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Popkultur

Zeitsprung: Am 15.8.1965 drehen alle durch, als die Beatles im Shea Stadium spielen.

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Neue Dimensionen: Die Beatles vor 55.600 kreischenden Fans im Shea Stadium - Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.8.1965.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

55.600 Fans, 2.000 Sicherheitsleute und 304.000 Dollar Umsatz: Als die Beatles am 15. August 1965 mit einem Konzert im New Yorker Shea Stadium ihre zweite US-Tour beginnen, setzen sie Maßstäbe. Dieses erste richtige Stadion-Konzert verändert das Tour-Geschäft, und Meryl Streep darf zusehen. 

Hört euch hier das Album Help! an, das wenige Tage vor Tourbeginn erscheint: 

An diesem Abend spielen die Beatles nicht zum ersten Mal in den USA: Das außerordentliche Quartett durfte die Staaten bereits ein Jahr zuvor beglücken, da trat es in der Ed Sullivan-Show auf und löste so eine der größten popkulturellen Sensationen der Geschichte aus, nämlich die „Beatlemania“. Die Höhen und Tiefen dieses Erfolgs drücken die Musikrevoluzzer auf Help! aus. Das Album möchte man wiederum mit einer Tour bewerben, und natürlich muss man bei der Rückkehr in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Regler auf 11 stellen und ein paar Rekorde brechen.

„Beatlemania“ hoch zehn

Die unfassbare Popularität der Liverpooler erlaubt Manager Brian Epstein nicht nur eine höchst effiziente Pressearbeit, sondern verleitet Promoter Sid Bernstein zum Geniestreich: Auch wenn Epstein zweifelt, beharrt der Organisator der vorigen US-Tour, er könne das Stadion der New York Mets ausverkaufen. Er ist sich seiner Sache so sicher, dass er dem Briten angeblich zehn Dollar aus eigener Tasche für jedes unverkaufte Ticket verspricht. Der Mann darf sein Geld behalten; alle Karten verkaufen sich mühelos.

Logistisch stellt es jedoch eine ziemliche Herausforderung dar, das Vierergespann an Presse und kreischender Meute vorbeizubringen. Zu diesem Zwecke zäunt man die Menge erstmal ein. Dann fliegt man die Band per Helikopter zu einem nahestehenden Gebäude, von wo aus es in einem gepanzerten Fahrzeug inkognito direkt auf das Spielfeld des Stadions geht. Die kleine Reise zeichnet übrigens das Team von Ed Sullivan auf, der die Superstars dann auch ankündigt: „Und jetzt, Ladies und Gentlemen, von ihrem Land verehrt, von ihrer Queen ausgezeichnet, von Amerika geliebt, hier sind die Beatles!“

Atemberaubendes Geschrei

Zuvor hatten schon Brenda Holloway, die King Curtis Band, Cannibal & The Headhunters, Sounds Incorporated und die Young Rascals aufgespielt; doch das Geschrei für John, Paul, George und Ringo fällt ohrenbetäubend aus. Die von Vox spezialangefertigte Anlage kann da nicht mithalten, und die Gruppe muss auf die Haustechnik umsteigen. Dass die Kombo den Takt hält, obwohl sie sich selbst und gegenseitig kaum hören? Pures Glück. Ringo orientiert sich angeblich an den Hintern seiner Bandkollegen, um nicht aus dem Rhythmus zu kommen. Das Geschrei ist unfassbar.

Der Abstand zum Publikum irritiert Starr zudem besonders: „Klar, es war das erste Mal, dass wir für abertausende Leute spielten, und wir waren die erste Band, die das überhaupt machte. Aber irgendwie ging das gegen alles, was wir uns vorgenommen hatten – nämliche zu unterhalten und ganz nah bei den Menschen zu sein.“

Mick Jagger, Keith Richards, Meryl Streep

Was keiner der Pilzköpfe ahnt: Im Publikum befinden sich mehrere nennenswerte Fans. Neben Linda Eastman und Barbara Bach, die später Paul und Ringo ehelichen sollten, schaut sich auch Schauspiellegende Meryl Streep das geschichtsträchtige Konzert an: „Ich weiß noch, wie diese vier Jungs über den Rasen auf die Bühne rannten. Ich hatte ein kleines Schild, auf dem ‚Ich liebe dich für immer, Paul‘ stand. Ich denke nicht, dass er es gesehen hat“, erzählt sie, als sie Paul McCartney 1990 den Grammy für sein Lebenswerk überreicht. Mick Jagger und Keith Richards lassen sich ebenfalls blicken.

Die Setlist, die die Gruppe während dem Rest der Tour beibehält, erweist sich als Volltreffer. Nur zwölf Songs enthält das 30-minütige Set, doch die haben es in sich: Twist And Shout, She’s A Woman, I Feel Fine, Dizzy Miss Lizzy, Ticket To Ride, Everybody’s Trying To Be My Baby, Can’t Buy Me Love, Baby’s In Black, Act Naturally, A Hard Day’s Night, Help! und I’m Down versetzen Fans und Musiker gleichermaßen in Ekstase. 

„Der Gipfel des Berges“

John Lennon kann sich, ganz typisch, natürlich die ein oder andere Blödelei nicht verkneifen. Im letzten Song I’m Down spielt er Orgel – und zwar mit dem Ellbogen. „Ich nahm dann noch den Fuß dazu, und George konnte vor lauter Lachen nicht mehr spielen. Ich habe zum ersten Mal auf der Bühne die Orgel bedient und kam mir ohne Gitarre nackt vor, also habe ich einen auf Jerry Lee gemacht, bin viel rumgesprungen und habe insgesamt vielleicht zwei Takte gespielt.“

Bei dem Witzbold hinterlässt die Nacht jedoch bleibende Spuren. „Ich habe an diesem Abend den Gipfel des Berges gesehen“, gesteht er Jahre später gegenüber Bernstein. In der Doku Anthology beschreibt er dieses unvergessliche Gefühl: „Es bleibt dabei: Da oben beim Mikrofon, da versuchst du nicht, dem ganzen einen Sinn zu entlocken, du vergisst einfach, wer du bist. Wenn du das Kabel einsteckst und die ersten Töne erklingen, dann seid ihr wieder irgendeine Gruppe, die irgendwo spielt. Du vergisst, dass ihr die Beatles seid oder wie eure Platten heißen, du singst einfach.“

Musik, Mode, Marke

Das Konzert ist das bis dato größte seiner Art und reißt sämtliche Rekorde ein, was wohl auch die schiere Anzahl an kollabierten Gästen erklärt. Zwar galt der Stil der Jungs schon vorher als „en vogue“, spätestens jetzt aber nehmen die Vier gehörig Einfluss auf die Modewelt. Kurzum: Es gibt kein Entkommen vor der Marke „Beatles“, was sich für die Gruppe als Fluch und Segen zugleich erweisen soll. Wenig später formen die Käfer aus den Eindrücken, die unter anderem am 15. August 1965 im Shea Stadium entstehen, das wunderbare und experimentelle Album Rubber Soul. 2016 erscheinen in der Dokumentation The Beatles: Eight Days A Week bis dahin ungesehene Archivaufnahmen der Konzertvorbereitungen und des Auftritts selbst.

Zeitsprung: Am 18.8.1964 starten die Beatles zu ihrer ersten US-Tour.

 

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