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Popkultur

MALCOLM YOUNG – NACHRUF AUF EINEN ROCKGIGANTEN

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Einfache Dinge können am schwersten sein. Dazu gehört auch die Rock’n’Roll-Rhythmusgitarre. Malcolm Young war ein Meister darin. Am 18. November ist der AC/DC-Gründer im Alter von 64 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf einen Giganten des Rock von Christof Leim.


Hört hier die besten AC/DC-Songs:


Malcolm Young stand meistens im Hintergrund, links neben dem Schlagzeug, Haare im Gesicht, mit einem rhythmischen Zucken im Bein, während vorne sein Bruder Angus in einer Schuluniform über die Bühne fegte. Doch Malcolm war das Herz von AC/DC, der Motor, von ihm stammt die Vision, die die australische Starkstrom-Brigade zur besten Rock’n’Roll-Band der Welt gemacht hat. Denn AC/DC liefern seit jeher unbeirrbar den puren, den guten Stoff: Rock mit einem ganz großen „R“ und einem unfassbaren Beat, grundehrlich, hochenergetisch und ohne jedweden Ballast. Exakt so hat Malcolm Young zeitlebens seine Gitarre gespielt. mit einem knackharten Anschlag direkt auf den Punkt. Diesen Groove kann man nicht lernen und nicht nachmachen. AC/DC nehmen die Essenz des frühen Wegbereiter wie Chuck Berry, Buddy Holly und Little Richard, hören gut zu bei Elvis und den Rolling Stones und verpassen dem Ganzen einen saftigen Energieschub. Dieses Ding ziehen AC/DC durch wie eine Dampflok , es ändern sich nur die Nuancen, nie die Grundlage.

Dabei liefern sie reihenweise Klassiker ab: Das 1980er-Epos Back In Black gehört zu meistverkauften Alben aller Zeiten, und wer Highway To Hell oder You Shook Me All Night Long nicht kennt, muss einige Dekaden unter einem Stein gelebt haben. Malcolm führt dabei die Band durch die Jahrzehnte, durch 17 Alben und über die ganze Welt. Zum aktuellen Rock Or Bust (2014) steuert er noch Ideen bei, mitspielen kann er da schon nicht mehr. Nach einer Herzoperation und Lungenkrebserkrankung muss er wegen fortschreitender Demenz in ein Pflegeheim in Sydney. Seinen Posten an der Gitarre übernimmt seitdem Stevie Young, ein Neffe der beiden Brüder. AC/DC sind und bleiben ein Familienunternehmen. Zu Malcolms Tod schreibt Angus: „Mit großer Hingabe war Malcolm die treibende Kraft hinter der Band. Als sein Bruder kann ich schwer in Worte fassen, was er für mich mein Leben lang bedeutet hat. Unsere Verbindung war einzigartig. Sein Vermächtnis wird ewig weiterleben.“ Malcolm hinterlässt seine Ehefrau O’Linda und die Kinder Ross und Cara sowie drei Enkel.


Immer geradeaus

Geboren wird Malcolm Young am 6. Januar 1953 in Glasgow in Schottland. Als er zehn Jahre alt ist, wandert seine Familie mit den acht Kindern nach Australien aus. Musik gehört dort schon früh zum Leben, denn der große Bruder George Young gehört zu den australischen Sixties-Popstars The Easybeats. Ruhm, Reichtum und schreiende Mädels beeindrucken Malcolm natürlich, also schmeißt er mit 15 die Schule, jobbt in einer BH-Fabrik und will fortan lieber Musik machen. Er spielt bei diversen Bands, kommt aber nicht so recht vorwärts. Deshalb gründet er im November 1973 seine eigene Kapelle und nimmt auch seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Angus hinzu. An Silvester stehen AC/DC zum ersten Mal auf der Bühne, ab jetzt lautet der Kurs „Weltherrschaft“. Zielstrebig verfolgen die beiden nicht mal 1,60 Meter großen Young-Brüder dieses Ziel, gespielt wird in jeder Kneipe und an jeder Steckdose, immer mit Vollgas. Wer nicht mithalten kann, muss gehen.

Die ersten beiden Alben High Voltage und T.N.T. erscheinen 1975 nur in Australien, eine Compilation daraus schlägt ein Jahr später als High Voltage in Europa auf. Nach und nach nimmt der Rest der Welt Notiz von den ruppigen Krachmachern von „Down Under“, und die Band siedelt nach London über und landet 1979 mit Highway To Hell einen Treffer. Am 19. Februar 1980 stirbt Sänger Bon Scott in London an den Folgen eines massiven Saufgelages, und es ist Malcolm, der Bons Eltern in Australien benachrichtigt.


In Schwarz auf den Rockolymp

Lange steht die Rock-Maschine nicht still: Mit neuem Frontmann Brian Johnson geht es weiter. Back In Black (1980) wird zum Triumph und verkauft sich weltweit über 50 Millionen mal. Jetzt sind AC/DC nicht mehr zu stoppen. Malcolm ist dabei der Anführer, er trifft die letzte Entscheidung und lässt sich durch nichts vom Weg abbringen. Er bestimmt, wann mit der Presse gesprochen und wann Alben aufgenommen werden. Vor allem hält er die Band auf Kurs, ungeachtet aller Trends und ohne musikalische Experimente. Die Songs schreiben Malcolm und Angus gemeinsam, seit The Razors Edge (1990) sogar alle Texte. Und die bleiben so bodenständig wie die Musiker, es geht um Lebensfreude, Sex und Feierei oder die bluesige Kehrseite davon. Als die Beastie Boys 1985 eine Sequenz aus Back In Black verwenden wollen, erteilt Malcolm ihnen eine Absage: „Nichts gegen euch Jungs, wir halten nichts von Sampling.“

Das gleiche gilt für Promikult und High-Society-Theater: Man sieht die Musiker nie auf Glitzerveranstaltungen, roten Teppichen oder gar in Modemagazinen. Jeans, Shirt und Turnschuhe reichen vollkommen aus, damals wie heute. Jeder Schnickschnack ist AC/DC fremd, die Band pflegt eine bodenständige Arbeitseinstellung und geht zum Stadionkonzert mit 50.000 Leuten wie andere Leute zur Schicht.


Zwangspause und neue Triumphe

Auf der Tour zu Blow Up Your Video (1988) muss Malcolm eine Pause einlegen und wird zum ersten Mal durch Stevie Young ersetzt. Offiziell will sich der Musiker um seinen kranken Sohn kümmern, doch in Wahrheit erfordert jahrzehntelange Sauferei ihren Tribut. Mehr erfährt man jedoch nicht, AC/DC halten damals wie heute ihr Privatleben von der Öffentlichkeit fern. Zur nächsten Platte The Razors Edge (die mit Thunderstruck) steht Malcolm wieder mit seiner Gretsch neben dem Drumkit. Mittlerweile gehören AC/DC zu den größten Bands der Welt, sogar Metallica spielen 1991 vor den Australiern. Nur noch einmal geben die Gebrüder Young und ihre Jungs selbst die Vorgruppe, nämlich 2003 für die von ihnen verehrten Rolling Stones.

2008 steigt das Album Black Ice dann in sage und schreibe 29 Ländern auf Platz Eins ein und beschert der Band eine Grammy-Auszeichnung. Doch Malcolm Young bekommt zunehmend Probleme mit seinem Gedächtnis: Auf der Tour muss er immer wieder Lieder üben, die er selbst geschrieben hat. Das zieht er solange durch, wie er kann – bis es einfach nicht mehr geht. Seit September 2014 lebt Malcolm deshalb in einem Pflegeheim. Laut Angus freut er sich immer noch über Musik, erkennt viele Menschen aber nicht mehr.

AC/DC nehmen daraufhin mit Malcolms Einverständnis Rock Or Bust mit Stevie Young an der Gitarre auf und touren um die Welt, zuletzt mit W. Axl Rose am Mikro. Mittlerweile steht Angus als letztes Originalmitglied auf der Bühne. Wie es mit AC/DC weitergeht, weiß nur er.


Die Rocker trauern

In der Rock-Welt herrscht große Trauer nach Malcolms Youngs Tod. Unzählige musikalische Helden bringen zum Ausdruck, wie sehr sein Gitarrenstil, sein Songwriting und seine Haltung sie geprägt haben. Dabei sind sich die besten Rockmusiker der Welt einig, dass nur ganz wenige gibt, die an der Rhythmusgitarre an Malcolm Young heranreichen können. Lars Ulrich von Metallica schreibt: „Malcolm, Danke für, dass du ein wichtiger Teil im Soundtrack meines Lebens warst. Deine Musik ist die Definition von zeitlos und inspirierend.“ Guns N’ Roses-Zylinderkopf Slash (Guns N’ Roses) spricht von einem „monumental traurigen Tag für den Rock’n’Roll“, Eddie Van Halen veröffentlicht: „Malcolm Young war mein Freund, das Herz und die Seele von AC/DC.“

Fest steht: Das Vermächtnis von Malcolm Young wird Bestand haben. Besser, lauter, aufregender kann man Rock’n’Roll nicht spielen. Ruhe in Frieden, Malcolm.


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Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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