Zeitsprung: Am 13.6.1995 erscheint „Jagged Little Pill“ von Alanis Morissette.

June 12, 2018
in Category: Popkultur



Zeitsprung: Am 13.6.1995 erscheint „Jagged Little Pill“ von Alanis Morissette.

Zeitsprung: Am 13.6.1995 erscheint „Jagged Little Pill“ von Alanis Morissette.

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 13.6.1995.

von Christof Leim

Auf Jagged Little Pill singt die damals 21-jährige Alanis Morissette über ihr Leben, über gescheiterte Beziehungen, Selbstfindung, Wut und Liebe. Damit trifft sie 1995 einen Nerv, und zwar richtig: Das Album erobert weltweit die Charts und fährt fünf Grammys ein. Heute gehört es zu den erfolgreichsten Platten aller Zeiten. Und nein, das ist nicht ironisch.


Hört hier in Jagged Little Pill rein:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Alanis Morissette ist keine musikalische Debütantin, als 1995 Jagged Little Pill erscheint. Die Kanadierin hat in ihrem Heimatland bereits zwei Alben mit harmlosem Dance-Pop mitgeschrieben und veröffentlicht, als sie elf beziehungsweise 16 Jahre alt war. Sie tourte sogar einmal im Vorprogramm von Vanilla Ice. Schon von frühester Kindheit an gehört Musik zu den wichtigsten Dingen in ihrem Leben, bereits als Neunjährige schreibt sie Songs und nimmt Demos auf. Daneben steht sie in Kindersendungen vor der Kamera. Doch ihre wahre Stimme findet sie erst mit 19, ausgerechnet in Hollywood.



Dort lernt sie 1993 den Produzenten Glen Ballard kennen, vermittelt durch ihren Verlag. Der über 20 Jahre ältere Ballard hat bereits an einigen großen Platten mitgearbeitet, darunter Thriller und Bad von Michael Jackson. Von ihm stammt zum Beispiel der Song Man In The Mirror. Die beiden verstehen sich großartig und finden sofort einen besonderen Draht zueinander. Schon nach einer halben Stunde fangen sie an, mit Sounds und Songideen zu experimentieren. Im Rolling Stone sagt Ballard später: „Sie war so intelligent und absolut bereit, etwas zu wagen, was womöglich überhaupt keine Erfolgsaussichten hat. Es stand zwar die Frage im Raum, was genau sie musikalisch vorhat, aber sie wusste zumindest genau, was sie nicht machen will – nämlich etwas, das nicht aus ihrem Herzen kommt.“



Manchmal bringen die richtigen Leute die richtige Inspiration: Im Frühjahr 1994 schreiben Morissette und Ballard Songs, am liebsten jeden Tag einen neuen, selbst wenn das zwölf oder sechzehn Stunden dauert. Sie nehmen alle Ideen gleich auf, dabei übernimmt der Produzent meist Gitarre, Keyboard und Drum-Programmierung. Die Sängerin spielt Mundharmonika. Overdubs gibt es kaum, die meisten Gesangsspuren stammen aus dem ersten oder zweiten Durchlauf. Als die Platte später noch einmal „richtig“ eingespielt wird, verwenden Morissette und Ballard trotzdem die Vocals von den Demos. Authentischer und näher am kreativen Moment geht es kaum.



Herauskommt ein Alternative Rock-Album irgendwo zwischen Grunge und Pop, charmant und eingängig im Klang, aber gleichzeitig ein kleines, feines bisschen „schräg“. Bei allen Grunge- und LoFi-Versatzstücken sollte man Jagged Little Pill jedoch nicht für eine Hinterhofproduktion halten. Glen Ballard weiß, was er da tut und lädt auch Veteranen wie den hochdekorierten Studiogitarristen Michael Landau und Tom Petty-Keyboarder Benmont Tench ein. Beim treibenden Alternative-Rocker You Oughta Know spielen die damaligen Red Hot Chili Peppers-Kollegen Flea und Dave Navarro.



Vor allem dominiert Morissettes ausdrucksstarke Stimme: Hier singt kein gecastetes Püppchen, das notfalls mit Autotune auf Gefälligkeit gebürstet wird. Genaugenommen leiert die Dame manchmal ganz schön, aber das ist ehrlich und echt und passt in den unmittelbaren Nachwehen des Grunge ganz gut. Der Rolling Stone trifft den Nagel auf den Kopf: „Sie zeigt Mut als Sängerin, die wie Adam Duritz von den Counting Crows und Dolores O’Riordan von den Cranberries emotional so weit geht, dass nur noch ein paar Millimeter fehlen, bis es zu viel wird.“



Vor allem singt die junge Frau so, wie es zu den Inhalten der Songs passt: authentisch, ungekünstelt und außergewöhnlich offen. Ihre Texte handeln von gescheiterten Beziehungen, Selbstfindung & Verwirrung, Liebe & Sex – ein Kaleidoskop an realen Emotionen, die bei Millionen von ebenfalls jungen Hörern eine große Resonanz finden sollten. Alanis Morissette sagt sogar „Fuck“. Das wirkt zwar Mitte der Neunziger nicht mehr so schlimm wie in den Achtzigern (lest hier, was das berüchtigte PMRC gegen solche praktischen Wörtchen einzuwenden hatte), wird aber im Radio und Fernsehen nicht zum guten Ton gezählt.

Jagged Little Pill erscheint am 13. Juni 1995 auf Maverick Records, dem Label von Madonna. Die Erwartungen halten sich in Grenzen, die Scheibe soll nur genug verkaufen, um weitere Alben möglich zu machen. Doch so läuft es nicht: Als die einflussreiche Modern-Rock-Radiostation KROQ in Los Angeles trotz ziemlich deutlicher Lyrics ausgiebig die erste Single You Oughta Know spielt, horcht die Welt auf. MTV und andere Sender packen das zugehörige Video in ihre Dauerrotation und machen das Stück zu einem Erfolg.



Die eingängigen Pop-Rock-Songs All I Really Want und Hand In My Pocket folgen, aber es ist vor allem die (in den USA) vierte Auskopplung Ironic, die das Album und die Künstlerin durch die Stratosphäre schießt. Es folgen das hymnische You Learn und das überraschend zärtliche Liebeslied Head Over Feet. Damit erreicht Jagged Little Pill im Oktober 1995, drei Monate nach Erscheinen, die Spitze der US-Charts und hält sich über ein Jahr (!) in den Top 20. In Kanada und acht weiteren Ländern schafft Alanis Morissette ebenfalls auf Platz eins, in Deutschland reicht es für Platz drei. Die Älteren unter uns erinnern sich sicher: Das Album war 1995 überall.

Sechs der zwölf Songs auf „Jagged Little Pill“ werden als Single ausgekoppelt

Vor allem das charmante Ironic findet weltweit seinen Weg in die Herzen junger Leute, die das Gefühl haben, dass nicht alles so läuft, wie sie es sich wünschen, aber spüren, dass noch einiges kommt im Leben. Das Stück, das Morissette und Ballard als dritten gemeinsamen Song überhaupt komponierten, sorgt später für akademische Diskussionen: Das Oxford Dictionary definiert „Ironie“ als „rhetorische Figur, deren beabsichtige Bedeutung das Gegenteil von dem darstellt, was die benutzten Worte tatsächlich ausdrücken.“ Zeilen wie „Regen bei der Hochzeit“ und „Stau, wenn du ohnehin schon spät dran bist“ sind damit per Definition nicht ironisch. Andere argumentieren, es handele sich um „Situationsironie“. Wir finden, dass man sich angesichts des herrlich zartbitteren Ausdrucks der Nummer solche semantische Spitzfindigkeiten auch sparen kann. Den Hörern der Grunge- und Gen X-Jahre ist das sowieso egal.



Mit diesen Liedern geht Alanis Morissette satte 18 Monate auf Tour. In ihrer Band spielt der heutige Foo Fighters-Trommler Taylor Hawkins. Als Stimmungsbild der Zeit empfehlen wir ausdrücklich den besagten Rolling Stone-Artikel, den ihr hier findet. Danach ist die junge Kanadierin ein Star. Jagged Little Pill wird für beeindruckende neun Grammys nominiert und gewinnt fünf davon. Heute gehört das Werk mit über 33 Millionen verkaufter Exemplare zu den erfolgreichsten Platten aller Zeiten – und hier sind kommerzielle Monster wie The Dark Side Of The Moon und Thriller mitgezählt.



Dank dieses Erfolges gilt Alanis Morissette als Vorreitern für viele tolle Sängerinnen der kommenden Jahre, darunter Pink, Meredith Brooks und Katy Perry. Zum zehnten Jubiläum der Veröffentlichung erscheint eine Unplugged-Version unter dem Namen Jagged Little Pill Acoustic, zum 20. Geburtstag eine Deluxe-Ausführung mit Bonusmaterial. Darunter befindet sich auch der erste gemeinsam geschriebene Song von Morissette und Ballard namens The Bottom Line, der es 1995 nicht auf das Album geschafft hatte. Am 5. Mai 2018 feiert sogar ein Musical mit den Songs von Jagged Little Pill Premiere.



Als Alanis Morissette im Dezember 1996 dann endlich den Tourbus verlässt, muss sie natürlich erstmal eine Pause einlegen und, kein Wunder, ihren Kopf sortieren. Dazu fährt sie mit ihrer Mutter, zwei Tanten und zwei Freunden für sechs Wochen nach Indien. In den folgenden Jahren bleibt sie musikalisch aktiv und veröffentlicht noch fünf weitere Alben.  Erwartungsgemäß lässt sich der Megaerfolg natürlich nicht wiederholen, aber das kann der Dame wohl egal sein. Stücke wie Ironic gehören heute zur Populärkultur, und das muss man auch erstmal schaffen.



Alanis Morissette 2014. Foto-Credit: Justin Higuchi


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