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Popkultur

Rock And Roll Circus: Ein Blick hinter die Kulissen des wilden Stones-Spektakels

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Michael Randolph

Die Idee, etliche Größen der Musikwelt in einem Zirkuszelt zusammenzubringen und das ganze Spektakel zu filmen, hatten Mick Jagger und der Regisseur Michael Lindsay-Hogg. Ein einzigartiges Unterfangen, das im Dezember 1968 unter dem Titel The Rolling Stones Rock And Roll Circus Musikgeschichte schreiben sollte. Der Mitschnitt, der ursprünglich für ein einstündiges Weihnachtsspecial der BBC gedacht war, blieb jahrelang unveröffentlicht und galt zwischenzeitlich sogar als verschollen – bis 1996 erstmals eine restaurierte Version davon auftauchte.

von Martin Chilton

Der Regisseur Lindsay-Hogg hatte sich zuvor schon mit der Musiksendung Ready Steady Go! einen Namen gemacht, und Jagger war Fan seiner Arbeiten. „Michael und ich hatten nun diese Idee, wobei es im Grunde darum ging, verschiedene Acts aus der Musikwelt mit Zirkuseinlagen zu kombinieren – um das Ganze einfach außergewöhnlich und surreal wirken zu lassen. Die Musiker sollten aus möglichst unterschiedlichen Ecken kommen“, so Jagger, der die Auswahl zusammen mit dem Regisseur traf.


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The Rolling Stones hatten kurz zuvor ihr Beggars Banquet-Album veröffentlicht, und nun wollten Jagger & Co. also die wichtigsten Kollegen ihrer Zunft zusammentrommeln: Auch Bands wie Traffic und Cream erhielten eine Einladung – konnten jedoch nicht teilnehmen, weil sie sich kurz davor auflösen sollten. Die Liste der Teilnehmer ist deshalb nicht weniger beeindruckend: Unter anderem waren The Who, John Lennon, Yoko Ono, Eric Clapton, Taj Mahal, Jethro Tull und Marianne Faithfull mit von der Partie.

Vorbereitungen, Proben und der eigentliche Dreh

Vor dem Drehbeginn am 11. Dezember 1968 ging es hektisch zu in London: Proben und Testläufe fanden an drei Locations statt (Marquee Club, Olympic Sound Studios und Londonderry House Hotel). Auch wurden in letzter Minute noch Songs von der Setlist gestrichen – so z.B. eine Version von Peggy Sue (Buddy Holly), die eigentlich Lennon, Jagger und Clapton zusammen präsentieren sollten. Als Kameramann setzte Lindsay-Hogg auf Tony Richmond, der danach unter anderem den Horrorklassiker Wenn die Gondeln Trauer tragen oder auch Der Mann, der vom Himmel fiel mit David Bowie drehen sollte. Um die ganze Wucht des Rock And Roll Circus festzuhalten, verwendete Richmond die neueste Kameratechnologie, ein französisches Fabrikat, 16mm Film. Den Sound fingen Glyn Johns und Jimmy Miller mit der mobilen Einheit des Olympic Studios ein. Auch Kostüme mussten natürlich haufenweise genäht werden – dafür war John McKenna verantwortlich.

Der Dreh selbst fand schließlich in den Studios von InterTel im Stonebridge House in Wembley statt. Als Publikum dabei: Mitglieder des Stones-Fanclubs, glückliche Gewinner*innen einer NME-Verlosung und auch ein paar Hells Angels-Jungs aus den Staaten, die sich gerade in England aufhielten.

„Bringt den wahnsinnigen Optimismus einer Ära zum Ausdruck“

Das Studioinnere wirkte wie eine Zirkusmanege, in der neben den Musikern auch Artisten von Sir Robert Fossetts Circus auftraten – u.a. Trapezkünstler, Feuerspucker, Clowns und Akrobaten. Auch ein Tiger und ein boxendes Känguru waren dabei. Eigentlich sollte nur am 11. Dezember gedreht werden, aber erst am nächsten Tag um fünf Uhr morgens gingen die Kameras wieder aus. Inklusive Umbauten dauerte das Spektakel somit rund 15 Stunden. „Ja, die Clowns und die Stones kamen gut miteinander aus“, erinnert sich Lindsay-Hogg, heute 78, in einem aktuellen Interview mit der L.A. Times.

Photo: Michael Randolph

„Auch im Backstage-Bereich war’s fantastisch“, erzählt er weiter. „Sie alle saßen zusammen in einem Raum: John Lennon, Mick Jagger, Pete Townshend, Eric Clapton. Und spielten den Blues mit Gitarren und Mundharmonika. Keith Moon spielte mit Löffeln auf der Tischkante.“

Noch spektakulärer sah es auf der Bühne aus: ausgefallene Outfits, lässige Sprüche, klassischer Sixties-Sound. Auch die Supergroup The Dirty Mac, bestehend aus Lennon, Richards, Clapton und dem Jimi-Hendrix-Schlagzeuger Mitch Mitchell, hatte an jenem Tag ihren einzigen Auftritt vor Publikum. Eine Show zum Ausrasten. „Der Rock And Roll Circus bringt den wahnsinnigen Optimismus einer Ära zum Ausdruck“, schrieb der verstorbene David Dalton hinterher, ein Augenzeuge, der damals live miterlebte, was erst vor wenigen Monaten die Besucher abermals in die US-Kinos locken sollte – und nun auch als Deluxe-Edition in den Handel kommt.

The Rolling Stones Rock And Roll Circus: Wer alles dabei war und was in der Show genau passierte

11. Dezember 1968, 14 Uhr: Die einleitenden Worte von Mick Jagger

Um Punkt 14 Uhr trat Mick Jagger in die Manege. Natürlich als Zirkusdirektor – mit roter Jacke und Zylinder. „You’ve heard of Oxford Circus“, holt er aus, wirft dann noch den Piccadilly Circus in den Raum, um dann bei der größten aller Zirkusshows anzukommen: „… and this is The Rolling Stones Rock And Roll Circus…

Einzug der Gladiatoren/Sir Robert Fossetts Circus

Nach Jaggers Abgang ist eine Minute lang die Aufnahme eines Triumphmarschs zu hören: Der „Einzug der Gladiatoren“, geschrieben im Jahr 1897 vom Tschechen Julius Fučík. Tatsächlich marschierten derweil die Vertreter von Sir Robert Fossetts Zirkustruppe ein – u.a. zwei „Kleinwüchsige“ und der Muskelmann Milton Reid.

Der Moment, als Jethro Tull Elvis einen Korb gaben

Jethro Tull

Weiter ging’s mit der erst kurz davor gegründeten Band Jethro Tull aus Blackpool. „Der erste Act des Abends ist…“, holte Jagger aus, woraufhin Yoko Ono rief: „Yethro Tull!“ Der Song: Eine grandiose Version von A Song For Jeffrey inklusive Flötenintro und einem Ersatzmann (Tony Iommi von Black Sabbath). Offensichtlich von den Artisten inspiriert, spielte Ian Anderson seine Flöte übrigens auf einem Bein stehend – was allerdings so aussah, als könnte er jeden Moment umkippen und auf der Nase landen.

The Who

Keith Richards stellte The Who mit den Worten „And now, ladies and gentlemen, dig The Who“ vor. Die Band – bestehend aus Pete Townshend, Keith Moon, John Entwistle und Roger Daltrey – gab daraufhin alles und präsentierte eine verspielte Version ihrer Mini-Oper A Quick One, While He’s Away, inklusive jenem Mittelteil, mit dem sie sich vor dem zugfahrenden Ivor the engine driver verneigen.

Photo: Michael Randolph

Over The Waves

Weiter ging’s mit einer Aufnahme des beliebten mexikanischen Walzers Sobre Las Olas/Over The Waves, der schon im 19. Jahrhundert von Juventino Rosas komponiert wurde und später unter anderem als Gitarrenversion von Willie Nelson Weltruhm erlangen sollte. Die Stones brauchten genau genommen nur einen 45-sekündigen Ausschnitt als musikalisches Zwischenspiel, während die Zirkusleute die Bühne umbauten.

Taj Mahal

Der nächste große Act war der US-Bluesmusiker Taj Mahal, der ganz ohne Vorstellung auf die Bühne kam. Flankiert wurde der Sänger und Gitarrist von dem Bassisten Gary Gilmore, Schlagzeuger Chuck Blackwell und Gitarrist Jesse Ed Davis. Zunächst spielten sie eine Version des 1966 komponierten Stücks Ain’t That A Lot Of Love (aus der Feder von H. Banks und W.D. Parker), das sie erst kurz zuvor aufgenommen hatten, woraufhin Taj Mahal auch noch eine Version von Checkin’ Up On My Baby von Sonny Boy Williamson zum Besten gab – die jedoch im finalen Mitschnitt nicht mehr auftauchen sollte.

Marianne Faithfull

Stones-Schlagzeuger Charlie Watts hatte die Ehre, „die schöne Miss Marianne Faithfull“ vorzustellen, die in jenen Tagen Jaggers Freundin war. Die Sängerin, die in einem bodenlangen Satinkleid auftrat und während der Performance Jaggers Hand hielt, sang die Ballade Something Better, geschrieben von Gerry Goffin und Barry Mann, wobei sie von einem Instrumental vom Band begleitet wurde. Produzent der Single war übrigens ebenfalls ihr Freund Mick.

Feuerschlucker & Supermodel

Den nächsten Act stellte Keith Richards vor: Danny Kamara, ein bekannter Feuerschlucker aus London. Seine „Assistentin“ war Donyale Luna, jene Schauspielerin, die es wenige Jahre davor als erstes farbiges Model aufs Cover der britischen Vogue geschafft hatte.

The Dirty Mac

Beatles-Star John Lennon und Mick Jagger scherzten während der nächsten Bandankündigung: sich selbst nannte Lennon „Winston Leg-Thigh“, seinen Stones-Kollegen „Nigel“. Er sei zudem drauf und dran, gleich mit „deinem eigenen Soul-Brother Keith Richards“ aufzutreten…

Den Namen The Dirty Mac soll Lennon angeblich in Anlehnung an Fleetwood Mac gewählt haben. Die Supergroup, die nur dieses eine Mal zusammenkam, bestand neben ihm aus Keith Richards (Bass), Eric Clapton (Leadgitarre) und Mitch Mitchell (Schlagzeug), der sonst Mitglied von The Jimi Hendrix Experience war. Neben Lennon (ganz in Jeans) war Mitchell mit seinen glatten blonden Haaren kaum zu erkennen. Ihr Song: Yer Blues vom grandiosen White Album der Beatles, das kurz zuvor erschienen war.

Yoko Ono

Lennon, der auch im Gaukler-Outfit auftrat, stand gleich danach noch einmal mit seiner Partnerin Yoko Ono auf der Bühne. Die japanische Künstlerin tauchte aus einer überdimensionalen schwarzen Tasche auf – als Hexe, ebenfalls ganz in schwarz, mit spitzem Hut. Das Set war improvisiert: Eine fünf Minuten lange Version von Whole Lotta Yoko (auch als Her Blues bekannt), wobei sämtliche Mitglieder von The Dirty Mac aushalfen. Dazu spielte auch der Geigenvirtuose Ivry Gitlis mit.

12. Dezember 1968, 2 Uhr früh: The Rolling Stones

Es war schon knapp zwei Uhr in der Früh, als John Lennon mit den Worten „And now…“ dazu ausholte, die Stones anzukündigen. Die legten direkt los mit Jumpin’ Jack Flash, und nachdem Lennon zusammen mit Ono zwischenzeitlich der BBC ein Interview gegeben hatte, waren beide am Schluss des Sets wieder da: Neben Parachute Woman und No Expectations spielten Jagger & Co. auch die erste gefilmte Live-Version von You Can’t Always Get What You Want.

Für den Gitarristen Brian Jones, der etwas benommen wirkte, während er die Slide-Gitarre zu No Expectations besteuerte, war es der letzte Auftritt mit den Stones. Und obwohl auch das Publikum nach dem inzwischen knapp 15-stündigen Zirkus-Marathon an diesem Punkt kaum noch Energiereserven hatte – „Die Leute waren radikal-festlich drauf, als die Stones auf die Bühne gingen“, sagte Pete Townshend später –, brachte Jagger die Leute noch ein weiteres Mal zum Ausrasten, indem er während Sympathy For The Devil seinen Oberkörper entblößte und ein aufgeklebtes Luzifer-Tattoo präsentierte.

Den Schlusspunkt des Sets, das nach drei Stunden im Kasten war, markierte eine ausgelassene Mitsingversion von Salt Of The Earth, bei der auch Bill Wyman (Bass), Nicky Hopkins (Klavier) und Rocky Dzidzornu (Percussion) mitwirkten und alle durchs Publikum liefen.

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