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Popkultur

Eine Welt ohne die Beatles? 10 Dinge, die heute anders wären

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Norman Parkinson Archive/Iconic Images/Getty Images

In ihrem Film Yesterday entwerfen Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Richard Curtis ein Szenario, das für die meisten Musikfans unvorstellbar sein dürfte: Nur ein einziger Mensch erinnert sich daran, dass es die Beatles gegeben hat. Auch wir haben uns gefragt: Wie sähe die Welt ohne den Einfluss von John, Paul, George und Ringo aus?

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die größten Hits der Beatles anhören: 

Ob Musik, Film, Mode oder die Gesellschaft im Allgemeinen: Es lässt sich kaum überschätzen, wie sehr die Beatles die Welt in den Sechzigern umgekrempelt haben. Wo immer es damals eine Konvention gibt, weichen die vier Liverpooler davon ab, prägen die Popkultur wie keine andere Gruppe und werden auch fast fünf Jahrzehnte später noch als wichtiger Einfluss zahlreicher Musikgrößen genannt. Schauen wir uns mal an, wo die „Fab Four“ überall ihre Finger im Spiel hatten.

1. Männer hätten keine langen Haare.

Ob „Mop-Top“ oder „Pilzkopf“: Mit ihrem unkonventionellen Haarschnitt sorgen die Beatles schon zu Beginn ihrer Karriere für Furore. Die Idee dazu stammt von Fotograf Jürgen Vollmer. Paul McCartney erinnert sich im Buch Many Years From Now: „Wir haben einen Typen in Hamburg gesehen, dessen Haar wir mochten. John und ich sind daraufhin per Anhalter nach Paris gefahren und haben ihn gebeten, uns die Haare so zu schneiden, wie er es bei sich getan hatte. Er lebt damals in Paris.“ Zu jener Zeit gehören lange Haare keinesfalls zum Standard der Herrenfrisuren. Die Pioniere werden sogar regelrecht angefeindet. Auch die Beatles müssen sich bei Pressekonferenzen die Frage anhören, ob sie nicht mal zum Friseur gehen möchten. In Ron Howards Dokumentation Eight Days A Week – The Touring Years sieht man, wie George Harrison flapsig antwortet: „Da war ich gestern erst.“

2. Musiker*innen würden in Interviews immer noch glattgebügelte Antworten geben, mit denen sie ihre Schwiegereltern beeindrucken können.

Was die Beatles unter anderem ausgezeichnet hat, war ihr Interviewverhalten. Wo Stars wie Cliff Richard brav die Fragen aller Reporter beantworten, schießen John, Paul, George und Ringo zurück, wenn es ihnen zu doof wird. So wird John Lennon 1963 zum Beispiel von einem Journalisten darauf hingewiesen, dass Amerikaner die Gruppe aufgrund ihrer Haarschnitte für sehr unamerikanisch hielten. Lennon antwortet darauf: „Nun, das haben sie gut beobachtet. Wir sind ja auch keine Amerikaner.“ 

3. Der erste Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show hätte nie stattgefunden — und keine British Invasion ausgelöst. 

Als die Beatles am 9. Februar 1964 zum ersten Mal in den USA auf Sendung gehen, schalten 73 Millionen Zuschauer ihre Fernsehgeräte ein — knapp 90% der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Dabei handelt es sich nach wie vor um eine der besten Quoten, die in den Staaten je erreicht wurde. Kein Wunder, dass auch zahlreiche Musiker den ersten US-Auftritt der „Fab Four“ mitbekommen und später als wichtigen Einfluss nennen, wie Tom Petty, Gene Simmons von KISS, Joe Perry von Aerosmith, Billy Joel, Nancy Wilson von Heart oder Gary Rossington von Lynyrd Skynyrd. Direkt nachdem die Beatles den Weg geebnet haben, bricht die British Invasion los. Innerhalb kürzester Zeit erobern auch die Rolling Stones, The Who, The Kinks und The Yardbirds das Gebiet hinter dem großen Teich — und geben der Jugend zum ersten Mal eine Stimme, die man nicht überhören kann.

4. Kinofilme mit Musiker*innen wären inhaltsleer und befremdlich. Vielleicht gäbe es auch keine Musikvideos.

Am 6. Juli 1964 veröffentlichen die Beatles ihren ersten Kinofilm A Hard Day’s Night. Wurden Musiker bis dato vor allem als Schauspieler besetzt, um mehr Kinotickets zu verkaufen, gehen John, Paul, George und Ringo einen nie da gewesenen Weg — und spielen sich einfach selbst. Der Streifen zeigt die vier Jungs inmitten des Trubels der „Beatlemania“, fängt den typischen Humor der Liverpooler ein und gewährt auch denjenigen Fans einen authentischen Blick auf ihre Lieblinge, die bis dato keine Konzerttickets ergattern konnten. 1965 legen die Briten mit Help! ihren ersten Farbfilm nach, 1967 folgt Magical Mystery Tour. Letzterer besticht zwar weder durch eine herausragende Handlung noch durch einen logischen roten Faden, setzt aber Maßstäbe, was die Entwicklung des Musikvideos betrifft. Ein Jahr später läuft Yellow Submarine an, der zwar grafische Grenzen überschreitet und in jedes gut sortierte Filmregal gehört, von den vier Beatles aber letztlich nur abgenickt wird. 

5. In den Stadien der USA hätte es die Segregation länger gegeben.

Am 11. September 1964 sollen die Beatles im Gator Bowl in Jacksonville auftreten — vor einem nach „Rassen“ getrennten Publikum. Doch dabei machen die vier Musiker nicht mit, damals eine absolut mutige und bahnbrechende Entscheidung. „Wir spielen niemals vor getrenntem Publikum und werden jetzt nicht damit anfangen“, gibt John Lennon zu Protokoll. Auch Paul McCartney äußert sich: „Menschen nach ihrer Hautfarbe zu trennen, ist dumm. Das machen wir in England auch nicht.“ John, Paul, George und Ringo weigern sich beharrlich, das Konzert zu geben. Schließlich gibt der Veranstalter der Band schriftlich, dass es keine Rassentrennung geben wird, und die Show findet wie geplant statt. Im Anschluss an den Vorfall verabschieden sich auch andere Stadionbetreiber von der Segregation.

6. Musiker*innen würden nicht in Stadien auftreten.

1965 hat die „Beatlemania“ so groteske Züge angenommen, dass Manager Brian Epstein darum gebeten wird, die Beatles nur noch in große Stadien zu buchen statt in kleine Hallen. Das Problem dort: Selbst wenn nur 5.000 Tickets zum Verkauf angeboten werden, fürchten die Verantwortlichen, dass 50.000 weitere Fans beim Veranstaltungsort auftauchen — und randalieren. Also spielen die „Fab Four“ die erste Stadiontour der Geschichte. Den Gipfel bildet die Show im New Yorker Shea Stadium vor mehr als 55.000 Zuschauern. In der Arena gibt es zu jener Zeit noch nicht einmal eine PA-Anlage. Stattdessen spielen John, Paul, George und Ringo über die Stadionlautsprecher, über die üblicherweise durchgesagt wird, welcher Spieler gerade einen Homerun geworfen hat.

7. Alben wären keine eigene Kunstform, sondern Ansammlungen von Songs.

Am 3. Dezember 1965  veröffentlichen die Beatles ihr sechstes Album Rubber Soul. Während der Aufnahmen vom 12. Oktober bis zum 11. November desselben Jahres können die vier Musiker zum ersten Mal in Ruhe eine Platte aufnehmen, ohne dabei von Tourterminen unterbrochen zu werden. Sie experimentieren mit der indischen Sitar, nutzen Bassverzerrer, und auch das Songwriting fällt deutlich progressiver aus als vorher. Zum ersten Mal in der Popmusik versteht eine Band ein Album als Gesamtkunstwerk, nicht als Liedersammlung. Doch der ganz große Wurf soll noch folgen.

Hier könnt ihr Rubber Soul genießen:

8. Das wohl wichtigste Musikalbum aller Zeiten wäre uns vorenthalten geblieben.

Nach Revolver (1966), das unter anderem den bahnbrechenden Song Tomorrow Never Knows enthält, veröffentlichen die Beatles am 26. Mai 1967 das Album, dass die Musikgeschichte für immer verändern soll: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Vor den Aufnahmen haben John, Paul, George und Ringo gerade erst beschlossen, dass sie nicht mehr auf Tour gehen möchten. Zu anstrengend finden sie die Umstände, zu laut das Gekreische ihrer Fans. Stattdessen verschanzen sich die Musiker im Studio und reden sich ein, sie seien nicht die Beatles, sondern eine völlig andere Band. Auf diesem Nährboden entstehen zum ersten Mal Songs, bei deren Komposition den Briten klar sein kann, dass sie sie niemals live spielen müssen. Tatkräftig beteiligt: Produzent George Martin und Toningenieur Geoff Emerick. Die beiden helfen der Band dabei, das Studio als Instrument zu verstehen und hebeln gemeinsam mit den Musikern alle Regeln der Musikaufnahme aus. 

Musikgeschichte zum Nachhören:

9. Es gäbe keinen Heavy Metal.

Als Paul McCartney im britischen Melody Maker liest, dass The Who behaupten, mit I Can See For Miles den lautesten und härtesten Rocksong aller Zeiten geschrieben zu haben, kann er das natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Er beschließt, dass der lauteste und härteste Song von niemand anderem kommen darf als von den Beatles — und schreibt Helter Skelter. Als The Who den Song gehört haben, dürften sie vor Neid erblasst sein: McCartney schreit sich am Mikro die Seele aus dem Leib, Schlagzeuger Ringo Starr zerlegt nach Herzenslust sein Drumkit, und die Gitarren klingen so verzerrt, dass man nur zu einem Schluss kommen kann: Mit diesem Song haben die Beatles den Weg für Heavy Metal geebnet. 

10. Liverpool wäre nicht das Reiseziel tausender Musikbekloppter.

Bis heute möchten Rockfans weltweit wissen, wie der Nährboden ihrer Lieblingsmusik aussieht. Wo der Suche hinführt, ist klar: Liverpool. Die vom Krieg zerschundene Stadt prägt die Beatles maßgeblich, von 1961 bis 1963 treten die vier Musiker regelmäßig im hiesigen Cavern Club auf. Seit seiner Renovierung zieht der Konzertschuppen jährlich mehrere Zehntausend Besucher an, genau wie das The Beatles Story Museum. Laut einem aktuellen Bericht sorgt die Geschichte der Beatles dafür, dass jährlich 81 Millionen Britische Pfund in die Stadt fließen und sichert mehr als 2.300 Jobs.

Eine der frühesten Spielwiesen der Beatles: der Cavern Club in Liverpool – Pic: spaztacular [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

Alles nur Zufall?

Nein. Dem Erfolg der Beatles liegt eine ganz besondere Chemie zugrunde. Was die vier Briten geleistet haben, lässt sich nicht damit erklären, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Klar, hätte es die Beatles nicht gegeben, hätten sicher auch andere Bands zahlreiche Nummer-Eins-Hits landen können. Es brauchte aber die Charaktere John, Paul, George und Ringo, ihre Biografien, ihre unverblümte Art, ihre künstlerische Unersättlichkeit und den daraus resultierenden Sound, um die Welt für immer zu verändern. Schön, dass es die Beatles gegeben hat.

Die „Fab Four“ 1967 – Pic: John Pratt/Keystone/Getty Images

Ist der Beatles-Klassiker „Yesterday“ der beste Song, der je geschrieben wurde?

Popkultur

„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

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The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

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Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

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Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

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40 Jahre Depeche Mode: Wie aus The-Cure-Fans Weltstars wurden

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Popkultur

Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

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Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

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