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Popkultur

„Ein guter Song ist nun mal ein guter Song“: Ray Dorset (Mungo Jerry) über 50 Jahre „In The Summertime“

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Mungo Jerry
Foto: Gijsbert Hanekroot/Redferns/Getty Images

Der größte Sommerhit aller Zeiten wird 50: Obwohl schon im Mai erschienen, klettert der unwiderstehlich fluffige Groove von In The Summertime am 22. August 1970 an die Spitze der deutschen Singlecharts.

von Björn Springorum

Über 20 Millionen Exemplare des unbeschwerten Songs gehen über die weltweiten Theken, er wird in 40 Sprachen übersetzt und von unter anderem Elton John, Bob Dylan und Shaggy gecovert. Und sein Urheber Ray Dorset (74)? Erfreut sich im südenglischen Bournemouth bester Gesundheit, als wir ihn erreichen. Ob er Lust hat, über den Sommer 1970 zu plaudern, fragen wir. „Fire away!“, schallt es in breitem Englisch durch die Leitung.

Ray, wie war der Sommer 1970 für dich?

Absolut unfassbar, auch aus heutiger Sicht. Damals arbeitete ich bei einem Uhrenhersteller, ich war so ein kleiner Elektronik-Bastler, weißt du, ein bisschen wie Les Paul. Wir waren gerade auf dem Höhepunkt der Flower-Power-Ära angelangt oder schon ein kleines Stückchen darüber hinaus. Woodstock lag noch nicht lang zurück. Und obwohl ich nie LSD oder andere Drogen nahm, gefielen mir die Konzepte und die Ideen dieser Zeit. Es ging um Liebe, um Frieden, um die Natur und gesunde Ernährung. Ich spielte Ende der Sechziger in einer Skiffle-Band namens Good Earth, bei der nichts ohne diese alberne Kolbenflöte ging, die man aus Slapstick-Sketchen kennt. Irgendwann wurden dann Mungo Jerry daraus. Und irgendwann im Frühling nahmen wir In The Summertime auf. Es war eine sehr kreative Zeit für uns, in der wir sehr viele Songs schrieben. Scheint aber nicht so wichtig gewesen zu sein. (lacht) Die Single zu In The Summertime erschien dann jedenfalls am 22. Mai 1970 – und nur einen Tag später spielten wir beim Hollywood Music Festival in Newcastle-under-Lyme neben Bands wie The Grateful Dead oder Black Sabbath.

Danach ging es dann ziemlich schnell ziemlich rund…

Schneller als schnell! Und das Kuriose war: In The Summertime war nicht durchgehend auf der Eins in den Charts hier in Großbritannien, und auch das Wetter in diesem Sommer war recht durchwachsen; doch immer wenn wir ganz oben waren, war auch das Wetter Bombe und am Strand die Hölle los. Echt verrückt!

Wenn wir mal unter 30.000 Singles an einem Tag verkauften, bekamen wir schlechte Laune.

Und du hast ihn wirklich in zehn Minuten während der Arbeit geschrieben, noch dazu auf einer geliehenen Gitarre?

Ach, das mit den zehn sage ich eigentlich immer nur so. Ich habe natürlich nicht auf die Uhr geschaut, aber es ging sehr, sehr schnell. Und der Rest, der stimmt auch. (lacht) Ich hatte eines Abends diese eine Melodie im Kopf, aus der der Song besteht. Nichts Großes, dachte ich, einfach eine einprägsame Melodie. Am nächsten Morgen war sie aber immer noch da, was mir dann schon zeigte, dass es mehr war als nur eine Melodie. Also schrieb ich einfach mal einen Text dazu. Tagträume über meine Kindheit, Ferien, die alten US-amerikanischen Teen-Streifen, wo sie mit einem alten Cadillac durch die Gegend fahren und Musik hören, diese Sachen eben.

Ein Song ohne Refrain und mit einer einzigen Melodie wird zum größten Sommerhit aller Zeiten. Das ist alles schon ein wenig kurios, oder?

Ein guter Song ist nun mal ein guter Song. Die Leute konnten was damit anfangen, lächelten und tanzten, wenn sie ihn hörten. Aber natürlich war der Erfolg schon heftig. Wir wurden vollkommen überrannt davon. Wir waren ständig bei Top Of The Pops, die ganze Welt stand Kopf wegen uns, wir rissen vier verschiedene Länder an vier Tagen ab, um alle Anfragen unter zu bekommen. An einem einzigen Montagvormittag verkaufte unser Label 78.000 Exemplare von In The Summertime. Wenn wir mal unter 30.000 Singles an einem Tag verkauften, bekamen wir schon schlechte Laune. Ich meine, 30.000, damit wärst du heute wochenlang auf der Eins! (lacht)

Was hast du als junger Mann mit Anfang 20 eigentlich mit der ganzen Kohle gemacht?

Oh, anfangs gab es gar nicht so viel Geld! Die Plattenfirma zahlte erst viel später aus, aber durch Radio-Airplay kam ein bisschen was zusammen. Das war aber auch bitter nötig, weil ich mir damals gerade ein Haus und ein Auto gekauft hatte und mein erstes Kind versorgen musste.

Es ging mir damals mehr um die Jagd als um die Beute.

50 Jahre später machst du immer noch Musik und spielst Konzerte. Hast du keine Lust auf Ruhestand?

Ruhestand ist doch eher was für Menschen, die ihr Leben lang bei einer Firma angestellt waren. Ihre Hobbys haben für gewöhnlich wenige bis gar keine Berührungspunkte mit dem Feld, in dem sie angestellt sind. Mal angenommen, dein Hobby ist Golfen oder Modelleisenbahnen. Wenn du es schaffen würdest, davon zu leben, würdest du doch auch nicht in Ruhestand gehen wollen, oder? Meine Hobbys waren schon immer die Musik und die Elektrotechnik. Für mich hängt das eng zusammen: Hier die Musik – und da die elektronischen Prozesse wie Musik aufnehmen oder auf eine Bühne bringen. Im Grunde ist das schon seit Leonardo da Vinci so. Wenn du kreativ bist, kannst du dich in verschiedenen Feldern bewegen. Er entwarf einen Helikopter, er malte aber auch wunderschöne Bilder. In diese Stammeslinie ordne ich mich natürlich gerne ein.

Gab es denn mal eine Phase, in der du diesen surrealen Erfolg eines einzelnen Liedes bereut hast?

Ich bin zutiefst glücklich, einen Song geschrieben zu haben, der so vielen Menschen auf der ganzen Welt Freude bereitet und wahrscheinlich schon fünf Generationen unterhält. Daran habe ich noch nie etwas bereut. Was ich bereue, ist, dass ich damals zu abgelenkt war, um auf die Details zu achten. Ich wurde von der schieren Wucht dieses Erfolges so von den Füßen geholt, dass ich vieles einfach geschehen ließ, auch aus vertraglicher Sicht. Damals veröffentlichten die Labels einfach weitere Album-Tracks oder B-Sides als Singles, bis die reguläre nächste Single kam. Das würde ich aus heutiger Sicht unterbinden. Außerdem hatte ich keinerlei Einfluss auf das Artwork. Es ging mir damals mehr um die Jagd als um die Beute. Mehr um die Musik als ums Geld. Das ist nicht schlimm. Ich hätte es nur nicht so laut sagen dürfen. Denn sobald das jemand mitbekommt, wird man nur noch ausgenommen wie eine Weihnachtsgans.

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