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Popkultur

Rock And Roll Circus: Ein Blick hinter die Kulissen des wilden Stones-Spektakels

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Michael Randolph

Die Idee, etliche Größen der Musikwelt in einem Zirkuszelt zusammenzubringen und das ganze Spektakel zu filmen, hatten Mick Jagger und der Regisseur Michael Lindsay-Hogg. Ein einzigartiges Unterfangen, das im Dezember 1968 unter dem Titel The Rolling Stones Rock And Roll Circus Musikgeschichte schreiben sollte. Der Mitschnitt, der ursprünglich für ein einstündiges Weihnachtsspecial der BBC gedacht war, blieb jahrelang unveröffentlicht und galt zwischenzeitlich sogar als verschollen – bis 1996 erstmals eine restaurierte Version davon auftauchte.

von Martin Chilton

Der Regisseur Lindsay-Hogg hatte sich zuvor schon mit der Musiksendung Ready Steady Go! einen Namen gemacht, und Jagger war Fan seiner Arbeiten. „Michael und ich hatten nun diese Idee, wobei es im Grunde darum ging, verschiedene Acts aus der Musikwelt mit Zirkuseinlagen zu kombinieren – um das Ganze einfach außergewöhnlich und surreal wirken zu lassen. Die Musiker sollten aus möglichst unterschiedlichen Ecken kommen“, so Jagger, der die Auswahl zusammen mit dem Regisseur traf.


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The Rolling Stones hatten kurz zuvor ihr Beggars Banquet-Album veröffentlicht, und nun wollten Jagger & Co. also die wichtigsten Kollegen ihrer Zunft zusammentrommeln: Auch Bands wie Traffic und Cream erhielten eine Einladung – konnten jedoch nicht teilnehmen, weil sie sich kurz davor auflösen sollten. Die Liste der Teilnehmer ist deshalb nicht weniger beeindruckend: Unter anderem waren The Who, John Lennon, Yoko Ono, Eric Clapton, Taj Mahal, Jethro Tull und Marianne Faithfull mit von der Partie.

Vorbereitungen, Proben und der eigentliche Dreh

Vor dem Drehbeginn am 11. Dezember 1968 ging es hektisch zu in London: Proben und Testläufe fanden an drei Locations statt (Marquee Club, Olympic Sound Studios und Londonderry House Hotel). Auch wurden in letzter Minute noch Songs von der Setlist gestrichen – so z.B. eine Version von Peggy Sue (Buddy Holly), die eigentlich Lennon, Jagger und Clapton zusammen präsentieren sollten. Als Kameramann setzte Lindsay-Hogg auf Tony Richmond, der danach unter anderem den Horrorklassiker Wenn die Gondeln Trauer tragen oder auch Der Mann, der vom Himmel fiel mit David Bowie drehen sollte. Um die ganze Wucht des Rock And Roll Circus festzuhalten, verwendete Richmond die neueste Kameratechnologie, ein französisches Fabrikat, 16mm Film. Den Sound fingen Glyn Johns und Jimmy Miller mit der mobilen Einheit des Olympic Studios ein. Auch Kostüme mussten natürlich haufenweise genäht werden – dafür war John McKenna verantwortlich.

Der Dreh selbst fand schließlich in den Studios von InterTel im Stonebridge House in Wembley statt. Als Publikum dabei: Mitglieder des Stones-Fanclubs, glückliche Gewinner*innen einer NME-Verlosung und auch ein paar Hells Angels-Jungs aus den Staaten, die sich gerade in England aufhielten.

„Bringt den wahnsinnigen Optimismus einer Ära zum Ausdruck“

Das Studioinnere wirkte wie eine Zirkusmanege, in der neben den Musikern auch Artisten von Sir Robert Fossetts Circus auftraten – u.a. Trapezkünstler, Feuerspucker, Clowns und Akrobaten. Auch ein Tiger und ein boxendes Känguru waren dabei. Eigentlich sollte nur am 11. Dezember gedreht werden, aber erst am nächsten Tag um fünf Uhr morgens gingen die Kameras wieder aus. Inklusive Umbauten dauerte das Spektakel somit rund 15 Stunden. „Ja, die Clowns und die Stones kamen gut miteinander aus“, erinnert sich Lindsay-Hogg, heute 78, in einem aktuellen Interview mit der L.A. Times.

Photo: Michael Randolph

„Auch im Backstage-Bereich war’s fantastisch“, erzählt er weiter. „Sie alle saßen zusammen in einem Raum: John Lennon, Mick Jagger, Pete Townshend, Eric Clapton. Und spielten den Blues mit Gitarren und Mundharmonika. Keith Moon spielte mit Löffeln auf der Tischkante.“

Noch spektakulärer sah es auf der Bühne aus: ausgefallene Outfits, lässige Sprüche, klassischer Sixties-Sound. Auch die Supergroup The Dirty Mac, bestehend aus Lennon, Richards, Clapton und dem Jimi-Hendrix-Schlagzeuger Mitch Mitchell, hatte an jenem Tag ihren einzigen Auftritt vor Publikum. Eine Show zum Ausrasten. „Der Rock And Roll Circus bringt den wahnsinnigen Optimismus einer Ära zum Ausdruck“, schrieb der verstorbene David Dalton hinterher, ein Augenzeuge, der damals live miterlebte, was erst vor wenigen Monaten die Besucher abermals in die US-Kinos locken sollte – und nun auch als Deluxe-Edition in den Handel kommt.

The Rolling Stones Rock And Roll Circus: Wer alles dabei war und was in der Show genau passierte

11. Dezember 1968, 14 Uhr: Die einleitenden Worte von Mick Jagger

Um Punkt 14 Uhr trat Mick Jagger in die Manege. Natürlich als Zirkusdirektor – mit roter Jacke und Zylinder. „You’ve heard of Oxford Circus“, holt er aus, wirft dann noch den Piccadilly Circus in den Raum, um dann bei der größten aller Zirkusshows anzukommen: „… and this is The Rolling Stones Rock And Roll Circus…

Einzug der Gladiatoren/Sir Robert Fossetts Circus

Nach Jaggers Abgang ist eine Minute lang die Aufnahme eines Triumphmarschs zu hören: Der „Einzug der Gladiatoren“, geschrieben im Jahr 1897 vom Tschechen Julius Fučík. Tatsächlich marschierten derweil die Vertreter von Sir Robert Fossetts Zirkustruppe ein – u.a. zwei „Kleinwüchsige“ und der Muskelmann Milton Reid.

Der Moment, als Jethro Tull Elvis einen Korb gaben

Jethro Tull

Weiter ging’s mit der erst kurz davor gegründeten Band Jethro Tull aus Blackpool. „Der erste Act des Abends ist…“, holte Jagger aus, woraufhin Yoko Ono rief: „Yethro Tull!“ Der Song: Eine grandiose Version von A Song For Jeffrey inklusive Flötenintro und einem Ersatzmann (Tony Iommi von Black Sabbath). Offensichtlich von den Artisten inspiriert, spielte Ian Anderson seine Flöte übrigens auf einem Bein stehend – was allerdings so aussah, als könnte er jeden Moment umkippen und auf der Nase landen.

The Who

Keith Richards stellte The Who mit den Worten „And now, ladies and gentlemen, dig The Who“ vor. Die Band – bestehend aus Pete Townshend, Keith Moon, John Entwistle und Roger Daltrey – gab daraufhin alles und präsentierte eine verspielte Version ihrer Mini-Oper A Quick One, While He’s Away, inklusive jenem Mittelteil, mit dem sie sich vor dem zugfahrenden Ivor the engine driver verneigen.

Photo: Michael Randolph

Over The Waves

Weiter ging’s mit einer Aufnahme des beliebten mexikanischen Walzers Sobre Las Olas/Over The Waves, der schon im 19. Jahrhundert von Juventino Rosas komponiert wurde und später unter anderem als Gitarrenversion von Willie Nelson Weltruhm erlangen sollte. Die Stones brauchten genau genommen nur einen 45-sekündigen Ausschnitt als musikalisches Zwischenspiel, während die Zirkusleute die Bühne umbauten.

Taj Mahal

Der nächste große Act war der US-Bluesmusiker Taj Mahal, der ganz ohne Vorstellung auf die Bühne kam. Flankiert wurde der Sänger und Gitarrist von dem Bassisten Gary Gilmore, Schlagzeuger Chuck Blackwell und Gitarrist Jesse Ed Davis. Zunächst spielten sie eine Version des 1966 komponierten Stücks Ain’t That A Lot Of Love (aus der Feder von H. Banks und W.D. Parker), das sie erst kurz zuvor aufgenommen hatten, woraufhin Taj Mahal auch noch eine Version von Checkin’ Up On My Baby von Sonny Boy Williamson zum Besten gab – die jedoch im finalen Mitschnitt nicht mehr auftauchen sollte.

Marianne Faithfull

Stones-Schlagzeuger Charlie Watts hatte die Ehre, „die schöne Miss Marianne Faithfull“ vorzustellen, die in jenen Tagen Jaggers Freundin war. Die Sängerin, die in einem bodenlangen Satinkleid auftrat und während der Performance Jaggers Hand hielt, sang die Ballade Something Better, geschrieben von Gerry Goffin und Barry Mann, wobei sie von einem Instrumental vom Band begleitet wurde. Produzent der Single war übrigens ebenfalls ihr Freund Mick.

Feuerschlucker & Supermodel

Den nächsten Act stellte Keith Richards vor: Danny Kamara, ein bekannter Feuerschlucker aus London. Seine „Assistentin“ war Donyale Luna, jene Schauspielerin, die es wenige Jahre davor als erstes farbiges Model aufs Cover der britischen Vogue geschafft hatte.

The Dirty Mac

Beatles-Star John Lennon und Mick Jagger scherzten während der nächsten Bandankündigung: sich selbst nannte Lennon „Winston Leg-Thigh“, seinen Stones-Kollegen „Nigel“. Er sei zudem drauf und dran, gleich mit „deinem eigenen Soul-Brother Keith Richards“ aufzutreten…

Den Namen The Dirty Mac soll Lennon angeblich in Anlehnung an Fleetwood Mac gewählt haben. Die Supergroup, die nur dieses eine Mal zusammenkam, bestand neben ihm aus Keith Richards (Bass), Eric Clapton (Leadgitarre) und Mitch Mitchell (Schlagzeug), der sonst Mitglied von The Jimi Hendrix Experience war. Neben Lennon (ganz in Jeans) war Mitchell mit seinen glatten blonden Haaren kaum zu erkennen. Ihr Song: Yer Blues vom grandiosen White Album der Beatles, das kurz zuvor erschienen war.

Yoko Ono

Lennon, der auch im Gaukler-Outfit auftrat, stand gleich danach noch einmal mit seiner Partnerin Yoko Ono auf der Bühne. Die japanische Künstlerin tauchte aus einer überdimensionalen schwarzen Tasche auf – als Hexe, ebenfalls ganz in schwarz, mit spitzem Hut. Das Set war improvisiert: Eine fünf Minuten lange Version von Whole Lotta Yoko (auch als Her Blues bekannt), wobei sämtliche Mitglieder von The Dirty Mac aushalfen. Dazu spielte auch der Geigenvirtuose Ivry Gitlis mit.

12. Dezember 1968, 2 Uhr früh: The Rolling Stones

Es war schon knapp zwei Uhr in der Früh, als John Lennon mit den Worten „And now…“ dazu ausholte, die Stones anzukündigen. Die legten direkt los mit Jumpin’ Jack Flash, und nachdem Lennon zusammen mit Ono zwischenzeitlich der BBC ein Interview gegeben hatte, waren beide am Schluss des Sets wieder da: Neben Parachute Woman und No Expectations spielten Jagger & Co. auch die erste gefilmte Live-Version von You Can’t Always Get What You Want.

Für den Gitarristen Brian Jones, der etwas benommen wirkte, während er die Slide-Gitarre zu No Expectations besteuerte, war es der letzte Auftritt mit den Stones. Und obwohl auch das Publikum nach dem inzwischen knapp 15-stündigen Zirkus-Marathon an diesem Punkt kaum noch Energiereserven hatte – „Die Leute waren radikal-festlich drauf, als die Stones auf die Bühne gingen“, sagte Pete Townshend später –, brachte Jagger die Leute noch ein weiteres Mal zum Ausrasten, indem er während Sympathy For The Devil seinen Oberkörper entblößte und ein aufgeklebtes Luzifer-Tattoo präsentierte.

Den Schlusspunkt des Sets, das nach drei Stunden im Kasten war, markierte eine ausgelassene Mitsingversion von Salt Of The Earth, bei der auch Bill Wyman (Bass), Nicky Hopkins (Klavier) und Rocky Dzidzornu (Percussion) mitwirkten und alle durchs Publikum liefen.

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Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Mitglieder von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden formen neue Band!

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

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