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Popkultur

Die musikalische DNA von Freddie Mercury

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„Wieder und wieder sagte er: ‚Schreibt mir mehr. Schreibt mir Kram. Ich will es nur einsingen und wenn ich nicht mehr bin, könnt ihr es zu Ende bringen.‘ Er hatte wirklich keine Angst“, sagte Brian May über den Sänger seiner Band Queen. Die Geschichte ist bekannt: Freddie Mercury nahm mit Mother Love im Mai 1991 einen letzten Song nur über den Beat einer Drummachine auf, bevor ihn die Kräfte verließen. „Ich bring‘s beim nächsten Mal zu Ende“, soll er gesagt habe. Sechs Monate später aber verstarb er an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung und die letzte Strophe wurde nie von ihm, sondern von May aufgenommen.


Hört hier in den Soundtrack zu Bohemian Rhapsody rein:

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Die Anekdote beschreibt sehr gut, was Farrokh Bulsara, wie Mercury bürgerlich hieß, ausmachte. Die Musik ging ihm über alles, für sie verlangte er sich schier unmenschliche Anstrengungen ab –und schaffte dabei Übermenschliches. Nicht ohne Grund nannte ihn ein Roger Daltrey von The Who „den besten Rock’n’Roll-Virtuosen aller Zeiten“. Nicht ohne Grund machte sich 2016 sogar ein Team von Wissenschaftler*innen daran, das Geheimnis von Mercurys Stimme zu ergründen: Warum gefällt sie uns so sehr, was macht ihr Magie aus? Dabei hätte jeder Fan von Queen und Mercurys Musik als Solo-Künstler sofort die richtige Antwort parat: Es ist die unbändige Leidenschaft, die seine Stimme und seine Bühnenpräsenz so besonders machten.

Legendär war ebenso die künstlerische Neugier des Songwriters. „Ich hasse es, dieselbe Sache immer und immer und immer wieder zu machen”, erklärte er einst. „Ich will lieber wissen, was aktuell in Sachen Musik, Film und Theater so los ist, und das alles in meiner Kunst einbauen.“ Gesagt, getan: Kaum ein anderer Musiker, kaum eine andere Band können eine dermaßen vielschichtige Diskografie aufweisen wie Mercury und seine Band. Doch was genau war es, was ihn zu stilistischen Richtungswechseln und neuer Kunst inspirierte? Das erfahren wir mit Blick auf die musikalische DNA von Freddie Mercury.


1. Little Richard – Tutti Frutti

„Er konnte noch den Fans ganz am Ende der Arena das Gefühl geben, dass sie ganz nah bei ihm waren“, sagte May an anderer Stelle über den Kollegen. Und richtig, Mercurys Bühnenpräsenz ist bis heute der Stoff von Legenden. Nicht selten versuchen andere, ihm die flamboyanten Posen nachzumachen. Doch Charisma lässt sich nicht erlernen oder antrainieren! Obwohl es durchaus hilft, die eigenen Idole genau zu studieren. Schon mit zwölf Jahren gründete der kleine Farrokh seine erste Band, damals noch im Internat in der Nähe von Mumbai. Neben Songs von Cliff Richard fanden sich auch die Hits von Little Richard im Repertoire der Rotzlöffel, die unter dem Namen The Hectics firmierten.

Mit seinem genauen Gehör und seiner Leidenschaft für westliche Pop-Musik fiel Farrokh schon damals auf. Sein Gebaren auf der Bühne aber? Das war damals erst noch in der Reife, obwohl er am Klavier stehend schon eine gute Figur gemacht haben soll. Little Richard aber wird es vor allem gewesen, der dem aufstrebenden Teenager beigebracht hat, dass gutes Songwriting allein nur die halbe Miete ist. Der Tutti Frutti-Sänger hat ihm wohl aber auch ein paar musikalische Kniffe beigebracht, denn Songs wie Crazzy Little Thing Called Love – angeblich von Mercury innerhalb weniger Minuten in der Badewanne geschrieben – beziehen sich eindeutig auf den Sound, für den Little Richard als Musiker erst den Grundstein gelegt hat.


2. The Ronettes – I Can Hear Music

Noch bevor Mercury den Namen Freddie Mercury annahm und mit Queen die Welt im Sturm eroberte, musste auch er sich hocharbeiten. 1972 nahm er unter dem Pseudonym Larry Lurex seine erste Single unter erschwerten Bedingungen auf: In den Londoner Trident Studios wurden ihm die Tore nur zwischen drei und sieben Uhr morgens geöffnet. „Dark Time“ nannte sich das damals. Der Tontechniker Robin Geoffrey Cable nutzte diese Zeit, um seine Fertigkeiten zu perfektionieren und wollte Phil Spectors berühmten „Wall of Sound“-Stil emulieren. Da ihm die Stimme Mercurys gefiel, lud er ihn für ein Cover von I Can Hear Music, einem der größten von Spector produzierten Ronettes-Hits, ein.

Der fackelte nicht lange und lud einen gewissen Brian May sowie den Drummer Roger Taylor zu sich ins Studio. Neben einer Version von Carole Kings und Gerry Goffins Goin’ Back bannten sie auch I Can Hear Music aufs Band. Ihre Version orientierte sich eher an dem bekannten Beach Boys-Cover der Komposition, zeigte aber schon Mercurys erstaunliche Fähigkeiten. Es sollte aber eine einmalige Gelegenheit sein – kurz darauf debütierte Mercury schließlich mit seiner Hauptband! Der Name Larry Lurex übrigens war ein böser Scherz in Richtung Gary Glitter und dem Glam-Rock-Trend. Gut kam die Single nicht an, die in der Woche darauf veröffentlichte Queen-LP aber zum Glück schon mehr. Für die zweite LP übrigens rekrutierten sie erneut Cable, der dem Track Funny How Love Is den „Wall of Sound“-Stil verpasste.


3. Aretha Franklin – (You Make Me Feel Like) a Natural Woman

Die Haltung also stimmte, um den Sound kümmerten sich die richtigen Leute. Fehlte noch? Genau. Der Gesang. Wer genau ganz oben auf Mercurys Liste stand, das ist bekannt: Aus seiner glühenden Verehrung für Aretha Franklin machte er niemals einen Hehl. „Ich wünschte, ich könnte so singen“, sagte er in einem Fernsehinterview. „So wunderschön, so mühelos. Sie singt wie ein Traum, als müsse sie gar nicht nachdenken.“ Worte, mit denen heutzutage vermutlich nicht wenige seinen Beitrag zur Musik charakterisieren würden. Was er beim Live Aid-Konzert im Juli 1983 während des Songs Radio Gaga von sich gab, von dem wird schließlich heute noch als „The Note Heard Round the World“ gesprochen!

Für Stücke wie Somebody To Love lieh sich Mercury die Gospel-Einflüsse Franklins, wie er sie auf Alben wie Amazing Grace besonders schätzte. Sein Lieblingsstück aber? „Ich denke, Natural Woman. Sie hat so viele Singles und Stücke, die ich mag, aber Natural Woman…“, schwärmte er. „Alles von ihr ist allerdings großartig. Ich bin nur sauer, dass George Michael mit ihr ein Duett eingesungen hat – das hätte ich besser gekonnt!“ Das meinte er natürlich mit einem Lacher und einem fetten Augenzwinkern. Ein bisschen gemeinsame Studiozeit mit der Lady Soul hätte ihm aber gefallen – und sei es nur, um ihr Organ auf Somebody To Love zu hören… So allerdings reichte es nur zu einem Ständchen für den traurigsten Anlass überhaupt: Take My Hand, Precious Lord und You’ve Got a Friend wurden auf seiner Beerdigung gespielt.


4. Jackson 5 – I Want You Back

Zu einem anderen Duett hat es allerdings gereicht, und das sogar mit dem größten Pop-Star seiner Zeit. Wer, bitteschön? Na klar, Michael Jackson. 1983 enterte der gemeinsam mit Mercury das Studio, um drei Songs aufzunehmen, einer davon bestimmt für Mr. Bad Guy, dem Solo-Debüt Mercurys. Es sollte aber mehr als drei Jahrzehnte dauern, bis die Fans das Stück hören konnten, dazwischen lagen zähe Verhandlungen vor Gericht. There Must Be More To Life Than This allerdings kam dann doch nicht der musikalischen Offenbarung gleich, die sich viele von der ungleichen Paarung erhofft hatten. Kein Wunder, dass die beiden sich gegen die Veröffentlichung entschieden hatten.

Noch bevor Jackson zum größten Star der achtziger Jahre aufstieg und sogar noch vor Mercurys ersten Erfolgen mit Queen war er der Stimme aus der Motor City verfallen. Seine Mitbewohner konnten ein Lied davon singen! Er spielte I Want You Back in Dauerschleife. Dabei war es doch eine waschechte Rock-WG… Aber so war Mercury: Offen für andere Musikstile und neugierig auf das, was es da draußen noch zu entdecken gab. Dass er sich eines Tages mit dem Lead-Sänger der Band anfreunden würde und schließlich mit ihm (und, so will es die Legende, seinem Lama!) im Studio einschließen würde, konnte damals ja noch niemand ahnen. Nur geglückt ist es nicht. Angeblich sogar waren die beiden nach der Episode ziemlich genervt voneinander…


5. Chic – Good Times

Dabei hatte es doch alles so toll angefangen und die beiden Sänger waren wie wild um die Häuser gezogen, bevor sich Jackson in seine „Festung“, wie Mercury es nannte, zurückzog. Die gemeinsamen Clubnächte werden aber wohl unvergessen geblieben sein. Stellt euch das mal vor, Mercury und Jackson auf dem Dancefloor! Mercurys Affinität für die Disco-Szene war bestens dokumentiert. Ausgerechnet in München fand er während der Aufnahmen des Queen-Albums Hot Space seinen Sweet Spot – und nebenbei, so heißt es, auch seine große Liebe. Musikalische Inspiration aber war ebenso drin.

München war die Hauptstadt des Euro Disco-Sounds, wie ihn vor allem der Produzent Giorgio Moroder prägte, seines Zeichens unter anderem für den Donna Summer-Hit I Feel Love verantwortlich. Aber auch aus der US-amerikanischen Disco-Szene kam die Inspiration für Queen, vor allem Mercury. Dass ein Song wie Chics Good Times sich auf den Sound von Stücken wie Another One Bites The Dust auswirkte, hat wohl aber nicht nur musikalische Gründe. Die Disco-Community war ein sicherer Hafen für Menschen, die ihrer Sexualität oder sexuellen Identität wegen von der Mehrheitsgesellschaft an den Rand gedrängt wurden. Der Dancefloor war für viele von ihnen der einzige Ort, wo sie furchtlos mit anderen sie selbst sein konnten. Der homosexuelle Mercury wird sich sicherlich auch mit diesem Aspekt der Disco-Kultur identifiziert haben.


6. David Bowie – Space Oddity

Während seiner Karriere, ja bis zu seinem Tod sah sich Mercury der Diskriminierung ausgesetzt. Die Presse schlachtete alle Gerüchte über seine Homosexualität genüsslich aus, Frieden gab es für ihn keinen. Währenddessen nahm es ihm die queere Community übel, dass er sich lange Zeit nicht offen zu ihr bekannte. Das glorreiche Leben der Stars, es hat eben seine Schattenseiten. Das gilt insbesondere für diejenigen, die nicht dem gesellschaftlichen Ideal entsprechen. Es sei denn natürlich, es handelt sich um David Bowie. Wie kein anderer konnte der Brite Grenzen überschreiten und wurde genau dafür gefeiert. Vielleicht manchmal zu Unrecht: Noch heute steht nicht mit Sicherheit fest, ob Bowies Bisexualität mehr als nur ein flotter Marketing-Gag war…

Sei‘s drum, Mercury schaute zu dem älteren Pop-Giganten auf. Wortwörtlich tat er das 1969 auf dem Kensington Market in London, als er Bowie kurz nach dessen Durchbruch mit Space Oddity ein neues Paar Stiefel anpasste! So zumindest will es die Legende. Als aus dem Schuster schon längst ein Millionär geworden war, fanden die beiden erneut zueinander und nahmen mit Under Pressure das wohl denkwürdigste Duett der Rock-Geschichte auf. Die Bewunderung beruhte nämlich auf Gegenseitigkeiten: „Von allen theatralischen Rock-Performern hat es Freddie weiter voran getrieben als der Rest… Er hat sie alle von der Klippe geschmissen“, sagte Bowie über den Kollegen. „Und natürlich habe ich immer viel Bewunderung für einen Typen in Strumpfhosen über!“ Ein Typ in Strumpfhosen übrigens, der Bowie an einem Tag im Jahr 1969 seine Stiefel angeblich sogar umsonst überließ…


7. The Beatles – A Day In The Life

Im Geben war Mercury besonders gut, wie auch seine Freund*innen stets zu berichten wussten. Doch hin und wieder nahm er auch. Noch vor dem schicksalsträchtigen Treffen mit Bowie ging ihm immer wieder eine Zeile durch den Kopf, zu der ihm partout keine Melodie einfallen wollte und die heute zu den bekanntesten der Rock-Geschichte gehört: „Mama, just killed a man…“. Den Knoten lösen konnte er dank vier Pilzköpfen, die mit A Day In The Life den perfekten Backing-Track dafür geschrieben hatten. Glaubt ihr nicht? Versucht mal, den Anfang von Bohemian Rhapsody über das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band-Stück zu singen! Klappt, oder? Nur der Rest natürlich klingt ganz anders…

Es war nicht das erste Mal, dass Queen in die Fußstapfen der Fab Four traten: Schon ihr Debüt hatten sie im ehemaligen Studio der Beatles aufgenommen. Die Beatles gab es damals schon nicht mehr, immerhin aber lebten sie noch alle. Besonders John Lennon stach als Solo-Künstler und Persönlichkeit hervor – er war Mercurys Favorit. „Ich würde mich nie auch nur überhaupt mit ihm vergleichen, denn er war einfach der Beste“, sagte er brüsk in einem Fernsehinterview auf die Frage hin, wie er sich in Relation zu Lennon sehe. „John Lennon war einzigartig, ein Unikat. Ich bewundere ihn sehr.“ Wer nicht?


8. Elton John – Your Song

Insbesondere mit Lennons Engagement als Friedensaktivist wollte sich Mercury keinesfalls messen. Dabei hatte er selbst doch einigen politischen Einfluss! Oder zumindest in Großbritannien Kontakte nach ganz oben. Denn er konnte Lady Di als enge Vertraute zählen und schmuggelte sie sogar der Legende nach undercover in einen von Londons berüchtigsten Schwulenclub! Die nur wenige Jahre nach Mercury tragisch verstorbene Prinzessin war auch mit Elton John gut befreundet, der wiederum bestens mit Mercury konnte. Ein tolles Trio! Doch das Schicksal riss sie auseinander. Dass sich Lady Di und Elton John für die Bekämpfung der AIDS-Epidemie und gegen die Stigmatisierung der Erkrankten einsetzen, lag vor allem daran, dass sie den Krankheitsverlauf aus nächster Nähe mit ansehen mussten.

Mercury und den Kollegen verband eine langjährige Freundschaft, die nicht selten feucht-fröhlich verlief. „Er konnte mich unter den Tisch feiern – und das soll schon was heißen!“, erinnerte sich John an die wilden Partynächte der beiden. Nicht etwa, dass die beiden nur im Club miteinander auskamen. Selbst über den Tod hielt die Freundschaft: Einen Monat, nachdem Elton John als einer der wenigen Gäste auf Mercurys Beerdigung anwesend war, wurde ihm ein Gemälde angeliefert. Auf einem Kärtchen stand „Liebe Sharon, ich dachte, das sollte dir gefallen. Alles Liebe, Melina. Frohe Weihnachten.“ Ein Geschenk von Mercury, das er Monate vorher organisiert hatte. Sharon und Melina, so John, seien die Drag-Namen der beiden für einander gewesen.


9. God Save The Queen

Bis kurz vor seinem Tod war die Diagnose Mercurys nicht öffentlich bekannt, viel wurde jedoch wurde darüber spekuliert. Elton John selbst sagte, er habe die schlimme Botschaft bereits 1987 erfahren, ein Jahr nach dem letzten öffentlichen Auftritt von Mercury mit seiner Band. Am 9. August 1986 spielte Mercury im Knebworth Park in England das letzte Queen-Konzert seines Lebens – vor 160 000 Menschen! Das theatralische Ende des Konzerts scheint rückwirkend ein schlechtes Omen zu sein: Während God Save the Queen, die britischen Nationalhymne lief, verabschiedete er sich mit einer Krone in der Hand von seinem Publikum: „We love you!“ So ging er, der König…

Dass sich Mercury der britischen Krone dermaßen verpflichtet sah, verwundert zuerst. Denn schließlich wurde er selbst nicht dort, sondern nur im britischen Kolonialgebiet geboren, in Sansibar, heute Teil des Unionstaats Tansania, das erst 1963 seine Unabhängigkeit erklären konnte. Seine Kindheit hingegen verbrachte Farrokh in Indien, wo der britische Kolonialismus im Namen der Krone ebenfalls seine Spuren hinterlassen hatte. Dennoch zog es ihn auf die Insel, dennoch konnte er sich dort am besten arrangieren und starb 1991 in Kensington, fünf Jahre nachdem er noch mit Queen der Queen einen letzten Tribut gezollt hatte.


10. Sex Pistols – God Save The Queen

Manche werden bei dem Titel God Save The Queen vermutlich nicht an die britische Hymne, sondern eine ganz bestimmte Band denken: Die Sex Pistols brachten mit der Veröffentlichung ihrer gleichnamigen Single Punk in den Mainstream und brachen damit eine musikalische Revolution los. Wer war schuld? Natürlich Freddie Mercurys Zahnarzt! Wie bitte? Genau, richtig gelesen. Die Story läuft wie folgt: Am 1. Dezember 1976 müssen Queen ihren Auftritt bei Bill Grundys Today-Show absagen, weil Mercury seinen ersten Termin seit angeblich 15 (!) Jahren wahrnimmt. Die Dentalpflege kann nicht warten!

Queens damaliges Label EMI macht aus der Not eine Tugend und schickt stattdessen ein neues Signing zu Grundy: die Sex Pistols. Das Interview wurde legendär: Alle Beteiligten – ja, anscheinend auch Grundy – haben ordentlich einen im Tee und lassen kein Fettnäpfchen aus. Sogar eine Hakenkreuz-Binde ist zu sehen und das Wort „fucker“ zu hören. Für die damalige Zeit ist das kurze Gespräch ein echter Skandal, den die Yellow Press begierig aufgreift. Die Band wird national bekannt und bald schon interessieren sie sich auch außerhalb der Insel für die Pistols. Die Punk-Revolution, wir haben sie also – zumindest teilweise – Mercurys zwickendem Gebiss zu verdanken… Na sowas auch!


Hör hier in die musikalische DNA von Freddie rein:

Für die ganze Playlist klick’ auf “listen”.

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Popkultur

40 Jahre „Welcome To Hell“: Wie Venom selbst Metallica und Slayer beeinflussten

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Foto: Fin Costello/Getty Images

Es war einmal eine Band, die härter, extremer und radikaler sein wollte als alle anderen. Dies ist die Geschichte von Venom und ihrem unheilvollen, rumpelnden, anstrengenden und dennoch unmessbar einflussreichen Debüt Welcome To Hell.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr Welcome To Hell von Venom anhören:

In der Geschichte der unheiligen Rockmusik hat man vielen Bands einen Pakt mit dem Teufel unterstellt. Led Zeppelin, Black Sabbath, AC/DC, sie alle schienen doch irgendwie mit dem Leibhaftigen im Bunde zu sein, schienen am Scheideweg ihre Seelen für den Rock’n’Roll verkauft zu haben. Kann man alles getrost vergessen. Im Grunde gibt es eigentlich nur eine Band, die im Bund mit dem Teufel zu sein scheint und direkt aus der Hölle (oder aus einem billigen Studio, je nachdem) zu uns spricht. Und diese Band heißt Venom.

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Satanischer als Sabbath, lauter als Motörhead

Ziele braucht der Mensch. Ein junger Typ namens Conrad Lant macht da keine Ausnahme. Er wächst in Nordengland auf, ist sieben Jahre alt als die erste Black Sabbath erscheint. Als Schüler spielt er in diversen Bands, nennt sich bald nur noch Cronos und formt bei seiner Arbeit in den eher für Folk genutzten Impulse Studios einen ehrgeizigen Plan: Eine Band, härter, skandalöser, lauter und schockierender als alles, was es davor gab. Satanischer als Black Sabbath, lauter als Motörhead (viel Glück!), mehr Pyro und Drama als KISS und mehr Leder als Judas Priest.

Kann man machen. Wie schon gesagt: Ziele braucht der Mensch. Cronos, der Mann für Gesang und Bass, meint es aber tatsächlich ernst, hat irgendwann mit Gitarrist Mantas und Drummer Abaddon eine Truppe zusammen, die als ultimative Besetzung in die Metal-Geschichte eingehen wird. Er überredet den Studiobesitzer von Impulse, seine Band zum Schmalhalstarif ein Demo aufnehmen zu lassen, dessen Lead-Track In League With Satan durchaus auf Beachtung stößt. Im Sommer 1981 nehmen Venom deswegen alles auf, was sie haben – in nur drei Tagen. Das Resultat ist Welcome To Hell, ein sagenhaft rohes und ungeschminktes Debüt, das der einem ersten Höhepunkt entgegenpreschenden NWOBHM-Manie  das Fürchten lehrt.

Türöffner für okkulten Lärm

Im Dezember 1981 schält sich Welcome To Hell aus der diabolischen Dunkelheit. Und läutet eine neue Ära ein. Die Produktion, die Attitüde und das blasphemische Image nehmen viel von dem vorweg, was sich später als Trademark in Speed, Thrash oder Black Metal etablieren wird. Insbesondere der Song Witching Hour darf als Blaupause für den extremen Metal gelten, als Türöffner in eine unheilvolle Welt des okkulten Lärms – anstrengend, gesanglich eigentlich nicht mehr feierlich, chaotisch und dennoch historisch relevanter als vieles andere. Selbst die rigorose, scheppernde Lo-Fi-Produktion und das übergroße Pentagramm auf dem Cover gehen in die Ursuppe des Black-Metal-Genres ein.

Keine Metallica ohne Venom

Das ist ja auch das seltsam Schöne an Welcome To Hell: Die Platte ist unerträglich, unstrukturiert und unausgegoren. Aber musikgeschichtlich von derart seltener Pionierleistung, dass man vor einem Großmaul wie Cronos trotzdem nur den Hut ziehen kann. Denn irgendwie hat er seine großen Pläne ja sogar wahrgemacht. Und den Metal mit pechschwarzer Farbe, Chaos und Höllenfeuer überzogen.

Für Venom war Welcome To Hell aber natürlich nur der Anfang. Insbesondere der Nachfolger Black Metal (1982) ist bis heute ein vielzitierter Einfluss unzähliger Bands und nicht zuletzt der Namensgeber dieses notorischen Genres, das in den frühen Neunzigern in Norwegen zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Mal ganz zu schweigen davon, dass es ohne Venom wahrscheinlich weder Metallica noch Slayer oder Megadeth geben würde. Und das ist ja irgendwie auch keine schöne Vorstellung.

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Popkultur

Interview mit Volbeat: „Du musst mit der Straße verheiratet sein.“

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Foto: Emma McIntyre/Getty Images

Die Pandemie hat Volbeat nicht weichgekocht. Im Gegenteil: Auf ihrem achten Album Servant Of The Mind klingen die Dänen so aggressiv und durchgreifend wie noch nie. Im Interview begibt sich Bandchef Michael Poulsen auf Ursachensuche.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr Servant Of The Mind von Volbeat anhören:

Vor rund 15 Jahren war die Kreuzung aus fettem Metal und Elvis eine mittelschwere Sensation. Insbesondere mit ihrer dritten Platte Guitar Gangsters & Cadillac Blood (2008) brillierten Volbeat mit hohem Wiedererkennungswert und einem letztlich einzigartigen Gemisch. In den letzten Jahren wurde das, vorsichtig ausgedrückt, ein kleines bisschen redundant. Für die Band offensichtlich auch: Auf Servant Of The Mind berufen sich Volbeat so ungestüm und hemmungslos auf ihre metallischen Wurzeln wie noch nie.

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Michael, mit Servants Of The Mind dürftet ihr die meisten eurer Hörer überraschen und viele erfreuen. Woher kommt denn diese neue Lust an Heavy Metal? Steckt dahinter etwa euer 20. Geburtstag, den ihr dieses Jahr feiert?

Gut möglich. Jeder ist ja immer von allem beeinflusst, was er selbst gerne hört. Doch nach all den Jahren und Alben können Volbeat sich mittlerweile auch selbst beeinflussen. Und nach 20 Jahren tun wir das auch. Es macht mir Spaß, unsere alten Sachen zu hören und weiterzuentwickeln. Doch als Musiker reifen wir ebenso wie als Menschen. Wir werden besser, wir entwickeln uns weiter, wir finden neue Werte, wir sehen Dinge anders. Irgendwann passten wir uns mit Volbeat musikalisch also eher den großen Arenen an, die wir zu spielen begonnen hatten. Und diesmal ließen wir eben einfach die Pferde mit uns durchgehen. Es waren ja eh keine Arenen in Sicht. Man hört den neuen Songs deswegen sehr deutlich an, dass wir Black Sabbath, The Cramps oder Entombed immer noch sehr gerne hören. (lacht)

„Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm.“

Kam das denn ganz natürlich? Oder war es am Ende doch geplant?

Ich fing in den frühen Neunzigern mit Death Metal an. Diese Musik ist seither in meinem Songwriting verankert. Natürlich kamen bei Volbeat von Anfang an mit Rock’n’Roll, Psychobilly oder Punk sehr viele andere Inspirationen hinzu, aber nach sieben Alben verspürte ich plötzlich wieder große Lust, etwas härter zu werden. Die harte Seite von Volbeat war immer da, sie kam in letzter Zeit nur nicht so prägnant zum Vorschein. Diesmal war es aber einfach an der Zeit. Es geschah ganz natürlich, als ich während des Lockdowns zuhause saß, keine Konzerte spielen konnte und viele alte Platten hörte. Ich konnte nur in den Proberaum gehen, also tat ich das.

Entstanden dann auch gleich neue Songs? Oder ging es nur darum, Dampf abzulassen?

Ich hatte es gar nicht vor, aber genau das passierte. Auf einmal hatte ich all diese Ideen und fing an, sie aufzunehmen. Es fühlte sich an, als würden wir noch mal ganz von vorn anfangen. Und genau dieses Gefühl brachte mich noch näher an unsere Wurzeln zurück. Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm. Und was soll ich sagen? Es machte riesigen Spaß! (lacht)

„Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.“

Klingt, als hätte es bei den Sessions zu Servant Of The Mind keine größeren Hindernisse oder Stolpersteine gegeben…

Nach drei Monaten hatten wir plötzlich 13 neue Songs fertig. Dann gingen wir zu Jacob Hansen, um sie aufzunehmen. Zweieinhalb Wochen später war die Platte im Kasten. Wir sahen uns an und fragten uns: Und was machen wir jetzt? (lacht) Wir waren uns erst unsicher, ob wir das Album auch gleich veröffentlichen sollen, weil ja immer noch niemand weiß, wie alles genau weitergeht. Es fühlte sich aber alles so gut, so frisch an, dass wir die Songs so schnell wie möglich veröffentlichen wollten. Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.

Untypisch ist für euch nicht nur diese neue Härte, sondern auch der Albumtitel Servant Of The Mind. Worum geht’s denn auf der Platte?

Es ist doch so: Wir wachen auf, kommen irgendwie durch den Tag und schlafen. Dabei sind wir eigentlich immer unseren Gedanken oder unserem Mindset ausgesetzt. Unsere Gedanken können uns an sehr dunkle Orte führen – oder sie sorgen dafür, dass es uns richtig gut geht. Diese beiden Extreme spielten in der Musik von Volbeat immer schon eine Rolle. Hat wohl mit der Dualität des Lebens zu tun.

„Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten.“

Kommen wir noch mal auf eure frühen Tage zurück: Wie hast du die Anfangszeit der Band erlebt?

Dazu reicht eigentlich eine einzige Anekdote: Als wir mal ins Studio gehen wollten und uns die Kohle fehlte, meinte unserer früherer Bassist, ihm werde schon etwas einfallen. Wir standen gerade erst im Studio, da klingelte das Telefon klingelt und seine Frau brüllte ihn an, was er mit ihren Möbeln gemacht hat. (lacht)

Und? Was hat er gemacht?

Na ja, er hat sie verkauft, um die Studiomiete zu bezahlen.

Ihr habt also immer alles für die Band gegeben?

Ja. Bei wem das nicht so war, der ist nicht mehr dabei. Volbeat ist meine Band, mein Arbeitsplatz, mein Leben. Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten. Das ist unfassbar! Ich wusste zwar immer, dass ich Musik machen möchte. Aber so etwas zu erleben, ist schwer zu beschreiben.

Dennoch braucht eine Band auch Hierarchien. Jemanden, der alles im Blick hat.

Bei Volbeat war ich von Tag eins der, der sich um alles gekümmert hat. Booking, Merchandise, ich machte sogar die Steuer für meine Bandkollegen. (lacht) So einen braucht es in jeder Band. Doch auch alle anderen müssen 150 Prozent hinter der Band stehen. Sie müssen bereit sein, eine Menge aufzugeben. Und das sind nicht viele. Manche wollen nicht monatelang auf Tour sein, manche wollen mehr Regelmäßigkeit in ihrem Leben. Aber dann funktioniert es nicht. Du musst alles opfern, deine Sicherheit, deine Freunde, deine Partner, deine Kohle. Du musst mit der Straße verheiratet sein. Anders geht es nicht.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 6.12.1988 erliegt Roy Orbison einem Herzinfarkt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.12.1988.

von Timon Menge und Christof Leim

Denkt man an Roy Orbison, sieht man vor allem eines: schwarz. Mit seinen getönten Haaren, der stets dunklen Sonnenbrille, seinem schwarzen Anzug und der schwarzen Gitarre gibt der Texaner der Melancholie eine vier Oktaven starke Stimme. Songs wie Only The Lonely, Oh, Pretty Woman oder You Got It verzaubern Hunderttausende. Doch sein Weg verläuft alles andere als geradlinig…

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Hört hier in Roy Orbisons beste Songs rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.  

Orbisons Karriere beginnt, als er 1945 im Alter von neun Jahren einen Talentwettbewerb bei einem lokalen Radiosender zu Hause in Texas gewinnt und eine wöchentliche Show im Samstagabend-Programm bekommt. Sein erster öffentlicher Auftritt mit Band lässt deutlich länger auf sich warten: 1953, also acht Jahre später, treten er und The Wink Westerners in einer High School auf. Die Schule befindet sich in seiner langjährigen Heimatstadt Wink in Texas, einem Ort, der vor allem von der Ölindustrie lebt. Die Gruppe hatte Orbison bereits im Alter von 13 Jahren gegründet. Ein Jahr nach dem Konzert schließt Orbison die Schule ab und wechselt zum North Texas State College, um Geologie zu studieren.

Der nächste Schritt ins Musikerdasein folgt 1955: Der Gitarrist und Sänger reist mit seiner Band nach Dallas, um Columbia Records den Song Ooby Dooby vorzuspielen, geschrieben von seinen Studienkollegen Wade Lee Moore und Dick Penner. Das Stück gefällt der Plattenfirma zwar, Orbison selbst stößt allerdings auf weniger Gegenliebe. Stattdessen spielen Sid King And The Five Strings den Titel ein.



Die Musiker lassen sich durch den Rückschlag nicht entmutigen, treten in zahlreichen Radiosendungen auf und benennen sich in The Teen Kings um. Am 4. März 1956 nehmen sie Ooby Dooby doch noch auf, und zwar im Studio von Norman Petty, einem der wichtigsten Rock’n’Roll-Produzenten der Zeit. Am 19. März erscheint der Song über Weldon Rogers’ Plattenfirma Je-Wel Records, doch der Vertrag muss kurz nach Erscheinen der Single annulliert werden: Orbison ist noch minderjährig und hätte ihn gar nicht unterzeichnen dürfen.



Sam Phillips, Inhaber der legendären Vinylschmiede Sun Records, interessiert das nicht. Er bietet dem jungen Musiker einen neuen Vertrag, den dieser annimmt. Phillips gilt als Schlüsselfigur der Fünfziger und entdeckt nicht nur Elvis Presley, sondern auch Johnny Cash und Jerry Lee Lewis. Die Gruppe nimmt Ooby Dooby ein weiteres Mal auf, am 1. Mai 1956 erscheint die Single mit der B-Seite Go Go Go. Der Titel erreicht Platz 59 der nationalen Hitparade und verkauft sich mehr als 350.000 Mal. Um das Momentum zu nutzen, geht Orbison auf eine große Tournee mit Johnny Cash, Carl Perkins, Warren Smith, Sonny Burgess und Faron Young. Die Reise führt den Tross bis nach Kanada.


Im September folgt die zweite Single: You’re My Baby, ein Stück von Johnny Cash. Auf der B-Seite findet sich Rockhouse von Orbison und Harold Jenkins alias Conway Twitty. Der Erfolg mit Sun Records bleibt hinter den Erwartungen zurück, und Orbison wechselt zu RCA Records, wo inzwischen auch Elvis Presley unter Vertrag steht. Auch dort bleibt der Durchbruch aus. Orbison veröffentlicht zwei erfolglose Singles, der Vertrag wird nicht verlängert.

Der Nachwuchskünstler betätigt sich stattdessen als Songwriter für andere Leute. So spielt er den Everly Brothers während einer Konzertpause ein Lied vor, das er für seine Frau Claudette geschrieben hat. Die Brüder mögen das Stück, das einfach Claudette heißt, und nehmen es auf. Später schreibt er den Song Down The Line, interpretiert von Jerry Lee Lewis. Auch Buddy Holly und Rick Nelson greifen auf Orbisons Material zurück.



Ab 1959 kommt allmählich Land in Sicht. Orbison unterzeichnet einen Vertrag bei Fred Fosters Plattenfirma Monument Records. Foster erkennt das Potential des jungen Musikers und liegt goldrichtig: Mit Uptown landet gleich der zweite neue Song des Texaners in den Charts, wenn auch nur auf Platz 72. Orbison nutzt die schützenden Arme des neuen Labels, um seinen balladesken Stil weiterzuentwickeln. Am 9. Mai 1960 gelingt mit Only The Lonely (Know The Way I Feel) der nationale und internationale Durchbruch. Orbisons Falsetto beeindruckt Elvis Presley so sehr, dass er die Single gleich kistenweise kauft und an Freunde verteilt. Vier Jahre lang erreicht jeder Song von Orbison die Top 40.



Eines seiner größten Markenzeichen entsteht zufällig, als Orbison 1963 mit den Beatles durch Großbritannien tourt. Der stark weitsichtige Musiker vergisst seine Brille im Flugzeug und muss aus der Not heraus mit seiner Sonnenbrille auftreten, die ebenfalls seiner Sehstärke angepasst ist. Der Look kommt gut an, so dass man ihn im weiteren Verlauf seiner Karriere nur selten ohne Sonnenbrille sieht. (Während derselben Tour erhält er übrigens auch seinen Spitznamen „The Big O“.) Seine stets dunkle Kleidung vervollständigt das Bild des schüchternen, auf Anonymität bedachten Superstars.



Am 1. August 1964 nimmt Orbison dann die erfolgreichste Single seiner Karriere auf. Oh, Pretty Woman erreicht in unzähligen Ländern der Welt Platz 1 der Charts und verkauft sich noch im ersten Jahr mehr als sieben Millionen Mal. Als Orbison 1965 mit den Rolling Stones durch Australien tourt, inspiriert der Song Mick Jagger und Keith Richards sogar dazu, ein ähnliches Intro für (I Can’t Get No) Satisfaction zu schreiben.

Roy Orbison ohne Sonnenbrille, dafür mit seiner zweiten Frau Barbara Anne Marie Wellhöner

Nach dem späten aber erfolgreichen Start seines Musikerdaseins suchen ihn ab Mitte der Sechziger mehrere Schicksalsschläge heim. 1966 stirbt seine Frau Claudette bei einem Motorradunfall, 1968 kommen zwei seiner drei Söhne bei einem Hausbrand ums Leben. Am 25. Mai 1969 heiratet Orbison seine zweite Frau Barbara Anne Marie Wellhöner, geboren in Bielefeld. Sie überlebt ihren Mann auf den Tag genau um 23 Jahre.

Auch seine Karriere gerät ins Wanken: Beatbands dominieren die Charts, Orbison unterschreibt einen neuen Plattenvertrag über eine Million US-Dollar mit MGM. Die Klangqualität von Monument Records wird nicht mehr erreicht, und auch die kompositorische Klasse leidet, weil Orbison sich vertraglich dazu verpflichtet, regelmäßig neue Songs abzuliefern. Er spielt weiter Konzerte, doch es wird ruhiger um ihn.



Ein furioses Comeback gelingt ihm Ende der Achtziger Jahre mit Mystery Girl und der Single-Auskopplung You Got It. Im November 1988 tritt er beim Diamond Awards Festival in Belgien auf und präsentiert den brandneuen Song vor laufenden Kameras. Ein Raunen geht um die Welt: Roy Orbison ist zurück, besser denn je. Auch abseits seiner Solokarriere bewegt sich etwas: Er schließt sich mit Bob Dylan, Tom Petty, George Harrison und Jeff Lynne zu den Traveling Wilburys zusammen, einer Supergroup, deren Debüt Traveling Wilburys Vol. 1 millionenfach über die Ladentheken geht.

Leider bekommt Orbison den Erfolg seines Comebacks nicht mehr vollständig mit: Bereits seit seiner Kindheit leidet er an Herzproblemen und muss sich während der Siebziger einer Bypass-Operation unterziehen. Am 6. Dezember 1988 erliegt er kurz vor Mitternacht einem Herzinfarkt. Er wird in Los Angeles beigesetzt, Mystery Girl erscheint posthum.

Bis heute zweifelt niemand am Einfluss, den Orbison auf die Musikwelt genommen hat. Dreht sich der Rock’n’Roll üblicherweise um treibende Schlagzeugbeats, verzerrte Gitarren und rebellische Texte, findet all das in der melancholischen Musik des Texaners kaum statt. Stattdessen vergleicht man ihn mit klassisch ausgebildeten Musikern, sogar mit Opernsängern. Kein Wunder: Dank seiner Stimmgewalt füllt er jeden noch so großen Saal aus.

Orbison wird nur 52 Jahre alt. „I still have some love to give“, singt er in Handle With Care von den Traveling Wilburys. Man darf gar nicht darüber nachdenken, welch tolle Songs er sicher noch geschrieben hätte.

Zeitsprung: Am 29.10.1990 erscheint „Traveling Wilburys Vol. 3“.

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