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Popkultur

Zeitsprung: Am 18.7.1995 erscheint „¡Adios Amigos!“, das letzte Studioalbum der Ramones.

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 18.7.1995.

von Christian Böhm und Christof Leim

Das Ende einer Legende: Als die Ramones am 18. Juli 1995 ihr letztes Studioalbum „¡Adios Amigos!“ veröffentlichen, läuten sie nach über 20 Jahren bewusst das Ende der Band ein.

Hier kannst du dir ¡Adios Amigos! anhören: 

Sie haben den Punk erfunden, zumindest behaupten das viele. Die 13 Songs auf ihrem finalen Werk gelten sicher nicht als ihre einflussreichsten, aber ¡Adios Amigos! erweist sich als gelungener Abschied, bei dem sich die vier Musiker von Freunden helfen lassen und alten Mitstreitern Ehre erweisen. Eine typische Platte des Quartetts – nicht mehr, doch auch nicht weniger.

Bekannter Anfang & Ende mit Ansage

„1,2,3,4“ zählt Joey Ramone den ersten Track an – gewissermaßen klassisch, denn so haben es die Ramones in den 22 Jahren davor oft gemacht: Fast jeder Song startet live genau so. I Don’t Want to Grow Up entstammt allerdings gar nicht ihrer eigenen, sondern der Feder von Tom Waits. So knüpfen Joey, Johnny, C.J. und Marky Ramone kurz an das Vorgängeralbum an, denn das 1993 erschienene Acid Eaters besteht ausschließlich aus Interpretationen anderer Künstler. Auf ¡Adios Amigos! gibt es in der Folge aber wieder überwiegend eigene Kompositionen. Einen weiteren fremden Song packen sie aber noch drauf: I Love You von Johnny Thunders. Der alte Freund aus frühen CBGB’s-Tagen starb vier Jahre zuvor an seinem Drogenproblem. 

Ein weiterer Freund mischt mit: Daniel Rey, den man auf älteren Platten als zweiten Gitarristen hört, produziert dieses 14. Studioalbum, das die Band bereits im Vorfeld als ihr letztes ankündigt. Nach 22 Jahren unermüdlichen Tourens haben die Ramones einen legendären Status erreicht, werden von allen möglichen Musikern und Musikerinnen zitiert, konnten aber nie den Charterfolg erreichen, den sie gerne gehabt hätten. Vor allem Joey und Johnny Ramone die beiden Hauptakteure der Band, die sowohl politisch wie persönlich verschiedener nicht hätten sein können – sind nun müde. Vielleicht deshalb steuert Produzent Rey sechs Songs bei, das jüngste Bandmitglied C.J. Ramone wirft mit Scattergun und Got A Lot To Say zwei Lieder in den Topf. Auf vier Tracks übernimmt der Bassist auch den Gesang.  

Das Leben ist schön

Von Dee Dee, seinem Vorgänger den vier Saiten, kommen ebenfalls drei Stücke dazu; zwei davon, nämlich Making Monsters For My Friends und It’s Not For Me To Know, hat er 1994 auf seinem Album I Hate Freaks Like You mit dem Projekt I.C.L.C. bereits veröffentlicht. Auch The Crusher kennt so mancher Fan: 1989 erscheint es auf Standing In The Spotlight, mit dem sich der Ex-Ramone unter dem Pseudonym Dee Dee King zuvor an einer Karriere als Rapper versucht, die allerdings mäßig erfolgreich im Sande verläuft. Zwar hat The Crusher in den Strophen Sprechgesangsanleihen, ist aber damals schon eher Rock – und in der neuen Version mit bewusst verzerrtem Gesang erst recht.

Verschiedene Versionen gibt es auch von Life’s A Gas, das aus nur zwei Zeilen besteht: 

Life’s a gas, life’s a gas, oh yeah

So don’t be sad, cause I’ll be there

„Das Leben ist schön“ und „Seid nicht traurig, denn ich werde da sein“ – aufmunternde Worte von Joey Ramone, die er, obwohl zu diesem Zeitpunkt wohl schon schwer erkrankt, in seiner gewohnt hoffnungsvollen, fröhlichen Art singt. Noch traurig-schöner klingt die Akustikversion des Songs, die 2012 auf seinem Soloalbum Ya Know erscheint. Posthum, denn schon 2001 stirbt der Sänger an Lymphdrüsenkrebs. 

Schwergewichte ohne riesigen Ernst

Das Cover von ¡Adios Amigos! zieren zwei Dinosaurier mit Sombrero-Hüten. Diese Modifikation eines Bildes von Mark Kostabi passt gut zu den Ramones, die gewichtig waren, aber nie zu ernst. „I got a lot to say, I can’t remember now“ singt C.J., und Joey soll einmal gesagt haben: „Nimm nichts zu ernst, denn nichts ist so ernst.“

Die Rückseite der Platte

Die Rückseite zeigt die Musiker vor an einer Wand stehend, gefesselt, die Augen verbunden, bereit zur Exekution. Nur einer sitzt andersherum, ohne verbundene Augen, mit mexikanischem Hut: Monte Melnick, ihr langjähriger Tourmanager. Über ihm steht „Viva La Revolución“, aber auch er, der von Anfang an dabei war, weiß: Die Revolution ist vorbei.

Monster und Freunde

Auf Born To Die In Berlin, dem finalen Lied auf einem Studioalbum der Ramones, heißt es schließlich: „Sometimes I feel like screaming, sometimes I feel I just can’t win, sometimes I feel like my soul is as restless as the wind“, was die Gefühlsachterbahn innerhalb der Band ganz gut beschreibt. Die dritte Strophe der Nummer singt Mitautor Dee Dee übrigens auf Deutsch. Verzerrt und unverständlich klingt die Stimme, die angeblich über ein Telefon aufgenommen wurde. Auf Deutsch vermutlich deshalb, weil seine Mutter aus Berlin stammte, sein Vater als US-Soldat in Deutschland stationiert war und weil Dee Dee seine ersten Lebensjahre hierzulande verbrachte. (Die deutsche Vergangenheit kommt in seinem Werk oftmals vor, zum Beispiel in German Kid, das er unter seinem Pseudonym veröffentlicht und das tatsächlich Rap ist. Und auch hier singt er teilweise auf Deutsch.)

Für das Abwegige hatten die Ramones immer schon eine Schwäche: Ihre Texte wimmeln nur so vor Monstern und seltsamen Wesen wie „Cretins“ und „Pinheads“. Auf ¡Adios Amigos kommt ein Superheld ins Spiel: Spider Man findet sich als Bonustrack der US-Version. Auf der japanischen Variante interpretieren sie einen Song, den ein guter Bekannter ihnen zuvor als Tribut geschrieben hat: 1991 veröffentlichen Motörhead R.A.M.O.N.E.S auf dem Album 1916. Nun holen sich die Ramones das Stück zurück. Und beim letzten Konzert der Band am 6. August 1996 kommt Lemmy Kilmister auf die Bühne, um es mit ihnen zu singen.

Das Ende: Wie der Anfang

Ja, die Ramones verabschieden sich. Sie spielen eine Abschiedstour und veröffentlichen ein Livealbum (We’re Outta Here). Nach ihrer Auflösung 1996 folgen weitere Best-of- und Tribute-Alben, aber da sind die meisten Familienmitglieder schon tot: Nach Joey und Dee Dee stirbt Johnny Ramone 2004 an Krebs. Ur-Schlagzeuger Tommy folgt ihnen 2014. 

Johnny Ramone erklärt, dieses letzte Album haben sie nur für sich selbst und die Fans gemacht: „Es war besser, als es uns egal war, ob sich eine Platte verkauft.“Und Joey: „Wir haben im im März ’74 angefangen, weil die Bands, die wir liebten, und der Rock ’n’ Roll, den wir kannten, verschwunden waren. Wir haben die Musik für uns selbst gespielt.“ So schließt sich der Kreis. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blicken wir zurück auf eine der wegweisenden Bands des Rock’n’Roll. Schön war’s, Freunde. Adios!

Zeitsprung: Am 30.11.2003 bekommt Joey Ramone seine eigene Straßenecke in New York.

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