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Popkultur

Zeitsprung: Am 11.3.1955 schreit Nina Hagen das erste Mal in den Äther.

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Nina Hagen
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 11.3.1955.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Mehr als nur Farbfilm: Von Schlager bis Punk, Esoterik bis Christentum und Politik bis Polemik nimmt die „Godmother of Punk“ in ihrem Leben so ziemlich alles mit. Als eine der wenigen Deutschen erlangt sie dank überdimensionaler Persönlichkeit und gleichwertigem Talent internationale Berühmtheit. Zu ihrem Geburtstag am 11. März tauchen wir in ihr unkonventionelles Leben ein.

Hört hier in die Kompilation Was denn rein:

Als „Patentante des Punk“ kommt man nicht auf die Welt, den Titel muss man sich erarbeiten. Das tut Hagen ab dem 11. März 1955, an diesem Tag kommt sie als Catharina Hagen in Berlin-Friedrichshain auf die Welt. Das liegt zu diesem Zeitpunkt in der DDR. Ihre Mutter, Schauspielerin Eva-Maria Hagen, und Dissident und Liedermacher Wolf Biermann, der ab 1965 als Ziehvater fungiert, lehren sie sowohl Kreativität als auch Widerstand.

Farbfilm & Systemkritik

Das geht nicht lange gut, denn für die Stasi gilt sie dank ihrer systemkritischen Familienbande als nicht linientreu. Man verweigert ihr folglich die Aufnahme in die Schauspielschule. Macht nichts, dann nutzt Catharina eben ihre Singstimme (und der Film klopft bis heute auch ohne Zeugnis immer wieder an). Sie schließt eine Ausbildung als staatlich geprüfte Schlagersängerin ab; mit Vorbildern wie Janis Joplin, Otis Redding und Lotte Lenya interessiert dieses Genre sie freilich wenig. Mit der Gruppe Automobil gelingt ihr bald ein grenzübergreifender Hit: Du hast den Farbfilm vergessen erscheint 1974, da zählt Nina 19 Lenze.

Gern geschehen, der Ohrwurm. Doch es hilft nichts, man bürgert Biermann 1976 aus. Die junge Sängerin bekundet gemeinsam mit über 100 DDR-Kunstschaffenden Solidarität, vielen schwant erst jetzt, was da wirklich an Zensur und Kontrolle vor sich geht. Hagen reicht’s, sie verlässt mit der restlichen Familie die Heimat. Nächster Halt: London.

„That’s why the Lady is a Punk“

Das Epizentrum des Punk brodelt zu diesem Zeitpunkt, auch Reggae hält Einzug in das Bewusstsein der Schauspielertochter. Mit The-Slits-Sängerin Ari Up schreibt sie Material, das sie, zurück in Deutschland, verwerten möchte. Mit vier Kollegen, die später als Spliff Erfolge feiern, gründet sie daher die Nina Hagen Band, deren gleichnamiges Album 1978 erscheint. Hier erfindet sich die Künstlerin neu, singt deutlich anders als noch auf den Aufnahmen aus der DDR.

Aber Teamwork gehört nicht zu Hagens Sozialkompetenzen, weswegen sie sich noch vor der zweiten Platte mit der Band überwirft. Die Aufnahmen erfolgen 1979 schon getrennt, und man nennt den Langspieler passend Unbehagen. Das interne Spannungsverhältnis tut jedoch gut, denn das Album schafft es bis auf Platz zwei der Charts und gilt als wichtig für den deutschen Punk und als Katalysator für New Wave und Neue Deutsche Welle. Wenig später schockt die Chanteuse das prüde Deutschland, indem sie in einer österreichischen Talkshow vorführt, wie es denn so aussehen sollte, wenn Frauen masturbieren.

Typisch Angstlos

Es zieht die Frau mit der großen Stimme ohnehin wieder in die weite Welt; bis 1986 lebt sie mal in Amerika, mal in den Niederlanden. Irgendwie ist viel von UFOs die Rede, auch die Spiritualität nimmt eine zentrale Rolle in ihrem Leben ein. Der Name von Töchterchen Cosma Shiva zeugt bis heute davon. Hagen singt nun viel auf Englisch, arbeitet beispielsweise mit Giorgio Moroder an ihrer LP Fearless. Ein Auftritt beim ersten Rock in Rio zementiert ihren Ruf als Weltstar.

Doch sie will zurück in das Land Bertolt Brechts, dessen Werke sie immer wieder singt. Sohn Otis bekommt sie 1990, die Beziehung zu dessen Vater scheitert. Tatsächlich versucht dieser sogar, ihr den Nachwuchs zu entwenden. Die „eine große Liebe“ scheint es im Leben der Musikerin nicht zu geben, wohl aber Affären: zum Beispiel mit Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers. Dass Hagen auch zur Muse taugt, glauben wir gern.

Überhaupt scheinen ihr die Kinder die einzige Konstante. Und natürlich die Musik: Kollaborationen mit Wolfgang Niedecken von BAP, Oomph!, Apocalyptica und der Song Solo mit Thomas D von den Fanta 4 beweisen in den Neunziger Jahren und Anfang der Zweitausender Hagens Überdauern als Künstlerin. Irgendwo dazwischen faltet sie in einer Talkshow (aha!) Angela Merkel zusammen.

Zeitlos schrill

Ihr Platz in der Jury der Castingshow Popstars zementiert sie 2006 und 2007 erneut in den Zeitgeist. Doch so leicht macht es uns die Hagen nicht und sorgt für TV-Eklat Nummer drei und vier: In der Talkshow Menschen bei Maischberger redet sie sich gleich zweimal um Kopf und Kragen, dabei geht es wahlweise um Politik oder Außerirdische. Die Moderatorin folgert: „Ich habe, mit Verlaub, Nina, das Gefühl, dass wahnsinnig viel in deinem Kopf wirklich durcheinandergeht.“

Dem schließen wir uns zwar an, aber im Falle der hauptberuflichen Göre Hagen dient das eher als Kompliment. Zwischenzeitlich findet sie übrigens zu Gott, lässt sich 2009 taufen. „Ist das noch Punk?“, fragen wir uns da. Bei Nina Hagen irgendwie schon.

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