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Die musikalische DNA von David Bowie

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Wir müssen gleich mit einem Geständnis anfangen: Wir können euch unmöglich in nur zehn Songs beibringen, welche Musik die musikalische DNA von David Bowie ausmacht. Nicht etwa, weil Bowie Zeit seines Lebens ein Geheimnis draus gemacht hätte, was ihn selbst beeinflusst hat, nein. Sondern weil wir eigentlich für jede David Bowie-Figur eine ganz eigene Zusammenstellung wagen müssten: Der Thin White Duke hat sich anderswo inspirieren lassen als Ziggy Stardust oder Aladdin Sane, so viel steht fest.


Hört euch hier David Bowies musikalische DNA als Playlist an und lest weiter:


David Bowie war ein eigenes Universum oder besser gesagt Multiversum. Wie kein anderer Künstler hat sich der Brite immer wieder neu erfunden und damit Maßstäbe gesetzt. „Hinter der Bühne bin ich ein Roboter“, gestand er einst selbstkritisch. „Auf der Stage aber werde ich emotional. Deshalb gefällt es mir wohl besser, mich als Ziggy zu verkleiden als David zu sein.“ Manchmal ging er dabei allerdings zu weit: Dass er zu Thin White Duke-Zeiten politisch mehr als fragwürdige Aussagen tätigte, lässt sich vielleicht damit erklären, dass er sich zu sehr in seine Rolle hineinversetzt hatte. Der echte David war, das wissen wir heute, ganz anders drauf.

Seine Verwandlungskünste erstreckten sich nicht nur auf die einzelnen Personen, die an seiner Stelle die Bühne betraten. Als Schauspieler, Maler, Kunstsammler und sogar Betreiber eines Internet-Providers war Bowie immer seiner Zeit voraus und prägte die nachfolgenden Generationen wie kein zweiter Künstler. Was ihn aber selbst inspiriert hat? Wir versuchen mal, das kurz zu skizzieren. Sicher ist allerdings so viel: Die musikalische DNA von David Bowie umfasst noch weitaus mehr, als wir in einem ganzen Leben zusammentragen könnten.


1. Little Richard – Tutti Frutti

Wenn wir nach Bowies Schaffenszeit etwas verstanden haben, dann das: Rockstars werden nicht einfach geboren, sie werden gemacht. Als Produkt von viel Schweiß und Genie werden sie auf den Bühnen dieser Welt geschmiedet. Der erste Funke ist dabei meist der wichtigste. Ein Glück, dass die Familie Jones dem jungen David ein aufgeschlossenes Umfeld bot. Singles von den Teenagers, den Platters, Fats Domino und dem King of Rock selbst rotierten dort auf dem Plattenteller.

Ein Song hinterließ aber einen Eindruck, der alles andere in den Schatten stellen sollte. Tutti Frutti von Little Richard veränderte David Jones’ Leben ein für allemal. „Ich hatte Gott gehört“, so der knappe Kommentar Bowies. Neben Elvis Presley, von dem er den Hüftschwung lernte, ist wohl auch Little Richard flamboyantes Auftreten nachhaltig in sein Fleisch und Blut übergegangen. Bald schon wirbelte der Teenager über die Bühnen seiner Heimatstadt. Bowie machte sich aber nicht nur daran, die Fußstapfen Little Richards auszufüllen: Zum Hochzeitstag schenkte ihm seine Frau Iman sogar die Jacke des Rockpioniers…


2. Édith Piaf – Non, Je Ne Regrette Rien

Als David Bowie seine ersten Schritte auf den Bühnen die die Welt bedeuten wagte, war Rock in erster Linie ein Jungsding. Als einer der Miterfinder des Glam-Sounds (und -Looks!) gehörte Bowie zur Speerspitze der Rockstars, die der Welt ein neues Männlichkeitsbild präsentierten: laut, aber einfühlsam, selbstbewusst und dennoch nonkonform – das war vorher so nicht möglich gewesen. Kein Wunder, dass sich von Marlene Dietrich bis Shirley Bassey eine Reihe von einflussreichen Frauen unter seinen Stifterfiguren tummeln.

Auch Édith Piaf hat ihre Spuren im Werk des Briten hinterlassen. Neben Chanson-Sängern wie Jacques Brel gehört die französische Balladensängerin selbstverständlich zu den Frauen, die einen prägenden Eindruck bei Bowie hinterließen. Ihr unnachahmlicher Stil hallt insbesondere in seinem Frühwerk nach. Bowie hat die 1963 verstorbene Chanteuse zwar nie mit einer Coverversion geehrt, nannte sie aber 1999 selbstverständlich in seiner Dankesrede zum Erhalt der Ehrendoktorwürde am Berklee College of Music neben all jenen anderen, die ihm das Songwriting beigebracht hatten. Piaf in einer Reihe mit John Cage und Velvet Underground? Das kann ja nur bei David Bowie vorkommen!


3. Anthony Newley – Pure Imagination

„Leider mochte ich auch Anthony Newley“, gab Bowie bei derselben Rede etwas kleinlaut und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zu. Wieso leider? Einerseits vielleicht, weil Bowie die Wurzeln seines theatralischen Ansatzes lieber in der Tradition von Bertolt Brecht und Kurt Weill verortet sah als in der englischen Music Hall-Szene. Und andererseits, weil Newley so gar nicht gut auf den Jungspund zu sprechen war, als er 1967 dessen Debütalbum er von Bowies Plattenfirma erhielt – die LP wanderte umgehend in den Müll!

Was aber hatte den Komponisten des Willy Wonka & The Chocolate Factory-Soundtracks so erzürnt? Ganz einfach: Nur allzu offensichtlich hatte sich der Debütant an Newleys markantem Gesangsstil orientiert. Das selbstbetitelte Album gilt heute noch als eine Art Jugendsünde in der Diskografie des Sängers. Neben Newley mussten auch die Beatles, die Kinks und die frühen Pink Floyd als Blaupause herhalten. Umso besser wohl, dass Bowie von seinem damaligen Helden eine derart rüde Abfuhr erhielt – es hat ihn wohl auf den rechten, soll heißen seinen eigenen Weg katapultiert.


4.Rolling Stones – Sympathy For The Devil

Bei der Veröffentlichung von David Bowie war noch keineswegs abzusehen, dass der junge Mann mit der windschiefen Frisur eines Tages die schillerndste Figur des Rock-Universums werden würde. Und doch waren nur wenige Jahre danach alle Scheinwerfer auf ihn gerichtet. Der neuerliche Ruhm brachte Bowie auch viele Verehrer ein. Ja, nicht nur Verehrerinnen, sondern auch Verehrer. Hartnäckig halten sich bis heute noch Gerüchte über die Beziehung zwischen dem Rolling Stones-Frontmann Mick Jagger und dem vier Jahre jüngeren Kollegen. Haben sie oder haben sie nicht…? Es hat uns schlicht nichts anzugehen.

Dass Jagger in Bowie aber ein Stilvorbild fand, stand außer Frage. Seine Klamotten fielen zunehmend schräger aus, je mehr die beiden miteinander zu tun hat. Nicht allen gefiel das. „Tatsache ist doch“, schnaubte Keith Richards einst, „dass Mick in Jeans und T-Shirt zehnmal mehr abliefern konnte als Bowie. Warum solltest du irgendjemand anderes sein wollen, wenn du schon Mick Jagger bist?“ Da müsste selbst Bowie zugestimmt haben. Als er sich in seinen Anfangstagen noch in Blues-Rock-Bands verdingte, war der Stones-Sänger sein großes Idol. „Ich habe davon geträumt, Mick Jagger zu sein“, gestand er rückblickend. Es sollte ganz anders kommen…


5. Iggy Pop – The Passenger

Wessen Nähe Bowie suchte und aus welcher Motivation er das auch immer tat – seine Wahl fiel immer auf die rebellischen, ausgesprochen charismatischen Typen. Iggy Pop hat Bowie wie kein anderer geprägt. Die beiden Sänger verband nicht allein eine enge Freundschaft, sondern ebenso eine kreative Zusammenarbeit, die sich über Jahrzehnte hinweg erhielt. Alles begann im Januar 1971, als der damals 24-jährige Bowie erstmals Fuß auf US-amerikanischen Boden setzte. Obwohl in den Staaten beinahe komplett unbekannt, sollte er dort seine dritte LP, The Man Who Sold The World, promoten.

Einen bleibenden Eindruck sollte er auf dieser ersten Tour nicht hinterlassen, nahm aber zwei wichtige Dinge mit zurück ins UK. Das eine war eine Platte des Psychobilly-Künstlers Legendary Stardust Cowboy, das andere eine handfeste Obsession mit dem Sound zweier Künstler: Loud Reed und Iggy Pop. Stardust, Iggy – klar, worauf das hinauslief: Ziggy Stardust wurde im transatlantischen Austausch geboren. Die Wege von Bowie und Pop kreuzten sich immer wieder, am nachhaltigsten prägte beide wohl die gemeinsame Berlin-Zeit. Dort entstand nicht nur Bowies legendäre Hauptstadt-Trilogie, sondern auch die Pop-Alben The Idiot und Lust For Life. Den Song The Passenger soll Pop sogar in der Berliner S-Bahn geschrieben haben. Klingt schlüssig, oder?


6. Lou Reed – Perfect Day

Bowies Ziggy Stardust-Figur sollte aus dem rüden Iggy Pop und dem apathischen Lou Reed das „ultimative Pop-Idol“ schmieden. Ob es ihm gelungen ist? Darüber wollen wir uns kein Urteil anmaßen. Unumstritten ist aber der gravierende Einfluss von Velvet Underground und deren Mastermind Reed sowie der ominösen Sängerin Nico auf die Musik Bowies. In den sechziger Jahren verband die Band die Avantgarde-Musik von Bowies Vorbild John Cage mit einer neuen Art von Rock-Musik, die auf dröhnen Wiederholungen aufbaute. Es waren Songs, die klangen, als wären sie auf Heroin geschrieben worden. Vermutlich, weil sie auf Heroin geschrieben wurden.

Schon bald sollten Bowie und Reed gemeinsam das Studio teilen, sich aber ebenso bald zerwerfen. Nachdem Bowie schon 1972 das Reed-Album Transformer mit Walk On The Wild Side und Perfect Day produziert hatte, zerstritten sich die beiden aus unbekannten Gründen und wechselten jahrelang kein Wort miteinander. Zum 50. Geburtstags Bowie standen sie im Januar 1997 allerdings erneut zusammen auf der Bühne. Im November desselben Jahres war David Bowie sogar an der Produktion eines Perfect Day-Covers beteiligt, die zu Benefizzwecken ein breites Staraufgebot ins Studio lockte. Ein Vierteljahrhundert, nachdem er selbst bei den Aufnahmen des Originals zugegen war!


7. Harmonia & Eno ‘76 – Luneburg Heath

Mick Jagger, Iggy Pop, Lou Reed – Bowie hat es immer wieder geschafft, seine vormaligen Helden zu musikalischen Partnern zu machen. Ähnlich verhielt es sich mit Brian Eno, der Bowies wohl produktivster Partner werden sollte. Was Bowie auf der Bühne war, das war Eno im Studio: Ein sich ständig wandelndes und neu erfindendes Genie. Einen Namen machte sich Eno ab 1971 als Keyboarder der Band Roxy Music, die maßgeblich den Sound und die Ästhetik des Glam-Rocks beeinflussten. Seine wirkliche Magie sollte Eno allerdings hinter den Reglern entfalten. Die Alben der „Berlin-Trilogie“ standen mehr als deutlich unter dem Einfluss des britischen Ikonoklasten.

Insbesondere auf Low machte sich ein deutlicher Krautrock-Einfluss bemerkbar. Neben Kraftwerk standen vor allem Neu! für den dichten und bisweilen höchst komplexen Sound Pate, den Bowie gemeinsam mit Eno und Tony Visconti im Studio erarbeitete. Selbst der Minimal-Komponist Philip Glass zeigte sich begeistert von der Platte, die für viele Fans noch heute als Bowies beste gilt und den Beginn einer fruchtbaren Kollaboration zwischen ihm und Eno markierte. Dass Eno selbst kurz zuvor noch mit den Krautrockern Harmonia – mit unter anderem dem Kraftwerk- und Neu!-Musiker Michael Rother – im Studio war, wird bei der Arbeit mit Bowie definitiv noch nachgewirkt haben.


8. John Lennon – Imagine

Nicht nur teutonischer Krautrock und britischer Glam waren stets ein zentraler Bestandteil der vielgefächerten musikalischen DNA Bowies, auch Funk und Soul spielten in seinem Schaffen stets eine große Rolle. Als erster weißer Künstler überhaupt durfte er in der legendären Soul Train-Show auftreten. Neben der Single Golden Years führte er dort auch Fame von seinem Album Young Americans auf. Derweil er später mit Disco-Legende Nile Rodgers ins Studio gehen sollte, gaben ihm für die Platte zwei milchgesichtige Engländer Schützenhilfe: Paul McCartney und John Lennon.

Neben dem Beatles-Cover Across The Universe ist mit Fame auch eine Komposition auf Young Americans zu hören, die Bowie gemeinsam mit Carlos Alomar und Lennon geschrieben hat. Den ehemaligen Beatle bezeichnete Bowie dabei nicht ohne Grund als „vielleicht seinen größten Mentoren“. Vor allem Lennons rigide Anti-Establishment-Einstellung hinterließ einen prägenden Eindruck beim jüngeren Bowie. „Ich fühlte mich ihm geistesverwandt. Er nahm sich die irrwitzigste aller Ideen vor und ließ sie Realität werden“, schwärmte Bowie rückblickend in einem Interview. Alles, was Lennon scheinbar brauchte, war ein bisschen Vorstellungsvermögen – den Willen zum Bruch mit den Konventionen brachte er schon mit.


9. Queen – Another One Bites The Dust

Nur fünf Jahre, nachdem die beiden mit Fame einen Welthit gelandet hatten, hieß es Abschied nehmen: Am 8. Dezember 1980 wurde der ehemalige Beatle von Mark David Chapman auf offener Straße niedergeschossen. Er ist nicht der einzige enge Vertraute und musikalische Wegbegleiter, den Bowie aus der Welt scheiden sehen musste. Nachdem er 1981 zu Freddie Mercury und Queen für das vielleicht ikonischste Rock-Duett aller Zeiten ins Studio gekommen war, verlor der Sängerkollege nur ein Jahrzehnt später den Kampf gegen die Folgen seiner AIDS-Erkrankung. Mit Mercury verlor die Rock-Welt seine vielleicht markanteste Stimme.

Als sich am 20. April 1992 Fans und Freunde des Sängers im Wembley Stadium für das Freddie Mercury Tribute Concert einfanden, war Bowie selbstverständlich auch dabei. Neben Heroes und All The Young Dudes gab er dort gemeinsam mit Eurythmics-Sängerin Annie Lennox auch eine bewegende Version von Under Pressure zum Besten. Laut Queen-Mitglied Brian May nicht der einzige Song, der während der Studiosession – während welcher sich Bowie und Mercury wohl ziemlich in den Haaren lagen – entstanden sein soll. Ob dieses Material wohl jemals das Licht der Welt erblickt? Wir können nur hoffen…


10. Falco – Nie mehr Schule

Lennon und Mercury waren nicht die einzigen Idole, deren Tod Bowie miterleben musste, bevor er selbst mit seinem Album Blackstar sein eigenes Ende künstlerisch verarbeitete. Selbst einige seiner eigenen Epigonen überlebte der Brite. „Muss ich denn sterben / um zu leben?“, bangte Falco im Song Out Of The Dark vom gleichnamigen Album, das drei Wochen nach seinem Tod im Februar 1998 erschien. Der Österreicher gehörte zu einer Generation von Künstlern, die ganz selbstverständlich mit den schillernden Stilwechseln Bowies aufwuchsen und ihn als Vorbild für ihre eigenen Karrieren erhoben.

Der oftmals funkige Sound Bowies sowie insbesondere seine Berlin-Trilogie wurden für Falco zur Blaupause seiner ersten LPs. Allein das Stück Nie mehr Schule ist eine mehr als offensichtliche Hommage an Speed of Life vom Low-Album und wo Helden von Heute seine Inspiration bekam, dürfte wohl offenkundig sein. Falco ist damit ein Paradebeispiel für den weitreichenden Einfluss Bowies und bei weitem nicht der einzige, der von seiner Musik ausgehend neue musikalische Pfade betrat. Aber wie es schon unmöglich ist, David Bowies musikalische DNA erschöpfend zu betrachten, so braucht es sicherlich tausende von Seiten, um seine Bedeutung für die Pop-Geschichte auszumessen.


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