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50 Jahre „Ram“: Wie Paul McCartney den Indie-Pop erfand

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Paul & Linda McCartney. Foto: Reg Lancaster/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images

Von der Kritik in der Luft zerrissen und von den anderen Beatles belächelt, gehört Paul und Linda McCartneys Album Ram 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung auf jede Klassikerliste. Ein neuer Blick auf ein Album, das neben einigen von Maccas schönsten Momenten auch giftige Seitenhiebe in Richtung John Lennon enthält.

von Björn Springorum

Man hat es nicht leicht als Paul McCartney. Nach dem unrühmlichen Ende der Beatles und dem Übergang von einer Band zu einer endlosen Gerichtsverhandlung bekommt er von immer mehr Seiten den schwarzen Peter zugeschoben. Seine Freundschaft mit John Lennon leidet, zerbricht bald darauf. Der Beatle reagiert, vielleicht ein wenig übereilt, mit seinem Solo-Debüt McCartney, mucksmäuschenstill aufgenommen 1969 in seinem Haus in St. John‘s Wood als Trotzreaktion auf John Lennons Ausstieg. Als es im April 1970 erscheint, wird es unter negativen Kritiken begraben. Sein Versuch, sich als genialer Solitär zu etablieren, der das Album im Alleingang eingespielt und aufgenommen hat, scheitert.


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DIY-Pionier McCartney

Heute sind wir natürlich schlauer und wissen, dass ihm das Album durch seine Sinnkrise nach dem Auseinanderbrechen der Beatles geholfen und zudem frühe Standards in Sachen Lo-Fi-Aufnahmen und DIY-Ethos setzen konnte. 1970 ist davon noch nichts zu spüren. Das Jahr wird für Macca zur Nagelprobe. Ein bodenloser Fall aus dem Olymp, vom Liebling zum geschassten Beatles-Killer. Zu diesem volatilen Punkt in seiner Karriere braucht er Bestätigung und Zuspruch mehr denn je, also nimmt er sich die giftigen Kritiken zu seinem ersten Soloversuch ungewöhnlich arg zu Herzen und macht beim nächsten Album alles anders. Breitwand statt Lo-Fi, Aufnahmen in New York statt in seiner Küche.

Im Oktober 1970 jetten die McCartneys nach New York, rekrutieren einige Musiker (darunter den späteren Wings-Drummer Denny Seiwell) und gleich noch das ganze New York Philharmonic Orchestra. Kleingeld ist ja vorhanden. Quasi als Trotzreaktion auf eine Trotzreaktion nimmt Paul McCartney zwischen Oktober 1970 und März 1971 das Album Ram auf, das einzige, auf dem auch seine Frau Linda als Urheberin geführt wird. Die singt allerdings nur Harmonien und Background-Parts: Selbst ein immer noch schockverliebter Paul muss eingesehen haben, dass seine Frau vielfach talentiert ist, aber eben nicht die allerbeste Singstimme hat.

Ram ist seiner Zeit weit voraus

Was zwischen New York und ihrer Farm im ländlichen Mull Of Kintyre in Schottland entsteht, ist ein seltsames, ein untypisches, ein überbordendes Album voller Charme, Verve und Esprit, seiner Zeit mindestens so weit voraus wie einige spätere Beatles-Stücke. Ja, es ist Pop, ja, es ist kitschig, ja, es ist pompös, manchmal albern und auch ein wenig selbstherrlich. Vor allem aber ist es ein so vielfältiges, ideenreiches, cleveres Werk, das immer wieder aufs Neue fasziniert und dem Indie-Pop Geburtshilfe leistet – groß gedachte Songs also, gepaart mit jeder Menge Unabhängigkeit vom Mainstream und ungewöhnlichen Arrangements. McCartney mag noch ein Stück weit Selbsttherapie gewesen sein. Ram ist ein selbstbewusstes Statement, der Beweis, dass Macca immer noch unfassbare Songs aus dem Ärmel schütteln kann. Ohne seine ehemaligen Kollegen.

Die Songs von Ram altern sehr gut, sind mal unbeschwert und poppig, mal ländlich und verträumt, mal psychedelisch und mal fast schon kafkaesk verschachtelt und hochsymbolisch wie man es von Beatles-Songs wie A Day In The Life kennt. Insbesondere das unfassbare Uncle Albert/Admiral Halsey ist ein progressives, frei mäanderndes Mini-Opus, das so verschroben ist wie das schottische Landleben. Diese pastorale Idylle Schottlands mischt er mit dem Asphaltfieber von New York. Es gibt Beatles-Harmonien, getunkt in den Doo-Wop der Fünfziger, in Rock, Folk und barocken Pop. Die Songs sind aber eben auch sehr persönlich und randvoll mit kleinen Seitenhieben, absichtlich schlecht versteckten Anspielungen und Doppeldeutigkeiten, die von vielen Kritiker*innen und Beatles-Kenner*innen als Aufarbeitung der Beatles-Trennung evaluiert wurden.

Das muss man nicht mögen, das kann man durchaus auch als verletzten Männerstolz abtun. Allein John Lennons aufbrausende Reaktion auf Ram dürfte McCartney allerdings diebisch gefreut haben. Überall auf der Platte will Lennon Seitenhiebe und Sticheleien gegen ihn und Yoko Ono entdecken. Laut des Urhebers gibt es aber nur einen wirklichen Angriff auf Lennon, gleich im ersten Song Too Many People, in dem er die predigende und missionierende Art seines alten Kumpels thematisiert. Lennon reagiert dann auch prompt mit dem giftigen How Do You Sleep?, einem unmaskierten Gegenschlag, symbolisch unterstützt von George Harrison. Die Freundschaft der einstigen Kollaborateure wird bis zu Lennons Tod 1980 nicht mehr heilen.

Alles nur Fahrstuhlmusik?

Als das Album am 17. Mai 1971 erscheint, ist die Beziehung der beiden auf einem Tiefpunkt. Verbitterung, Neid und tiefe Wunden haben eine enge Freundschaft ersetzt. Und Ram, so könnte man sinnbildlich sagen, rammt den Pflock der Fehde noch weiter in das Herz dieser Beziehung. Schlechte Kritiken bekommt auch dieses Album, aus heutiger Sicht absolut unverständlich. Auch seine verbitterten Kollegen sparen nicht mit Häme. Lennon verunglimpft das Album als „muzak“, also als Gedudel für den Fahrstuhl, Ringo Starr meinte, es gebe nicht eine einzige gute Melodie auf Ram. Erfolgreich ist das Album trotzdem, Uncle Albert/Admiral Halsey wird sogar McCartneys erste Solo-Nummer-Eins in den USA. Wichtiger als Zahlen dürften dem ehemaligen Beatle damals aber eben die Reaktionen und Kritiken gewesen sein – gerade nach den so grandios gestarteten, hochgelobten Solokarrieren von Lennon und Harrison.

Heute, 50 Jahre später, kann man Ram endlich ohne all den emotionalen Ballast hören. McCartneys kindlicher Ideenreichtum ist eine Freude, die Songs wirken noch heute aktuell – auch wenn alles schon etwas überinszeniert und geltungssüchtig klingt. Es geht wohl selbst an einem Paul McCartney nicht spurlos vorüber, binnen kürzester Zeit von Everybody‘s Darling zur Persona non grata zu werden. Ist ja auch eine Erkenntnis.

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