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Popkultur

35 Jahre Roxette: Wie Per Gessles sinkender Stern eine Traumkarriere ermöglichte

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Foto: Phil Dent/Redferns/Getty Images

Im Juli 1986 veröffentlichen Roxette ihre erste Single Neverending Love. Der Song und das Duo bleiben international weitgehend unbemerkt. Doch was vor genau 35 Jahren langsam ins Rollen gerät, ist eine der größten Pop-Karrieren aller Zeiten – und nur Per Gessles Misserfolg als Solokünstler zu verdanken.

von Björn Springorum

Per Gessle und Marie Fredriksson kennt man eigentlich nur als Roxette. Wenn man über 75 Millionen Platten verkauft und der Musikwelt unzählige Evergreens spendiert hat, geht das natürlich klar; die eigentliche Karriere der beiden, die beginnt aber bereits zehn Jahre vor Roxette. Und sieht zunächst mal gar nicht nach einem Popmärchen als Duo aus. Gessle spielt in der Pop-Band Gyllene Tider („Goldene Zeiten“), heute eine der größten schwedischen Bands aller Zeiten; Fredriksson singt mal in einer Punk-Band, organisiert mal ein Festival, treibt sich mal in anderen Formationen herum.

Halmstadt Pop City

Beide laufen sich regelmäßig über den Weg (Halmstadt ist nun mal nicht Los Angeles), arbeiten immer wieder zusammen. Gessle spielt in ihrer Punk-Band, sie singt bei Gyllene Tider, selbst die Proberäume der beiden sind zeitweise benachbart. Recht bald kommen sie auf den Trichter, dass es künstlerisch funkt zwischen ihnen – nur künstlerisch, versteht sich. Dennoch konzentrieren sie sich zunächst auf ihre Solokarrieren. Und während die von Fredriksson immer besser läuft und ordentlich Fahrt aufnimmt, kommt Gessle als Solitär nicht so wirklich vom Fleck. Der Chef von EMI Schweden, Rolf Nygren, weiß von Gessles ausgezeichneter Chemie mit Fredriksson und schlägt ihm vor, einen seiner mäßig erfolgreichen schwedischen Songs ins Englische zu übersetzen und ihn als Duett mit Fredriksson aufzunehmen. Süffisant ausgedrückt, ermöglicht ausgerechnet der mangelnde Erfolg von Per Gessle die Geburtsstunde der Pop-Sensation Roxette. Aber das muss man ihm natürlich nicht immer noch unter die Nase reiben.

Internationaler Flop

Benannt nach dem gleichnamigen Song von Dr. Feelgood, veröffentlicht das frischgebackene Duo Roxette am 8. Juli 1986 seine allererste Single Neverending Love, ein unschuldiger Wave-Pop-Song, der Roxette einen ersten Achtungserfolg in Schweden beschert. Marie Fredriksson für eine englische Pop-Single einzuspannen, das war gewiss ein cleverer Marketing-Schachzug von Per Gessle. Man darf aber nicht vergessen, dass die beiden enge Freunde waren und Fredriksson bestimmt nichts getan hat, was sie nicht wollte. Dafür war sie damals schon zu gefestigt, zu erfahren.

Ihre Solokarriere lässt die Sängerin natürlich weiterlaufen, während sich der Name Roxette langsam in Schweden verbreitet. Doch an den Landesgrenzen ist Schluss: Sowohl die Single als auch das Debüt Pearls Of Passion vom Oktober 1986 werden vom Ausland komplett ignoriert, von der Presse allerhöchstens lauwarm empfangen. Da kann man fast noch froh sein, dass Neverending Love in Schweden wenigstens einige tausend Einheiten absetzen konnte: Ursprünglich wollte EMI die Single nur im Ausland veröffentlichen, um Fredrikssons aufblühender Solokarriere nicht in die Quere zu kommen.

Späte Genugtuung

Vollkommen zu Unrecht ist der ausbleibende internationale Erfolg nicht: Während die kommenden Platten Look Sharp! oder Joyride vor großartigen Songs, unsterblichen Melodien und unfassbaren Refrains auf den Olymp katapultiert werden, haben wir es hier mit einer Uhrform des späteren Roxette-Sounds zu tun, eher glattgebügelt und generisch als originell und explosiv – und gänzlich ohne ihre Trademark-Gitarren auskommt, wohlgemerkt.

Geschenkt, heute wissen wir natürlich, dass es einem aus Schweden wiederkehrenden US-Studenten und einem US-College-Radiosender zu verdanken ist, dass The Look vollkommen überraschend erst die USA im Sturm erobert und Roxette binnen weniger Monate zu Weltstars macht. Damals glaubt bezeichnenderweise niemand an den internationalen Reiz des Duos. Auch im Folgejahr nicht: Der Weihnachtssong It Must Have Been Love (Christmas For The Broken Hearted) wurde 1987 zwar von EMI Deutschland in Auftrag gegeben, aber dann doch wieder nur in Schweden veröffentlicht.

Späte Genugtuung: 1990 taucht der Song im Soundtrack zu Pretty Woman auf und erobert dann gleich mal weltweit die Charts . Aber da wird eh längst alles zu Gold, was dieses magische Duo anfasst. Es war also ziemliches Glück für Musikfans weltweit, dass ausgerechnet ein begnadeter Komponist wie Per Gessle keine anständige Solokarriere zustande brachte. Und Marie Fredriksson im richtigen Moment zur Stelle war.

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