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Popkultur

Die musikalische DNA von Nirvana

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Manchmal braucht es nicht viel Können, um die Welt zu verändern. Manchmal reicht einfach eine Vision, gepaart mit unbändigem Willen. Nirvana haben es vorgemacht. „Ich habe keinen Plan davon, was es heißt, ein Musiker zu sein“, sagte deren Frontmann Kurt Cobain 1993 in einem Interview. „Ich könnte nicht mal den Gitarren-Grundkurs bestehen…“ Und dennoch steht das ebenso simple wie energische Gitarrenriff von Smells Like Teen Spirit auf den Bestenlisten für immer ganz oben. Cobain war ein genialer Songwriter. Nicht unbedingt, weil er so viele Kniffe drauf hatte. Sondern weil hinter der Musik seiner Band eine deutliche Haltung stand.


Hört euch hier die msuikalische DNA von Nirvana in einer Playlist an und lest weiter:


Das alles war schlagartig vorbei, als sich Cobain am 5. April 1994 das Leben nahm. Sein Tod schockierte die ganze Welt nicht allein deswegen, weil damit ein begnadeter Musiker weniger auf der Erde zu finden war, nein. Ohne Nirvana fehlte plötzlich eine der lautesten Stimmen der letzten Rock-Revolution, der Schimmer einer so notwendigen Hoffnung schien vorerst erloschen. Die Geschichte war damit aber noch nicht zu Ende geschrieben. Was aus dem genialen Drummer Dave Grohl wurde, wissen wir alle: Mit den Foo Fighters brachte er eine Band an den Start, die zwar weniger wütend ist, dafür aber umso emphatischer den Geist der Grunge-Musik in die Gegenwart herüber rettete. Und obwohl Krist Novoselic in musikalischer Hinsicht keineswegs ähnliche Erfolge für sich verbuchen konnte, so zeigt sein politisches Engagement der letzten Jahrzehnte doch, dass der Spirit von Nirvana weiterhin sein unvergleichliches Aroma verströmt.

Nirvana waren wohl die erfolgreichste, bei Weitem aber nicht die einzige Band der Grunge-Ära. Zahlreiche andere Bands, von den Meat Puppets hin zu Soundgarden und natürlich Courtney Loves Hole, gehörten zur Konkurrenz und waren doch zugleich Verbündete im musikalischen Aufstand gegen das Establishment. Die Liste von alten und zeitgenössischen Einflüssen auf das Schaffen von Cobain, Grohl und Novoselic ließe sich wohl unendlich weiterführen. Versuchen wir aber trotzdem einmal, die musikalische DNA dieser in jeder Hinsicht revolutionären Band aufzuschlüsseln!


1. The Beatles – Hey Jude

Es überrascht wohl kaum, dass die größte Rock-Band ihrer Zeit auch einige Kniffe von der wohl größten Band aller Zeiten gelernt hat: The Beatles waren (beinahe) von Anfang an Teil von Kurt Cobains Leben. Seine Tante Mari erinnerte sich sogar daran, dass er angeblich bereits im Alter von nur zwei Jahren den Song Hey Jude nachgesungen haben sollte. „Meine Tanten gaben mir Beatles-Platten“, erinnerte sich Cobain in einem Interview mit Jon Savage im Jahr 1993. „Als Kind habe ich die meiste Zeit die Beatles gehört. Wenn ich Glück hatte, konnte ich mir sogar eine Single kaufen.“ Cobain, der in seinen Tagebüchern John Lennon als seinen Helden bezeichnete, ist aber nicht das einzige Mitglied, das die Fab Four verehrte: Krist Novoselic führte Paul McCartney als einen der Bassisten an, die ihn maßgeblich beeinflusst haben. Selbst Dave Grohl sagte, dass er ohne die Beatles nicht Musiker geworden wäre. „Von einer Generation zur nächsten werden die Beatles immer die wichtigste Rock-Band aller Zeiten sein“, erklärte er. Da müssen sich selbst die für die Band ebenso wichtigen Led Zeppelin oder Velvet Underground eben hinten anstellen!


2. Hüsker Dü – Chartered Trips

„Weißt du, Kurt und ich, unsere ganze Generation eigentlich ist mit Pop-Musik aufgewachsen: den Beatles, den Byrds, den Zombies, diese Art Band. Ich habe Songs immer geliebt“, gestand Grohl gegenüber einem seiner größten Vorbilder überhaupt: Bob Mould. Der hatte mit seiner Band Hüsker Dü einen neuen Punk-Sound definiert, der nicht vor klassischen Pop-Strukturen und Mitsingrefrains zurück schreckte. „Ich war 15 und hatte Zen Arcade“, erinnerte sich Grohl in einem anderen Interview an seine erste Berührung mit der Band. „Das war, als ich mich dazu entschied, diese Musik zu lieben. Für mich wäre es falsch gewesen, irgendetwas anderes zu machen.“ Als Zen Arcade, das bahnbrechende Doppelalbum von Hüsker Dü, 1984 erschien, erwischte es die Teenager genau zur rechten Zeit: Grohl hatte zwei Jahre vorher sein erstes Konzert besucht und war so beeindruckt vom Auftritt der Band Naked Raygun, dass er flugs zum Punk konvertierte und tagtäglich Fanzines wie Maximumrocknroll studierte. Hüsker Dü brachten das Beste aus beiden Welten zusammen: Ihre bittersüßen Songs wie Chartered Trips erinnerten an die Pop-Musik der späten sechziger Jahre und doch wohnte ihnen die explosive Energie von Punk und Hardcore inne. Obwohl der Einfluss von Mould und Konsorten vielleicht eher im Sound der Foo Fighters widerhallt, so stellte Grohl doch eins klar: „Als Nirvana bekannt wurden, fragten mich Leute: ‚Worin liegt das Rezept für diese Art von Musik?‘, und ich meinte nur: ‚Puh, habt ihr nie von Hüsker Dü gehört?‘“


3. The Melvins – Gluey Porch Treatment

Bands wie Hüsker Dü oder etwa die Replacements aber waren nicht die einzige, die in dieser entscheidenden Phase der achtziger Jahre dem Punk- und Hardcore-Sound einen neuen Drive gaben. Die Melvins gründeten sich 1983 und hätten sie das nicht getan, wir hätten vielleicht nie von dieser Band namens Nirvana auch nur gehört. Cobain behauptete steif und fest, mit ihnen sein erstes Konzert erlebt zu haben und traf Novoselic erstmals im Proberaum der exzentrischen Band um King Buzzo. Novoselic war zuerst nicht daran interessiert, mit dem hageren Blonden eine eigene Band aufzumachen, dieser konnte ihn aber mit Verspätung überzeugen: Ganze drei Jahre, nachdem der junge Kurt dem riesig gewachsenen Bassisten ein Demo-Tape in die Hand gedrückt hatte, meldete der sich zurück! Bei den ersten Bandproben unterstützte sie noch Dale Crover an den Drums, neben Buzz Osborne das zweite feste Mitglied im rotierenden Kader der Melvins. Als Crover 1988 nach San Francisco zog, empfahl er zuerst Dave Foster als seinen Nachfolger, bevor King Buzzo Cobain und Novoselic mit einem Drummer namens Dave Grohl zusammenbrachte, der nach dem Ende seiner Hardcore-Punk-Band Scream eine neue Gruppe suchte. Kein Wunder also, dass Nirvana sich auch den grungigen Sound von den Melvins liehen. Als die Band 1989 mit Bleach debütierte, klang darin noch das Melvins-Debüt Gluey Porch Treamtent nach. Oder?


4. Celtic Frost – Mesmerized

Tatsächlich gab Novoselic 2001 in einem Interview zu, dass besonders ein Tape mit zwei Alben darauf während der Aufnahmen zu Bleach wichtig gewesen wäre, weil es bei der Band auf Dauerrotation lief. Auf der einen Seite fand sich eine LP der US-Rock-Band The Smithereens, auf der anderen Seite eine Platte des Schweizer Extreme-Metal-Projekts Celtic Frost. „Sie standen total auf Celtic Frost“, erinnerte sich auch Grohl mit einem Schmunzeln. „Sie haben Celtic Frost und die Smithereens gehört und glaubten, sie würden genauso klingen.“ Grohl selbst, der bei den Aufnahmen von Bleach bekannterweise noch nicht Teil der Band war, lud den Celtic Frost-Sänger Thomas Gabriel Fischer allerdings selbst ins Studio, als er 2004 an seinem Solo-Projekt Probot arbeitete. Celtic Frost ist indes bei weitem nicht die einzige Metal-Band, auf die sich alle drei Nirvana-Mitglieder einigen konnten. Denn neben Bands wie Led Zeppelin oder The Who, die mit ihrem zerstörerischen Bühnenauftritten den Weg für Nirvanas eigene Performance geebnet hatten und dabei auch tausende Metal-Bands inspirierten, liebten Cobain und Novoselic auch Black Sabbath, deren Hand Of Doom sie gerne live coverten. So viel zumindest steht fest: Nirvana mochten auch ihren Metal dreckig und verbissen!


5. Pixies – Gigantic

Was Nirvana aus dem Metal mitnahmen war einerseits die Zerstörungswut und andererseits das Faible für Laut-Leise-Dynamiken, wie sie Black Sabbath oder später auch Earth, das Drone/Doom-Projekt von Cobains gutem Freund Dylan Carson, perfekt beherrschten. Eine andere Band aber zeigte schon vor Nirvana, dass dies auch im US-Indie möglich war. Mit Surfer Rosa setzten sich die Pixies ein Denkmal wie kein zweites. Zwischen einer kuriosen Ballade wie Where Is My Mind? und Haudruff-Punk à la Oh My Golly passten Songs, die beide Facetten vereinten, so wie etwa Gigantic mit Kim Deal an den Haupt-Vocals. Cobain stürzte es geradezu in eine Krise, Surfer Rosa zu hören – hier war all das versammelt, was er mit Bleach erreichen wollte und nicht konnte! Er ließ sich aber nicht entmutigen, ganz im Gegenteil. Surfer Rosa, so erzählte er 1992 gegenüber dem Melody Maker, ließ ihn von seinem „Black Flag-beeinflussten Ansatz Abstand nehmen“. Jetzt versuchte er stattdessen, im Stile von Iggy Pop oder Aerosmith heranzugehen und gestand frank und frei, dass Smells Like Teen Spirit seine Version eines Pixie-Songs war. „Ich muss es zugeben“, sagte er dem Rolling Stone. „Als ich zum ersten Mal die Pixies hörte, spürte ich eine so starke Verbindung mit der Band, dass ich bei ihnen hätte einsteigen müssen – oder zumindest einer Pixies-Cover-Band. Wir haben ihre Dynamiken verwendet, erst laut und sanft zu sein und dann laut und hart.“ Immerhin: Das gelang Nirvana auf eine Art, die selbst unnachahmlich war.


6. R.E.M. – Everybody Hurts

Die von Cobain zitierten Iggy Pop und Aerosmith standen natürlich in Kontrast zu anderen Bands aus Nirvanas Zeiten, die für die Entwicklung der Band maßgeblich waren – ob nun die Pixies oder die befreundete Noise-Rock-Kombo Sonic Youth, die das Trio von Anfang an unterstützten und ihnen sogar einen Plattendeal bescherten. Die gemeinsame Europa-Tour beider Bands im Sommer des Jahres 1991 wurde in der Dokumentation 1991: The Year Punk Broke festgehalten. Darin schwärmt Cobain überraschender Weise von einer Band, die – obwohl aus dem Punk kommend – für einen wesentlich poppigeren Sound stand als die befreundeten Sonic Youth. „Wenn ich doch nur ein paar Songs schreiben könnte, die so gut sind wie ihre“, sinniert er darin. „Ich habe keine Ahnung, wie diese Band das macht. Gott, sie sind einfach die besten. Sie sind mit ihrem Erfolg umgegangen wie Heilige und haben weiterhin tolle Musik abgeliefert.“ Von wem die Rede war? R.E.M.! Der Einfluss der Band um Michael Stipe sollte auch der Kritik nicht entgehen: Als Nirvanas Unplugged-Album nach Cobains Tod im Jahr 1994 veröffentlicht wurde, zogen viele Rezensionen Vergleiche zum jüngeren Werk der Band aus Athens, Georgia. Drauf gebracht hatte sie Cobain wohl selbst: Der nämlich sagte 1993, dass das kommende Nirvana-Album „ziemlich ätherisch, akustisch, wie das letzte R.E.M.-Album“ klingen sollte. Gemeint war natürlich Automatic For The People mit Hits wie Everybody Hurts.


7. Garbage – Only Happy When It Rains

Obwohl Nirvanas Unplugged-Session diesen Stilwechsel absolut nachvollziehbar gemacht hätte, so war die Band doch noch im Vorjahr um einen rougheren Sound bemüht. Für Aufnahmen von In Utero nämlich rekrutierten sie die Produzentenlegende Steve Albini. Nicht aber deswegen, weil der kauzige Big Black- und Shellac-Mastermind ihnen Street Credibility in der Indie-Szene einholen würde, wie die Band nachdrücklich betonte. Nein, was Nirvana für In Utero wollten, das war ein anderer, authentischer Sound ohne viel Schnickschnack. Es sollte ihnen gelingen, auch wenn Novoselic mit Albinis Mix unzufrieden war, weil sein Bass kaum zu hören gewesen sei und Cobain insbesondere die Versionen von Heart-Shaped Box und All Apologies alles andere als perfekt fand. Wer musste also kommen, um den Remix zu retten? Der R.E.M.-Produzent Scott Litt! Wie das Album wohl geklungen hätte, wäre die Band beim Nevermind-Produzenten Butch Vig geblieben? Schlimmstenfalls wohl wie das Debütalbum von Vigs Band Garbage, die mit Songs wie Only Happy When It Rains Grunge im Jahr 1995 endgültig zu Grabe tragen schienen. Obwohl Vig mit der Produktion von Nevermind zweifelsohne einen guten Job gemacht hatte, der elektronisch angehauchte Breitbandsound von Garbage wäre mit Nirvana längst nicht mehr zu vereinbaren gewesen. Dann doch lieber der Hitzkopf Albini!


8. Bikini Kill – Rebel Girl

Allein der furiose Auftakt von Nevermind sollte nachhaltig das Erbe von Nirvana untermauern. Bis heute aber ist niemand sicher, wovon eigentlich in Smells Like Teen Spirit die Rede ist. „Wenn ich einen Song schreibe, sind die Lyrics das Unwichtigste“, erklärte Cobain in einem Interview. Tatsächlich schrieb er sie der Legende nach meist nur wenige Minuten vor der Aufnahme. „Solange sie nicht sexistisch oder peinlich sind, geht alles klar“, hatte er schon über die undurchdringlichen Texte von Bleach gesagt. Woher allerdings der Songtitel kommt, das zumindest steht fest: Während einer Diskussion über Anarchismus und Punk mit einem Mitglied von Bikini Kill sprühte die Bandkollegin Kathleen Hanna die Worte „Kurt Smells Like Teen Spirit“ an die Wand der Wohnung und Cobain war sofort begeistert vom revolutionären Potenzial des Slogans. Der einzige Haken allerdings: Mit „Teen Spirit“ war das gleichnamige Deodorant gemeint, welches seine damalige Freundin, das Bikini Kill-Mitglied Tobi Vail, zu dieser Zeit benutzte. Ups! Vail und Bikini Kill sollten Cobain an den Feminismus heranbringen und seine Beziehung zu der Musikerin sollte sich – auf welche Art auch immer – in den Lyrics von Nevermind niederschlagen. Im Text von Lithium beispielsweise soll es um das Rebel Girl gehen, mit der Cobain nicht unbedingt das gesündeste Verhältnis hatte. Gesünder aber vielleicht als das zu Courtney Love, deren destruktive Geschichte mit Cobain ja bestens bekannt ist.


9. David Bowie – The Man Who Sold The World

Halten wir uns vielleicht also besser nicht weiter mit der Hole-Sängerin auf, um deren Rolle in Cobains Suizid die wildesten Verschwörungstheorien kursieren. Sondern werfen wir einen Blick auf den Künstler, dem Cobain noch kurz vor seinem Tod Tribut zollte. David Bowie war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Pop-Geschichte und sein sich ständig wandelndes Image ein steter Inspirationsquell für Nirvana. Auf dem in Europa verwendeten Cover von The Man Who Sold The World aus dem Jahr ist Bowie auf einer Chaiselounge zu sehen, eine gelockte Perücke fließt um sein Gesicht und fällt auf ein Brokatkleid mit Blümchenmuster. Ein Skandal! Für Nirvana aber genau das Richtige. Schon die Melvis traten häufiger in Kleidern auf, um in der männerdominierten Rockszene Geschlechterrollen in Frage zu stellen, und auch von Nirvana gibt es mehr als nur ein paar Bilder in geblümten Outfits. Ebenso ist Cobains, Grohls und Novoselics Einsatz für die Rechte der LGBTQ-Szene bestens bekannt. Bowie war eine der wichtigsten Figuren, die im Mainstream für Debatten über Bisexualität und Androgynität sorgte und drückte somit auch der Rebellion der Grunge-Szene ihren Stempel auf. Er selbst fand ebenso Gefallen an der Band. „Als ich erfahren habe, dass Kurt Cobain meine Arbeit mag, hat mich das umgehauen“, gab er zu und sagte auch, dass er gerne die Gründe des Amerikaners für seine Coverversion in Erfahrung gebracht hätte. Allein, es kam nie dazu. Zu Grohl war er allerdings nicht ganz so nett: Als dieser ihn einlud, bei einem Song für einen Film mitzusingen, lautet die brüske Antwort: „David, ich muss ehrlich sein, ich hab den Film gesehen und es ist einfach nicht mein Ding.“ Grohl bedankte sich artig, Bowie jedoch trat nach: „Okay, dann ist das erledigt. Jetzt verpiss dich!“ Autsch!


10. Oneohtrix Point Never – Animals

So wie es schon schwierig ist, die ganze Fülle der musikalischen DNA Nirvanas zu erfassen, umso schwieriger wird das angesichts ihres Erbes. Unzählige Bands aus allen möglichen Genres haben sich auf das Trio berufen, die Welle von Post-Grunge-Bands wie Puddle Of Mudd und Nickelback beispielsweise aber hätten wir uns wirklich sparen könnten. Selten jedoch wurde das Vermächtnis der Grunge-Zeit dermaßen radikal in Frage gestellt wie von Daniel Lopatin. Der New Yorker gilt als einer der Pioniere des sogenannten Vaporwave-Genres, in welchem Achtziger-Hits, Werbejingles und YouTube-Samples zu einem klebrigen Collage-Sound verarbeitet werden. Mit seinem Album Garden of Delete präsentierte er 2015 sein bisher ambitioniertestes Werk. Auf der LP setzte sich Lopatin mit dem Grunge-Mythos auseinander und versuchte, ihn zu zerlegen. In Interviews sprach er davon, dass Grunge nicht mehr als ein erfundenes Label von Nirvanas ehemaligen Label Sub Pop gewesen sei, ein Scherz auf Kosten der Musikpresse, die das neue Schlagwort dankend annahm. Der digitale „Hypergrunge“-Sound von Oneohtrix Point Never aber ließ sich ebenso von der Musik dieser Zeit inspirieren. Auf seinem Track Animals habe er versucht, die stimmliche Intensität von Nirvanas Song Polly nachzuahmen. Eine respektvolle Revolution gegen die Rebellion, welche Nirvana so entschieden mitgeprägt haben? Es hätte ihnen vielleicht ganz gut gefallen.


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Zeitsprung: Am 6.7.1964 läuft der Beatles-Film „A Hard Day’s Night“ an.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.7.1964.

von Timon Menge und Christof Leim

Als die Beatles am 6. Juli 1964 ihren ersten Kinofilm A Hard Day’s Night veröffentlichen, schreiben sie die Regeln einer gesamten Kunstform neu — schon wieder. Hatte man Musiker bis jetzt vor allem als Schauspieler eingesetzt, um mehr Kinokarten zu verkaufen (siehe: Elvis Presley), spielen sich die „Fab Four“ einfach selbst. Wir haben den Streifen unter die Lupe genommen.

Hier könnt ihr euch das Album A Hard Day’s Night anhören: 

Wir schreiben das Jahr 1964. Die Beatlemania droht, das Vereinigte Königreich aus den Angeln zu heben. Zwei Jahre zuvor hatten John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr den Song Love Me Do veröffentlicht und den Sprung in die britischen Charts geschafft. Es folgte ein Sog aus aufblühender Jugendkultur und Musikinnovation. Keine 24 Monate später gelten die vier Liverpooler auch international als Phänomen. Die Zeichen stehen auf „British Invasion“, nicht zuletzt aufgrund des legendären Auftritts der „Fab Four“ in der Ed Sullivan Show. Von Kritikern gerügt und von Fans verehrt, kehrt das Quartett Ende Februar aus den USA zurück und beginnt eine knappe Woche später ihr nächstes und bis dato außergewöhnlichstes Projekt: die Dreharbeiten zu A Hard Day’s Night.

Übernehmen ab Mitte der Sechziger die Welt: George Harrison, Ringo Starr, Paul McCartney und John Lennon – Pic: Underwood Archives/Getty Images

Im Gegensatz zu den damals üblichen Musikfilmen, in denen Stars wie Elvis Presley zwar neues Material präsentieren, in der Regel aber in fremde Rollen schlüpfen, schließt A Hard Day’s Night nahtlos an das unkonventionelle Interviewverhalten der Truppe an. Die Herren spielen allesamt sich selbst – und das inmitten des Tohuwabohu der Beatlemania.

Die Handlung: Auf dem Weg zu einer Show muss die Band einer wilden Horde Fans entkommen und findet auch während der anschließenden Zugfahrt keine Ruhe. Es folgen Situationen aus dem vermeintlichen Alltag der Teenieidole, in denen sie immer wieder ihre Songs darbieten. Doch weder im Hotel noch backstage bei einer Aufzeichnung oder während eines Casino-Besuchs mit Pauls Großvater lassen sich Ruhm und Verpflichtungen abschütteln. Letztlich findet das angekündigte Konzert wie geplant statt, die Band gelangt danach via Helikopter in die wohlverdiente Sicherheit. Aufgepasst: Wer genau hinschaut, kann einen noch unbekannten Phil Collins als Komparsen im Konzertpublikum entdecken.

Hat noch nicht einmal im Zug seine Ruhe: George Harrison in „A Hard Day’s Night“ – Pic: Max Scheler – K & K/Getty Images

Die Beatles entscheiden sich damals bewusst für einen Filmemacher, dessen musiknahe Werke die Vier schon länger wegen ihrer unkonventionellen Art mögen; der amerikanische Regisseur Richard Lester stellt ihnen wiederum den Liverpooler Schriftsteller Alun Owen vor und lässt ihn die Gruppe auf Tour begleiten. So entsteht ein Skript, welches auf dem typischen Beatles-Humor und Liverpooler Redensarten basiert und dadurch revolutionär authentisch wirkt. Owen heimst für seine Arbeit im folgenden Jahr ebenso wie der Soundtrack eine Oscar-Nominierung ein.

In Deutschland erscheint A Hard Day’s Night unter dem Titel Yeah Yeah Yeah und wird für die Synchronisation auch inhaltlich stark verändert, wie damals üblich: Diskussionen über Günter Grass und den deutschen Film vor Londoner Kulisse tragen wie die anderen ländereigenen Anpassungen zur internationalen Beliebtheit der Briten bei. Der englische Originaltitel basiert auf einem Versprecher von Schlagzeuger Starr, der im April nach einem anstrengenden Drehtag anmerkt: „It’s been a hard day“. Als er feststellt, dass bereits die Nacht angebrochen ist, ergänzt er seine Aussage schnell um ein „…’s night.“ Regisseur Lester findet die Aussage passend und gibt bei den Musikern einen Song mit der Phrase als Titel in Auftrag. Wenige Stunden später hat Lennon das Stück fertig und notiert es auf einer Glückwunschkarte, die heute im British Museum in London bestaunt werden kann. Deutsche Kinos führen die Komödie erstmals am 23. Juli 1964 vor.

Lennon tut den Film später als Klamauk ab, McCartney hingegen lobt den Schwarz-Weiss-Streifen für die Authentizität seiner Charaktere. Fakt ist: A Hard Day’s Night läutet ein neues Zeitalter des Musikfilms ein und gilt als eines der ersten Beispiele einer Mockumentary. Die Meta-Ebene, auf der sich der Film mit Ruhm und Erfolg auseinandersetzt, erlaubt der Band einen Kommentar zur Beatlemania, ohne sie offen zu kritisieren und Fans vor den Kopf zu stoßen. A Hard Day’s Night kann also als frühe Instanz der in späteren Jahren Beatles-typischen Gesellschaftskritik bezeichnet werden. Für George Harrison hat der Film übrigens noch ganz andere Szenarien zur Folge: Am Set lernt er die junge Schauspielerin Pattie Boyd kennen, die er zwei Jahre später heiratet und die ihn später in nach einer dramatischen Dreiecksgeschichte für Eric Clapton verlässt.

George Harrison und Pattie Boyd 1964 – Pic: Michael Ochs Archives/Getty Images

Zeitsprung: Am 9.2.1964 übernehmen die Beatles die USA – gewissermaßen.

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Zeitsprung: Am 5.7.1954 nimmt Elvis Presley seinen ersten Hit „That’s All Right“ auf.

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Michael Ochs Archives/Getty

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.7.1954.

von Tom Küppers und Christof Leim

Natürlich spielt Gevatter Zufall auch im Rock’n’Roll eine wesentliche Rolle. Selbst Elvis Presley, der „King“ höchstselbst, verdankt seinen Karrierestart einem kurzen, absolut ungeplanten Moment…

Hier könnt ihr euch zur Lektüre die Nummer und andere Elvis-Klassiker anhören:

Sam Phillips ist ein umtriebiger Geschäftsmann. Unter dem Banner Sun Records veröffentlicht er Anfang der Fünfziger Tonträger von Künstlern wie B.B. King oder Howlin’ Wolf und betreibt auch das dazugehörige Aufnahmestudio. Schnell kommt er auf die Idee, dieses auch Hobbymusikern zugänglich zu machen, die dann beispielsweise ihren Gesang auf einem rasch gepressten Acetat-Tonträger mit nach Hause nehmen können. Das gefällt auch dem gerade mal zwanzig Jahre jungen Elvis Aron Presley. Der kommt eines Tages in das Studio und möchte als Geburtstagsgeschenk für seine Mutter zwei Songs aufnehmen. Der Kunde ist König, Elvis bekommt seine Platte. Vor allem aber ist Parker recht angetan von dem, was er hört, und lädt den jungen Musiker zu weiteren Aufnahmen ein. 

Zunächst springt der musikalische Funke nicht richtig über, dann hat der Legende nach Parkers Sekretärin Marion Keisker den Geistesblitz, Presley mit dem Gitarristen Scotty Moore bekannt zu machen. Die erste Reaktion des erfahrenen Musikers ist pures Gold: „Elvis Presley? Was zum Geier soll denn das für ein Name sein?“ Nach einer gemeinsamen Probe ändert sich seine Meinung, umgehend wird für den 5. Juli 1954 eine weitere Aufnahmesession angesetzt. Doch die angedachten Interpretationen zeitgenössischer Pop-Hits zünden nicht wirklich. 

Während der Rest der Anwesenden während einer Pause ratlos dreinblickt, schnappt sich Elvis einfach eine Gitarre und beginnt, eine flotte Version von That’s All Right zu singen, einen Proto-Blues von Arthur Crudup. Später wird Presley erzählen, dass er eigentlich lediglich einmal kurz den Clown geben wollte, um die Stimmung aufzuheitern. Kontrabassist Bill Black steigt allerdings zupfenderweise auf den Witz ein, und da geht Parker plötzlich ein Licht auf: Das ist genau der neue Sound, nach dem alle suchen, und er hat ihn gerade eben gefunden. Moore stürzt zurück in den Aufnahmeraum, sucht ein paar Akkorde zusammen, und fertig ist die Nummer. 

Drei Tage später läuft That’s All Right dann zum ersten Mal im Radio bei Sendern, die Philipps mit einer Vorabpressung versorgt hat. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten; in einem Studio glühen die Telefone solange, bis sich der DJ genötigt sieht, die Platte während seiner zweistündigen Show immer und immer wieder aufzulegen. Elvis wird sogar zu einem Liveinterview eingeladen.

Am 19. Juli 1954 steht That’s All Right dann als Single in den Läden mit Blue Moon Of Kentucky als B-Seite, den die drei Musiker auf ähnliche Weise eingespielt hatten: Gesang, Gitarre, Bass, fertig. Und damit beginnt eine bis heute unvergleichliche Weltkarriere.

Und das soll alles darauf basieren, das Presley nur mal kurz einen Witz reißen wollte? Ein paar Jahre vor seinem Tod beantwortet Scotty Moore genau diese Frage mit einem Lachen im Gesicht und einem eindeutigen „Absolut!“ Manche Geschichten kann man sich echt nicht ausdenken…

Zeitsprung: Am 26.8.1969 kann Elvis Presley auf der Bühne nicht aufhören zu lachen.

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Popkultur

Sex, Prügel, Mordversuche: Vor 40 Jahren heiraten Ozzy und Sharon Osbourne

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Sharon & Ozzy Osbourne
Foto: Dave Hogan/Getty Images

Wie die Ehe zwischen zwei absolut unberechenbaren Neurotiker*innen wie Ozzy und Sharon Osbourne wohl so verläuft? Heftiger und exzessiver als sich das jede*r von uns vorstellen kann. Chronik einer sehr wilden Ehe.

von Björn Springorum

Im April 1979 wird Ozzy Osbourne nach katastrophalen Konzerten und unproduktiven Studioaufenthalten bei Black Sabbath vor die Tür gesetzt. Für ihn ist die Sache klar: Ihr Manager Don Arden braucht nur einen Sündenbock, erwischt hat es eben ihn. Arden, ein kompromissloser, brutaler Typ mit Mafiamethoden und einer langen Liste von Feinden und Kontroversen, lenkt damals schon seit einigen Jahren die Geschicke der Band. An der Rezeption sitzt damals seine Tochter Sharon Arden.

Liebe auf den ersten Kick

Auf die hat Ozzy schon seit Beginn der Siebziger ein Auge geworfen, bekommt es jedoch irgendwie hin, die Beziehung die ganzen Jahre über professionell zu halten – und das in einem Jahrzehnt, in dem man sich durchaus fragen kann, wie ein Begriff wie „professionell“ überhaupt in Ozzys Habitus passt. Vielleicht liegt es ja daran, dass er davon ausgeht, sie hielte ihn für einen „Wahnsinnigen“, wie er mal recht luzide reflektierte.

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Damals weiß er noch nicht, dass seine Zukünftige aus dysfunktionalen Verhältnissen stammt: Ihr Vater ist gewalttätig, sie ist oft Zeugin seiner Ausraster, als eine sehr junge schwangere Sharon Osbourne mal ihre Mutter besucht, ruft die ihre aggressiven Hunde nicht zurück, die über ihre Tochter herfallen. Sie verliert das Kind. So ein Ozzy auf welcher Droge auch immer wirkt im Gegenzug eher wie ein Spaziergang.

100.000 Pfund für Drogen

Obwohl Arden den Sänger gefeuert hat, nimmt er ihn auf sein Label Jet Records und entsendet seine Tochter Sharon nach Los Angeles, um dessen Solokarriere aufzubauen. Dort hat sich Ozzy mit seinen rund 100.000 Pfund Anteilen am Namen Black Sabbath (heute wären das über eine halbe Million Pfund) zurückgezogen, um in Frieden alles für Drogen und Suff auszugeben – „bevor ich zurück nach Birmingham kehren und mich arbeitslos melden würde“, so erinnert er sich. Ein folgenschwerer Fehler für den ach so taktierenden Manager: Die beiden verlieben sich, formen eine gemeinsame Front gegen Arden, der daraufhin schwere Geschütze auffährt, um die beiden auseinanderzubringen.

Ozzys erste Frau

Don Arden raubt seine Tochter aus, versucht sie umzubringen und erzählt Ozzy einmal sogar, dass seine Tochter ihren eigenen Vater verführen wollte. Familien… Man kann sie sich eben nicht aussuchen. Ozzy und Sharon bleiben stark, aber da gibt es natürlich noch ein anderes Problem: Ozzy ist seit 1971 mit einer gewissen Thelma Riley verheiratet, die beiden haben sogar zwei Kinder. Um den Weg für die neue Liebe frei zu machen, lässt sich Ozzy 1982 von Riley scheiden und tritt am 4. Juli 1982 mit Sharon Arden vor den Traualtar. Natürlich darf man sich fragen, wie die beiden jemals auch nur annehmen konnten, eine ruhige, harmonische Ehe zu führen, aber es ist natürlich nicht an uns, das zu beurteilen.

 

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Während Ozzy sehr bald danach wieder in einem Schleier aus Drogen und Alkohol durch die Welt stolpert und Sharon Osbourne in ihrer neuen Rolle als Managerin mehr und mehr wird wie ihr brutaler Vater, ist zumindest ihr Hochzeitstag eine romantische Sache: Ozzy im weißen Anzug, mit Fliege und Lorbeerkranz (wie ein römischer Kaiser), Sharon im weißen Kleid mit Schleier. Weiß, die Farbe der Unschuld… Das kommt schon 1982 nicht mehr hin.

Keine großbusige Beutefrau

Was folgt, wissen wir alle: eine wilde Ehe voller Exzesse, Streitereien und physischer Gewalt. Sie überfährt ihn mit dem Auto, er sie mit dem Rasenmäher, 1989 versucht er nach vier Flaschen Wodka, sie zu erwürgen. Dafür kommt er sogar ein paar Monate in den Knast. Sharon hält zu ihm. Die ganze Zeit. 2016 trennen sie sich zwar kurz, als Ozzys Affäre mit der Haarstylistin Michelle Pugh ans Licht kommt, doch nach Dutzenden Affären ist Sharon wohl abgehärtet, schon im Jahr darauf sind sie wieder zusammen. Und nicht nur das: Sie baut ihn über die Jahre zum Nationalheiligtum auf, zur bekanntesten Marke im Heavy Metal. Für Ozzy, klar. Aber auch für sich selbst. „Ich hörte damals immer nur: Ihr werdet das nie schaffen“, erinnerte sie sich mal. „Alle sahen ihn eher mit einer großbusigen Beutefrau, doch er bekam mich: eine kleine, fette, haarige Halbjüdin. Ich musste sehr viel kämpfen.“

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Mittlerweile haben es sogar die beiden geschafft, ihre Ehe in ruhigere Fahrwasser zu steuern. Zu ihrem 40. Hochzeitstag werden die beiden ihr Eheversprechen erneuern – das zweite Mal nach 2017. Und sich dann auf ihren Umzug zurück nach England vorbereiten. Happy anniversary!

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