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Popkultur

Die musikalische DNA von Limp Bizkit

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Wenn der Name Limp Bizkit fällt, folgt darauf entweder verächtliches Schnauben oder ein genüsslicher Zungenschnalzer. Kaum eine Band polarisiert dermaßen stark, ob nun in der Rap-Szene oder im Metal-Zirkus. Von Genre-Puristen wurde die Musik von Fred Durst, Wes Borland, Sam Rivers, John Otto und DJ Lethal regelmäßig abgelehnt. Und die komischen, komplett überzeichneten und nicht selten bewusst sinnfreien Texte dieser Band erst! Ja, Limp Bizkit sind ein schwieriger Fall. Insbesondere ihr Frontmann Fred Durst, der sich zwischenzeitlich als glühender Verehrer Vladimir Putins outete und in der Vergangenheit mit homophoben und frauenfeindlichen Aussagen auffiel. It’s his way or the highway…


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von Limp Bizkit an:

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Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Doch Limp Bizkit wurden immer ernster genommen, als sie selbst es waren. Allein die Wahl des Namens, die auf eine pubertäre Tradition – sprechen wir es aus: Kekswichsen – bezog, sollte bewusst abschrecken. Wer sich davon nicht beirren ließ, war als Fan willkommen. Doch ungeachtet der manchmal ziemlich bescheuerten Inhalte: Im Kern ist Limp Bizkit eine Band wie fast jede andere. Fast. Denn welche andere Gruppe würde schon die Dave Matthews Band genauso als Einfluss nennen wie Mr. Bungle und Tool? Wo treffen denn sonst eine Leidenschaft für Black Flag und den Wu-Tang Clan aufeinander? George Michael, The Who und Paula Abdul haben Limp Bizkit gecovert. Wie passt das zusammen? Wir versuchen mal, mit Blick auf die musikalische DNA der Band etwas Ordnung ins Chaos zu bringen.


1. Faith No More – Epic

Limp Bizkit haben das Crossover-Genre nicht erfunden. Auch waren Rage Against The Machine, ein früher Einfluss der Bizkits, keineswegs die ersten, die Rap und Rock zusammen dachten. Tatsächlich lassen sich schon sehr früh in der Rap-Geschichte Beispiele für musikalische Ansätze finden, in denen das eine Genre mit dem anderen eine (un-)heilige Allianz einging. Als Wegbereiter dessen, was unter dem Schlagwort Nu Metal bekannt wurde, gelten allerdings Faith No More. Als die 1998 aufgelöste Band nach ihrer Reunion im Jahr 2015 ein neues Album vorlegten, erinnerte sich Billy Gould nicht sonderlich wohlwollend an Limp Bizkit.

„Wir haben uns allein dadurch schuldig gemacht, dass wir sie auf eine Tournee mitgenommen haben“, sagte er gegenüber dem deutschen Metal Hammer. „Was darin gipfelte, dass Fred Durst unser Publikum als ‚Schwuchteln‘ und ‚Tunten‘ beschimpfte und sich dafür persönlich bei uns entschuldigen musste. Aber obwohl sie jeden Abend gnadenlos ausgebuht wurden, haben sie es doch erstaunlich weit gebracht, was genauso merkwürdig ist wie bei uns.“ Nicht nur musikalisch also waren die Crossover-Vorreiter von Faith No More für Limp Bizkit wegweisend. Tatsächlich konnten Durst und seine Mannen die Lücke füllen, die Faith No More nach ihrer Trennung 1998 hinterließen.


2. KoЯn – Blind

Den Startschuss für Limp Bizkits Karriere allerdings gaben, wie hätte es auch anders sein sollen, KoЯn ab. Die waren 1995 kurz nach der Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debütalbums mit der Hardcore-Band Sick Of It All auf Tour. Durst, der sich bisweilen vergeblich als Manager der Bizkits ausgegeben hatte, um die A&Rs verschiedener Labels auf seine Band aufmerksam zu machen, lud die Gruppe um Jonathan Davis zu einem Bier und ein paar Tattoos ein. Obwohl die Band von seinen Künsten an der Maschine nicht angetan war: Bassist Fieldy ließ sich zumindest ein Demo aufschwatzen.

Der Rest ist Nu Metal-Geschichte: KoЯn luden Limp Bizkit auf gleich zwei Tourneen ein und verschafften ihnen damit bei einem größeren Publikum Gehör. Der Durchbruch war damit vorbereitet und selbst ohne Plattenvertrag konnten Limp Bizkit bald ganze Hallen füllen. 2016 zogen beide Bands erneut um die Welt. „Ihr habt in eurem Leben vielleicht ein paar coole Konzerte erlebt, aber ich kann euch versichern, dass ein Abend mit KoЯn und Limp Bizkit für immer und immer euer liebster sein wird“, prophezeite Durst damals. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Studio trafen beide aufeinander – siehe das bizarre Rap-Battle zwischen Durst und Davis auf All in the Family.


3. George Michael – Faith

Als Live-Act konnten Limp Bizkit ihr Publikum mit geballter Energie und einer abgefahrenen Performance überzeugen. Um die Sache noch etwas spannender zu gestalten, coverten sie zwischendurch unter anderem Faith, einen Song vom ehemaligen Wham!-Mitglied George Michael. Wer hätte gedacht, dass deren groovender Akustik-Funk sich für eine alles umwälzende Metal-Interpretation anbieten würde? Wohl nur Durst, Borland, Otto, Rivers und Lethal, die ihr Cover trotz Protest von Produzenten Ross Robinson auf ihr Debütalbum bringen wollten. Als der eine härtere Version des Stückes hörte, war er Feuer und Flamme.

Und Michael selbst? War nicht ganz so überzeugt. „Was wir aus seinem Umkreis gehört haben ist, dass er es hasst und uns gleich mit, weil wir das gemacht haben“, erklärte Borland gegenüber MTV im Jahr 1999. „Offensichtlich verachtet er unser Cover geradezu.“ Ganz anderes erzählte Durst dem Rolling Stone. „Meines Wissens nach liebt er den Song“, brüstete er sich. „Ich bin mit seinem Kram aufgewachsen, von den Wham!-Zeiten an. Er sah immer klasse aus, hatte Supermodels in seinen Videos. Ich wusste nicht, dass er schwul war – das war mir egal.“ Ähm, okay!?


4. Puscifer – Momma Sed

Wichtiger als die Anerkennung George Michaels war den fünf Mitglieder die einer anderen Band: Tool. Die 1990 gegründete Gruppe gehört zu den kauzigsten im gesamten Business. Ihre Musik ist extrem komplex und hat bisweilen völlig rätselhafte Texte, die nicht selten voller anzüglicher Anspielungen waren. Derweil Mastermind Maynard James Keenan mit seinem Alternative Rock-Projekt A Perfect Circle auch mal eine sanftere und eingängigere Seite von sich zeigte, stachen Tool wie auch Keenans späteres Nebenprojekt Puscifer heraus wie der Mittelfinger aus der Faust.

Mit dem Song Nobody Loves Me von ihrem Debütalbum Three Dollar Bill, Y’all $ zollte die Band den Kollegen mehr als explizit Tribut: Im Breakdown des Stücks imitiert Durst eindeutig den verhallten Gesang des Eigenbrötlers, der über die Blumen so gar nicht begeistert war. „Wenn die Kantinenfrau aus der High School dich angräbt, dann nimmst du das zwar als Kompliment auf“, erklärte er süffisant in einem Interview. „Aber du gehst dann doch nicht gleich mit ihr aus, oder?“ Autsch!


5. Elvin Jones – „Tune Up“: Elvin Jones’ Solo (Live)

Aber so war das schon immer mit Limp Bizkit: So viel die Band auch austeilte, so viel mussten sie im selben Zug einstecken. Oftmals wurde über die ganzen Querelen vergessen, dass es sich bei Limp Bizkit um eine Band handelte – eine Band wohlgemerkt, bei der durchaus talentierte Musiker zugange waren. Am ehesten ein Schattendasein führte stets Schlagzeuger John Otto, obwohl sein druckvolles, groovendes Schlagzeug doch erst das Fundament des Bizkit-Sounds ausmacht.

Hättet ihr gedacht, dass Otto ein echter Jazz-Nerd ist und sich für brasilianische sowie afro-kubanische Musik interessiert? Nein? Wärt ihr je drauf gekommen, nachzufragen? Auch nicht? Klarer Fehler! Otto ist ein vielschichtiger Charakter, der voll für die Musik lebt. Jazz ist seine Hauptreferenz. „Als ich anfing, Jazz zu hören, habe ich die Musik nicht verstanden“, gab er in einem seinen seltenen Solo-Interviews zu. „Aber ich dachte mir: ‚Diese Typen hätten kein Problem, irgendeine Art von Musik zu spielen.‘“ So flexibel wollte er hinter dem Kit ebenfalls sein und studierte die Soli großer Jazz-Drummer wie Elvin Jones ebenso wie das, was Rock-Helden wie John Bonham hinter der Schießbude leisteten.


6. Pearl Jam – Alive

Ohne Otto würden Limp Bizkit völlig anders klingen. Mehr noch: Vielleicht hätte es die Band ohne ihn nie gegeben. Denn er erst führte seinen Cousin an die Musik, einen gewissen Sam Rivers – besser bekannt als der Bassist der Bizkits! Rivers spielte zuerst im Schulorchester die Tuba, bevor er Metal und Rock für sich entdeckte. Black Sabbath und Megadeth nennt er als große Einflüsse, am meisten aber hat ihn wohl Jeff Ament von der Band Pearl Jam inspiriert. Ob er dafür verantwortlich ist, dass die Bizkits gerne mal deren Superhit Alive covern? Möglich ist es.

Rivers wurde unversehens zum Musiker, lebt seinen Beruf aber mit voller Leidenschaft aus. So sehr, dass er sich dabei schon mal selbst Verletzungen zugezogen hat: Bei einer Tour mit Kid Rock ärgerte er sich so sehr über den schlechten Sound, dass er seinen Bass in Einzelteile zerlegte und sich dabei die Hand verletzte. Autsch! Seine Leidenschaft mit dem Rock-Sound der frühen und mittleren neunziger Jahre – Nirvana, Soundgarden und eben Pearl Jam – teilt er übrigens mit Fred Durst. Wenig überraschend, schon klar.


7. Anthrax – Bring The Noise

Aber für Überraschungen ist bei Limp Bizkit nun mal jemand anderes verantwortlich: Wes Borland. Der Gitarrist mit den schrägen Bühnenoutfits hat über die Jahre einen Stil entwickelt, der unverwechselbar ist. Wer auch immer von Limp Bizkits Inhalten abgeschreckt wird, dürfte in der bisweilen extrem experimentellen Gitarrenarbeit der Band sein Heil finden. Von Songs wie Stuck angefangen hin zu den elaborierten Licks auf dem Album Gold Cobra oder natürlich seinen zahlreichen Nebenprojekten: Borland ist ein Genie, Punkt.

Aber wie landet so einer eigentlich bei einer Rap-Metal-Truppe? Ganz einfach: Nachdem sich Borland als Teenager vor allem für Punk, Hardcore und Metal interessierte, brachte ihn das Anthrax-Cover von Public Enemys Bring the Noise auf einen anderen Pfad – genau jenen Pfad, den später auch Limp Bizkit auch betreten sollten. Dazu gesellte sich der Einfluss seiner Gitarrenlehrer: Der erste brachte ihm bei, auf die Kraft seines Gehörs zu vertrauen, während der andere ihm ein paar Lektionen in Sachen Jazz mitgab. Selbst John Zorn oder Aphex Twin gibt er als Einflüsse an. Das Ergebnis klingt nach wie vor einzigartig. Wes Borland ist eben unnachahmlich!


8. Rage Against The Machine – Killing in the Name

Von Anthrax hin zu Rage Against the Machine war es nur ein kleiner Schritt. Und ohne RATM wären Limp Bizkit wohl dennoch nicht möglich gewesen. Durst gab im Laufe seiner Karriere einige Rapper als Inspiration an, mit Genre-Größen wie Raekwon oder Method Man hatten sie einige ihrer Helden sogar bei sich zu Gast im Studio. Schwieriger ist da schon das Verhältnis der Band – insbesondere Durst und dem ehemaligen House of Pain-Mitglied Lethal – zu Eminem, obwohl sie doch eigentlich im selben Boot sitzen sollten. Doch Ems Beef mit Everlast weitete sich auch auf die befreundeten Bizkits aus…

Aber zurück zu Rage Against the Machine: Die mögen Limp Bizkit auch nicht. „Ich entschuldige mich für Limp Bizkit“, sagte deren Bassist Tim Commerford 2015 in einem Interview. „Wirklich. Ich fühle mich gräßlich, weil wir die Inspiration für so einen Bullshit geliefert haben.“ Auweia! Der Diss hat aber eine lange Vorgeschichte: Schon 2000 störte Commerford die Dankesrede von Durst und Co. bei den MTV Music Awards. Der grinste schon damals entspannt: „Der Typ ist Rock’n‘Roll, er sollte den Award bekommen!“ Bis heute covern die Bizkits gerne Killing In The Name und widmen ihre Version „der Rap-Rock-Band, mit der alles angefangen hat“, so Durst. „Als ich das Stück zum ersten Mal hörte, traf es mich mitten ins Herz!“


9. Ice-T – New Jack Hustler (Nino’s Theme)

Die zarten Gefühle Dursts für Rage Against the Machine, sie wurden und werden wohl nie erwidert. Selbst mit seinen eigenen Kollegen überwarf er sich mehr als einmal. Borland führte eine kleine On-Off-Beziehung mit der Band und selbst DJ Lethal war für einige Jahre nicht an Bord. Dabei bringt der gebürtige Lette, der zuerst mit House of Pain seine Erfolge feierte, doch das gewisse Etwas in den Sound der Band mit ein. Leor Dimant, wie er eigentlich heißt, versteht sich weniger als DJ, der ein paar Scratches für eine Rock-Band beisteuert, sondern vielmehr als Sounddesigner.

Sein Handwerk hat er von Grund auf gelernt und war schon mit 16 Jahren gemeinsam mit Everlast auf Europa-Tour – mit Muttizettel im Gepäck! Die beiden waren damals mit Ice-T und dem Rhyme Syndicate unterwegs. „Ich traf Ice-T und dachte mir, ‚Oh mein Gott, ich sitze hier in Ice-Ts Haus und Darlene [Ortiz, Ice-Ts damalige Frau] macht mir ein Sandwich. Es kann gar nicht besser werden!‘ Aber dann wurde es besser“, lachte er. Dass er eines Tages bei einer Metal-Band hinter den Decks stehen würde, war aber noch nicht abzusehen.


10. Richard Cheese – Nookie/Break Stuff

Aber wer hätte schon Limp Bizkit voraussagen können? Der kometenhafte Aufstieg der Band kam wie aus dem Nichts. Trotz oder gerade weil sie so ziemlich jedes Fettnäpfchen mitnahmen. Wirklich verstanden haben den Humor dieser Band jedoch nur wenige – selbst ihre eigene Fanbase nahm die Texte der Gruppe bisweilen ernster als diese selbst. Doch was passiert eigentlich, wenn ein augenzwinkernder Song persifliert wird? Das ist einerseits in „Weird Al“ Yankovics Angry White Boy Polka zu hören und andererseits in den Big Band-Versionen von Nookie und Break Stuff, die Richard Cheese aufnahm.

Mit seiner Band Lounge Against the Machine nahm der Komiker Mark Jonathan Davis – ja, wirklich, wie der KoЯn-Sänger! – allein dem Namen nach die Tradition des Rap-Rocks auf die Schippe. Niemand war vor ihm sicher. Radiohead, The Prodigy, die Beastie Boys und Nirvana veräppelte er im Frank Sinatra-Stil auf dem Debütalbum Lounge Against the Machine, das 2000 erschien. Ein alberner Spaß, der Lyrics wie „You better watch your back / ‘cause I’m fucking up your program / And then you’re stuck up / You just lucked up / Next in line to get fucked up / Your best bet is to stay away motherfucker“ als das entlarvte, was sie im Kern schon immer waren: wunderbarer Blödsinn.


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Popkultur

Zeitsprung: Am 17.1.1949 erblickt Mick Taylor das Licht der Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.1.1949.

von Timon Menge und Christof Leim

Mick Taylor zählt zu den versiertesten Gitarristen der Rockgeschichte und hat die Diskografie gleich zwei großer Bands mitgeprägt: John Mayall’s Bluesbreakers und The Rolling Stones. Als Solomusiker tourt er seit 1974 um die Welt. Am 17. Januar feiert Taylor Geburtstag.

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Hört hier in sein Soloalbum Mick Taylor rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.

Der Jugendliche

Mick Taylor kommt am 17. Januar 1949 in Welwyn Garden City in England zur Welt und wächst im Ort Hatfield auf. In seiner Jugend gründet er die Bands The Juniors und The Strangers, mit denen er sogar im Fernsehen auftritt und eine erste Single veröffentlicht. Ab 1965 spielt er als Mitglied von The Gods mit Musikern wie Brian Glascock (später bei Dolly Parton und Iggy Pop), mit seinem Bruder John Taylor (Jethro Tull), Ken Hensley und Lee Kerslake (beide Uriah Heep) sowie Greg Lake (King Crimson, Emerson, Lake & Palmer).

Der Bluesbreaker

Etwa zur selben Zeit besucht Taylor ein Konzert von John Mayall’s Bluesbreakers in seiner Geburtsstadt. Als Mayalls Gitarrist Eric Clapton aus ungewissen Gründen nicht auftaucht, fragt Taylor den britischen Bluesveteranen in der Pause kuzerhand, ob er einspringen soll. Nach kurzer Bedenkzeit ist Mayall einverstanden. Später sagt Taylor dazu: „Ich habe in dem Moment gar nicht daran gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit ist. Ich wollte bloß auf die Bühne und Gitarre spielen.“



Der junge Gitarrist beeindruckt den Bandleader so sehr, dass die beiden ihre Telefonnummern austauschen. Als Mayall ein Jahr später einen Ersatz für Peter Green sucht, erinnert er sich an das Nachwuchstalent. Von 1966 bis 1969 tourt Taylor mit der Gruppe, spielt Alben wie Crusade (1967), Bare Wires (1968) und Blues From Laurel Canyon (1968) ein. Er profiliert sich als hervorragender Blues-Gitarrist mit Jazz-Einflüssen, seine Karriere nimmt Fahrt auf.

Mick Taylor mit den Stones 1972 – Pic: Larry Rogers/Wikimedia Commons

Der Rolling Stone

Als die Rolling Stones im Juni 1969 ihren Gitarristen Brian Jones feuern, legen John Mayall und Stones-Keyboarder Ian Stewart bei Mick Jagger ein gutes Wort für Taylor ein. Die Stones laden ihn ein, nehmen einige Songs mit ihm auf – und rekrutieren den damals 20-jährigen als neues Mitglied. Sein Bühnendebüt gibt er am 5. Juli 1969 bei einem kostenlosen Konzert im Londoner Hyde Park. Mehr als eine Viertelmillion Zuschauer pilgern zu der Show, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Konzert spontan zu einem Brian Jones-Tribut entwickelt: Der Stones-Mitgründer war zwei Tage vorher gestorben.



In den kommenden Jahren gestaltet Taylor eine wichtige Phasen der Truppe mit: So spielt er nicht nur die legendären Platten Let It Bleed (1969) und das Livealbum Get Yer Ya-Ya’s Out! (1970) ein, sondern auch die Klassiker Sticky Fingers (1971) und Exile On Main St. (1972). Im Zuge der Aufnahmen zu It’s Only Rock ’n Roll (1974) kommt es jedoch zu Querelen zwischen den Musikern. So hat Taylor nach eigenen Aussagen die Songs Till The Next Goodbye und Time Waits For No One mitverfasst, wird aber nicht als Songschreiber genannt. Überhaupt: Bei ihm stellt sich das Gefühl ein, mit den Rolling Stones alles erreicht zu haben. Außerdem ist dem Gitarristen der immense Drogenkonsum der Gruppe nicht geheuer. Im Dezember 1974 verlässt er die Band, seine Nachfolge tritt Ron Wood von Faces an, nachdem sich diese aufgelöst haben.



1995 sagt Mick Jagger in einem Interview mit dem Rolling Stone über Taylor: „Er hat Großes geleistet und für mehr Musikalität in der Gruppe gesorgt. Sein Stil ist sehr flüssig und melodisch. Das hatten wir vorher nicht und haben es bis heute nicht. Weder Keith noch Ronnie Wood spielen wie er. Es war sehr gut für mich, mit ihm zu arbeiten.“ Kein Wunder also, dass sich die Wege der Musiker auch in folgenden Jahrzehnten kreuzen und Taylor immer wieder mit seinen alten Kollegen auf der Bühne steht.



Der Solokünstler

Nach seiner Zeit bei den Stones widmet sich Mick Taylor den unterschiedlichsten Projekten. So spielt er mit Mike Oldfield, Little Feat, Bob Dylan, Carla Olson, Alvin Lee und Mark Knopfler, heuert gelegentlich bei seinem alten Arbeitgeber John Mayall an und gründet eine Band mit Jack Bruce von Cream. 1977 unterschreibt er einen Solo-Plattenvertrag mit Columbia Records, 1979 erscheint sein erstes Album Mick Taylor. Seine zweite Platte unter eigenem Namen lässt bis 1998 auf sich warten und trägt den Titel A Stone’s Throw.

Der Gitarrist

Taylor erzählt mit jedem Solo eine Geschichte anstatt bloß sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Da verwundert es nicht, dass zum Beispiel Slash von Guns N’ Roses den Briten als Einfluss nennt. New York Times-Musikjournalist Robert Palmer bringt Mick Taylors Karriere folgendermaßen auf den Punkt: „Er ist der fähigste Gitarrist, der jemals für die Rolling Stones gespielt hat. Taylor war nie ein Rocker oder gar eine Rampensau, sondern ein Blues-Gitarrist mit dem melodischen Gespür eines Jazz-Musikers.“ Respekt. Wir sagen: Happy Birthday!



Titelfoto: Dina Regine/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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„Der Triumph des Jazz“: Die musikalischen Einflüsse des Martin Luther King, Jr.

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Martin Luther King Jr.
Foto: Donald Uhrbrock/Getty Images

Am 15. Januar 2022 hätte die US-amerikanische Bürgerrechtsikone Martin Luther King ihren 93. Geburtstag gefeiert. Zu Ehren Kings möchten wir an dieser Stelle seine Verbindung zur Musikkultur ein wenig näher beleuchten.

von Markus Brandstetter

Die Bilder und Worte sind fest im kollektiven Bewusstsein verankert, selbst wenn man zu jener Zeit noch nicht auf der Welt war: Im August 1963 fanden sich über 200.000 Menschen in Washington, DC zum „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ (englischer Titel: March on Washington for Jobs and Freedom) zusammen.

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Vor dem Lincoln Memorial hielt Martin Luther King seine berühmte Rede, deren Worte „I have a dream“ in die Geschichte eingingen. Musik war (nicht nur) an diesem Tag ein wesentlicher Bestandteil der Proteste. Bob Dylan und Joan Baez traten auf, Peter, Paul & Mary, Odetta Holmes, Mahalia Jackson und der Eva Jessye Choir, auch Harry Belafonte war anwesend. Für King war Musik aber weit mehr als eine akustische Untermalung — er sah sie als Mittel zur Veränderung an — und, im Falle von Jazz, Triumph der Schwarzen — dazu später mehr.

Kings musikalischer Background

Für Martin Luther King, das schreibt der US-amerikanische Autor Alfonso Pollard in seinem Artikel The Extraordinary Influences of Dr. Martin Luther King, Jr., habe Musik seit seiner Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt. Kings Mutter Alberta King spielte hier wohl die Schlüsselrolle: Sie war Chorleiterin und Organistin in der Ebenezer Baptist Church. Auch Kings spätere Ehefrau Coretta Scott, die er an der Universität kennenlernte, war Kirchenchorleiterin, außerdem Sopranistin und Multiinstrumentalistin.

Geht es nach Pollard, gab es in Kings musikalischer Sozialisation zwei große Säulen: die Gospelmusik zum einen, zeitgenössische Sängerinnen wie Mahalia Jackson, Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Miriam Makeba zum anderen. Später wurde auch Jazz für ihn immer wichtiger — eine Musik, die er als „triumphal“ bezeichnete. Damit meinte er den Triumph der Afroamerikaner*innen über die Unterdrückung, über Ungerechtigkeit, Kummer, Tragödien.

Der Triumph des Jazz

1964 wurde King gebeten, die Eröffnungsrede auf dem JazzFest Berlin (damals „Berliner Jazztage“ genannt) zu halten. In seiner Rede sprach er über eben dieses Triumphale im Jazz: „Gott hat viele Dinge aus der Unterdrückung heraus geschaffen. Er hat seine Geschöpfe mit der Fähigkeit ausgestattet, zu erschaffen, und aus dieser Fähigkeit sind die süßen Lieder der Trauer und der Freude hervorgegangen, die es dem Menschen ermöglicht haben, mit seiner Umwelt und vielen verschiedenen Situationen zurechtzukommen. Der Jazz spricht für das Leben. Der Blues erzählt von den Schwierigkeiten des Lebens, und wenn man einen Moment nachdenkt, wird man feststellen, dass er die härtesten Realitäten des Lebens in Musik umsetzt, um dann mit neuer Hoffnung oder einem Gefühl des Triumphs wieder herauszukommen.“

„Die letzte Bastion des Elitismus“

Wie die Verbindung Kings zur klassischen Musik ist, ist indes nicht hinreichend beleuchtet. Der US-Dirigent Paul Freeman (1936-2015) berichtete einst in einem Interview von ein Zusammentreffen mit dem Bürgerrechtler. Als dieser ihn fragte, was er in Atlanta mache, erklärte ihm Freeman, er habe ein Engagement als Gastdirigent des Atlanta Symphony Orchestra. Die Antwort von King darauf kann als sozialkritisch bis sarkastisch gelesen werden: „Ah, die letzte Bastion des Elitismus! Glory, Halleluja!“ Freeman, dessen erklärte Mission es war, die Klassik (sowohl als Musiker*in als auch als Hörer*in) für alle zugänglich zu machen, sah dies aber nicht als Seitenhieb, sondern als Inspiration, sein Ziel zu verfolgen.

Nachzusehen ist dies in diesem Interview:

Wie wichtig King war, zeigen zahlreiche Tribute. Soul-Legende Stevie Wonder war ausschlaggebend dafür, dass Martin Luther Kings Geburtstag zum Feiertag erklärt wurde — und widmete ihm das Stück Happy Birthday. U2 schrieben Pride (In The Name Of Love) über ihn, James Taylor zollte ihm mit Shed A Little Light Tribut — und natürlich darf man Nina Simones Stück Why (The King Of Love Is Dead) nicht vergessen, dass sie drei Tage nach seinem Tod vorstellte.

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Zeitsprung: Am 15.1.1969 kehrt George Harrison zu den Beatles zurück.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.1.1969.

von Timon Menge und Christof Leim

Getrennte Wege gehen die Beatles erst zu Beginn der Siebziger, doch dicke Luft herrscht schon vorher. Die Musiker fühlen sich ausgelaugt, gemeinsamer Tatendrang bleibt die Ausnahme. Am 10. Januar 1969 verlässt George Harrison sogar die Band. Fünf Tage später kehrt er zurück — allerdings mit Forderungen…

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Im Januar 1969 befinden sich die Beatles im Twickenham Studio in London und arbeiten an ihrer Platte Let It Be. Das White Album (1968) hallt noch nach, das Erscheinen von Yellow Submarine (1969) steht kurz bevor. Als die Band am Morgen des 10. Januar mit wenig Erfolg an den Songs Get Back und Two Of Us arbeitet, hat George Harrison die Nase voll. Er verlässt das Studio und lässt die anderen drei Musiker im Regen stehen. Nachdem sich McCartney, Lennon und Starr die erste Wut von der Seele gespielt haben, sagt Lennon trocken: “Ist er am Dienstag nicht zurück, holen wir Clapton.” Am 12. Januar treffen sich die Beatles bei Harrison zuhause, doch die Zusammenkunft verläuft alles andere als gut und endet von Harrisons Seite mit einem: “Man sieht sich.”

Einer der Gründe für Harrisons Abgang: Immer wieder geraten er und Paul McCartney aneinander. Harrison emanzipiert sich zu jener Zeit als Songschreiber und empfindet McCartney als zu dominant. In einem Interview mit dem Rolling Stone erzählt er: „Es ist mir immer sehr schwergefallen, beim Songwriting mitzumischen, weil Paul diesbezüglich sehr aufdringlich war. Wenn er meine Songs gespielt hat, lief das immer gut. Ich musste allerdings 59 seiner Ideen ausprobieren, bevor er sich meine überhaupt anhören wollte.“



Auch John Lennon und Harrison sind sich zu jener Zeit nicht grün. So stellt der britische Musikjournalist David Stubbs in einem Artikel für das Magazin Uncut die These auf, Harrison sei sogar noch genervter von Lennon als von McCartney, weil Lennon Probleme mit Harrisons wachsendem Einfluss auf das Songwriting gehabt habe. Nicht nur das: Lennons Beziehung zu Yoko Ono treibt einen Keil zwischen die beiden Beatles, die sich gerade erst richtig angefreundet hatten — vermutlich auch über ihre gemeinsame Vorliebe für LSD.

Außerdem stört Harrison sich daran, dass im Studio ein Film gedreht werden soll, obwohl die Beatles nur streiten. „Es kam vor der Kamera nie zum Eklat“, räumt er später ein. „Aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was das eigentlich soll.“ Er beschließt, die Band zu verlassen — ein Prozess, den auch Schlagzeuger Ringo Starr durchläuft, und zwar nur wenige Monate zuvor während der Sessions zum White Album.



Einige Tage nach Harrisons Abgang merken McCartney, Lennon und Starr endgültig, dass die Band nicht ohne den Gitarristen funktioniert. Die Musiker setzen ein Treffen für den 15. Januar an, und der verlorene Sohn taucht wieder auf — allerdings mit Forderungen. Harrison möchte im Gegensatz zu McCartney nach unfassbar vielen Konzerten nicht mehr live auftreten. Außerdem bittet er darum, das Studio zu wechseln. Die übrigen Bandmitglieder schlagen ein, die Beatles ziehen in die Apple Studios um und setzen den Aufnahmeprozess fort.


Die Symptome lassen sich durch die Veränderungen kurzzeitig bekämpfen, doch die Ursachen liegen tiefer. Trotz vorübergehender Wiedervereinigung kommt es langfristig zur Auflösung der Band. Vorher schließen die Briten die Aufnahmen des Albums Abbey Road ab, das durch diverse Umstände sogar noch vor Let It Be erscheint. Zur endgültigen Trennung kommt es im Frühjahr 1970, etwa einen Monat vor der Veröffentlichung der letzten Platte.

Zeitsprung: Am 21.1.1966 heiratet George Harrison. Eric Clapton grätscht rein.

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