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Popkultur

Eine Welt ohne die Beatles? 10 Dinge, die heute anders wären

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Norman Parkinson Archive/Iconic Images/Getty Images

In ihrem Film Yesterday entwerfen Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Richard Curtis ein Szenario, das für die meisten Musikfans unvorstellbar sein dürfte: Nur ein einziger Mensch erinnert sich daran, dass es die Beatles gegeben hat. Seit 11. Juli 2019 läuft der Streifen in den Kinos. Auch wir haben uns gefragt: Wie sähe die Welt ohne den Einfluss von John, Paul, George und Ringo aus?

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die größten Hits der Beatles anhören: 

Ob Musik, Film, Mode oder die Gesellschaft im Allgemeinen: Es lässt sich kaum überschätzen, wie sehr die Beatles die Welt in den Sechzigern umgekrempelt haben. Wo immer es damals eine Konvention gibt, weichen die vier Liverpooler davon ab, prägen die Popkultur wie keine andere Gruppe und werden auch fast fünf Jahrzehnte später noch als wichtiger Einfluss zahlreicher Musikgrößen genannt. Schauen wir uns mal an, wo die „Fab Four“ überall ihre Finger im Spiel hatten.

1. Männer hätten keine langen Haare.

Ob „Mop-Top“ oder „Pilzkopf“: Mit ihrem unkonventionellen Haarschnitt sorgen die Beatles schon zu Beginn ihrer Karriere für Furore. Die Idee dazu stammt von Fotograf Jürgen Vollmer. Paul McCartney erinnert sich im Buch Many Years From Now: „Wir haben einen Typen in Hamburg gesehen, dessen Haar wir mochten. John und ich sind daraufhin per Anhalter nach Paris gefahren und haben ihn gebeten, uns die Haare so zu schneiden, wie er es bei sich getan hatte. Er lebt damals in Paris.“ Zu jener Zeit gehören lange Haare keinesfalls zum Standard der Herrenfrisuren. Die Pioniere werden sogar regelrecht angefeindet. Auch die Beatles müssen sich bei Pressekonferenzen die Frage anhören, ob sie nicht mal zum Friseur gehen möchten. In Ron Howards Dokumentation Eight Days A Week – The Touring Years sieht man, wie George Harrison flapsig antwortet: „Da war ich gestern erst.“


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2. Musiker*innen würden in Interviews immer noch glattgebügelte Antworten geben, mit denen sie ihre Schwiegereltern beeindrucken können.

Was die Beatles unter anderem ausgezeichnet hat, war ihr Interviewverhalten. Wo Stars wie Cliff Richard brav die Fragen aller Reporter beantworten, schießen John, Paul, George und Ringo zurück, wenn es ihnen zu doof wird. So wird John Lennon 1963 zum Beispiel von einem Journalisten darauf hingewiesen, dass Amerikaner die Gruppe aufgrund ihrer Haarschnitte für sehr unamerikanisch hielten. Lennon antwortet darauf: „Nun, das haben sie gut beobachtet. Wir sind ja auch keine Amerikaner.“ 

3. Der erste Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show hätte nie stattgefunden — und keine British Invasion ausgelöst. 

Als die Beatles am 9. Februar 1964 zum ersten Mal in den USA auf Sendung gehen, schalten 73 Millionen Zuschauer ihre Fernsehgeräte ein — knapp 90% der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Dabei handelt es sich nach wie vor um eine der besten Quoten, die in den Staaten je erreicht wurde. Kein Wunder, dass auch zahlreiche Musiker den ersten US-Auftritt der „Fab Four“ mitbekommen und später als wichtigen Einfluss nennen, wie Tom Petty, Gene Simmons von KISS, Joe Perry von Aerosmith, Billy Joel, Nancy Wilson von Heart oder Gary Rossington von Lynyrd Skynyrd. Direkt nachdem die Beatles den Weg geebnet haben, bricht die British Invasion los. Innerhalb kürzester Zeit erobern auch die Rolling Stones, The Who, The Kinks und The Yardbirds das Gebiet hinter dem großen Teich — und geben der Jugend zum ersten Mal eine Stimme, die man nicht überhören kann.

4. Kinofilme mit Musiker*innen wären inhaltsleer und befremdlich. Vielleicht gäbe es auch keine Musikvideos.

Am 6. Juli 1964 veröffentlichen die Beatles ihren ersten Kinofilm A Hard Day’s Night. Wurden Musiker bis dato vor allem als Schauspieler besetzt, um mehr Kinotickets zu verkaufen, gehen John, Paul, George und Ringo einen nie da gewesenen Weg — und spielen sich einfach selbst. Der Streifen zeigt die vier Jungs inmitten des Trubels der „Beatlemania“, fängt den typischen Humor der Liverpooler ein und gewährt auch denjenigen Fans einen authentischen Blick auf ihre Lieblinge, die bis dato keine Konzerttickets ergattern konnten. 1965 legen die Briten mit Help! ihren ersten Farbfilm nach, 1967 folgt Magical Mystery Tour. Letzterer besticht zwar weder durch eine herausragende Handlung noch durch einen logischen roten Faden, setzt aber Maßstäbe, was die Entwicklung des Musikvideos betrifft. Ein Jahr später läuft Yellow Submarine an, der zwar grafische Grenzen überschreitet und in jedes gut sortierte Filmregal gehört, von den vier Beatles aber letztlich nur abgenickt wird. 

5. In den Stadien der USA hätte es die Segregation länger gegeben.

Am 11. September 1964 sollen die Beatles im Gator Bowl in Jacksonville auftreten — vor einem nach „Rassen“ getrennten Publikum. Doch dabei machen die vier Musiker nicht mit, damals eine absolut mutige und bahnbrechende Entscheidung. „Wir spielen niemals vor getrenntem Publikum und werden jetzt nicht damit anfangen“, gibt John Lennon zu Protokoll. Auch Paul McCartney äußert sich: „Menschen nach ihrer Hautfarbe zu trennen, ist dumm. Das machen wir in England auch nicht.“ John, Paul, George und Ringo weigern sich beharrlich, das Konzert zu geben. Schließlich gibt der Veranstalter der Band schriftlich, dass es keine Rassentrennung geben wird, und die Show findet wie geplant statt. Im Anschluss an den Vorfall verabschieden sich auch andere Stadionbetreiber von der Segregation.

6. Musiker*innen würden nicht in Stadien auftreten.

1965 hat die „Beatlemania“ so groteske Züge angenommen, dass Manager Brian Epstein darum gebeten wird, die Beatles nur noch in große Stadien zu buchen statt in kleine Hallen. Das Problem dort: Selbst wenn nur 5.000 Tickets zum Verkauf angeboten werden, fürchten die Verantwortlichen, dass 50.000 weitere Fans beim Veranstaltungsort auftauchen — und randalieren. Also spielen die „Fab Four“ die erste Stadiontour der Geschichte. Den Gipfel bildet die Show im New Yorker Shea Stadium vor mehr als 55.000 Zuschauern. In der Arena gibt es zu jener Zeit noch nicht einmal eine PA-Anlage. Stattdessen spielen John, Paul, George und Ringo über die Stadionlautsprecher, über die üblicherweise durchgesagt wird, welcher Spieler gerade einen Homerun geworfen hat.

7. Alben wären keine eigene Kunstform, sondern Ansammlungen von Songs.

Am 3. Dezember 1965  veröffentlichen die Beatles ihr sechstes Album Rubber Soul. Während der Aufnahmen vom 12. Oktober bis zum 11. November desselben Jahres können die vier Musiker zum ersten Mal in Ruhe eine Platte aufnehmen, ohne dabei von Tourterminen unterbrochen zu werden. Sie experimentieren mit der indischen Sitar, nutzen Bassverzerrer, und auch das Songwriting fällt deutlich progressiver aus als vorher. Zum ersten Mal in der Popmusik versteht eine Band ein Album als Gesamtkunstwerk, nicht als Liedersammlung. Doch der ganz große Wurf soll noch folgen.

Hier könnt ihr Rubber Soul genießen:

8. Das wohl wichtigste Musikalbum aller Zeiten wäre uns vorenthalten geblieben.

Nach Revolver (1966), das unter anderem den bahnbrechenden Song Tomorrow Never Knows enthält, veröffentlichen die Beatles am 26. Mai 1967 das Album, dass die Musikgeschichte für immer verändern soll: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Vor den Aufnahmen haben John, Paul, George und Ringo gerade erst beschlossen, dass sie nicht mehr auf Tour gehen möchten. Zu anstrengend finden sie die Umstände, zu laut das Gekreische ihrer Fans. Stattdessen verschanzen sich die Musiker im Studio und reden sich ein, sie seien nicht die Beatles, sondern eine völlig andere Band. Auf diesem Nährboden entstehen zum ersten Mal Songs, bei deren Komposition den Briten klar sein kann, dass sie sie niemals live spielen müssen. Tatkräftig beteiligt: Produzent George Martin und Toningenieur Geoff Emerick. Die beiden helfen der Band dabei, das Studio als Instrument zu verstehen und hebeln gemeinsam mit den Musikern alle Regeln der Musikaufnahme aus. 

Musikgeschichte zum Nachhören:

9. Es gäbe keinen Heavy Metal.

Als Paul McCartney im britischen Melody Maker liest, dass The Who behaupten, mit I Can See For Miles den lautesten und härtesten Rocksong aller Zeiten geschrieben zu haben, kann er das natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Er beschließt, dass der lauteste und härteste Song von niemand anderem kommen darf als von den Beatles — und schreibt Helter Skelter. Als The Who den Song gehört haben, dürften sie vor Neid erblasst sein: McCartney schreit sich am Mikro die Seele aus dem Leib, Schlagzeuger Ringo Starr zerlegt nach Herzenslust sein Drumkit, und die Gitarren klingen so verzerrt, dass man nur zu einem Schluss kommen kann: Mit diesem Song haben die Beatles den Weg für Heavy Metal geebnet. 

10. Liverpool wäre nicht das Reiseziel tausender Musikbekloppter.

Bis heute möchten Rockfans weltweit wissen, wie der Nährboden ihrer Lieblingsmusik aussieht. Wo der Suche hinführt, ist klar: Liverpool. Die vom Krieg zerschundene Stadt prägt die Beatles maßgeblich, von 1961 bis 1963 treten die vier Musiker regelmäßig im hiesigen Cavern Club auf. Seit seiner Renovierung zieht der Konzertschuppen jährlich mehrere Zehntausend Besucher an, genau wie das The Beatles Story Museum. Laut einem aktuellen Bericht sorgt die Geschichte der Beatles dafür, dass jährlich 81 Millionen Britische Pfund in die Stadt fließen und sichert mehr als 2.300 Jobs.

Eine der frühesten Spielwiesen der Beatles: der Cavern Club in Liverpool – Pic: spaztacular [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

Alles nur Zufall?

Nein. Dem Erfolg der Beatles liegt eine ganz besondere Chemie zugrunde. Was die vier Briten geleistet haben, lässt sich nicht damit erklären, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Klar, hätte es die Beatles nicht gegeben, hätten sicher auch andere Bands zahlreiche Nummer-Eins-Hits landen können. Es brauchte aber die Charaktere John, Paul, George und Ringo, ihre Biografien, ihre unverblümte Art, ihre künstlerische Unersättlichkeit und den daraus resultierenden Sound, um die Welt für immer zu verändern. Schön, dass es die Beatles gegeben hat.

Die „Fab Four“ 1967 – Pic: John Pratt/Keystone/Getty Images

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