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Popkultur

Die musikalische DNA von 30 Seconds to Mars

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Gibt es eigentlich etwas Schlimmeres als Musiker, die sich unbedingt als Hollywood-Stars versuchen wollen? Ja, gibt es! Nämlich Schauspieler, die eine Gitarre zur Hand nehmen. Gut, dass Jared Leto da in jeder erdenklichen Hinsicht die Ausnahme macht. Tatsächlich verbat sich der Requiem For A Dream-Darsteller stets, dass sein Ruhm im Showgeschäft dazu missbraucht wird, seine Band zu bewerben. Denn die ist genau das: Eine Band, ein kleines Kollektiv von drei musikalischen Querköpfen, die mit einer gemeinsamen Vision zusammen losrocken. Leto gründete 30 Seconds To Mars mit seinem Bruder, dem Multiinstrumentalisten Shannon. Seitdem hat sich der Bandkern nach Stippvisiten des Gitarristen Solon Bixler und dem Bassisten Matt Wachter um den Gitarristen Tomo Miličević erweitert und die drei sind zu einem fest eingespielten Team geworden.

Was 30 Seconds To Mars ausmacht, ist eine einzigartige Mischung aus traditionellen Prog Rock-Elementen, harten Metal-Einflüssen und einer stilistischen Offenheit, die sich auch auf Electronica und klassische Elemente erstreckt. Das alles wird in konzeptuell ausgearbeitete Gesamtwerke eingepackt, die immer auf dem Boden der Tatsachen bleiben: Das politische Engagement der Band in insbesondere ökologischen Fragen ist weitreichend bekannt. Was die drei Musiker in künstlerischer Hinsicht geprägt hat, das erfahren wir mit Blick auf ihre musikalische DNA. Die ist selbstverständlich genauso vielschichtig wie ihr eigener Sound.

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Hör dir hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von 30 Seconds to Mars an, zur ganzen Playlist gelangst du über den “Listen”-Button:


1. Pink Floyd – Comfortably Numb

Als es sich 30 Seconds To Mars drei Jahre nach Bandgründung in der Einöde des US-amerikanischen Bundesstaats Wyoming gemütlich machten, um an ihrem Debütalbum zu arbeiten, bekamen sie dabei prominente Unterstützung: Brian Virtue hatte unter anderem mit Alternative Rock-Helden wie Puddle Of Mudd und Jane’s Addiction zusammengearbeitet, Bob Ezrin konnte sogar auf eine noch verdienstvollere Karriere zurückblicken. Lou Reed, Alice Cooper, Peter Gabriel und andere gehörten zu Klienten des Superproduzenten.

Vor allem aber wegen seiner Arbeit mit einer ganz bestimmten Band fragten die Leto-Brüder Ezrin an: Pink Floyd. Bei Überalben wie The Wall, A Momentary Lapse Of Reason und Division Bell war er an der Produktion beteiligt. Musik, mit denen die Kinder einer Hippie-Mutter aufgewachsen waren und die sie innig liebten. Es war eine denkbar günstige Zusammenarbeit, denn wie die Floyds vorhin gaben sich 30 Seconds To Mars nicht mit konventionellem Rock zufrieden, sondern wollten höher hinaus. Viel höher!


2. Led Zeppelin – Whole Lotta Love

Obwohl Jared als Sänger und Gitarrist häufig im Vordergrund steht, so kann ihm sein älterer Bruder Shannon in jeder Hinsicht das Wasser reichen. Seitdem er mit zehn Jahren sein erstes Drumkit bekam, hatte der Multiinstrumentalist einen Stil perfektioniert, der gleichermaßen versiert wie druckvoll ist. Vor allem taten es ihm „die großen Konzeptbands an“, wie er einmal sagte. „Bands mit Tiefe! Bands, die dynamisch sind!“

Das ist mehr oder minder die perfekte Umschreibung für Led Zeppelin. Von dessen tragisch früh verstorbenem Drummer John Bonham wird sich der Jungspund sicherlich ein paar Tricks abgeschaut haben. Doch, so betont Shannon immer wieder, ging es ihm nie nur um Schlagzeuger, sondern um das musikalische Gesamtbild als solches. Das aber stimmte bei Led Zeppelin sowieso. In einem Fernsehfeature konnten sich alle drei 30 Seconds To Mars-Mitglieder auch auf ihr Lieblingsalbum von Led Zep einigen: II, sagte Jared, hätte ihn und seinen Bruder nicht allein musikalisch, sondern auch visuell enorm geprägt.


3. Deftones – Passenger (feat. Maynard James Keenan)

Die progressiven Eskapaden von Pink Floyd hier, die stadiongerechten Exzesse von Led Zeppelin dort: 30 Seconds To Mars mögen ihren Rock gerne ausgefallen. Derweil andere einflussreiche Prog-Dinosaurier wie Rush weiterhin Album um Album herausbrachten, mangelte es jedoch ab den achtziger Jahren zunehmend an Nachwuchs. Tool gehören zu den wenigen, die den alten Helden die Stirn bieten konnten und wurden auch für die Leto-Brüder zu Idolen.

Tool-Sänger Maynard James Keenan ließ sich sogar für den Song Fallen vom 30 Seconds To Mars-Debüt ins Studio bitten. Nicht sein einziger Gastauftritt zu dieser Zeit, auch bei den Deftones schaute er vorbei, um deren einzigartige Synthese aus Hardcore, Metal und wavigen Untertönen mit seinen Gesangsleistungen zu veredeln. Der Song Passenger setzt ähnlich wie Fallen auf eine gleichermaßen nervöse und epische Grundstimmung, die zarte Momente mit gewaltigen Riffs kombinierte. So klang aufregende Rock- und Metal-Musik im Geiste von Tool Anfang des Jahrtausends – und 30 Seconds To Mars hatten daran ihren Löwenanteil!


4. Pantera – Walk

À propos Metal: Als Tomo Miličević 2003 zur Band stieß, brachte er einen heftigen Gitarrensound mit. Wie die Letos hatte der geborene Bosnier die aufregende Musik von Jimi Hendrix, Pink Floyd oder Led Zep inhaliert und interessierte sich schon früh für die reichhaltige Tradition der Blues-Musik. In seiner Teenagerzeit aber sattelte der 1979 geborene Musiker auf Alternative Rock und Metal um. Slayer, Metallica, Nirvana, The Smashing Pumpkins: Nein, fröhliche Musik war aus dem Jugendzimmer des angehenden Gitarristen kaum zu hören.

Insbesondere hatte es ihm die Band Pantera mit ihrem Album Vulgar Display Of Power angetan. In einem Interview, an dem auch das damalige 30 Seconds To Mars-Mitglied Matt Wachter teilnahm, sprachen die beiden über die heilende Kraft von Musik. „Die Platten, die mein Leben verändert haben, haben mich vor echt schlimmen Zeiten bewahrt“, sagte Wachter und Miličević stimmte dem zu. „Ich kann ganz ernsthaft sagen, dass Vulgar Display Of Power diejenige Platte ist, die mich davon überzeugt hat, Musiker zu werden.“ Der unwiderstehliche Groove von Pantera-Gitarrist Dimebag Darrell hallt auch heute noch in seinen fetten Riffs nach.


5. Linkin Park – One Step Closer

30 Seconds To Mars’ Gründung erfolgte in einer Zeit, als im Metal-Genre eine neue Ära anbrach. In den neunziger Jahren verdichtete sich der sogenannte Crossover-Sound immer mehr zu dem, was wir heute als Nu Metal kennen. Linkin Park gründeten sich 1996 und veröffentlichten im Jahr 2000 ihr Debütalbum Hybrid Theory, das mit seinem Titel an das spannende Stilgemisch aus elektronischen Elementen, Rap und Metal anspielte. 30 Seconds To Mars sollten bald nachlegen, die befreundete Band um Leadsänger Chester Bennington jedoch schien ihnen kommerziell gesehen immer einen Schritt voraus.

All das heißt natürlich nicht, dass die Bands in Konkurrenz gestanden hätten – im Gegenteil. Vielmehr hegten sie eine enge Freundschaft und gingen 2014 sogar auf eine ausgiebige Tour zusammen. Als Jared Leto im August 2017 allerdings bei den MTV Music Awards die Bühne betrat, war Bennington nicht mehr am Leben. Er hatte den Kampf gegen die Depressionen, die auch in vielen Linkin Park-Texten zum Thema wurden, verloren. „Chester war mein Freund und an seinem Leben teilzuhaben, hat mir viele wichtige Dinge beigebracht“, sagte ein sichtlich bewegter Jared in seiner Gedenkrede.


6. U2 – Where The Streets Have No Name

Der Einfluss von Bands wie Linkin Park zeigte sich vor allem auf dem zweiten 30 Seconds To Mars-Album A Beautiful Lie, das viele geshoutete Passagen enthielt und deren Texte ungleich persönlicher waren als die des Vorgängers. Nachdem sie sich für ihr Debüt mit Bob Ezrin zusammengetan hatten, saß diesmal John Abraham hinter den Reglern, der für welche andere Band als Produzent gearbeitet hatte? Genau, ebenfalls Linkin Park. Einen zweiten kleinen Produzententraum erfüllten sich die Letos und Miličević dann mit Love, Lust, Faith and Dreams aus dem Jahr 2013. Neben Jared saß diesmal Steven Lillywhite mit im Studio an der Konsole.

Lillywhite ist mit Sicherheit einer der umtriebigsten Rock-Produzenten aller Zeiten. Vor allem ist er durch seine Zusammenarbeit mit U2 bekannt, deren Debüt Boy er genauso produzierte wie October und War. Vergleiche mit dem stadionkompatiblen, hymnischen U2-Sound mussten sich 30 Seconds To Mars dementsprechend oft gefallen lassen. Obwohl, was heißt hier gefallen lassen: Es dürfte sie freuen! Bei ihrer MTV Unplugged-Session coverten sie sogar den Song Where The Streets Have No Name der irischen Stars.


7. The Cure – Fascination Street

Rockmusik wird gerne als eine Art transatlantischer Austausch zwischen den USA und Großbritannien dargestellt und auf den ersten Blick scheint das auch die musikalische DNA von 30 Seconds To Mars zu bestätigen. Denn klar, U2 sind keine Briten, aber neben Pink Floyd und Led Zeppelin finden sich einige englische Platten im Regal der Leto-Brüder und ihrem Mitstreiter. Sie alle drei können sich insbesondere auf The Cure einigen, deren Song The Only One Jared im Jahr 2008 für eine Remix-EP sogar neu zusammenmischte.

The Cure sind eine der wundersamsten Bands, die Ende der siebziger Jahre aus der britischen Post-Punk-Ursuppe entstiegen. Keine andere Gruppe durchlebte dermaßen viele Line-Up-Wechsel und stilistische Brüche wie die Truppe um Robert Smith. 30 Seconds To Mars scheinen sich vor allem zum melancholischen und dennoch treibenden Sound des Überalbums Disintegration hingezogen zu fühlen, wie auch ihre gelegentlichen Live-Covers von Fascination Street beweisen.


8. Depeche Mode – Personal Jesus

Von The Cure ist es nicht weit zu Depeche Mode. Auch die stehen für eine eher dunkelbunte Stimmungspalette. Musikalisch aber bringen sie noch viel mehr elektronische Elemente mit. Wie sich das auf 30 Seconds To Mars ausgewirkt hat, ist unschwer zu erkennen. Das elektronische Drumming allein ist der beste Beweis. Abgesehen davon, dass die Band auch gerne mal Hits wie Personal Jesus der Synth Pop-Helden live spielt, gibt es da noch eine andere Querverbindung zwischen beiden Bands…

Habt ihr je das Video zu Closer To The Edge gesehen? Darin kommt eine Reihe von 30 Seconds To Mars-Fans zu Wort. Bei Minute 1.47 und 4.50 ist darunter auch eine 14-jährige, deren Vater nicht unbekannt ist: Ava Lee Gore, Tochter von Martin Lee Gore. “Alle drehen heutzutage total durch“, sagt sie. „Es fühlt sich an wie das Ende der Welt…“ Sehr existenzialistische Töne von einer Teenagerin. Aber bei dem Vater wohl kein Wunder.


9. Björk – Hunter

Das Interesse des Trios für elektronische Musik endet allerdings nicht bei Depeche Mode. Auch von Björk ließen sich 30 Seconds To Mars beeinflussen, wie ihre atemberaubende Coverversion von deren Song Hunter bewies, die auf A Beautiful Lie zu hören war. Es muss selbst für einen begabten Sänger wie Jared schwierig gewesen sein, das Stück zu performen. „Björk ist eine großartige Künstlerin“, schwärmte er von ihr. „Sie hat eine der reinsten Stimmen, die ich je gehört habe.“

So gab er auch bei einer Twitter-Fanfragerunde im Jahr 2012 auf die Frage, mit welchen Artists er gerne für das nächste 30 Seconds To Mars-Album zusammenarbeiten würde, eine klare Antwort: „Eminem wäre irre. Auch toll wären Björk und Sigur Rós.“ Wir sind nicht ganz sicher, ob wir uns die drei gemeinsam mit Jareds Band auf einem Song oder gar einem Album vorstellen können, aber… Na, lassen wir uns einfach mal überraschen.


10. Vitamin String Quartet – A Beautiful Lie

Von Prog Rock in allen seinen Facetten über Metal hin zu wavigen Sounds und der experimentellen Electronica einer Björk reicht die Bandbreite von Musik, von der sich 30 Seconds To Mars inspirieren lassen. Das allerdings ist natürlich noch nicht alles. Tatsächlich erstrecken sich die Leidenschaften der drei Kernmitglieder auch auf klassische Musik. Neben dem Einsatz von Streichern und anderen der Klassik hinzu gerechneten Instrumenten sind es auch die komplexen Strukturen traditioneller Kompositionskunst, die für Miličević und die Leto-Brüder von Interesse sind.

Aber was, wenn der Spieß mal umgedreht wird? Just das tat das Vitamin String Quartet, einem – der Name sagt es bereits – Streicherquartett aus Los Angeles, das schon zahlreichen Rock- und Pop-Bands die Ehre erwies ihre Songs in einem minimalen Setting neu aufzunehmen. 2008 waren auch 30 Seconds To Mars an der Reihe. Der Band schien die ungewöhnliche Interpretation von Hits wie A Beautiful Lie bestens zu gefallen, luden sie die vier Musiker doch glatt als Backing Band für ihren MTV Unplugged-Auftritt ein. Es kam zusammen, was zusammen gehörte.


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Der Boss kommt: Bruce Springsteen spielt drei Deutschlandkonzerte!

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Bruce Springsteen
Foto: Jamie Squire/Getty Images

2023 wird ein guter Sommer: Bruce Springsteen & The E Street Band kommen nächstes Jahr im Juni und Juli für drei Open-Air-Shows nach Deutschland. Freuen können sich Düsseldorf, Hamburg und München.

von Björn Springorum

Es sind die ersten Live-Dates von Bruce Springsteen und seiner E Street Band seit Abschluss der „The River“-Tour von 2016, mit der er in München und Berlin Halt machte: Für den Sommer 2023 haben der Boss und seine Kollegen jetzt eine endlich mal wieder eine ordentliche Europatour angekündigt. Und zu feiern gibt es viel: Seit ihrer letzte Reise durch die Alte Welt sind mit Western Stars und Letter To You bereits zwei neue, ganz hervorragende Springsteen-Platten erschienen.

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„Ich kann es kaum erwarten, die Bühne mit der legendären E Street Band zu teilen“

Hier die genauen Daten für Deutschland:

21.06.2023 Düsseldorf, Merkur Spiel Arena

15.07.2023 Hamburg, Volksparkstadion

23.07.2023 München, Olympiastadion

Im deutschsprachigen Ausland kommen zudem Zürich (13. Juni) und wien (18. Juli) in den Genuss einer Audienz beim Boss. Der Vorverkauf für alle Shows startet am 3. Juni 2022, um zehn Uhr morgens. Springsteen selbst kommentiert diese frohe Kunde wie folgt: „Nach sechs Jahren freue ich mich, endlich wieder unseren großartigen und loyalen Fans zu begegnen. Ich kann es kaum erwarten, die Bühne mit der legendären E Street Band zu teilen. Wir sehen euch da draußen im nächsten Sommer und darüber hinaus!“

Die aktuell E-Street-Band-Besetzung liest sich derzeit wie folgt: Roy Bittan (Piano, Synthesizer) Nils Lofgren (Gitarre), Patti Scialfa (Gitarre, Gesang), Garry Tallent (Bass), Stevie Van Zandt (Gítarre, Gesang), Max Weinberg (Drums), Soozie Tyrell (Violine, Gitarre, Gesang), Jake Clemons (Saxophon) und Charlie Giordano (Keyboards).

Allgemeiner Vorverkaufsstart:

Fr., 03.06.2022, 10:00 Uhr

www.livenation.de/artist-bruce-springsteen-and-the-e-street-band-1975

www.ticketmaster.de

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Zeitsprung: Am 3.5.1984 erscheint „Dancing In The Dark“ von Bruce Springsteen.

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Zeitsprung: Am 24.5.1974 erscheint „Diamond Dogs“ von David Bowie.

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Diamond Dogs

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 24.5.1974.

von Timon Menge und Christof Leim

Mit seinem achten Studioalbum Diamond Dogs hat David Bowie am 24. Mai 1974 eine seiner wechselhaftesten, aber auch interessantesten Platten veröffentlicht. Als eine der Vorlagen dient der berühmte Roman 1984 von George Orwell. Ein paar Kompromisse musste Bowie allerdings eingehen.

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Hört hier Diamond Dogs:


Als David Bowie Anfang 1974 zu seinem achten Wurf ansetzt, liegt die Beerdigung seiner wohl bekanntesten Kunstfigur Ziggy Stardust gerade einmal ein halbes Jahr zurück. Für Diamond Dogs kramt der britische Musiker den Charakter schon wieder hervor, wenn auch unter dem Namen Halloween Jack. Zumindest sind optische Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Die Geschichte beginnt allerdings bei einer der berühmtesten Dystopien aller Zeiten.



Heute wissen wir: George Orwells Jahrhundertwerk 1984 wurde von der Realität in vielerlei Hinsicht nicht nur ein-, sondern sogar überholt. Zu Beginn der Siebziger treibt David Bowie eine Begeisterung für den gesellschaftskritischen Roman um, sogar auf die Bühne möchte er das Buch bringen. Weil er nicht die nötigen Rechte dazu erhält, setzt er auf einen alternativen Plan und will das fremde Material mit seinen eigenen Vorstellungen einer postapokalyptischen Welt verschmelzen. Das Ergebnis: Songtitel wie 1984 oder Big Brother. Später mischt er die Ideen dann doch mit thematisch weiter gefassten Entwürfen, wodurch sich das Album zu einer komplexen und bunt gemischten Sache entwickelt.

Bowie während der Tour zu Diamond Dogs im Juni 1974 – Pic: Promo/MainMan

Auf der Plattenhülle sieht man Bowie als Fantasiewesen, zur Hälfte Mensch, zur Hälfte Hund. Nach Erscheinen löst diese Zeichnung des belgischen Malers Guy Peellaert eine Kontroverse aus, denn öffnet man das komplette Cover, kommen in der Urfassung die Genitalien des Geschöpfes zum Vorschein. Das geht natürlich nicht, also wird das Album schnell wieder vom Markt genommen und die entsprechende Stelle übermalt. Heute wechseln Originalexemplare für mehrere Tausend Euro den Besitzer.



Musikalisch orientiert sich die Platte teilweise am Glam der vorherigen Kompositionen Bowies. Mit Songs wie Rock ‘n‘ Roll With Me, 1984 oder Sweet Thing/Candidate/Sweet Thing (Reprise) liefert der Ausnahmekünstler allerdings auch einen Vorgeschmack auf die kommenden Jahre. Für letzteres Lied bedient er sich erstmals der Cut-Up-Technik, die vor allem von Autor Williams S. Burroughs bekannt gemacht wurde. Bei dieser Methode werden Texte in ihre Bestandteile zerlegt, um sie anschließend neu zusammenzusetzen — ein Vorgehen, das Bowie weitere 25 Jahre begleiten soll und viele seiner Songs prägt.



Mit Diamond Dogs schafft Bowie gerade rechtzeitig den schrittweisen Absprung vom Glam Rock, der in den Jahren danach zu einer Talfahrt ansetzt, von der er sich nicht mehr erholt. Laut eigener Aussage handelt es sich bei Diamond Dogs um noch deutlich mehr, nämlich ein „sehr politisches Album. Mein Protest. Es entspricht mir mehr als all meine bisherigen.“ In den britischen und in den kanadischen Charts erreicht die Scheibe Platz eins, in den USA Platz fünf — zu jener Zeit Bowies Bestwert.

Zeitsprung: Am 12.11.1964 setzt sich David Bowie für den Schutz langhaariger Männer ein.

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„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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Die Alben von Pink Floyd im Ranking — die besten Platten der Prog-Legenden

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