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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.6.1969 nehmen John & Yoko „Give Peace A Chance“ auf – im Bett.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.6.1969.

von Christof Leim

Ihre Flitterwochen verbringen John Lennon und Yoko Ono im Bett. Oder genauer: In mehreren Hotelbetten auf verschiedenen Kontinenten. Das öffentliche Interessen nutzen sie geschickt aus, um zu Weltfrieden aufzurufen. Dabei entsteht auch ein legendärer Protestsong: Give Peace A Chance.



Was genau Presse und Fans erwarten, weiß man nicht so genau. Vielleicht nackte Tatsachen wie auf dem Cover von Two Virgins oder die krasse Avantgarde-Kunst anderer Werke der beiden Künstler. Doch solcherlei gibt es nicht: John Lennon und Yoko Ono liegen einfach in weißen Nachtgewändern unter weißen Laken und fordern Weltfrieden. In diesem Sommer 1969 verbringen der Beatle und seine Frau ihre Flitterwochen im Bett, und die Welt schaut hin. Zunächst residieren die beiden vom 25. bis 31. März 1969 im Hilton Hotel in Amsterdam. Sie laden die Medien ein und sprechen zwölf Stunden am Tag ausführlich über Frieden und Liebe. Überall im Raum hängen handgemalte Schilder mit Slogans wie „Hair Peace“, „Bed Peace“ und „Lasst euch die Haare wachsen“.

Credits: Eric Koch / Anefo

Während dieser Zeit wütet der Vietnamkrieg, allerorten wird dagegen protestiert. John und Yoko nutzen ihre Popularität für eine eigene Art des Widerstandes, die sie „bed-ins for peace“ nennen. Das funktioniert: Das Medienecho fällt gewaltig aus, selbst wenn viele Pressevertreter die Botschaft der beiden Musiker nicht ernst nehmen.

Ein zweiter Protest wird für New York ins Auge gefasst, doch Lennon darf wegen einer Verurteilung aus dem Vorjahr wegen Marihuana-Besitzes nicht in die USA einreisen. Als Alternative sucht sich das Paar das Sheraton Hotel auf den Bahamas aus, muss aber nach einer Nacht feststellen, dass es dort viel zu heiß ist, um im Bett zu bleiben. Also geht die Reise nach Montreal in Kanada. Dort beziehen sie ab 26. Mai 1969 für sieben Tage die Zimmer 1738, 1740, 1742 und 1744 im Queen Elizabeth Hotel.



Auch hier laden sie Journalisten, Musiker und andere Personen des öffentlichen Lebens ein. Als Lennon von einem Reporter gefragt wird, was diese Aktion denn bezwecken solle, antwortet er spontan: „Gebt dem Frieden einfach eine Chance.“ Diese griffige Zeile nutzt er während der Zeit im Bett häufiger. Und natürlich bringt das einen begnadeten Songwriter umgehend auf Ideen: Mit seiner Frau schreib Lennon das Stück Give Peace A Chance, das sogar noch im Hotelzimmer aufgenommen wird. Dafür nutzt der Produzent André Perry lediglich vier Mikrofone und einen tragbaren Vierspur-Kassettenrekorder, den er sich von einem Studio in der Stadt ausgeliehen hat. Bei dieser Session sind Dutzende Besucher anwesend und beteiligt, darunter der Psychologe und LSD-Pionier Timothy Leary, Sängerin Petula Clark und der Autor Allen Ginsberg. Viele von ihnen werden sogar im Songtext erwähnt. Alle singen und klatschen den Takt, gerne auch auf Tischen oder Türrahmen. Dazu spielt Lennon die Akustische, unterstützt von Tommy Smothers von der Band Smothers Brothers an einer zweiten Gitarre. Das ist einfach und verdammt effektiv.

Give Peace A Chance erscheint am am 4. Juli als John Lennons erste Solo-Single, allerdings unter dem Namen The Plastic Ono Band. Die Songwriting-Credits gehen an Lennon/McCartney, weil Lennon so seinem alten Beatles-Kollegen für die kurzfristige Hilfe bei der Aufnahme der Single The Ballad Of John And Yoko dankt, die die beiden nach und über die Hochzeit von Lennon und Ono (20. März 1969) geschrieben und eingespielt hatten. Später bedauert er das und wünscht sich, seine Ehefrau als weitere Urheberin genannt zu haben. Give Peace A Chance wird nicht nur ein Single-Hit (Platz 14 in den USA, Platz 2 in Großbritannien und Platz 4 in Deutschland), sondern eine Hymne für die Friedensbewegung und Proteste gegen den Vietnamkrieg.



1998 blickt Yoko Ono im Magazin Uncut auf die Aktion zurück: „Wir haben unsere Aussage rübergebracht. Wir haben einen Gedanken in einer Art alternativem Theater präsentiert. Das war die Plattform, und die Welt war das Theater.“ Die Künstlerin gibt zu, dass sie und ihr Mann durchaus den Humor in der ganzen Sache sahen und wussten, dass das lächerlich rüberkommen würde. Doch ihnen war klar, dass sie so ihre Botschaft am effektivsten zum Ausdruck bringen.

Yoko und Lennon im Dezember 1969 in London. Foto von Frank Barratt/Keystone/Getty Images

Am 10. Juli 2008 wird der handschriftlich verfasste Songtext für über 700.000 Euro versteigert. Lennon hatte das Blatt Papier damals einem 16-jährigen Teenager namens Gail Renard überlassen, die sich in das Hotel gemogelt hatte. Der Kommentar des Musikers: „Eines Tages wird das etwas wert sein.“



Der Song wird später hundertfach gecovert und gesampelt, selbst die ehemaligen Beatles Paul McCartney und Ringo Starr nehmen ihn in ihr Programm auf. Am 15. Januar 1991 erscheint eine von Yoko Ono, Lenny Kravitz und John Lennons Sohn Sean produzierte Version anlässlich des bevorstehenden zweiten Golfkrieges. Sie passen den Text an und laden Gäste wie Little Richard, Tom Petty und Peter Gabriel ein. Yoko Ono veröffentlich 2004 ebenfalls eine Neuauflage des Stückes.




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