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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.10.1985 erscheint „Spreading The Disease“ von Anthrax.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.10.1985.


von Christof Leim

Anthrax sind ganz vorne dabei, als Heavy Metal Anfang der Achtziger einen Zahn zulegt und den Thrash hervorbringt. Mit ihrem Debüt Fistful Of Metal können sie allerdings noch nicht so richtig punkten. Erst Spreading The Disease lässt 1985 den Knoten platzen. Dafür muss aber erstmal ein neuer Sänger her. Gitarrist Scott Ian erinnert sich in unserem Zeitsprung.

Hier könnt ihr euch Spreading The Disease anhören:

Es war der heiße Scheiß damals: Klassischer Metal von Iron Maiden und Judas Priest, die Energie des Hardcore und dazu natürlich viel Motörhead, aber kein bisschen Glam und Poserei. Thrash Metal heißt der Spaß. 1983 hatten Metallica mit Kill ‘Em All und Slayer mit Show No Mercy beeindruckend vorgelegt, Megadeth folgen 1985. Fistful Of Metal, das 1984 veröffentlichte erste Lebenszeichen der New Yorker Anthrax, fällt jedoch unspektakulär aus. Erst auf dem Nachfolger Spreading The Disease findet die Band ihren Stil. „Die Platte hat uns ermöglicht, als Band überhaupt länger zu existieren“, stellt Gitarrist Scott Ian 2016 im Gespräch mit dem Magazin Rocks klar. „Nach Fistful hätten wir genauso wieder in der Versenkung verschwinden können. Wir waren zwar einen Monat auf Tour in den USA, aber sonst passierte nichts. Die Songs für die zweite Platte gab es schon, dafür fehlte uns ein Sänger.“ 

Diktatoren mag niemand

Den bisherigen Vokalisten Neil Turbin hatten Anthrax nach den Shows nämlich rausgeworfen: „Neil war schlicht ein Diktator“, berichtet Ian. „Er kann heute erzählen, was er will, damals galt: Es muss alles so gemacht werden, wie Neil das will. Und damit konnte keiner von uns leben.“ Schon vor der Tour sorgt Turbin dafür, dass Bassist und Gründungsmitglied Danny Lilker gefeuert wird. (Später gründet der unter anderem Nuclear Assault.) Für den freien Posten akquirieren Scott Ian, Drummer Charlie Benante und Leadgitarrist Danny Spitz den 18-Jährigen Frank Bello, den Sohn von Charlies älterer Schwester.

Das klassische Line-up von Anthrax im Sommer 1985: Bello, Ian, Belladona, Benante, Spitz – Foto: Ebet Roberts/Redferns/GettyImages

Durch den Weggang von Turbin und Lilker verlieren Anthrax jedoch zwei Songwriter, also nehmen Scott Ian und Charlie Benante die Zügel in die Hand. Bis heute ist Benante für den Großteil der Riffs verantwortlich, während Ian die Texte schreibt.

Als neuen Sänger rekrutieren die New Yorker Jungspunde Matt Fallon aus dem benachbarten New Jersey. Mit ihm begibt sich die Band ins Pyramid Studio in Ithaca, einem vier Stunden nördlich von New York City gelegenen Kleinstädtchen. Doch leider funktioniert die Zusammenarbeit nicht, Anthrax stehen wieder ohne Sänger da. Fallon taucht später noch kurz als Vorgänger von Sebastian Bach bei Skid Row auf.

Streit & Sängersuche

Damit sitzt die Band auf einem fertig aufgenommen Album, dem nur noch der Gesang fehlt. Studiozeit ist teuer, die beiden Manager Jon und Marsha Zazula, legendäre Metallica-Entdecker und Gründer von Megaforce Records, zerstreiten sich darüber: „Johnny wollte alles tun, um die Anthrax-Platte rauszubringen, seine damalige Frau wollte statt dessen lieber auf Raven setzen.“ Doch Jon hebt 29.000 Dollar vom gemeinsamen Konto ab und fährt zu Anthrax nach Ithaca, um dafür zu sorgen, dass die Platte fertig wird. Glücklicherweise stehen Island Records, bei denen Anthrax einen Major-Deal unterschrieben hatten, weiter hinter der Band. „Sechs Wochen haben wir gegrübelt, wie es weitergehen soll“, erinnert sich Scott. „Zwischenzeitlich stand sogar im Raum, dass Frankie und ich auf der Platte singen. Aber Verzweiflung hat sich nie breit gemacht. Mir war immer klar, dass wir jemanden finden würden.“

Carl Canedy, Drummer von The Rods und Produzent von Spreading The Disease, treibt die Telefonnummer eines Sängers auf, den er bei der Band Bible Black gehört hatte. Weil der 24-jährige Joey Belladonna, geboren als Joseph Bellardini, gar nicht auf den harten Stoff steht, wirft er sich in ein Outfit, das er bei einer Metal-Band für angemessen hält. Scott Ian muss heute noch schmunzeln: „Joey trug eine knallenge Hose, schwarze Cowboystiefel mit einem kleinen Kettchen daran und ein aufgeschnittenes Hemdchen. Und ich stand da in zerrissenen Jeans, Turnschuhen und vermutlich einem Agnostic-Front-Shirt.“ Anthrax hatten wie die meisten ihrer Thrash-Kollegen zu diesem Zeitpunkt bereits die Leder-und-Nieten-Ästhetik der klassischen Metal-Bands abgelegt und sich einen lockeren Stil mit Jeans und Shirts verpasst. 

Auftritt Joey Belladonna

Sie hätten den Kandidaten also auch vorschnell abhaken können, doch als der seinen Mund öffnet, klappen reihum die Kinnladen herunter. Scott berichtet: „Joey sang ohne Begleitung Oh Sherrie von Steve Perry, Hot Blooded von Foreigner und irgendwas von Deep Purple. Er stand in der Aufnahmekabine am Mikro, wir im Kontrollraum, also konnte er uns nicht hören. Wir haben uns nur angeguckt. Mein Gedanke: Wir haben unseren Halford, das ist unser Bruce Dickinson.“ Belladonnas Stimme klingt in der Tat nicht nach dem harten Gegröle von James Hetfield (Metallica) und Tom Araya (Slayer), sondern viel melodischer. Canedy verkündet, dass Anthrax sich mit ihm „von allen anderen Bands unterscheiden“ würden, und sollte Recht behalten. 

Mit der „Armed & Dangerous“-EP stellen Anthrax ihren neuen Sänger Joey Belladonna zum ersten Mal vor.

Doch die akuten Probleme sind damit nicht gelöst: „Wir hatten nun also einen Sänger, aber der musste erstmal die Songs lernen und verstehen, was bei Anthrax überhaupt abgeht. Musik wie unsere hatte er noch nie im Leben vorher gehört. Also haben wir ein paar Shows an der Ostküste gespielt, damit er ein Gefühl für die Band bekommt. Im März 1985 waren wir wieder zurück im Studio und haben bis zum 30. Juni gebraucht, die Platte endlich, endlich fertigzustellen.“ Vorher erscheint im Februar als erste Visitenkarte des neuen Line-ups die Armed & Dangerous-EP mit dem bis dahin unbekannten Titelsong, einem exklusiven Stück (Raise Hell), einem Sex-Pistols-Cover (God Save The Queen) und zwei Livenummern mit Joey, von denen allgemein angenommen wird, dass sie im Studio entstanden sind. 

Der entscheidende Song fehlt noch

Doch Benante ist noch nicht zufrieden, ihm fehlt an dem Album noch etwas. Zurück in New York City schreibt er den Song A.I.R., schickt ihn ins Studio und besteht darauf, dass dieser unbedingt noch aufgenommen werden müsse. Scott sieht das genauso: „Also haben wir die Drums und alle Verstärker wieder aufgebaut. Das passierte erst im Mai oder Juni 1985. A.I.R. ist der beste Song der Platte, ohne ihn würde Spreading The Disease ganz anders klingen.“ Mehr noch: A.I.R. schlägt mit seinen noch dickeren Riffs und dem großen Refrain die Brücke zum nächsten Album Among The Living.

Spreading The Disease erscheint am 30. Oktober 1985, vorher wird Madhouse als erste Single ausgekoppelt. Allerdings weigert sich MTV, das Video auszustrahlen, weil die Band sich darin angeblich über psychisch Kranke lustig macht. „Wir konnten uns nur am Kopf kratzen, denn wir wollten nur ausdrücken, wie verrückt es im Moshpit zugeht.“

Das zweite erste Album

Insgesamt klingt der Fünfer auf dem Zweitwerk fokussierter und weniger nach klassischem Heavy Metal, stattdessen mehr nach Thrash. Nicht jedes der Stücke von Spreading The Disease taucht dauerhaft in den Setlisten auf, doch mindestens die Megamosh-Granate Gung-Ho bleibt in guter Erinnerung. Anthrax gehen anschließend auf eine Tour mit Black Sabbath, die leider nach vier Shows wegen Stimmprobleme von Sänger Glenn Hughes abgesagt wird. Dafür dürfen unsere Helden mit Overkill und Agent Steel auf die Metal Hammer Roadshow nach Europa, die in der Zeche in Bochum startet.

Alles in allem ist mit Spreading The Disease, das Scott als „die eigentliche erste Platte“ bezeichnet, ein wichtiger Schritt zur Mosh-Weltherrschaft getan. Thrash als Genre explodiert, und Anthrax reiten auf der Welle bis zu dem Album, das sie 1987 endgültig etabliert: Among The Living. Aber das ist mal wieder eine andere Geschichte…

Anthrax bitten zum Tanz: Das Cover der „Madhouse“-Single.

 

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