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Popkultur

Zeitsprung: Am 19.10.1970 veröffentlicht Bob Dylan „New Morning“, ein Übergangsalbum.

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Bob Dylan, „New Morning“, 1970

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 19.10.1970.

von Jürgen Ehneß und Christof Leim

Rückblickend geht New Morning als „Übergangsplatte“ in Bob Dylans Gesamtwerk durch. Doch als es am 19. Oktober 1970 veröffentlicht wird, bedeutet es vor allem eine gehörige Portion Balsam für die geschundenen Seelen der Fans, die nach schwierigen Werken des Meisters endlich wieder an das Gute glauben dürfen.

Hier könnt ihr ins Album hineinhören:

Die Entstehung und Veröffentlichung von New Morning fällt zeitlich genau in die Mitte von Dylans unbestritten wichtigsten und qualitativ ergiebigsten Schaffensperioden. Zum einen sind das die Jahre 1965/66, also die Phase, in welcher der vormalige Folkbarde „elektrisch“ wird und Bringing It All Back Home, Highway 61 Revisited und das Doppelalbum Blonde on Blonde herausbringt. Zum anderen der Zeitraum 1974/75 mit einer grandiosen Comeback-Tournee, dem Überalbum Blood On The Tracks und der sagenumwobenen „Rolling Thunder Revue“. 

Country statt Folkrock

Die Jahre zwischen diesen künstlerischen Höhepunkten zeigen im Rückblick einen zerrissenen Dylan, dessen Privatleben sich turbulent gestaltet (1969 Geburt seines ältesten Sohnes Jakob, dann Trennung von seiner Frau Sara) und der sich musikalisch auf einem Schlingerkurs befindet. 

Bob Dylan im August 1969 auf dem „Isle of Wight Festival“ – Foto: Jeffrey Mayer/WireImage/Getty Images

Nach einem Motorradunfall Ende Juli 1966 taucht der Folkrock-Barde zunächst unter und präsentiert sich anschließend der Öffentlichkeit in völlig neuem Gewand: Die Studioalben Nummer acht und neun – John Wesley Harding (Dezember 1967) und in noch höherem Maße Nashville Skyline (April 1969) – bestehen aus Country-Songs. Das bedeutet eine deutliche Abkehr von der bisherigen musikalischen und textlichen Linie – und ist ein gezielter Schlag ins Gesicht der Fans. Untermauert wird diese Provokation zudem durch die völlig veränderte Stimmfarbe des Singer-Songwriters, die nun ihre nölige Note verloren hat und in Crooner-Sphären vorstößt. 

Doch Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht noch einen draufsetzen würde: 14 Monate nach Nashville Skyline erscheint im Juni 1970 sein zweites Doppelalbum mit dem programmatischen Namen Self Portrait, das neben zwei neuen und einigen Livesongs hauptsächlich Coverversionen enthält, teils schlampig arrangiert, teils dubios instrumentiert und fast durchgängig unterirdisch. 

Durchgeknallt?

Fans wie Kritiker fragen sich zu Recht, ob die unausgegorene Mixtur tatsächlich das neue Selbstverständnis des Künstlers widerspiegeln könne – und ob dieser nun endgültig übergeschnappt sei. Die Albumkritik im Rolling Stone beginnt entsprechend mit der durchaus ernstgemeinten Frage: „What is this shit?“

Der Täter selbst kommentiert die krude Zusammenstellung in seiner 2004 erschienenen Autobiografie Chronicles: „Ich stellte ein Doppelalbum zusammen, indem ich alles, was mir einfiel, an die Wand warf und das veröffentlichte, was kleben blieb. Dann kratzte ich alles zusammen, was heruntergefallen war, und schob es hinterher.“ Auch wenn „Dylankundige“ die Doppel-LP mittlerweile zu rehabilitieren versucht haben und die Sammlung Another Self Portrait (2013) aus der Bootleg Series ein neues Licht auf die Aufnahmen wirft, bleibt sie vor allem eines: misslungen.

Schluss mit lustig

Die Veröffentlichung von New Morning nur viereinhalb Monate nach diesem Allzeit-Tiefpunkt in Dylans Werk wirkt wie eine Erlösung: Die Country-Anklänge der vergangenen Jahre sind noch hörbar, doch die Stimme des Meisters orientiert sich wieder mehr an den Songs vor dem 1966er-Motorradunfall. Insbesondere aber scheinen sich seine Fähigkeiten als Songwriter wieder zu erholen: Alle zwölf Stücke stammen aus Dylans Feder und forschen zumindest teilweise nach der textlichen Tiefgründigkeit der früheren Alben. Der ernst-entspannte, vielleicht auch ironische Blick auf dem Coverfoto weist zudem darauf hin, dass Dylan seiner eigenen Kaspereien müde ist.

Mit If Not For You steigt die Scheibe eher leichtfüßig ein; das Stück entsteht im Mai 1970 bei einer Session mit Dylans Kumpel George Harrison – die Beatles haben sich gerade getrennt – und landet zudem auf dessen ambitioniertem Triple-Album All Things Must Pass. Bereits mit dem zweiten Track Day Of The Locusts wird klar, dass New Morning nicht an die Irrelevanz des Vorgängeralbums anknüpft: Der Titel bezieht sich auf den 1939 erschienenen gleichnamigen Roman von Nathanael West, und Dylan beschreibt darin die für ihn peinliche Zeremonie, mit welcher ihm die Ehrendoktorwürde der Princeton University verliehen wurde. 

Im weiteren Verlauf spielt Dylan mit musikalischen Stilen, verwendet hier und da Country- (Winterlude) und Jazz-Klänge (If Dogs Run Free) und erstellt ein Song-Potpourri, das in seiner Gesamtheit dennoch stimmig ist. Starke Momente bieten neben den ersten beiden Stücken vor allem der Titelsong und das kurze und ausgesprochen religiöse Father Of Night, das drei Jahre später von Manfred Mann’s Earth Band in ein ausuferndes, knapp zehn Minuten dauerndes Epos umgestaltet wird. 

Dylan statt Eagles

Und dann funkelt etwas versteckt auf der zweiten LP-Seite noch ein kleines Juwel, das erst 28 Jahre nach Veröffentlichung der Platte seinen großen Auftritt bekommt: The Man In Me wird in der großartigen Späthippie-Komödie The Big Lebowski (1998) der Gebrüder Coen mehrfach angespielt und entpuppt sich darin als Soundtrack-Hit.

Fans und Kritiker zeigen sich nach dem Self-Portrait-Debakel mit Dylans neuem Werk größtenteils hochzufrieden. Und sie fühlen sich in den darauffolgenden Jahren zunehmend bestätigt: Die Liveauftritte (unter anderem bei George Harrisons Benefizkonzert für Bangladesch) sind zwar eher rar, aber ein Filmauftritt 1973 in Sam Peckinpahs Pat Garrett and Billy the Kid sowie der von Dylan geschriebene zugehörige Soundtrack inklusive der Originalversion von Knockin’ On Heaven’s Door  lassen auf mehr hoffen. 

Der lange Weg zum Überalbum

Zu allem Überfluss veröffentlicht Columbia 1973 gegen den Willen des Künstlers eine Outtake-Sammlung einiger unausgegorener und kruder Songs aus den Sessions von Self Portrait und New Morning, und das auch noch unter dem Titel Dylan (1973). 

Doch zwischendurch lässt der in zwei Versionen aufgenommene Song George Jackson aufhorchen, und ab 1974 öffnet sich für die Kritik und die Fans der wahre Dylan-Himmel: Das mit The Band aufgenommene Planet Waves (Januar 1974) und die ebenfalls mit Robbie Robertson & Co. eingespielte Live-Doppelscheibe Before The Flood (Juni 1974) erweisen sich als Vorboten von Blood On The Tracks, das ab Januar 1975 in den Plattenläden steht – und in keiner ernstzunehmenden Plattensammlung fehlen darf. 

Übergangsalbum

Auch wenn New Morning nicht als herausragendes Album im Dylan-Katalog rangiert, darf seine Bedeutung als Bindeglied im Oeuvre des Musikers nicht unterschätzt werden. Vor allem aber zeigt es bei seiner Veröffentlichung den Fans und der Presse, dass mit dem dazumal 29-Jährigen noch zu rechnen ist. Dass seine bedeutendste und von den Fans am meisten verehrte Platte rund vier Jahre später noch anstehen sollte, damit rechneten Ende 1970 allerdings die wenigsten.

Zeitsprung: Am 2.8.1969 besucht Bob Dylan ein misslungenes Klassentreffen.

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