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Popkultur

Zeitsprung: Am 24.1.1989 schlagen Skid Row mit ihrem Debüt mächtig ein.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 24.1.1989.

von Christof Leim

Zwei Kumpels wollen Rockstars werden und versprechen sich: Wenn einer es schafft, hilft er dem anderen. Als Dave „The Snake“ Sabo 1986 seine neue Band Skid Row aus der Taufe hebt, hat Jon Bon Jovi bereits die Welt erobert – und hält Wort. Er gibt seinem Freund wichtige Anschubhilfe und öffnet die richtigen Türen. Und die Band hat, was nötig ist, um diese Chance zu nutzen: Großartige Songs, die richtigen Leute und Energie bis zum Abwinken. Doch bis das Wirkung zeigt, dauert es eine ganze Weile. Dies ist die Geschichte des ersten Skid Row-Albums.


Hört hier in Skid Row rein:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Der junge Dave Sabo wird dank der Rolling Stones und Aerosmith früh vom Rock’n’Roll infiziert. In der gleichen Straße im Örtchen Sayreville bei New Jersey lebt noch ein anderer Rocker, ein ambitionierter Kerl namens John Bongiovi. Snake ist 20, als der Sandkastenkumpel mit seiner Band Bon Jovi das erste Album veröffentlicht und eine Gold-und-Platin-Karriere startet, wie sie im Buche steht. Dave, den alle nur “The Snake” nennen, spielt sogar mal kurz Gitarre in der Truppe, als das Demo zu Runaway überraschend ein kleiner Hit an der Ostküste wird. Musikalisch passt das aber nicht so richtig; nach dem Freundschaftsdienst muss eine eigene Gruppe her.

1986 trifft Snake im Musikladen, in dem er arbeitet, den Bassisten Rachel Bolan, der damals noch James Southworth heißt. Die beiden verstehen sich blendend und gründen, wie es sich gehört, eine Band. Schnell stellt sich raus, dass sie hervorragend zusammen Songs schreiben können. Snake erklärt im Classic Rock: „Wir haben unterschiedliche musikalische Wurzeln, ich bei Judas Priest und Iron Maiden, Rachel bei den Ramones. Aber unsere Stile ergänzen sich. Es hilft natürlich, dass wir uns immer auf Kiss und Van Halen einigen können.“ Der Bassist schleppt noch einen Gitarrenkumpel namens Scotti Hill an (in echt: Scott Mulvehill), Sabo kennt Drummer Rob Affuso aus einer Rush-Tribute-Band.



Es fehlt allerdings ein Sänger: Mit Matt Fallon hatte Snake schon bei seiner alten Combo Steel Fortune Krach gemacht, zwischenzeitlich sang der Mann mal für eine kurze Weile bei Anthrax, ist aber wieder frei. Mit ihm können Skid Row also loslegen, geprobt wird in der Garage von Bolans Eltern. Wir schreiben das Jahr 1986: Bei Jon Bon Jovi läuft es mittlerweile bestens, die Band steht vor der Veröffentlichung des Megakrachers Slippery When Wet. Und das Versprechen von einst zählt noch. „Es war klar, dass Jon es zuerst schaffen wird“, blickt Snake zurück. „Er kam zu unseren Shows, übte Kritik und gab seine Erfahrungen weiter, was uns sehr geholfen hat.“ Mit Fallon nehmen Skid Row in Bon Jovis Studio in Philadelphia Demos auf, darunter schon spätere Hitsongs wie Youth Gone Wild und 18 And Life. Daneben spielen sie Clubshows, bis die Leute „in New Jersey, New York und Connecticut die Schnauze voll von uns hatten“ (O-Ton Rachel Bolan). Ende 1986 eröffnet die Band sogar zwei Shows auf der monströsen Slippery When Wet-Tour.

Es dauert einige Jahre, bis Skid Row ihr klassisches Line-up zusammen haben

Bon Jovi-Manager Doc McGhee hat mittlerweile ein Auge auf Skid Row geworfen und nimmt den Haufen unter seine Fittiche. Angeblich empfiehlt er auch, Matt Fallon rauszuwerfen, weil dem der nötige Antrieb fehle. Ohnehin scheint es nicht so recht zu passen, also stehen Snake und Rachel 1987 wieder ohne Sänger da. Zwar haben sie zwischenzeitlich mal John Corabi (später bei Mötley Crüe, heute bei The Dead Daisies) auf der Liste, aber monatelang lässt sich der richtige Kandidat nicht finden. Bis ein Bekannter namens Dave Feld sie in Kontakt bringt mit einem blutjungen Vokalisten aus Kanada, der auf der Hochzeit des Fotografen Mark Weiss Led Zeppelin-Songs singt und Kinnladen runterklappen lässt. (Dave Feld ist übrigens auch der Typ, der für Zakk Wylde ein gutes Wort bei Ozzy eingelegt hat. Der Mann hat wohl ein goldenes Telefonbuch.)



Sebastian Bierk heißt der Schreihals, der mit den Bands Kid Wikked und Madam X sogar schon Alben aufgenommen hat. Schnell wird eine Audition in New Jersey vereinbart; für das Flugticket werfen die die Skid Row-Musiker ihre Kohle zusammen. Der Sage nach warten sie angespannt in der Küche von Snakes Mama, während Scotti den Kandidaten vom Flughafen abholt. Als der schließlich den Raum betritt, keine 20 Jahre alt, groß, langhaarig und voller Energie, lauten seine ersten Worte: „Hey Jungs, ich habe einen Dreißig-Zentimeter-Penis!“ Schon bei der ersten Kneipentour am Abend gibt es eine Schlägerei, aber Skid Row haben das fehlende Puzzlestück gefunden. Ihr neuer Sänger zieht nach New Jersey und nennt sich fortan Sebastian Bach.



Ein weiteres Jahr arbeitet das Quartett an der Band, zwischenzeitlich unterschreiben sie einen Vertrag beim Musikverlag von Jon Bon Jovi und seinem Gitarristen Richie Sambora. Das heißt: Die beiden Rockstars verdienen üppig an den Songs von Rachel und Snake mit. Anders formuliert: Sie bekommen einen großen Teil der GEMA-Kohle. Dafür helfen sie den Aufsteigern weiter, wo sie können. Wegen dieses Arrangements sollte es später noch mächtig Streit geben. Die Doc McGhee/Bon Jovi-Verbindung erweist sich generell jedoch als äußerst wertvoll, insbesondere bei der Suche nach einem Plattenvertra. Mehrere große Labels zeigen Interesse, das Rennen macht schließlich der Branchengigant Atlantic (Led Zeppelin, AC/DC) vor Geffen Records (Guns N’ Roses, später Nirvana) und A&M (Extreme, später Soundgarden). Das Songmaterial für das Debütalbum können Sebastian, Snake, Rachel, Scotti und Rob mittlerweile im Schlaf spielen. Deshalb laufen die Aufnahmen mit Dokken- und Alice Cooper-Produzent Michael Wagener im fernen Wisconsin problemlos; angeblich saufen die Musiker dabei nicht mal (so viel).



Das Debütalbum Skid Row erscheint am 24. Januar 1989 mit elf mitreißenden Hard Rock-Songs, hervorragend produziert und hervorragend gespielt. Vor allem der erstklassige Gesang von Bach fällt hier auf, musikalisch bietet die Scheibe eine gute Mischung aus ungestümem Rock’n’Roll, Punk-Dreck und radiotauglicher Eingängigkeit. Selbst wenn die Produktion Dekaden später ein kleines bisschen weniger zeitlos klingt als gewünscht, stehen Skid Row im Zeitalter des Hair Metal damit deutlich näher an Guns N’ Roses als an Poison. Bevor die Platte in den Regalen landen kann, gibt es aber noch ein Problem: Schon Ende der Sechziger hatte Gary Moore eine Blues Rock-Kapelle in Irland namens Skid Row. Deshalb müssen unsere Helden einen fünfstelligen Dollar-Betrag an Moore überweisen; die Rede ist von 35.000$.

Zwei der drei ersten Singles von Skid Row knacken die Top 10

Als erste Single wird Youth Gone Wild ausgekoppelt, ein Stadionrocker mit einem Refrain so groß wie die Brooklyn Bridge. Ein halbes Jahr später, im Juni, kommt 18 And Life, eine Ballade über einen jungen Wilden, der mit dem Gesetz in Konflikt gerät. MTV und Headbanger’s Ball stürzen sich auf das Video, Rockradios spielen das Ding in Dauerschleife. Die Single erreicht Platz vier in den USA und verkauft sich bis September eine halbe Million Mal. Mit I Remember You folgt im November ein Schmachtfetzen, den die Band zunächst gar nicht auf das Album packen wollte. Auch damit erreichen Skid Row die Top Ten. Solche so genannten „Power Ballads“ gehören damals zur Standardausstattung von Rockplatten und bringen verstärkt Mädels zu den Konzerten. Dass Sebastian mit seiner blonden Mähne doch ganz schmuck aussieht, schadet den Verkaufszahlen nicht.



Natürlich gehen Skid Row jetzt erstmal auf Tour: Ganze sechs Monate lang eröffnen sie in Nordamerika 1989 für ihre alten Freunde Bon Jovi auf der gigantischen Konzertreise zu New Jersey. Nicht nur spielen die Newcomer dabei die größten Arenen und Stadien des Landes, sie schieben an freien Tagen sogar eigene Clubshows ein. Im Oktober 1989 geht es noch für 164 Shows ein ganzes Jahr lang mit Aerosmith auf die Straße, die gerade Pump veröffentlich haben. Zwischendurch laden Mötley Crüe zur Dr. Feelgood-Tour durch Europa. Die fünf Debütanten spielen also mit der Königsriege des Hard Rock, schieben sogar eigene Headliner-Dates nach und treten im August 1989 beim legendären Moscow Music Peace Festival auf.

Touren wie die Wahnsinnigen: Scotti Hill und Dave „The Snake“ Sabo 1989 – Pic: Jamie/Wiki Commons

Insgesamt sind Skid Row sage und schreibe 17 Monate unterwegs. Sebastian Bach lacht darüber in seiner Autobiografie: „Wir haben viel üben können.“ Der wahnwitzige Einsatz zahlt sich aus: Nach einem Jahr steht das Debütalbum bei einer Million verkaufter Exemplare in den USA, hält sich drei Monate in den Top 10, und der Zähler läuft weiter. Skid Row gehören jetzt zu den heißen Bands der Stunde. Der Durchbruch ist geschafft.



Allerdings ziehen Wolken im Rock’n’Roll-Paradies auf: Mit Bon Jovi und Sambora gibt es Streit wegen des – je nach Sichtweise unvorteilhaften oder angemessenen – Verlagsvertrages, was erst Jahre später bereinigt wird. Richie zahlt seinen Anteil zurück, Jon nicht, was insbesondere Sebastian sauer aufstößt. Zum Ende der New Jersey-Tour sind die beiden Sänger sogar wegen irgendeines Unsinns fast in einen Faustkampf miteinander geraten, harte Worte wurden öffentlich gesprochen, erst lange danach vertragen sich sie wieder. Allerdings sprechen auch die Sandkastenkumpels Snake und Jon Bon Jovi eine ganze Weile nicht mehr miteinander. Und da gibt es noch die Fehltritte des impulsiven Sebastian Bach: Als ihm jemand ein Glas an den Kopf wirft, schmeißt er es zurück – und verletzt eine junge Frau vor laufenden Kameras. Später trägt er gedankenlos ein Shirt, das ihm ein Fan gegeben hat. Darauf steht: „AIDS kills fags dead“, also „AIDS tötet Schwule“. Das ist so saublöd, dass Bach selbst nur den Kopf schütteln kann und sich ausdrücklich entschuldigt. Unter seinen Kollegen hat er sich mit solchen Aktionen und generellem Hang zu Chaos und Wahnsinn keine Freunde gemacht, vor allem Rachel Bolan hat zusehends die Nase voll. Aber das ist eine andere Geschichte.

1989 verstehen sich die beiden noch gut: Rachel Bolan und Sebastian Bach auf Tour – Pic: Jamie/Wiki Commons

In die Neunziger starten Skid Row jedenfalls mit Macht und einem veritablen Multiplatin-Erfolg, womöglich der letzte eines Genres, das seinen Zenit überschritten hat – selbst wenn Skid Row nie wirklich zu den Glam-Bands der Dekade gehörten. Es gibt viele gute Platten im Hard Rock der Achtziger, aber beileibe nicht alle haben sich so gut gehalten wie Skid Row.



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