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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.9.1985 erscheint „Soul To Soul“ von Stevie Ray Vaughan.

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1985.

von Tom Küppers und Christof Leim

Stell dir vor, du zählst zu den größten Talenten deines Genres, hast schon mit den Großen gespielt, einer Legende zum Erfolg verholfen und gehst mit deiner eigenen Band durch die Decke. Trotzdem kommst du von der Spur ab, weil das alles nicht reicht. Diese tragische Geschichte ist nicht neu. Leider manifestiert sie sich ein weiteres Mal in der Entstehung von Soul To Soul, dem dritten Album von Stevie Ray Vaughan & Double Trouble, das am 30. September 1985 erscheint.

Hier könnt ihr euch „Soul To Soul“ anhören: 

Stephen Ray Vaughan, geboren am 3. Oktober 1954 in Dallas, Texas, legt einen ziemlichen Durchmarsch hin: Mit sieben greift er zum ersten Mal zur Gitarre, als Teenager spielt er sich schon durch die Clubs. Mit 24 ruft er dann die Formation ins Leben, die ihn berühmt machen wird: Double Trouble, komplettiert von Bassist Tommy Shannon und Schlagzeuger Chris Layton.

Kokain am Fenster & der Thin White Duke

Rund läuft es nicht immer: Als Vaughan dann beim Koksen am offenen Fenster von einem Polizisten erwischt wird, darf er eine Weile den Staat Texas nicht verlassen. Das sich abzeichnende Dilemma kommentiert Tourpartner und Blues-Legende Muddy Waters mit „Stevie könnte vielleicht der größte Gitarrist aller Zeiten sein. Aber wenn er nicht die Finger von dem weißen Pulver lässt, wird er keine vierzig.“ 

Den Durchbruch verdanken Double Trouble einem Auftritt beim renommieren Montreux-Festival 1982, bei dem Vaughan David Bowie kennen. Der lädt ihn ein, beim Song Let’s Dance (und auf dem Rest des gleichnamigen Albums) mitzuspielen. Die Nummer wird 1983 zum Hit, Stevie im Mainstream bekannt. Zeitgleich erscheint das Double-Trouble-Debüt Texas Flood. Mit dem Nachfolger Couldn’t Stand The Weather steigt das Trio in der Gunst des Publikums noch höher, und Vaughan wird zum Botschafter des modernen Blues. 

Erst der Dealer, dann die Musik

Doch als die Aufnahmen zu Album Nummer drei beginnen sollen, fühlt sich der Gitarrist musikalisch uninspiriert. Ausserdem fordern Drogen und Alkohol ihren Tribut. Man kommt im Studio einfach nicht so recht in die Gänge, wie sich Tommy Shannon erinnert: „Wir haben Stunden damit verbracht, Tischtennis zu spielen und auf die Kokslieferung zu warten.“ Drummer Chris Layton bringt das Dilemma in einem Interview mit Guitar World auf den Punkt: „Wenn man so zugeballert ist wie wir und dann ins Studio geht, wird man irgendwann damit konfrontiert, wie man in dem Zustand wirklich klingt.“

Stevie Ray Vaughan stellt 1985 das Bier noch über die Gitarre – Ross Marino/Getty Images

Vaughan erkennt die kreative Sackgasse und will zudem beweisen, dass er mehr als seinen heiß geliebten Blues auf der Pfanne hat. Er handelt: So wachsen Double Trouble mit Keyboarder Reese Wynans auf Quartettstärke an. “Wir haben erkannt, dass wir Hilfe brauchen, um die Platte fertig zu kriegen“, erinnert sich Layton weiter. Wynans entpuppt sich als Glücksgriff, der Vaughan hilft, seine Vision festzuhalten. Soul To Soul soll, so die explizite Vorgabe des Bandleaders, sich nach den Sommern seiner Kindheit anfühlen. Und tatsächlich entpuppt sich die Platte trotz aller Exzesse und Probleme unterm Strich als relativ optimistische Angelegenheit. 

Der lange Weg zur Einsicht

Natürlich dominiert der gute alte Zwölftakter-Blues made in Texas. Allerdings verpacken die Musiker Altbekanntes in faszinierende, packende Arrangements, wie beispielsweise die beiden Singles Lookin’ Out The Window (im Original von Doyle Bramhall) und Look At Little Sister vom Rhythm-And-Blues Großmeister Hank Ballard. Vaughans Interpretationen bestechen (natürlich) durch hervorragende Gitarrenarbeit, aber eben auch mit durchaus überraschenden Momenten. 

Vaughan selbst erklärt 1985 in einem Interview, Soul To Soul sei definitiv nicht weniger bluesig sein als sein bisheriges Schaffen. „Aber diese Art von Musik haben wir vorher noch nicht ausprobiert. Es gibt schon ein paar Veränderungen, wir haben neue Leute dabei, außerdem Keyboards und Bläser. Aber insgesamt ist die Stimmung glücklicher.“ Mit Gone Home (ein weiteres Cover, diesmal vom US-Saxofonisten Eddie Harris) wagt sich die Band sogar in jazzige Gefilde. „Es geht uns um Gefühle“, erklärt der Ausnahmegitarrist und spielt auf seine bekannten Schwierigkeiten an: „Ich selbst habe versucht, etwas erwachsener zu werden, und fühle mich gut damit. Natürlich habe ich noch nicht alles im Griff, aber ich arbeite dran. Ich erkenne meine Probleme nun wenigstens, und das nimmt mir schon mal jede Menge Druck. Viel zu lange bin ich vor mir selbst weggerannt, aber jetzt fühlt es sich nur noch so an, als würde ich mit mir spazieren gehen“. 

Epilog

Das am 30. September 1985 veröffentlichte Soul To Soul schlägt sich durch aus wacker und wird sogar zeitnah mit Gold ausgezeichnet. Der heutige Platinstatus ist dann leider dem tragischen Ende der Geschichte geschuldet. Trotz aller guten Vorsätze gelingt Vaughan erst nach einer Nahtoderfahrung knapp ein Jahr später der Absprung aus der Drogen- und Alkoholhölle. Auch nüchtern läuft er zu Hochform auf, wie etliche begeisternde Touren und das Album In Step (1989) belegen. 

Selbst der große Eric Clapton lädt Vaughan zu gemeinsamen Konzerten ein, doch nach einer Show am 27. August 1990 verstirbt Stevie Ray Vaughan bei einem Helikopterunfall. Dass sich zu seiner Beerdigung Musikgrößen wie Clapton (der bei dem Absturz ebenfalls mehrere Mitglieder seiner Band verliert), Stevie Wonder, die alten Weggefährten ZZ Top und Buddy Guy ihm die letzte Ehre erweisen, unterstreicht nur die musikalische Bedeutung dieses Ausnahmekünstlers. 

Zeitsprung: Am 27.8.1990 stürzt Stevie Ray Vaughan mit einem Hubschrauber ab.

 

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