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Popkultur

„The Battle At Garden’s Gate“: Greta van Fleet geben dem Rock, was er am nötigsten braucht

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Greta van Fleet
Foto: Alysse Gafkjen

Mit zwei EPs und einem Album wurden Greta van Fleet innerhalb von 18 Monaten zu Weltstars. Kritiker*innen gab es ebenso viele wie Fans, beide Lager schauen mit angehaltenem Atem auf ihr zweites Album The Battle At Garden’s Gate. Das könnte sich nicht weniger um die Außenwelt kümmern und versinkt in überlebensgroßem, epischem, mystischem Hard Rock. Da müssen einige jetzt ganz stark sein: Besser spielt den derzeit niemand.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr The Battle At Garden’s Gate hören:

Noch heute gilt, was schon 1971 galt: Rock muss berühren. Muss größer sein als das Leben selbst, ein von Mythos, Sünde, Sex und Philosophie durchdrungener Leviathan, der für einige Zeit die Schleier der Realität lüftet und uns in andere Sphären blinzeln lässt. Der die Hörerschaft vor dem Plattenspieler zur ehrfürchtigen Salzsäule erstarren lässt. In den Sechzigern und Siebzigern wurde das verstanden und exemplarisch vorgelebt, die Mammutwerke dieser Zeit sind auch ein halbes Jahrhundert später der Goldstandard.


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Greta Van Fleet
The Battle At Garden’s Gate
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Wie sollen sie denn sonst klingen?

Woran also soll sich eine Bande von Youngstern aus Frankenmuth, Michigan orientieren, die als Teenager die Instrumente in die Hand nimmt und die Rockmusik für sich entdeckt? Woran, wenn nicht an Led Zeppelin, Deep Purple, Rush, Uriah Heep und all jenen verwunschenen Hard-Rock-Überzeugungstätern? Anders haben die Beatles nicht angefangen, die Stones, die Yardbirds. War der überwiegend aus Cis-Mann-Lagern stammenden, vorprogrammierten Kritik an Greta van Fleet natürlich vollkommen egal. Die Band wurde dafür bestraft, 2018 mit Anthem Of The Peaceful Army eins der besten Rock-Debüts der jüngeren Vergangenheit vorgelegt zu haben. Wurde an den Pranger gestellt, weil sie in kürzester Zeit eine Million Konzerttickets abgesetzt haben, Grammys gewonnen haben, Musikgeschichte geschrieben haben. Sicher klangen Greta van Fleet bisweilen sehr nach Led Zeppelin; aber eben auch nicht mehr als jede andere bluesige Hard-Rock-Band auf ihrem Debüt.

Was natürlich niemand der Boomer auch nur ansatzweise realisiert hat: Die drei Brüder Josh Kiszka, Jake Kiszka und Sam Kiszka samt ihrem Kumpel Danny Wagner haben die urwüchsigen, mystischen Hard Rock der Siebziger im Alleingang für eine neue Generation zugänglich gemacht. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Und hat natürlich auch den Nachfolger The Battle At Garden’s Gate beeinflusst. Ein großes Album ist Greta van Fleet gelungen, ein episches Werk von 63 Minuten Länge, das im Grunde alles bietet, was man vom Nachfolger eines derart erfolgreichen Debüts erwartet.

Knietief durch Mystik und Philosophie

Ihr Hard Rock watet knieftief durch Mystik und Philosophie, ihre instrumentalen Fähigkeiten sind atemberaubend, ihr Zusammenspiel nach zahllosen Konzerten auf fünf Kontinenten makellos. Und die Stimmung, die die vier erzeugen, ist sowieso nicht mit Gold aufzuwiegen. Der euphorisierende, beinah sakrale Einstieg Heat Above hat dieselbe elektrisierende Wirkung wie ein Sonnenaufgang, den man nach durchfeierter Nacht mit dem letzten Bier in der Hand auf einem Hügel erlebt, My Way, Soon ist ein unkomplizierter Rocker mit The-Who-Attitüde. Danach kommt mit Broken Bells der erste wirkliche Kinnladenklapper: Geheimnisvoll und melancholisch, ein intensives Stück Rockmusik mit folkigem Touch und unfassbarem Solo, das auch auf Led Zeppelin IV stehen könnte.

Bis wir Sterne sehen

Built By Nations kommt dann gleich auch noch in den Led-Zeppelin-Schrein, doch The Battle At Garden’s Gate ist eben viel mehr als diese eine Facette. Bei Age Of Machine beweist die Band ein Händchen für gefühlvollen Prog, eingebettet in eine epische Hymne, bei Tears Of Rain fast schon Renaissance-Musik-Qualitäten. Stardust Chord ist so monumental und überlebensgroß wie es der Titel vermuten lässt, Trip The Light Fantastic zeigt die psychedelische Seite des Quartetts. Und The Weight Of Dreams mit seinen neun Minuten windet sich am Ende wie die Midgardschlange Jörmungand um das ganze Album, drückt zu und nimmt uns den Atem, bis wir Sterne sehen.

Es ist alles sehr dick aufgetragen auf diesem zweiten Album. Und genau dafür muss man Greta van Fleet einfach lieben: Wenige Rockbands wagen noch die ganz großen Gesten. Pathos ist verpönt, hymnische Balladen sind als kitschig verschrien. The Battle At Garden’s Gate suhlt sich stolz in beidem. Und hält ein Genre am Leben, das schon vor 50 Jahren Köpfe verdreht, Leben gerettet und jede Menge Kinder gezeugt hat. Man mag das jetzt also alles für wenig originell halten oder auch nicht: Greta van Fleet geben der Rockmusik genau das, was sie im Jahr 2021 am allernötigsten braucht: Größenwahn, Mystik und Bombast. Was haben wir denn sonst noch?

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