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Popkultur

Die musikalische DNA von B.B. King

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Es gibt den King und die Queen des Pops, den King of Rock und alle müssen sie sich doch vor einem verbeugen: dem King of Blues. B.B. King mag zwar bei weitem nicht der einzige Künstler sein, der dabei war, als der Sound des Mississippi-Deltas die Welt eroberte. Neben Gitarristen wie Albert King und Freddie King sowie als Nachfolger von mystischen Blues-Legenden wie Robert Johnson indes sorgte er dafür, dass der Blues auf die ganz großen Bühnen kam. Sein Handwerk hatte der 2015 im hohen Alter verstorbene King von der Pieke auf gelernt.


Hört euch hier B.B. Kings musikalische DNA als Playlist an und lest weiter:

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Was King auszeichnete, war nicht allein sein virtuoses Spiel. Ganz besonders berühmt machte ihn die emotionale Palette, die seine Musik so facettenreich machte. Von einfühlsamen Balladen hin zu rotzigem Rock, King blieb immer authentisch, intim und “true blue”. Sein Handwerk hatte er in Kirchen, im Radio und in abgehalfterten Spelunken gelernt. Er bewies sich als ein Ausnahmetalent, von dem selbst die größten Stars der Neuzeit mit wahrer Ehrfurcht sprechen. Welche Songs, Stile und Künstler ihn selbst beeinflusst haben, erfahren wir mit Blick auf seine musikalische DNA.


1. Harlem Gospel Singers – Precious Lord

Bevor der junge B.B. – eigentlich: Riley B. – King in den Kneipen auf Ochsentour ging, sang er in der Elkhorn Baptist Church im Dörfchen Kilmichael in der Wiege des Blues-Sounds, Mississippi. Tatsächlich kam der Knirps nicht etwa wegen seiner eigenen Gottesfurcht zur Andacht, sondern wegen der Musik. Insbesondere die Gitarre des Pastors hatte es ihm angetan…

Eben jener Pastor brachte dem wissbegierigen Jungen seine ersten Akkorde bei. Dass der Schüler bald darauf dem säkularen Blues-Sound verfallen sollte, konnte er ja noch nicht ahnen. Die Zeit im Kirchenchor vergaß King allerdings auch nie. Gospelstandards wie Precious Lord gehörten Zeit seiner Karriere fest ins Repertoire!


2. Bukka White – The Panama Limited

„Ich hatte diesen Cousin, schätzungsweise der einzige aus meiner Familie, der Berühmtheit erlangt hat: Bukka White“, berichtete B.B. King über einen seiner frühesten Einflüsse. „Ich mochte Bukka und mir gefiel auch sein Spiel. So wie er wollte ich aber nie spielen, mit Ausnahme seines Slide-Spiels. Aber er brachte mir so viele andere Sachen bei! Er sagte zu mir: Wenn du ein Blues-Musiker bist, musst du dich immer so anziehen, als wolltest du zur Bank gehen, um dir Geld zu leihen!“

À propos Leihgaben: Angeblich soll White dem Cousin auch seine erste Gitarre verschafft haben. Anderen Quellen zufolge soll sich B.B. die 15 Dollar für sein erstes Instrument hart erspart haben. Welche der beiden Versionen auch immer stimmt: King nennt White als eine der Personen, ohne die er vermutlich nie Musiker geworden wäre.


3. Robert Johnson – Cross Road Blues

Spätestens mit 16 Jahren war es um King geschehen. In einer Radioshow hörte er den Sound des Mississippi Delta-Blues. Für den jungen Gitarristen stand fest: Er wollte unbedingt ins Radio! Bevor es aber soweit kam, verließ er das beschauliche Kilmichael, um sich im Städtchen Inverness dem Famous St. John’s Quartet anzuschließen und in Kirchen aufzuspielen. Sein Ruf eilte ihm bald voraus und ehe er sich versah, war sein erster Traum Wirklichkeit geworden: B.B. King durfte beim örtlichen Radiosender WGRM den Blues performen.

Damit führte der spätere King of Blues das Erbe des King of the Delta Blues weiter, Robert Johnson. Johnson ist eine der mysteriösesten Figuren der Musikgeschichte. Nur wenige Fotos existieren, so gut wie nichts ist über ihn bekannt und wilde Mythen ranken sich um sein Leben. Was aber fest steht: Er schenkte der Welt einen Sound, an dem auch B. B. King sein Gehör schärfte.


4. T-Bone Walker – Call It Stormy Monday (But Tuesday Is Just As Bad)

Johnson, von dem nur wenige Aufnahmen überliefert sind, war aber noch lange nicht der einzige Gitarrenheld des jungen Musikers. In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren schaute sich King bei T-Bone Walker die wichtigsten Kniffe ab. „T-Bone Walker hatte einfach dieses bestimmte Etwas, das niemals jemand nachahmen konnte“, schwärmte King. „Er hat seine Gitarre auf ganz komische Art und Weise gehalten, sie von sich weg geneigt, anstatt sie flach auf seinem Bauch ruhen zu lassen. Als würde er Steel-Gitarre spielen!“

T-Bone Walker war auch deswegen ein wichtiger Einfluss für King, weil er ihm die Möglichkeiten der elektrischen Gitarre nahe brachte und seinen Blues-Sound mit Jazz-Elementen anreicherte. Die Offenbarung kam über King, als er Call It Stormy Monday (But Tuesday Is Just As Bad) entdeckte. „Als ich das hörte, wusste ich, dass ich mir sofort eine elektrische Gitarre zulegen musste! T-Bone hat auch viele Bläser verwendet – Trompete, Alt, Tenor und Bariton. Das ergab einen wunderschönen Sound. Der beste, den ich je gehört habe.“


5. Django Reinhardt – Django’s Tiger

Es war nicht allein der Blues seiner Heimat, der B.B. King inspirieren sollte. Ebenso sog er den neuen Sound auf, der auf der anderen Seite des großen Teichs angesagt war. „Ein Kumpel von mir hat zur selben Zeit gedient wie ich“, erinnerte er sich. „Er wurde nach Übersee verschifft und hörte von diesem Club namens The Hot Club of France. Er ging hin und hörte dort diesem Gitarristen zu, Django Reinhardt. Mein Kumpel wusste, dass ich auf Gitarre stehe und schickte mir ein paar Platten von diesem Typ. Ich habe mich total verliebt.“

Reinhardt war kein Blues-Gitarrist, sondern spielte eine Art von Jazz, die auf zweierlei Arten besonders war. Einerseits verarbeitete der gebürtige Belgier in seiner Musik seine Sinti-Wurzeln. Andererseits hatte der findige Reinhardt nach einem Unfall, der seine linke Hand stark beschädigte, eine virtuose Spieltechnik entwickelt, für die er lediglich den Zeige- und den Mittelfinger benötigte. Zusammen mit seinem lässigen Auftreten machte das den enigmatischen Gitarristen zu einer absoluten Ausnahmefigur, deren Magie noch in Amerika zu spüren war.


6. Fats Domino – Goin’ Home

Derweil sich B.B. King beim Radio einen Namen machte, mutierte der zwei Jahre jüngere Fats Domino zu einem Star. Die Allüren des Rock’n’Roll-Vorreiters waren denkwürdig: Hunderte von Schuhen und Dutzende von Koffern soll Domino auf seine rund 200 jährlichen Konzerte mitgenommen haben. Vorbereitung ist eben alles. Sein Gebaren sei ihm verziehen: Domino war fast der größte Star der fünfziger Jahre. Fast? Na ja, es gab da noch jemand anderen… „Seien wir doch mal ehrlich: Ich kann nicht so singen wie Fats!“, sagte niemand Geringerer als Elvis Presley über den Kollegen.

Dominos energischer Sound ging auch an King, der mit dem Überflieger manchmal die Bühne teilte, vorüber. Auch King begann zunehmend, seinen Blues mit fetzigen Rock-Elementen aufzumotzen. Im Jahr 2007 fand er sich gemeinsam Ivan Neville und seiner Band Dumpstaphunk im Studio ein, um für die Compilation Goin’ Home: A Tribute to Fats Domino den Titelsong neu zu interpretieren. Und wenn schon nicht Elvis, dann kann zumindest einer dem überragenden Domino das Wasser reichen: B.B. King. Oder seht ihr das anders?


7. Frank Sinatra – Deep In A Dream

Elvis wurde häufig dafür kritisiert, dass er als weißer Künstler schwarze Musik für ein weißes Publikum neu aufbereitet habe und damit Weltruhm erlangte. Anders sieht es bei Frank Sinatra aus, auf den B.B. King kein schlechtes Wort kommen ließ. King, der sich selbst als „Sinatra-Narr“ bezeichnete, wurde von „Ol’ Blue Eyes“ während der sechziger Jahre sogar nach Las Vegas eingeladen. King betonte immer wieder, dass der Ausnahmesänger vielen schwarzen Künstler Tür und Tor geöffnet hätte.

Vor allem der Albumklassiker In The Wee Small Hours hatte es King angetan. Angeblich hörte er es jede Nacht vor dem Einschlafen! „Du konntest all den Schmerz und das Glück in seiner Stimme hören, es war einfach wunderbar, wie er sein ganzes Leben in diese Songs verpackte“, schwärmte King in seiner Autobiografie Blues All Around Me. „Er sang immer die Wahrheit.“ Vom King of Blues ist das mehr als nur ein Kompliment!


8. The Rolling Stones – Sympathy For The Devil (Live)

Als schwarzer Musiker hatte es King trotz der Hilfe eines Schwergewichts wie Sinatra nicht immer leicht. In den sechziger Jahren verhalf ihm Eric Clapton, der zuvor mit den Yardbirds und Cream dem Blues Rock einen neuen Anstrich gegeben hatte, zu neuer Anerkennung beim überwiegend weißen Publikum. Blues war endlich wieder angesagt und auch King durfte als einer der Pioniere davon profitieren. Dass er bei einer Amerika-Tour der Rolling Stones aber lediglich im Vorprogramm und nicht selbst als Headliner spielte, scheint eher wie eine Ironie der Geschichte.

Doch die Konzerte, die King als Support der Stones im New Yorker Madison Square Garden gab und die zu Teilen auf deren unvergessenen Get Yer Ya-Ya’s Out!-Live-Album festgehalten wurden, verschafften ihm immerhin neue Aufmerksamkeit im Showgeschäft. Derweil King im Laufe seiner Karriere mehrmals mit Clapton zusammen fand, so nahm er mit den Stones lediglich 1997 einen Song auf, eine gemeinsame Version seines Klassikers Paying The Cost To Be The Boss. Nach Kings Tod im Mai 2015 zeigten sich Mick Jagger und Keith Richards in einem Fanfragerunde auf Twitter bestürzt von dessen Ableben. „B.B. war ein toller Typ“, so Richards. „Ein echter Gentleman. Ich werde ihn sehr vermissen.“


9. U2 – Where The Streets Have No Name

Nicht nur die Rolling Stones, sondern ebenfalls U2 zeigten ihre Trauer über den Verlust des King of Blues öffentlich. Auch sie durften gemeinsam mit ihm einen Song aufnehmen, auch sie lenkten damit wieder Aufmerksamkeit auf den Ende der achtziger Jahre beinahe in Vergessenheit geratenen Musiker. When Love Comes To Town schrieben die Iren gemeinsam mit der Blues-Legende für ihr Album Rattle and Hum, sogar Little Richard war auf einem alternativen Mix des Stücks mit einer funkigen Rap-Einlage zu hören.

King war nicht der einzige Künstler, dem die Band auf der während der Joshua Tree-Tour entstandenen Sammlung aus Live-Stücke, neuen Songs und Coverversionen Tribut zollten. In der Doku BB King: The Life of Riley erinnerte sich Bono an die Aufnahmen. „Wir zeigten ihm die Akkorde und er sagte nur: ‚Gentlemen… Akkorde spiel‘ ich nicht! Ich mach nur das‘“, lachte Bono und ahmte mit den Händen nach, wie der King den jüngeren Kollegen den Blues vorspielte. „Ich liebe den Song“, sagte King im selben Film gegenüber Bono. „Ich denke, diese Lyrics sind echt heavy.“ Obwohl er keine falsche Scheu hatte: der Respekt vor Bono und seiner Truppe war ihm anzumerken.


10. Kendrick Lamar – m.A.A.d city

Was früher der Blues war, das ist heute Rap. Noch immer bringen in der Musik schwarze KünstlerInnen eine dezidiert schwarze Perspektive zum Ausdruck. Im Unterschied zu den segregierten fünfziger Jahren allerdings hat es ein schwarzer Künstler wie Kendrick Lamar heutzutage zum Glück einfacher als ein B.B. King damals. Ein Zufall wird es allerdings wohl kaum sein, dass ein Track von Lamars Durchbruchsalbum good kid, m.A.A.d city ausgerechnet auf ein King-Stück anspielt.

Der inoffizielle Titeltrack m.A.A.d city, den Kendrick gemeinsam mit MC Eiht einrappte, bricht in der Mitte des Stücks unvermutet ab und geht in einen schweren Oldschool-Rhythmus über. Das markante Streichermotiv im Hintergrund haben sich Lamar und Eiht von B.B. King aus dessen 1970 erschienenem Song Chains and Things geliehen. Lamar ist indes nicht der einzige Rapper, der auf die Musik des King of Blues schwört: MF Doom, Ice Cube, 50 Cent und sogar A$AP Rocky haben auf seine Musik zurückgegriffen. Mit der Neunziger-Ikone Heavy D nahm B.B. King sogar seine ganz eigene Version eines Hip Hop-Tracks auf. Wohin er sich umschaute, B.B. King konnte überall den Blues aufspüren!


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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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