in seine Hände gelegt. Bis zur Show hat er sich nicht bewegt.“ Es kursiert die Theorie, dass Manager Michael Jeffrey seinem Künstler einen schlechten LSD-Trip untergeschoben haben soll, um die Band Of Gypsys zu sabotieren, auf dass die erfolgreichere Experience wieder zusammenkomme. Das Kamerateam, dass Jeffrey für den Abend engagiert hat, spricht allerdings eine andere Sprache. Zudem scheint es unwahrscheinlich, dass er seinen Künstler vor großer Kulisse und versammelter Presse so blamieren möchte. Dass Jimi an diesem Abend (mehr als sonst) unter Drogen steht – wissentlich, unwissentlich oder beides – kann man jedoch nicht ausschließen. Für die Band Of Gypsys bedeutet dieses Desaster sofort im Anschluss das Ende: Manager Jeffrey feuert Schlagzeuger Miles, Bassist Cox quittiert seinen Dienst.

Aber: Er freut sich.

Damit scheint es dem Protagonisten allerdings gut zu gehen. Unmittelbar nach dem Gig sieht Produzent Alan Douglas ihn in seiner Garderobe: „Er saß da, spielte Gitarre und lächelte.“ Wenige Tage später erzählt Hendrix dem Rolling Stone: „Ich denke, die Show im Madison Square Garden ist wie das Ende eines großen, langen Märchens. Ich hätte mir kein besseres Ende ausdenken können. Es hat sich da viel in meinem Kopf geändert. Ich konnte das gar nicht genau sagen, ich war sehr müde. Ich habe da den größten inneren Kampf meines Lebens ausgefochten.“ Bereits im Februar kommt die Jimi Hendrix Experience wieder zusammen (mit Billy Cox statt Noel Redding), im September ist der große Künstler schon tot. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 20.2.1959 spielt Jimi Hendrix seinen ersten Gig – und fliegt raus.

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Popkultur

„Give peace a chance“: Die stärksten Lieder gegen den Vietnamkrieg

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Vietnamkrieg
Foto: PhotoQuest/Getty Images

Vor genau 50 Jahren wurde in Paris ein Friedensvertrag unterzeichnet, der das langsame Ende des Vietnamkriegs einläuten sollte. Diese zehn Songs werden auf ewig an das sinnlose Gemetzel im Indopazifik erinnern.

von Björn Springorum

Bis März 1973 waren fast alle US-amerikanischen Truppen aus Vietnam abgezogen. Dennoch dauerte es noch bis 1975, bis auch die letzten Amerikaner das versehrte Land verlassen und ein grausamer, sinnloser, bestialischer Krieg langsam zu Ende geht. Die zehn Jahre davor waren in den USA beherrscht von immer lauteren und massiveren Protesten und Kundgebungen gegen den Krieg – der Aufstieg der Gegenkultur und ihrer unsterblichen Songs. Diese Lieder werden uns für immer an den Vietnamkrieg denken lassen. Und uns in Zukunft hoffentlich bessere Entscheidungen treffen lassen.

1. Barry McGuire – Eve Of Destruction (1965)

„The Eastern world, it is explodin’ – Violence flarin’, bullets loadin’ – You’re old enough to kill but not for votin’“ singt Barry McGuire 1965 im aufgewühlten Eve Of Destruction. Er findet klare Worte, was ihm prompt einen Bann vieler Radiosender einbringt. Der Erfolg des Songs kann davon nicht aufgehalten werden: Im September 1965 ist Eve Of Destruction an der Spitze der US-Charts angekommen.

2. Phil Ochs – I Ain’t Marching Anymore (1965)

Auch der texanische Protestsänger Phil Ochs versteckt sich nicht hinter Metaphern: In I Ain’t Marching Anymore (1965) rechnet er mit der blutigen Geschichte der Vereinigten Staaten ab und singt mit ernster Stimme: „It’s always the old to lead us to the wars – Always the young to fall – Now look at all we’ve won with the saber and the gun – Tell me, is it worth it all?“ Das kriegt Bob Dylan auch nicht besser hin.

3. Tom Paxton – Lyndon Johnson Told The Nation (1965)

Eine politische Folk-Moritat reiht sich ebenfalls 1965 von Tom Paxton ins Antikriegsgeschehen ein: Zu melancholischen Klängen erinnert er daran, dass Präsident Lyndon B. Johnson stets beteuerte, nicht in den Krieg eingreifen zu wollen – im besten „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“-Style. „Lyndon Johnson told the nation – Have no fear of escalation – I am trying everyone to please – Though it isn’t really war – We’re sending fifty thousand more – To help save Vietnam from the Vietnamese“ singt er voller verzweifeltem Zynismus. Da muss man schon mal schlucken.

4. Joan Baez – Saigon Bride (1967)

1967 vertont Joan Baez ein Gedicht von Nina Duschek und macht mit fragiler Trauer auf die Sinnlosigkeit des Krieges aufmerksam: „How many dead men will it take – To build a dike that will not break? How many children must we kill – Before we make the waves stand still?“

5. Country Joe & The Fish – Feel Like I’m Fixin’ To Die (1967)

Einen ganz anderen Ansatz wählen Country Joe & the Fish in ihrem ikonischen Woodstock-Evergreen Feel Like I’m Fixin’ To Die. Beschwingte Hillbilly-Stimmung statt elegischer Wandergitarre, dazu ein aberwitziger, bizarrer, trotziger Text zum Mitträllern, der die Rekrutierungsmethoden der US-Armee aufs Korn nimmt: „And its 1, 2,3 what are we fighting for? Don’t ask me I don’t give a damn – The next stop is Vietnam – And it’s 5, 6, 7 open up the pearly gates – Well there ain’t no time to wonder why – WHOOPEE we’re all gonna die.“ Vielleicht der größte aller Anti-Vietnam-Songs.

6. Richie Havens – Handsome Johnny (1967)

Noch ein unvergessener Woodstock-Moment: Handsome Johnny von Richie Havens wird zu einem Meilenstein der Gegenkultur, zum Soundtrack eines Landes, das den Krieg immer weniger unterstützen kann.

7. Creedence Clearwater Revival – Fortunate Son (1969)

Fortunate Son ist nicht nur einer der besten Rock-Songs aller Zeiten. Sondern auch einer der wichtigsten: Geschrieben nach der Hochzeit von David Eisenhower und Julie Nixon handelt der Song von denen, die nicht in den Krieg müssen, weil sie mit einem Silberlöffel in der Hand geboren werden und dem Einzug durch Macht, Geld und Einfluss entgehen dürfen. Ein großer Moment.

8. John Lennon – Give Peace A Chance (1969)

Die überwältigende Anzahl der Protestsongs aus der Zeit des Vietnamkriegs kommt natürlich aus den USA. Mit Give Peace A Chance steuert aber auch John Lennon ein wichtiges Kapitel zum Antikriegskanon dieser Zeit bei. Aufgenommen in einem Take in Montreal, fünf Monate später von einer halben Million Kehlen bei einem Protestmarsch gesungen. Lennon hat auch als Engländer den richtigen Ton getroffen.

9. Edwin Starr – War (1970)

Edwin Starr bringt es 1970 mit Funk, Disco und Bläsern auf den Punk: „War, huh yeah – What is it good for? Absolutely nothing, oh hoh, oh.” Mehr muss man wirklich nicht dazu sagen. Außer vielleicht: ursprünglich wird der Song für The Temptations geschrieben, die ihn dann aber lieber doch nicht anfassen, um keine Fans zu verärgern. Glück für Edwin Starr: Die Nummer wird zu einer der erfolgreichsten des Jahres.

10. Jimmy Cliff – Vietnam (1969)

Auch die Reggae-Welt rechnet mit dem Krieg ab. 1969 veröffentlicht Jimmy Cliff das schlicht Vietnam betitelte Stück, nach Ansicht Bob Dylans „der beste Protestsong, der jemals geschrieben wurde“. Cliff erzählt in der ersten Strophe von einem Soldaten, der einen Brief nach Hause schickt – und in der zweiten von einem Telegramm, das den Tod des Soldaten übermittelt.

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Zeitsprung: Am 26.1.1973 veröffentlichen Deep Purple „Who Do We Think We Are“ – mit Folgen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 26.1.1973.

von Christof Leim

Who Do We Think We Are von Deep Purple wird am 26. Januar 1973 veröffentlicht. Zwar verkauft sich die Scheibe gut und liefert mit Woman From Tokyo sogar einen Hit, aber einfach kam das Album nicht zustande. Das verwundert kaum angesichts des Arbeitspensums der Band. Dass damals zudem zwei der fünf Musiker nicht miteinander reden, hilft natürlich auch nicht. Schlussendlich zerbricht das legendäre Mark-II-Line-up kurz nach der Veröffentlichung.

Hört euch das Album hier und lest die ganze Geschichte:

Vielleicht war einfach die Luft raus. Als Deep Purple im Sommer 1972 ihr siebtes Album angehen, haben sie gerade 18 Monate Tour hinter sich. „Irgendwann bekam jeder von uns ernsthafte gesundheitliche Probleme“, erinnert sich Ian Gillan. Eine Pause gibt es trotzdem nicht, und die Schuld dafür sucht der Sänger – wie so oft in der Rockgeschichte – beim Management: „Wenn das vernünftige Leute gewesen wären, hätten sie uns für drei Monate in den Urlaub geschickt. Stattdessen haben sie uns gedrängt, die Platte im Zeitplan abzuliefern.“

Immer weiter

Also verschanzen sich Ian Gillan, Ritchie Blackmore, Roger Glover, Jon Lord und Ian Paice im Studio, zunächst in Rom, später in Walldorf bei Frankfurt. Aufgenommen wird mit dem Rolling Stones Mobile, das die Band schon im unsterblichen Smoke On The Water besungen hatte. Als Toningenieur agiert Martin Birch, der später mit Rainbow, Black Sabbath und Iron Maiden zu weiterem Weltruhm gelangen sollte.

Das legendäre Mark-II-Line-up von Deep Purple: Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice.

Die Stimmung innerhalb der Truppe befindet sich schon vor den Aufnahmen an einem Tiefpunkt, wie Bassist Glover in einer Dokumentation der BBC beschreibt: „Ich glaube nicht, dass Ritchie und Ian in dem letzten Jahr dieser Besetzung ein Wort miteinander gesprochen haben. Sie wurden zu zwei entgegengesetzten Polen, die sich immer weiter angestachelt und voneinander entfernt haben.“ Deshalb spielen die Musiker ihre Parts sogar getrennt ein; die legendäre musikalische Interaktion von Deep-Purple-Konzerten kommt so natürlich nicht zustande. Blackmore wünscht sich außerdem, dass die Band ihre Blues-Wurzeln wiederentdeckt, angeblich deshalb, weil ihm die letzten Platten zu „poppig“ erscheinen. Das allerdings klingt angesichts der Rockmacht von Machine Head (1972) und Made In Japan (1973) doch sonderbar. Man könnte sogar anführen, dass Who Do We Think We Are „poppiger“ und gefälliger klingt.

Ladehemmung

Der einzige Track aus den Rom-Sessions im Sommer, der es auf das Album schafft, heißt Woman From Tokyo. Hier singt Gillian über die Erfahrungen der ersten Japan-Tour. Den Rest kann die Band erst nach einer erneuten Konzertreise durch Fernost aufnehmen. Dabei kommt die Kreativität nur langsam ins Rollen, schlussendlich enthält die Platte nicht mehr als sieben Songs. Einer davon, Mary Long, handelt von zwei bekannten britischen Persönlichkeiten: der erzkonservativen Aktivistin Mary Whitehouse und dem Sozialreformer Lord Longford. „Die beiden waren ständig mit erhobenem Zeigefinger unterwegs“, erläutert der Sänger später. „Es ging um die Standards der älteren Generation und die gängige Moral. Ich habe die beiden zu einer Person verschmolzen, um die Heuchelei der Zeit darzustellen“. Mit Place In Line findet sich sogar ein echtes Blues-Stück auf der Platte, ansonsten regiert der bekannte Stil des Mark-II-Lineups mit kompetenten Songs und souveränen Wechselspielen zwischen Orgel und Gitarre. Langlebige Hits produziert die Scheibe mit Ausnahme von Woman In Tokyo jedoch nicht.

Who Do We Think We Are erscheint am 26. Januar 1973. Als Titelinspiration dient negative Fanpost, die laut Drummer Ian Paice gerne mit der Frage beginnt: „Wer glauben Deep Purple eigentlich wer sie sind?“ Trotz aller Probleme erweist sich das Werk als Kassenschlager mit einer halben Millionen verkaufter Exemplare in den ersten drei Monaten, was sicher auch an den äußerst erfolgreichen Vorgängern liegt. Das reicht für Platz 15 in den US-Charts, Platz vier in Großbritannien und Platz drei in Deutschland. In den USA bringt im ganzen Jahr 1973 niemand mehr Alben unter die Leute als Deep Purple.

Doch es hilft alles nichts: Die anhaltenden Zwistigkeiten führen dazu, dass dieses Line-up schon am 29. Juni 1973 in Osaka sein letztes Konzert spielt. In einem Brief an die Kollegen verkündet Ian Gillan seinen Ausstieg, Roger Glover geht gleich mit. Erst 1984 kommt die Mark-II-Besetzung wieder für Perfect Strangers zusammen. Die Band engagiert nach Who Do We Think You Are den Trapeze-Bassisten Glenn Hughes und einen gänzlich unbekannten Sänger namens David Coverdale. Schon im Folgejahr erscheinen die Alben Burn und Stormbringer. Aber das ist eine andere Geschichte…

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Zeitsprung: Am 25.1.1975 gibt es Ärger zwischen Deep Purple und AC/DC.

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