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Popkultur

Die musikalische DNA von B.B. King

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Es gibt den King und die Queen des Pops, den King of Rock und alle müssen sie sich doch vor einem verbeugen: dem King of Blues. B.B. King mag zwar bei weitem nicht der einzige Künstler sein, der dabei war, als der Sound des Mississippi-Deltas die Welt eroberte. Neben Gitarristen wie Albert King und Freddie King sowie als Nachfolger von mystischen Blues-Legenden wie Robert Johnson indes sorgte er dafür, dass der Blues auf die ganz großen Bühnen kam. Sein Handwerk hatte der 2015 im hohen Alter verstorbene King von der Pieke auf gelernt.


Hört euch hier B.B. Kings musikalische DNA als Playlist an und lest weiter:


Was King auszeichnete, war nicht allein sein virtuoses Spiel. Ganz besonders berühmt machte ihn die emotionale Palette, die seine Musik so facettenreich machte. Von einfühlsamen Balladen hin zu rotzigem Rock, King blieb immer authentisch, intim und “true blue”. Sein Handwerk hatte er in Kirchen, im Radio und in abgehalfterten Spelunken gelernt. Er bewies sich als ein Ausnahmetalent, von dem selbst die größten Stars der Neuzeit mit wahrer Ehrfurcht sprechen. Welche Songs, Stile und Künstler ihn selbst beeinflusst haben, erfahren wir mit Blick auf seine musikalische DNA.


1. Harlem Gospel Singers – Precious Lord

Bevor der junge B.B. – eigentlich: Riley B. – King in den Kneipen auf Ochsentour ging, sang er in der Elkhorn Baptist Church im Dörfchen Kilmichael in der Wiege des Blues-Sounds, Mississippi. Tatsächlich kam der Knirps nicht etwa wegen seiner eigenen Gottesfurcht zur Andacht, sondern wegen der Musik. Insbesondere die Gitarre des Pastors hatte es ihm angetan…

Eben jener Pastor brachte dem wissbegierigen Jungen seine ersten Akkorde bei. Dass der Schüler bald darauf dem säkularen Blues-Sound verfallen sollte, konnte er ja noch nicht ahnen. Die Zeit im Kirchenchor vergaß King allerdings auch nie. Gospelstandards wie Precious Lord gehörten Zeit seiner Karriere fest ins Repertoire!


2. Bukka White – The Panama Limited

„Ich hatte diesen Cousin, schätzungsweise der einzige aus meiner Familie, der Berühmtheit erlangt hat: Bukka White“, berichtete B.B. King über einen seiner frühesten Einflüsse. „Ich mochte Bukka und mir gefiel auch sein Spiel. So wie er wollte ich aber nie spielen, mit Ausnahme seines Slide-Spiels. Aber er brachte mir so viele andere Sachen bei! Er sagte zu mir: Wenn du ein Blues-Musiker bist, musst du dich immer so anziehen, als wolltest du zur Bank gehen, um dir Geld zu leihen!“

À propos Leihgaben: Angeblich soll White dem Cousin auch seine erste Gitarre verschafft haben. Anderen Quellen zufolge soll sich B.B. die 15 Dollar für sein erstes Instrument hart erspart haben. Welche der beiden Versionen auch immer stimmt: King nennt White als eine der Personen, ohne die er vermutlich nie Musiker geworden wäre.


3. Robert Johnson – Cross Road Blues

Spätestens mit 16 Jahren war es um King geschehen. In einer Radioshow hörte er den Sound des Mississippi Delta-Blues. Für den jungen Gitarristen stand fest: Er wollte unbedingt ins Radio! Bevor es aber soweit kam, verließ er das beschauliche Kilmichael, um sich im Städtchen Inverness dem Famous St. John’s Quartet anzuschließen und in Kirchen aufzuspielen. Sein Ruf eilte ihm bald voraus und ehe er sich versah, war sein erster Traum Wirklichkeit geworden: B.B. King durfte beim örtlichen Radiosender WGRM den Blues performen.

Damit führte der spätere King of Blues das Erbe des King of the Delta Blues weiter, Robert Johnson. Johnson ist eine der mysteriösesten Figuren der Musikgeschichte. Nur wenige Fotos existieren, so gut wie nichts ist über ihn bekannt und wilde Mythen ranken sich um sein Leben. Was aber fest steht: Er schenkte der Welt einen Sound, an dem auch B. B. King sein Gehör schärfte.


4. T-Bone Walker – Call It Stormy Monday (But Tuesday Is Just As Bad)

Johnson, von dem nur wenige Aufnahmen überliefert sind, war aber noch lange nicht der einzige Gitarrenheld des jungen Musikers. In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren schaute sich King bei T-Bone Walker die wichtigsten Kniffe ab. „T-Bone Walker hatte einfach dieses bestimmte Etwas, das niemals jemand nachahmen konnte“, schwärmte King. „Er hat seine Gitarre auf ganz komische Art und Weise gehalten, sie von sich weg geneigt, anstatt sie flach auf seinem Bauch ruhen zu lassen. Als würde er Steel-Gitarre spielen!“

T-Bone Walker war auch deswegen ein wichtiger Einfluss für King, weil er ihm die Möglichkeiten der elektrischen Gitarre nahe brachte und seinen Blues-Sound mit Jazz-Elementen anreicherte. Die Offenbarung kam über King, als er Call It Stormy Monday (But Tuesday Is Just As Bad) entdeckte. „Als ich das hörte, wusste ich, dass ich mir sofort eine elektrische Gitarre zulegen musste! T-Bone hat auch viele Bläser verwendet – Trompete, Alt, Tenor und Bariton. Das ergab einen wunderschönen Sound. Der beste, den ich je gehört habe.“


5. Django Reinhardt – Django’s Tiger

Es war nicht allein der Blues seiner Heimat, der B.B. King inspirieren sollte. Ebenso sog er den neuen Sound auf, der auf der anderen Seite des großen Teichs angesagt war. „Ein Kumpel von mir hat zur selben Zeit gedient wie ich“, erinnerte er sich. „Er wurde nach Übersee verschifft und hörte von diesem Club namens The Hot Club of France. Er ging hin und hörte dort diesem Gitarristen zu, Django Reinhardt. Mein Kumpel wusste, dass ich auf Gitarre stehe und schickte mir ein paar Platten von diesem Typ. Ich habe mich total verliebt.“

Reinhardt war kein Blues-Gitarrist, sondern spielte eine Art von Jazz, die auf zweierlei Arten besonders war. Einerseits verarbeitete der gebürtige Belgier in seiner Musik seine Sinti-Wurzeln. Andererseits hatte der findige Reinhardt nach einem Unfall, der seine linke Hand stark beschädigte, eine virtuose Spieltechnik entwickelt, für die er lediglich den Zeige- und den Mittelfinger benötigte. Zusammen mit seinem lässigen Auftreten machte das den enigmatischen Gitarristen zu einer absoluten Ausnahmefigur, deren Magie noch in Amerika zu spüren war.


6. Fats Domino – Goin’ Home

Derweil sich B.B. King beim Radio einen Namen machte, mutierte der zwei Jahre jüngere Fats Domino zu einem Star. Die Allüren des Rock’n’Roll-Vorreiters waren denkwürdig: Hunderte von Schuhen und Dutzende von Koffern soll Domino auf seine rund 200 jährlichen Konzerte mitgenommen haben. Vorbereitung ist eben alles. Sein Gebaren sei ihm verziehen: Domino war fast der größte Star der fünfziger Jahre. Fast? Na ja, es gab da noch jemand anderen… „Seien wir doch mal ehrlich: Ich kann nicht so singen wie Fats!“, sagte niemand Geringerer als Elvis Presley über den Kollegen.

Dominos energischer Sound ging auch an King, der mit dem Überflieger manchmal die Bühne teilte, vorüber. Auch King begann zunehmend, seinen Blues mit fetzigen Rock-Elementen aufzumotzen. Im Jahr 2007 fand er sich gemeinsam Ivan Neville und seiner Band Dumpstaphunk im Studio ein, um für die Compilation Goin’ Home: A Tribute to Fats Domino den Titelsong neu zu interpretieren. Und wenn schon nicht Elvis, dann kann zumindest einer dem überragenden Domino das Wasser reichen: B.B. King. Oder seht ihr das anders?


7. Frank Sinatra – Deep In A Dream

Elvis wurde häufig dafür kritisiert, dass er als weißer Künstler schwarze Musik für ein weißes Publikum neu aufbereitet habe und damit Weltruhm erlangte. Anders sieht es bei Frank Sinatra aus, auf den B.B. King kein schlechtes Wort kommen ließ. King, der sich selbst als „Sinatra-Narr“ bezeichnete, wurde von „Ol’ Blue Eyes“ während der sechziger Jahre sogar nach Las Vegas eingeladen. King betonte immer wieder, dass der Ausnahmesänger vielen schwarzen Künstler Tür und Tor geöffnet hätte.

Vor allem der Albumklassiker In The Wee Small Hours hatte es King angetan. Angeblich hörte er es jede Nacht vor dem Einschlafen! „Du konntest all den Schmerz und das Glück in seiner Stimme hören, es war einfach wunderbar, wie er sein ganzes Leben in diese Songs verpackte“, schwärmte King in seiner Autobiografie Blues All Around Me. „Er sang immer die Wahrheit.“ Vom King of Blues ist das mehr als nur ein Kompliment!


8. The Rolling Stones – Sympathy For The Devil (Live)

Als schwarzer Musiker hatte es King trotz der Hilfe eines Schwergewichts wie Sinatra nicht immer leicht. In den sechziger Jahren verhalf ihm Eric Clapton, der zuvor mit den Yardbirds und Cream dem Blues Rock einen neuen Anstrich gegeben hatte, zu neuer Anerkennung beim überwiegend weißen Publikum. Blues war endlich wieder angesagt und auch King durfte als einer der Pioniere davon profitieren. Dass er bei einer Amerika-Tour der Rolling Stones aber lediglich im Vorprogramm und nicht selbst als Headliner spielte, scheint eher wie eine Ironie der Geschichte.

Doch die Konzerte, die King als Support der Stones im New Yorker Madison Square Garden gab und die zu Teilen auf deren unvergessenen Get Yer Ya-Ya’s Out!-Live-Album festgehalten wurden, verschafften ihm immerhin neue Aufmerksamkeit im Showgeschäft. Derweil King im Laufe seiner Karriere mehrmals mit Clapton zusammen fand, so nahm er mit den Stones lediglich 1997 einen Song auf, eine gemeinsame Version seines Klassikers Paying The Cost To Be The Boss. Nach Kings Tod im Mai 2015 zeigten sich Mick Jagger und Keith Richards in einem Fanfragerunde auf Twitter bestürzt von dessen Ableben. „B.B. war ein toller Typ“, so Richards. „Ein echter Gentleman. Ich werde ihn sehr vermissen.“


9. U2 – Where The Streets Have No Name

Nicht nur die Rolling Stones, sondern ebenfalls U2 zeigten ihre Trauer über den Verlust des King of Blues öffentlich. Auch sie durften gemeinsam mit ihm einen Song aufnehmen, auch sie lenkten damit wieder Aufmerksamkeit auf den Ende der achtziger Jahre beinahe in Vergessenheit geratenen Musiker. When Love Comes To Town schrieben die Iren gemeinsam mit der Blues-Legende für ihr Album Rattle and Hum, sogar Little Richard war auf einem alternativen Mix des Stücks mit einer funkigen Rap-Einlage zu hören.

King war nicht der einzige Künstler, dem die Band auf der während der Joshua Tree-Tour entstandenen Sammlung aus Live-Stücke, neuen Songs und Coverversionen Tribut zollten. In der Doku BB King: The Life of Riley erinnerte sich Bono an die Aufnahmen. „Wir zeigten ihm die Akkorde und er sagte nur: ‚Gentlemen… Akkorde spiel‘ ich nicht! Ich mach nur das‘“, lachte Bono und ahmte mit den Händen nach, wie der King den jüngeren Kollegen den Blues vorspielte. „Ich liebe den Song“, sagte King im selben Film gegenüber Bono. „Ich denke, diese Lyrics sind echt heavy.“ Obwohl er keine falsche Scheu hatte: der Respekt vor Bono und seiner Truppe war ihm anzumerken.


10. Kendrick Lamar – m.A.A.d city

Was früher der Blues war, das ist heute Rap. Noch immer bringen in der Musik schwarze KünstlerInnen eine dezidiert schwarze Perspektive zum Ausdruck. Im Unterschied zu den segregierten fünfziger Jahren allerdings hat es ein schwarzer Künstler wie Kendrick Lamar heutzutage zum Glück einfacher als ein B.B. King damals. Ein Zufall wird es allerdings wohl kaum sein, dass ein Track von Lamars Durchbruchsalbum good kid, m.A.A.d city ausgerechnet auf ein King-Stück anspielt.

Der inoffizielle Titeltrack m.A.A.d city, den Kendrick gemeinsam mit MC Eiht einrappte, bricht in der Mitte des Stücks unvermutet ab und geht in einen schweren Oldschool-Rhythmus über. Das markante Streichermotiv im Hintergrund haben sich Lamar und Eiht von B.B. King aus dessen 1970 erschienenem Song Chains and Things geliehen. Lamar ist indes nicht der einzige Rapper, der auf die Musik des King of Blues schwört: MF Doom, Ice Cube, 50 Cent und sogar A$AP Rocky haben auf seine Musik zurückgegriffen. Mit der Neunziger-Ikone Heavy D nahm B.B. King sogar seine ganz eigene Version eines Hip Hop-Tracks auf. Wohin er sich umschaute, B.B. King konnte überall den Blues aufspüren!


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„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

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The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

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Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

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Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

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40 Jahre Depeche Mode: Wie aus The-Cure-Fans Weltstars wurden

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Popkultur

Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

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Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

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