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Popkultur

Sie waren die Champions: Der majestätische Rock von Queen in den 70ern

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Die wenig bescheidene Aussage, dass Queen “der Cecil B DeMille der Rockmusik [sein] und immer alles noch größer und besser machen” wollten, wird sowohl Freddie Mercury als auch Roger Taylor zugeschrieben. Und beide können wohl von sich behaupten, dieses Ziel erreicht zu haben. Als Gruppe erarbeiteten sich Queen in den 70ern einen Ruf als mutigste und erfolgreichste Band aller Zeiten.

von Martin Chilton

Die Anfänge waren allerdings wenig verheißungsvoll. 1967 gründete Gitarrist Brian May die Band Smile. Freddie Mercury, der bis dahin in einer Heavy Metal Formation namens Wreckage war, ersetzte 1970 den Sänger Tim Staffell, und wenig später änderte die Gruppe mit Roger Taylor am Schlagzeug ihren Namen in Queen. Mercury war damals 24 Jahre alt und erinnerte sich später: “Der Name war meine Idee. Es ist nur ein Name, aber er klingt königlich und grandios, und er wird weltweit verstanden. Auch visuell konnte man damit viel machen und man kann alles Mögliche hineininterpretieren.”


Ihr könnt nicht genug von Queen kriegen? Hört hier in unsere Bohemian Rhapsody-Playlist rein:


Mit dem Soundtrack zum Film, den größten Hits und spannenden Coverversionen. Klickt auf “Listen” für das volle Vergnügen.


“Wir wollten nicht wie irgendeine beliebige Band behandelt werden”

Im Laufe des folgendes Jahres probierten Queen verschiedene Bassisten aus und ließen sich viel Zeit mit der finalen Entscheidung für das letzte noch fehlende Mitglied der Band, mit der sie zu Weltruhm aufsteigen wollten. Schließlich fiel die Wahl auf John Deacon, der auf seinen College-Abschluss in Elektronik hinarbeitete. Ihr erster Auftritt in der Besetzung, mit der sie die nächsten 15 Jahre weltweit live spielen würden, fand am 2. Juli 1971 statt. Queen waren eine gebildete Band. Neben John stand der diplomierte Grafikdesigner Freddie Mercury, Biologe Taylor und der ebenfalls diplomierte Astrophysiker Brian May auf der Bühne. Was sie einte war ihre Begeisterung für Rock’n’Roll, Glam und Glitzer, Progrock und Comedy.

Berichten zufolge fand dieser erste gemeinsame Auftritt im West Surrey College Of Art And Design in der Nähe von Guildford statt und dank ihres Sounds, Mercurys Bühnenpräsenz und seiner einzigartigen Stimme spürte das 70-köpfige Publikum sofort, dass diese Band etwas Besonderes war. Im Anschluss spielten Queen ihre erste Tour, die aus elf Terminen in Cornwall bestand.

Die nächsten zwei Jahre ließ sich die Band Zeit, um einen Plattenvertrag unter Dach und Fach zu bringen. Mercury erzählte, dass sie sich schon bei ihrem ersten Demo “im Klaren darüber waren, dass es viele schwarze Schafe” gibt und deshalb nichts überstürzen wollten. “Wir sind wirklich zu so ziemlich jedem Label gegangen, bevor wir uns entschieden haben. Wir wollten nicht wie irgendeine beliebige Band behandelt werden”, sagte er.

1973 unterschrieben Queen einen Vertrag mit Trident/EMI und im Juli desselben Jahres erschien ihr selbstbetiteltes Debütalbum. Produziert wurde es von John Anthony und Roy Thomas Baker und auf der Trackliste befand sich u. A. der von Gitarrenvirtuose Brian May geschriebene Track Keep Yourself Alive sowie eine kurze, instrumentale “Skizze” von Mercury, mit dem Titel Seven Seas Of Rhye.



Auf ihrem zweiten Album Queen II tauchte der Song mit einem breitwandigeren Sound, verschachtelten Gesangsharmonien und neuem Text wieder auf. Er endet in dieser Version mit einem kurzen Ausschnitt von I Do Like To Be Beside The Seaside und brachte der Band ihren ersten Charterfolg: am 9. März 1974 stieg Seven Seas Of Rhye in die Charts ein und kletterte schließlich bis auf Platz 10.

Es hat die Rock- und Popmusik komplett verändert

Mit der Single Killer Queen – einem extravaganten und innovativen Track, allerdings mit einfacheren Harmonien – von ihrem nächsten Album Sheer Heart Attack schaffte es die Band im Oktober 1974 schon auf Platz 2 der Charts und feierte ihren ersten US-Hit. Der Song über eine Edelprostituierte hatte genau die Energie, für die Queen bald weltweit bejubelt wurden. “Man erwartet fast, dass Noël Coward singt”, scherzte Mercury, der auf dem Albumcover mit Brusttoupet abgebildet ist. May fand, dass dieser Song ein “Meilenstein” auf der Suche nach ihrem eigenen Sound war.

Auf Sheer Heart Attack zeigte sich auch die Detailverliebtheit der Band: May, der gerade eine Infektion des Arms auskurierte, arbeitete drei Tage lang alleine an dem mehrschichtigen Gitarrenpart für Killer Queen mit insgesamt zwölf Overdubs. Zu den anderen Highlights des Albums gehört das melodische Lily Of The Valley, das grungige Stone Cold Crazy und der Track Bring Back That Leroy Brown, der mit lockerem Klavier und Ukulele-Banjo Queens Vielseitigkeit nochmal unterstreicht.



Nachdem die Band einige Zeit erfolgreich auf Tour war, nahm sie das fantastische Album A Night At The Opera auf. Der vielsagende Opener Death On Two Legs (Dedicated To…) war Freddie Mercurys Abrechnung mit ihrem früheren Manager. Das Album wurde im Frühherbst 1975 in fünf verschiedenen Studios, inklusive dem Olympic, aufgenommen und war das bis dato teuerste Album aller Zeiten. Benannt wurde es nach einem Marx Brothers-Film, den die Band gemeinsam gesehen hatte.

Der George Formby-Pastiche Good Company ist zwar sehr unterhaltsam, aber das absolute Prunkstück des Albums ist das sechsminütige, von Freddie Mercury geschriebene Meisterwerk Bohemian Rhapsody. Mercury sang mit einer unfassbaren Ausdruckskraft und schichtete den Gesang so oft übereinander, bis sie wie ein Chor klang und die Worte “Mama mia”, “Galileo” und “Figaro” die Oktaven hoch- und runterhüpften. Björn Ulvaeus von ABBA sagte: “Als ich Bohemian Rhapsody hörte, wurde ich grün vor Neid. Es war wahnsinnig einfallsreich und originell und hat die Rock- und Popmusik komplett verändert.”

Außerdem beauftragte die Band den Regisseur Bruce Gowers damit, ein bahnbrechendes Video zu dem Song zu drehen. Es kostete £3.500, dauerte ganze drei Stunden und war ein Paradebeispiel für großartiges Rockmarketing – mit überraschenden Kameraperspektiven in Freddie Mercurys Lieblingspose a la Marlene Dietrich und einem durchgehend psychedelischen Look. Die Band hatte riesigen Spaß bei dem Dreh und Gowers erinnerte sich: “Wir fingen um 7.30 Uhr an, waren um 10.30 Uhr fertig, und 15 Minuten später saßen wir im Pub.”



Die Plattenfirma war zuerst dagegen, Bohemian Rhapsody als Single zu veröffentlichen, aber die Band bestand darauf, dass es die richtige Wahl war. Wahrscheinlich schadete es nicht, dass der Radio DJ Kenny Everett den Song an einem Wochenende 14 mal spielte und damit den Hype entfachte, der die Single letztendlich auf Platz 1 der britischen Charts katapultierte, wo sie sich neun Wochen lang hielt und damit einen neuen Rekord aufstellte. Auf der B-Seite befand sich Roger Taylors weniger bombastischer Song I’m In Love With My Car, der 40 Jahre später in einer Werbekampagne für Jaguar wieder auftauchte.

We will rock you

Alles, was Queen nun machten, war überbordend und beeindruckend – eben auf Cecil B DeMille-Niveau. Im Sommer 1976 spielten sie im Londoner Hyde Park vor 150.000 Menschen. Im Dezember veröffentlichten sie ihr Album A Day At The Races, dessen Titel wieder von einem Marx Brothers-Film stammte. Das Album wurde mit einer Promoaktion auf der Pferderennbahn Kempton Park gelauncht und enthielt den Megahit Somebody To Love – einem von der verstorbenen Aretha Franklin inspirierten und sehr ambitionierten Song, für den die Band ihre Stimmen auf mehreren Spuren aufnahm, um einen Gospelchor-Effekt zu erzielen. Das Publikum war begeistert und schickte die Single auf Platz 2 der Charts.

Gleichzeitig erreichte die Band ein Brief aus Amerika, der sie sehr glücklich machte: Als sein Filmcharakter Dr Hugh Z Hackenbush schrieb ihnen Groucho Marx, um ihnen mitzuteilen, dass ihr Erfolg seiner Meinung nach mit ihrer “klugen Auswahl der Albumtitel” zusammenhing. Später, bei einer Reise nach Amerika, traf die Band Groucho persönlich, überreichte ihm eine gerahmte goldene Schallplatte und spielte für ihn den Song 39 auf einer seiner eigenen Gitarren.

Als der Punk in Großbritannien Fuß zu fassen begann, wandten sich Queen mit ihrem 1977er Album News Of The World einem härteren Rocksound zu. Das Album wurde von Mike Stone co-produziert und enthielt u. A. die Rockhymnen We Will Rock You und We Are the Champions. Mittlerweile dominierten Queen den Stadionrock wie keine andere Band: Sie spielten lukrative, weltweite Tourneen, machten legendäre Videos und ihre Plattenverkäufe gingen parallel zu ihrer Popularität als Liveact durch die Decke. David Bowie zollte Freddie Mercurys Bühnenpräsenz mit diesen Worten Tribut: “Von allen theatralischen Rockkünstlern, hat Freddie es am weitesten getrieben – bis auf die Spitze und darüber hinaus. Und natürlich finde ich es immer großartig, wenn ein Mann Strumpfhosen trägt. Ich habe ihn nur einmal live gesehen, aber es stimmt: Das Publikum frisst ihm wirklich aus der Hand.”



Queens letztes Studioalbum dieses Jahrzehnts war das in Frankreich aufgenommene Jazz von 1978 mit Fat Bottomed Girls und Don’t Stop Me Now als den erfolgreichsten Singleauskopplungen in Europa. Das Comedy-Highlight des Albums kam in Form von Bicycle Race, mit dem die Band einmal mehr bewies, dass sie musikalisch immer noch nach Innovation strebte (bestes Beispiel: das Gitarren-“Race”!). Mercury schrieb den Song, nachdem er die Tour De France gesehen hatte, aber Bicycle enthält außerdem einen scherzhaften Verweis auf den Film Star Wars.

Im nächsten Jahrzehnt erfanden sich Queen komplett neu, aber zuvor veröffentlichten sie noch ein letztes Album in den 70ern: Ihr erstes Livealbum Live Killers. Aufgenommen wurde es beim europäischen Teil ihrer umfangreichen Tour 1979. In Amerika erreichte es Platinstatus und untermauerte damit Queens Status als eine der weltweit größten Livebands der Rockmusik.



Ende der 70er ging die Band nach Deutschland, um dort an ihrem Album The Game zu arbeiten. In die 80er starteten sie voller neuer Ideen und Hoffnungen. Sie entdeckten einen cleveren Weg, Punk und Disco zu überleben und ihren Sound anzupassen. Es folgten Hits wie Another One Bites the Dust und Crazy Little Thing Called Love, der Höhenflug von Live Aid und der Tiefpunkt mit Mercurys Erkrankung und seinem Tod.

Aber die 70er waren ein goldenes Jahrzehnt für Queen. Die Band war so außergewöhnlich, originell und talentiert – sie hatten einen Ruf als verspielt und verschwenderisch und haben dabei einige der unvergesslichsten und innovativsten Songs des 20. Jahrhundert hervorgebracht.

Der Bohemian Rhapsody-Soundtrack ist jetzt hier erhältlich.


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40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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