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Popkultur

Senkrechtstart mit Fingerspitzengefühl – Stevie Wonders erster Number-1-Hit Fingertips

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„Everybody needs a little bit of Stevie Wonder in their day!“ hat jemand unter das Youtube-Video von Fingertips geschrieben. Prägnanter hätte das die Autorin auch nicht ausdrücken können. Ein bisschen Stevie – das bedeutet bedingungslose Freude an der Musik und ergo am Leben, zudem die Leichtigkeit und der Übermut eines damals 12-Jährigen sowie die Einsicht darum, immerzu das Beste aus dem machen zu wollen, was einem das Leben so mitgibt.


Schaut euch hier das Video von “Little Stevie Wonder” mit dem Song Fingertips an und lest weiter:


In „Little Stevie Wonders” Fall fielen die Willkommensgeschenke des Lebens nicht gerade üppig aus. Den Ärzten unterliefen bei seiner verfrühten Geburt erhebliche Fehler in der Sauerstoffversorgung des Säuglings und Stevie erblindete kurz nach der Geburt. Mit vier Jahren ließ sich die Mutter zudem scheiden und zog mit ihren sechs Kindern aus Saginaw, Michigan, zurück nach Detroit. Schon früh begann Stevie, Musik zu machen, er hatte ein Medium gefunden, in dem seine Blindheit, wenn kein Vorteil, so zumindest nicht von Nachteil war. Ab da wurde aus dem Kind Stevie das Wunderkind Stevie Wonder. Den Vertrag mit Motown unterschrieb der Junge als damals Elfjähriger.


Hört euch hier das Stevie Wonder Album The Jazz Soul of Little Stevie an und lest weiter:


Ein Jahr später, mit gerade mal 12 Jahren, gelingt Wonder, was zuvor nur der heute nahezu vergessene Komiker Johnny Standley im Jahr 1952 geschafft hatte: Einen Hit zu produzieren, der nicht im Studio, sondern live aufgenommen wurde und direkt auf Platz 1 der Billboard Pop Singles landete. Wonder gelang dies mit dem Song Fingertips, der kaum Text hat und dazu ausersehen war, Wonders Geschick an Bongos und Mundharmonika zu demonstrieren. Es muss nicht immer der Flügel sein.

Im Videomitschnitt des Auftritts, der glücklicherweise existiert, sehen wir, wie Stevie Wonder auf die Bühne geführt wird, ein schlaksiger Junge in einem schlecht sitzenden Anzug und bereits mit obligatorischer Sonnenbrille. Er ist auf Hilfe angewiesen, man schraubt ihm das Mikro herunter, legt ihm die Bongos auf den Schoß, der Moderator sagt ihn als große Sensation an. Als die Big Band aber einsetzt, übernimmt Wonder das Ruder und lässt es am Ende nur widerwillig wieder los.



Er animiert das Publikum, ihn und Drummer Marvin Gaye (jep, der war auch dabei) in der Rhythmik zu unterstützen, mit Füßen und Händen, was die Menschen im Saal sich nicht zweimal sagen lassen. Und dann legt das kleine Wunder los, ausgestattet mit Mundharmonika und den schnellsten Fingern der Welt, die er auf seine Bongos niederprasseln lässt, als hätte er nie etwas anderes getan. Mit seinem zarten Jungenstimmchen singt er einige wenige „Heys” und „Yeahs”, ganz der Animateur eben (Songwriter: Clarence O. Pauling / Henry Cosby).

Ev’rybody had a good time.

So, if you want me to, if you want me to;

I’m gonna swing this song, yeah,

just-a one more time until I come back.

Die eigentliche Party steigt auf instrumenteller Ebene. Viel zu schnell ist der Song, der produktionstechnisch in zwei Parts aufgeteilt, später jedoch zusammengeschnitten wurde, wieder vorbei. Das dachte sich offenbar auch Wonder, der am Ende „abgeführt“ werden soll, aber gar nicht mehr runter will von der Bühne.


Motown----Stevie-Wonder-at-the-piano


Schon hinterm Vorgang verschwunden dreht er noch einmal ab und kommt zurück. Schnell wird ihm das Mikro noch einmal zurechtgerückt und weiter geht es. Wonders Bassist hat da schon die Bühne verlassen und der neue für den nachfolgenden Act steht bereit. Wer genau hinhört, kann den Verdatterten auf der Aufnahme rufen hören: „What key?!“ – Welche Tonart? Dann aber ist Schluss und Wonder macht den Abgang, bis hinter den Vorhang auf seiner Mundharmonika spielend.

Das Publikum im Saal dankt ihm sein Fingerspitzengefühl mit tosendem Applaus und Rufen — und wenig später mit einer Number-1-Platzierung. Fingertips war Wonders Beginn einer Ausnahme-Karriere, die bis heute andauert. Sein Werdegang ist eine Erinnerung daran, auf kreative Weise mit den Steinen zu jonglieren, die einem das Leben querschießt.


Hört euch hier unsere essentielle R & B Most Wanted Playlist an:


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