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Popkultur

Die versuchte Bandrettung: „Let It Be“ von The Beatles wird 50

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Beatles Let It Be

Mit Let It Be wollte McCartney die Beatles wieder zurück zu den Wurzeln führen, und damit die Band retten. Wir blicken zum 50. Geburtstag des Longplayers auf seine Geschichte – und darauf, wie er sich heute anhört.

von Markus Brandstetter

Hört hier das letzte Beatles-Album Let It Be:

Get back / Get back to where you once belonged“ – das wollte zumindest Paul McCartney mit dem Longplayer Let It Be (Arbeitstitel: Get Back) erreichen. Die Rückkehr zu den Wurzeln sollte keine leichte werden. Eigentlich kann man sogar behaupten, sie scheiterte fulminant – nicht musikalisch, dafür strategisch und menschlich.

Als die Beatles die Aufnahmen zu Let It Be beginnen, haben sie sich schon voneinander entfremdet. Der Teamgeist von früher ist längst passé, jeder der Musiker konzentriert sich auf Aktivitäten außerhalb der Band, und das einst magnetische Songschreiber-Duo Lennon/McCartney hat sich auseinandergelebt. Die Beatles stehen aber nicht nur menschlich, sondern auch geschäftlich ziemlich zerrissen und orientierungslos da: Ihr Manager Brian Epstein war kurz zuvor verstorben, nun mussten sie sich selbst ums Geschäft kümmern. Einigkeit herrschte auch in diesen Angelegenheiten mitnichten, wie der Streit ums Management zwischen McCartney und dem Rest der Band zeigt.

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Back to the roots

Wie also weiter verfahren? Angeregt von McCartney macht man Pläne. Pläne, die sich immer wieder ändern. Irgendwas vor Publikum soll es sein – Live-Proben, eine Fernsehshow mit einem epochalen Abschiedskonzert. Zunächst dachte man an alte Songs, dann sollten es doch neue Songs sein. Wichtig: ohne Overdubs. Die Band geht schließlich in die Twickenham Film Studios in London – mit Michael Lindsay-Hogg als Regisseur und George Martin und Glyn Johns als Produzenten. Martin soll die Produktion überblicken, hat allerdings längst nicht mehr alle kreativen Freiheiten.

Großen Spaß macht die Sache weder den Produzenten noch der Band. Der Tiefpunkt ist erreicht, als George Harrison die Arbeiten abbricht und die Band verlässt. Doch kommt er nach Beschwichtigungsversuchen wieder zurück und bringt Billy Preston mit, der irgendwie für ein beruhigendes Element sorgt. Es scheint kurz, als würde sich alles zum Guten wenden, alles entspannt sich ein wenig: Die Idee mit der Fernsehshow wird gekippt, man entscheidet, einen Dokumentationsfilm zu drehen. Dafür braucht man die Twickenham Film Studios nicht mehr, man zieht ins eigene Apple-Studio. Die Aufnahmen gehen einigermaßen gut voran. Im Zuge der Aufnahmen bäumen sich die Beatles auch zu einem letzten Konzert auf – auf dem Dach des Apple-Gebäudes. Sie schreiben damit Geschichte.

Sie waren noch nicht fertig.

Irgendwann ist die Band mit den Aufnahmen fertig – allerdings auch nur die Band. Glyn Johns wird beauftragt, aus dem vorhandenen Material einen Longplayer zu machen. Leicht ist das nicht – denn Aufnahmen gibt es genug, aber die sind teils unfertig, fragmentarisch – es muss ein roter Faden her und der ergibt sich nicht so wirklich. Johns fertigt zwei Versionen, keine davon wird genommen.

Dann kommt Phil.

Dann kommt Phil Spector. Während Johns auf reduzierte Versionen setzte, macht Spector das genaue Gegenteil. Er errichtet seine berühmte Wall of Sound, baut opulente Arrangements ein, bringt Chöre ins Spiel. Zu dem Zeitpunkt, als Spector das tut, gibt es die Beatles schon nicht mehr. Lennon verkündet kurz nach Unterzeichnung eines neuen Vertrags seinen Ausstieg. Dass Spector verpflichtet wird, entscheiden Harrison, Lennon und Allen Klein – jener Mann, der gegen McCartneys Willen das Management der Band übernommen hatte. In der Zwischenzeit haben die Beatles bereits ihr Album Abbey Road eingespielt und veröffentlicht.

Apropos Abbey Road: Genau dort vollendet Spector auch das Album. Let It Be erscheint am 8. Mai 1970 in Großbritannien und Deutschland, in den USA kommt es zehn Tage später auf den Markt. Der Rest ist Geschichte – eine Geschichte, von der nicht alle begeistert sind. McCartney mag das Album ebenso wenig wie Glyn Johns und George Martin, Ringo hingegen gefällt’s – Lennon erklärt sogar, Spector hätte aus einem Haufen Müll ein gutes Album gemacht. Noch dazu gibt es einen Streit zwischen McCartney und dem Rest der Band – denn Pauls Kollegen wollen ihn dazu bringen, sein Soloalbum erst später zu veröffentlichen, damit es nicht mit dem Releasetermin von Let It Be kollidiert.

Let It Be heute

Versucht man, Let It Be aus dem historischen Kontext zu lösen, nicht an die zerrütteten Verhältnisse der Beatles zu denken, bleibt eine bemerkenswerte Platte übrig. Let It Be wird nicht von allen zu den Meisterwerken der Band gezählt, aber es enthält auf jeden Fall phänomenale Stücke: Lennons ätherisches Across The Universe, McCartneys Über-Ballade Let It Be, das wunderbare Two Of Us, das Stück Get Back, nachdem eigentlich die Platte benannt werden hätte sollen. Natürlich: Spectors Arrangements widersprachen dem ursprünglichen Gedanken der Reduktion vehement – am deutlichsten hört man dies bei dem übermäßig opulent arrangierten The Long And Winding Road. McCartney hasste Spectors Arrangement, wollte es unbedingt ändern. Seine Bemühungen waren vergebens. Let It Be hat grandiose Songs – die Radikalität, Kohärenz und Innovation der Produktion fehlt hier aber etwas. Es sollte der Schwanengesang der größten Band aller Zeiten werden. Ein Abschiedsgeschenk. Ein Abgesang mit vielen Klassikern – und einem Gefühl der Desillusioniertheit.

Nicht nur zum 50. Jubiläum lohnt es sich außerdem, auch den Film anzusehen. Der wurde ebenfalls erst nach der Trennung veröffentlicht – und brachte den Beatles den Oscar für die beste Filmmusik ein. Entgegennehmen wollte man diesen allerdings nicht selbst – das tat Quincy Jones für die Band.

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