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Popkultur

Zeitsprung: Am 18.4.1987 geht „Headbanger’s Ball“ auf Sendung.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 18.4.1987.

von Christof Leim

Liebe Kinder, wir erzählen euch jetzt mal eine Geschichte aus der dunklen Zeit vor Internet und YouTube. Ja, die gab es, und sie ist gar nicht so lange her. Damals konnte man Musikvideos höchstens auf MTV im Fernsehen sehen. Allerdings lief da vor allem Pop, wie sich die älteren Metaller unter uns schmerzlich erinnern dürften.

Aber am 18. April 1987 kommt die Rettung: Headbanger’s Ball! Eine Spezialsendung spät nachts, die fortan jede Woche nur Hard Rock & Metal spielt. Neben den Clips gibts es Interviews, Studiogäste und abgefahrene Reportagen, etwa mit Danzig beim Oktoberfest und Fallschirmspringen mit Megadeth. „The Ball“, wie das Format auch genannt wird, erfreut sich schnell großer Beliebtheit und hat große Bedeutung für das Genre. Denn in den Achtzigern wirkt wenig so nachhaltig wie ein erfolgreiches Musikvideos. Man könnte sogar sagen: Die Präsentation wird so wichtig wie der Inhalt, das Aussehen dominiert die Musik. Das heißt zwar nicht, dass die Songs schlechter waren. Aber vor lauter Poserei und gen Himmel toupierter Haare konnte man das nicht immer so richtig sehen.

Das gilt insbesondere für die härtere Musik: Anfangs lebt Headbanger’s Ball vor allem den Hair Metal aus und spielt die Hard Rock-Helden der Stunde wie Mötley Crüe, Guns N’ Roses, Def Leppard und Whitesnake. Dabei schauen die Verantwortlichen aber tatsächlich über den Tellerrand und wählen auch Songs aus der zweiten Reihe. Im Segment Triple Thrash Treat kommt sogar der ganz harte Stoff, der sonst eigentlich nirgends eine mediale Heimat findet. Die Karrieren einiger Bands, die wir auch hier im Zeitsprung abfeiern, werden von Headbanger’s Ball ordentlich befeuert. Das neue Sendung folgt damit einem Vorläufer namens Heavy Metal Mania, moderiert von Dee Snider (Twisted Sister), das seit Juni 1985 einmal im Monat ausgestrahlt wurde. Der Name Headbanger’s Ball stammt übrigens von einem britischen DJ namens John Brent, der so seine Roadshows durch England nannte.

Als Gastgeber der ersten Folge von Headbanger’s Ball fungieren Lemmy und Philthy von Motörhead, wenig überraschend erzählen die beiden dabei nur Unsinn. Lemmy trägt sogar eine Taucherbrille, weil, nun ja, weil er es kann. Auf dem Programm stehen unter anderem Cinderella, AC/DC, Judas Priest, Accept, W.A.S.P. und Krokus. Komplette Playlisten könnt ihr auf dieser Tribute-Website sehen. In der Folgezeit fungieren immer wieder große Bands der Stunde als Gastgeber, etwa King DiamondAce Frehley und Helloween oder Ronnie James Dio.



Was vielleicht nicht jeder in der Programmdirektion von MTV erwartet hätte: Headbanger’s Ball wird zu einem der erfolgreichsten Formate des Senders und läuft 1988/89 sogar jede Woche für drei Stunden, dazu gibt es eine kurze Variante namens Hard 60 an jedem Werktag. Metal-Fans weltweit entdecken jede Menge neue Musik – vorausgesetzt, sie können MTV empfangen: Ehre und ewige Huldigung sei deshalb noch heute den Kumpels zuteil, die damals über Kabelanschluss und einen VHS-Rekorder verfügten (Hallo Roland!). Als legendär gelten mittlerweile die Episode, in der Guns N’ Roses das Studio zertrümmern, oder die Folge, in der sich Kurt Cobain – im gelben Ballkleid! – als lustloser, passiv-aggressiver Schnösel erweist.



Der bekannteste „Host“ der US-Ausgabe ist Riki Rachtman. In Europa, wo Headbanger’s Ball im Januar 1990 anläuft, moderiert zunächst Kristiane Backer, eine Journalistin aus Hamburg. Sie arbeitet heute als „Fine Arts Consultant“ in London, hält weltweit Vorträge und hat ein Buch über ihren Glaubenswechsel zum Islam geschrieben (From MTV to Mecca). Von 1991-1997 wird die Show präsentiert von Vanessa Warwick, die weiterhin im TV- und Filmgeschäft zu finden ist.



Intro und Jingle jeder Episode stammen aus dem Stück Slaughterhouse von der US-Truppe Powermad, später werden auch Prime Mover von Zodiac Mindwarp, Peace Sells von Megadeth und March Of The S.O.D.  von S.O.D. verwendet.




Mit dem Beginn der Neunziger ändern sich die Vorlieben der Zuschauer, und auch Headbanger’s Ball schwenkt auf Grunge und Alternative um. Damals existieren Soundgarden, Slayer und Skid Row für eine Weile friedlich und lautstark nebeneinander, bevor die Genre-Grabenkämpfe der Szene sich auch im Programm niederschlagen. Vor allem aber spielen MTV im sonstigen Programm ebenfalls die Rockbands der Stunde, so dass Headbanger’s Ball immer mehr an Charakter verliert.

Im Januar 1995 dann zieht MTV nach acht Jahren ohne jede Vorwarnung den Stecker: Rachtman erhält angeblich nur die Mitteilung, er müsse nicht mehr zur Arbeit erscheinen. In Europa läuft der „Ball“ noch bis 1997 weiter, dann ist auch da Schluss.

MTV versucht sich in der Folgezeit an anderen Formaten für harte Musik, etwa Superock. 2003 kommt es zu einer Neuauflage von Headbanger’s Ball, zwischenzeitlich moderiert von Hatebreed-Sänger Jamey Jasta. Heute läuft die Sendung als Webshow mit Jose Mangin auf der Seite von MTV. Die großen Zeiten des Musikfernsehens sind wohl vorbei.


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