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„Nichts zu sagen stellt keine Option dar“: Als die Beatles sich gegen die Segregation stellten

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Beatles
Foto: Getty Images

Wenn Musiktreibende sich heute gegen Rassismus stellen und für politische Veränderung Position beziehen, nehmen wir das dankend an, setzen es vielleicht sogar voraus. Kritische Stimmen werfen dann höchstens ein „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ in den Raum, für großen Wirbel sorgen solche Aktionen jedoch nicht mehr. Dabei gab es durchaus andere Zeiten, wie uns Paul McCartney kürzlich erinnerte.

von Victoria Schaffrath

Vor dem Hintergrund der diesjährigen Black-Lives-Matter-Proteste dachte er auf seinen sozialen Medien an die erste US-Tour der Beatles zurück. Als das Quartett 1964 zu dieser aufbricht, erlebt es einige brenzlige Situationen: Während der Stadion-Termine drohen Fans regelmäßig, die Bühne zu stürmen; teils müssen sie inkognito in Krankenwagen transportiert werden, da man die Limousinen belagert.

„Beatlemania“ für den guten Zweck

Die „British Invasion“ findet jedoch zu einer Zeit statt, während der die Jim-Crow-Gesetze in weiten Teilen des Landes für die Segregation von Schwarzen und Weißen Amerikaner*innen sorgen. Den Rassismus, der in der dortigen Gesellschaft tiefe Wurzeln vorweist, nehmen John, Paul, George und Ringo während der ersten Hälfte der Tour wohl nicht so wahr; sie befinden sich hier meist in Kanada oder den nördlichen US-Bundesstaaten, in denen die Rassentrennung des Publikums nicht üblich ist. Als die Reise jedoch gen Südstaaten geht, erfahren die Vier etwas über das bevorstehende Konzert in Jacksonville, Florida.

„Wir fanden heraus, dass wir vor einem segregierten Publikum spielen sollten“, entsinnt sich Sir Paul in einem Post auf seinen Kanälen. „Das hat sich falsch angefühlt. Wir sagten, dass wir dabei nicht mitmachen und spielten letztlich vor dem ersten dort nicht-getrennten Publikum. Danach haben wir das in unsere Verträge übernommen; das war für uns gesunder Menschenverstand.“

„Menschen nach ihrer Hautfarbe zu trennen, ist dumm. Das machen wir in England auch nicht.

Aus heutiger Sicht erscheint das natürlich selbstverständlich, damals gibt es dafür schlicht keinen Präzedenzfall. Dass eine Band der Presse gegenüber frech wird oder öffentlich Anforderungen stellt, erscheint gänzlich unmöglich; dass die Äußerungen dermaßen politisch ausfallen, grenzt an einen medialen Ehrentod. Missverstehen kann man die Gruppe definitiv nicht: „Wir spielen niemals vor getrenntem Publikum und werden jetzt nicht damit anfangen“, stellt John Lennon schlicht fest, Macca fügt aufrührerisch hinzu: „Menschen nach ihrer Hautfarbe zu trennen, ist dumm. Das machen wir in England auch nicht.“

Nun profitierten die Beatles selbst durchaus von Afro-Amerikanischem Kulturgut, und ihre Entscheidung, sich gegen die Segregation auszusprechen, steht in keinem Vergleich zur Arbeit und Aufopferung der zeitgleich aktiven Menschenrechtler*innen in den USA. Auch McCartney macht deutlich, dass es ihm keinesfalls um angebliche Heldentaten der vier Briten geht, vielmehr betrauert er, dass 60 Jahre später George Floyd und so viele andere dem Rassismus weiter zum Opfer fallen.

„Nichts zu sagen stellt keine Option dar.“

Dennoch brach die Band mit zahlreichen Tabus, was die öffentliche Meinungsbekundung von Stars und ihren Umgang mit der Presse anbelangt. So ebneten die „Fab Four“ immerhin den Weg dafür, dass Musikschaffende heute ihre Plattform für positive Veränderung und Fortschritt nutzen können. Wie Sir Paul sagt: „Nichts zu sagen stellt keine Option dar.“

Zeitsprung: Am 18.8.1964 starten die Beatles zu ihrer ersten US-Tour.

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