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Popkultur

Die musikalische DNA von Novalis

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Popkultur ist immer auch Gradmesser für sozialpolitische Prozesse. Manchmal aber möchte sie am liebsten alles über den Haufen werfen. In den siebziger Jahren lief eine Mauer durch Deutschland, am Schulpult und auf den Richterbänken saßen waschechte Altnazis und was cool war, wurde vom Radio aus den USA oder Großbritannien diktiert. Zeit, sich die Haare wachsen zu lassen und eine neue Identität auszubilden! Viele Bands machten sich daran, eine kulturelle Revolution anzustreben und mit üblichen Konventionen zu brechen. Allein, es half nichts: Natürlich wurde auch dafür eine Schublade gefunden! Krautrock nannte die Musikpresse damals die zahlreichen deutschen Bands, die am Synthesizer oder mit gigantischen Jam-Sessions eine neue Identität finden wollten.


Hört euch hier die musikalische DNA von Novalis in einer Playlist an und lest weiter:


Eine der Bands, die im aufkommenden Krautrock-Hype ab Mitte des Jahrzehnts viel Beachtung bekam, war Novalis. Wie andere Bands dieser Zeit veröffentlichten sie Platten über das legendäre Label Brain, deren Manager der Novalis-Drummer Hartwig Biereichel zwischen 1974 und 1978 war. Novalis aber orientierten sich in ihrem Sound aber deutlicher am britischen Prog Rock, als dass sie sich wie andere Krautrock-Heroen tief in den Innereien ihrer Synthesizer verloren hätten. Wie ihr Namensgeber, der pararomantische Schriftsteller Novalis, legten sie es dennoch auf Entgrenzung an. Frei nach dem Motto »Wer Schmetterlinge lachen hört / der weiß, wie Wolken schmecken«. Novalis waren selbst innerhalb eines einzigartigen Phänomens eine herausragende Band. Was sie inspiriert hat, verrät ein Blick auf die musikalische DNA der Hamburger Band, deren Musik heute sogar von Drake gesampelt wird.


01. Cravinkel – Two Circles

»Organist und Schlagzeuger für Rockband mit neuen Ideen gesucht«, las sich eine unauffällige Zeitungsannonce im Hamburger Abendblatt im Herbst 1971. Auf der Suche waren der Sänger Jürgen Wenzel und Heino Schünzel, sie fanden Lutz Rahn und Hartwig Biereichel. Die neue Formation nannte sich zuerst Mosaik, entschied sich dann aber für einen inspirierteren Namen: Novalis. Ihren ersten Auftritt spielte das Quartett in der Hamburger Fabrik im Vorprogramm der kurzlebigen Folk-Rock-Band Cravinkel. Biereichel erinnert sich an einen merkwürdigen Zwischenfall, als Wenzel während des Auftritts an den Bühnenrand trat, ins Publikum starrte und »Wenn ihr Probleme habt, könnt ihr ruhig zu mir kommen« ins Mikro schnauzte. Vielleicht war die Unfreundlichkeit ihres Frontmanns ein Grund, warum die Band anfangs kaum Fuß fassen konnte? Immerhin überlebten Novalis die Band Cravinkel und steuerten nach einem kleinen Kurswechsel mit ihrem zweiten Album auf den verdienten Erfolg zu.


 02. Greg Lake – In The Court Of The Crimson King (Live)

In ihren Anfangstagen spielten Novalis noch Coverversionen auf, die viel über ihre eigenen Vorlieben verrieten. Während zeitgleich Bands wie Can und Neu! versuchten, eine ganz neue Musik zu erschaffen, orientierten sich Novalis am Psychedelic und Prog Rock, der vor allem aus England zu hören war. Von King Crimson liehen sie sich sogar den markanten Sound des Mellotrons, der das King Crimson-Debüt In The Court Of The Crimson King einen einzigartigen Sound verlieh und auch live für eine starke Atmosphäre sorgte, wie Crimson-Sänger Greg Lake bis zu seinem Tod im Dezember 2016 wieder und wieder bewies. Der Mellotron-Sound prägte auch entscheidend das Klangbild von Novalis über ihre produktive Phase in den siebziger Jahren hin, bevor die Band nach einigen Veränderungen im Line-Up auch einen Stilwechsel vornahm.


03. Pink Floyd – Pigs (Three Different Ones)

Eine andere britische Band, die einen erheblichen Einfluss auf Novalis ausübte, waren Pink Floyd. »Natürlich haben uns solche Bands beeinflusst, daran kam man ja auch nicht vorbei«, gestand Biereichel in einem Interview. »Prog beziehungsweise Art Rock war die größte Musikströmung in der ersten Hälfte der Siebziger und junge Bands orientieren sich doch meistens an dem, was aktuell angesagt ist!« Neben Bands wie Emerson, Lake & Palmer, King Crimson oder Genesis waren es vor allem die Floyds, die es Novalis angetan hatten. Das war nicht nur auf der Debüt-LP Banished Bridge zu hören, sondern zeigte sich auch während der Tour zum Konzeptalbum Flossenengel, welches unter dem Motto »Das Meer muss leben« einen großen, aufblasbaren Blauwal auf die Bühne brachte. Die Leihgabe von Greenpeace erinnerte eindeutig an das aufblasbare Schwein, das Pink Floyd während ihrer Animals-Ära während ihrer Konzerte über den Köpfen schweben hatten. So eine richtige Prog Rock-Band bot ihren Fans eben weitaus mehr als nur Musik!


04. Jethro Tull – No Lullaby (Including Flute Solo) (Live at Madison Square Garden)

Mellotron, aufblasbare Blauwale – noch was? Klar! Ähnlich wie die großen Jethro Tull versuchten Novalis, ein ganz besonderes Instrument in ihren reichhaltigen Klangkosmos zu integrieren: die Querflöte! Schon auf ihrem Debüt war das Instrument zu hören, ganz besonders markant ist es auf dem Live-Album Konzerte aus dem Jahr 1977 zu hören. Verantwortlich dafür war Fred Mühlböck. »Es war mir wichtig, so Sachen mit einzubringen wie Akustikgitarre, Geige, Gongs, Querflöte und Ziehharmonika«, erklärte er ein Mal. Zugegeben, ein Ian Anderson war Mühlböck wohl nicht – aber wer ist das schon? Die Querflöte fügte sich in den romantischen Rocksound von Novalis zumindest bestens ein und gab ihm einen außerweltlichen Charme.


05. Achim Reichel – I’ll Be Your Singer, You’ll Be My Song (von Grüne Reise, 1971 – zweisprachig)

Ein Alleinstellungsmerkmal von Novalis waren immer schon ihre Texte. Zum Teil vertonten sie Gedichte ihres Namensgebers, des pararomantischen Schriftstellers  Friedrich von Hardenberg, zum Großteil jedoch erdachten sie ihre farbenfrohen Sprachwelten selbst. Mit Ausnahme des ersten Albums selbstverständlich, das noch komplett auf Deutsch betextet wurde. Verantwortlich für den Kurs- und Sprachwechsel war Achim Reichel, der mit der zweiten LP Novalis die Produzentenrolle einnahm und der Band ein neues Image verpasste, welches sie zum Erfolg bringen sollte. Deutsche Texte gehörten natürlich dazu! Dabei hatte Reichel selbst vor Kurzem noch überwiegend auf Englisch gesungen, wie etwa auf dem Album Die grüne Reise mit seiner Band A. R. & The Machines zu hören ist. Na, sei’s drum: Die Zusammenarbeit mit Reichel erst machte Novalis zu einer erfolgreichen Band und viele ihrer Zeilen sind genau deshalb zeitlos, weil sie auf Deutsch gesungen wurden. Mit Reichel allerdings entzweiten sich Novalis nach einem Labelwechsel zu Phonogram und landeten wegen Vertragsfragen vor Gericht. Die Novalis-LP Bumerang aus dem Jahr 1984 entstand nur deshalb, weil die Band rechtlich dazu verpflichtet war! Selbst Schlagzeuger Hartwig Biereichel findet die hastig aufgenommene Platte heute noch ziemlich schlecht.


06. Anton Bruckner – Symphony No. 5 in B flat major (Original Version 1875-1878): Scherzo: Molto vivace (schnell)

Das zweite Novalis-Album markierte also einen Umschwung für die Band, der nicht nur textlicher Natur war: Jürgen Wenzel hatte die Band verlassen, Heino Schünzel und Detlef Job übernahmen den Gesang. Neben dem ewigen Novalis-Klassiker Wer Schmetterlinge lachen hört ist Impressionen ein besonders auffälliges Stück. Komponiert hat es Lutz Rahn, der darin Motive aus Anton Bruckners fünfter Sinfonie verarbeitete. »Ich habe nun mal gewisse Vorlieben für emotionale Musik und Bruckners tiefsinnige Musik spricht da so eine Ecke bei mir an«, gab der Keyboarder zu. »Es war bei Novalis immer ein Ziel von mir, die Menschen mit der Musik emotional anzusprechen.« Dass ihm ein romantischer Komponist zum Vorbild gereicht, scheint da nur völlig ins Bandkonzept zu passen!


07. Maurice Ravel – Boléro, M. 81

Auch der Impressionist Maurice Ravel übte seinen Einfluss auf Novalis aus. Sein magischer Boléro gehört zu einem der beliebtesten Stücke der Musikgeschichte, löste aber bei der Erstaufführung des Ballettstücks einen kleinen Skandal aus: »Hilfe, ein Verrückter!«, schrie der Legende nach eine Zuhörerin. »Die hat’s kapiert«, frotzelte Ravel selbst. Tatsächlich brach die Komposition mit damaligen Kompositionskonventionen und Hörgewohnheiten, mittlerweile aber hat das Stück einen ganz anderen Stellenwert. Biereichel erinnert sich aber ebenso an böse Fanpost: »Einer der ‘Spezialisten’ hat sich darüber mokiert, dass wir als Intro zu unseren Konzerten vom Band Ravels Boléro gespielt haben«, erklärte er. »Das wäre doch die Titelmusik zum Softporno Die Traumfrau und das würde nun gar nicht gehen. Ich konnte dem Mann beweisen, dass dieser Film erst fünf Jahre später in die Kinos kam und davon Mitte der 70er nichts zu ahnen war. « Auweia! Auf ihrem Live-Album Konzerte aus dem Jahr 1977 ist aber natürlich ebenso ein Auszug aus Ravels verrückter Komposition zu hören.


08. Vangelis – Heaven & Hell, Pt. 1

Später allerdings sollten sich Novalis doch für eine andere Einlaufmusik entscheiden. Statt des Ravel-Stücks gab es Zeitgenössisches von Vangelis zu hören. Der griechische Komponist hatte es der Band vor allem mit seinem Album Heaven & Hell angetan, auf dem er epische Chöre mit Synthesizer-Sounds und Jazz zu einer einzigartigen Mischung verschmolz. Das perfekte Intro für die spektakuläre Bühnenshow von Novalis, die selbst den experimentelleren Spielarten der neuen Musik nie abgeneigt waren. Obwohl sie sich ab Ende der siebziger Jahre einem poppigeren Rocksound widmeten, der bei Fans und Kritik nicht immer gut ankam.


09. Paso Doble – Computerliebe (Die Module spielen verrückt)

Ein Gerücht über einen eher verblüffenden Einfluss auf das Schaffen von Novalis hält sich hartnäckig: Auf der Debüt-LP Banished Bridge, heißt es, seien sechs Chorsängerinnen zu hören, die zeitgleich im selben Studio an einer Single von Roberto Blanco arbeiteten! In den Linernotes des Albums dankt die Band den »sechs kleinen Goldkehlchen«. Stimmt’s, dass damit Blancos Chor gemeint ist? Wohl eher nicht! Tatsächlich nämlich lud sich die Band die Sängerin Rale Oberpichler ins Studio, die später auch auf der ikonischen LP Sommerabend zu hören war und deren größter Hit noch ein Jahr entfernt lag: Gemeinsam mit Frank Hieber hatte sie als Paso Doble einen großen Hit mit dem Song Computerliebe in der virilen Neue Deutschen Welle-Szene. Ein Jahr, bevor sich Novalis 1985 mit dem Album Nach uns die Flut verabschieden sollten. Welle, Flut – ob das miteinander zu tun hat?


10. Nena – 99 Luftballons

»Vor uns lag eine avantgardistische Zukunft; dann schnitten wir uns die Haare ab«, kalauerte Deutschlands (angeblich) erster Punk Jäki Eldorado in der Oral History Histori_City. Der Umbruch von den siebziger auf die achtziger Jahre brachte eine neue deutsche Musik mit sich. Aus Punk wurde die Neue Deutsche Welle, die schnell den Mainstream erfasste und eher zweifelhafte Synthie-Schlager mit sich brachte. Mittendrin: Carlo Karges, der selbst kurzzeitig bei Novalis dabei war und seinen größten Hit mit Nena 99 Luftballons feiern konnte, für den er die Lyrics schrieb. »Für emotionale Musik ist in Zeiten eines Musikgeschmacks mit ‘Globalemotion’ nicht so viel Platz«, gestand Lutz Rahn in Hinsicht auf die alles verschlingende Neue Deutsche Welle. Die Zeiten hatten sich geändert, Novalis’ Erfolg schwand und die Band löste sich Mitte der achtziger Jahre auf, während Nenas Welthit aus jedem Radio der Welt plärrte. Das Erbe von Novalis aber lebt weiter und nicht nur Rock-Fans erfreuen sich weiterhin an ihrer Musik: Selbst der Rapper Ghostface Killer sampelte ihren Song Dronsz im Jahr 2006 und 2015 ließ sogar Weltstar Drake das Novalis-Stück »Nimm meine Hand« auf seinem Mixtape If You’re Reading This It’s Too Late erklingen. Nicht schlecht für eine Band, deren Schicksal in den achtziger Jahren besiegelt schien!


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Popkultur

Zeitsprung: Am 29.11.1974 wird es ungewöhnlich ernst auf „Slade In Flame“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.11.1974.


von Timon Menge und Christof Leim

Als Slade die Arbeit an ihrem fünften Album aufnehmen, gehört ihnen die Welt. Na gut, Großbritannien. Gleich zwei Nummer-eins-Platten haben die Glam-Rocker dort hinter sich. Nun möchten sie vom Thron aus neue Wege einschlagen und beginnen mit der Arbeit an einem Film inklusive Soundtrack. Doch mit dem Ergebnis Slade In Flame stoßen sie ihre Fans gehörig vor den Kopf.

Hier könnt ihr euch Slade In Flame anhören: 

1974 befinden sich Slade auf dem Zenit ihrer Karriere. Mit Slayed? (1972) und Old New Borrowed And Blue (1974) haben die britischen Glam-Rocker zwei mehr als starke Alben im Rücken, nun soll nachgelegt werden. Wiederholen möchte sich die Gruppe nicht, sondern lieber etwas neues ausprobieren. Und genau deshalb entsteht das ambitionierte Film- und Soundtrackprojekt Slade In Flame.

Schluss mit Lustigsein

Der Vorschlag, sich mal an einem Film zu versuchen, kommt von Manager Chas Chandler. Slade finden die Idee super, möchten sich aber von ihrem fröhlichen Image entfernen. Stattdessen portraitieren die Musiker im Film den Aufstieg und Fall einer Gruppe namens „Flame“. Der Clou: Das Drehbuch basiert auf wahren Begebenheiten, die entweder Slade selbst oder Bands aus ihrem Umfeld in den Wirren des Musikgeschäfts tatsächlich passiert sind.

Slade 1974 von links nach rechts: Noddy Holder, Dave Hill, Don Powell und Jim Lea – Pic: Jorgen Angel/Redferns/Getty Images.

Um den Streifen entsprechend zu untermalen, setzen sich die beiden Hauptsongschreiber Noddy Holder (Gesang) und Jim Lea (Bass) direkt an den entsprechenden Soundtrack. Dafür wagen sie sich an neue Stile und orientieren sich stärker an den Sechzigern als üblich. Das passt, denn in jenem Jahrzehnt spielt auch der Film. Obwohl Slade auf Slade In Flame nicht unbedingt klingen wie sie selbst, erscheint der Soundtrack zunächst als fünftes Album der Gruppe.

Ist das jetzt zu düster?

Bereits die erste Single Far Far Away landet auf Platz zwei der UK-Charts. Mit dem Album gelingt anschließend Platz sechs. Kaum zu glauben, doch für Slade bedeutet das zu jener Zeit einen Misserfolg: Mit Slayed? und Old New Borrowed And Blue schaffte die Gruppe den Sprung auf die Pole Position der Hitparade.

Im Januar 1975 flimmert dann auch der dazugehörige Film über die britischen Leinwände. Der stößt damals auf gemischte Gefühle. Mit so viel Ernsthaftigkeit hatte niemand gerechnet, denn während der düsteren britischen Siebziger gelten Slade eher als Spaßmacher der Nation. Den Blick in tiefe Abgründe erwartet man von Noddy Holder und Co. nun wirklich nicht.

Nach Veröffentlichung des Films sinken die Verkaufszahlen der Glam-Rocker in den Keller. Der britische Komponist, Produzent, Jazzpianist und Autor Chris Ingham bringt es in den Liner-Notes zu Slade In Flame auf den Punkt: „Großbritanniens Liebesaffäre mit Slade endete mit Flame.“ Alben veröffentlicht die Gruppe zwar weiterhin, doch die großen Erfolge bleiben ab Mitte der Siebziger aus.

Zeitsprung: Am 15.2.1974 erscheint „Old New Borrowed And Blue“.

 

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Popkultur

Matt Cameron wird 60: 10 Dinge, die du über die Grunge-Legende noch nicht wusstest

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Matt Cameron
Foto: Lloyd Bishop/NBCU Photo Bank/NBCUniversal via Getty Images

Matt Cameron als Grunge-Legende zu bezeichnen, wäre einerseits eine Untertreibung, würde den wandlungsfähigen Musiker aber auch zu sehr auf ein Genre festnageln. Liest man aber die Namen jener Bands, bei denen er Mitglied ist oder war, stellt man schnell fest: Mehr Seattle-Legendenstatus geht schwer… und das, obwohl er gar nicht aus Seattle kommt. Er spielte bei Soundgarden, er war bei Temple Of The Dog und er ist immer noch Mitglied bei Pearl Jam. Cameron ist nicht nur Drummer, sondern auch Songschreiber und Multiinstrumentalist. Zu seinem 60. Geburtstag werfen wir einen Blick auf 10 Fakten aus seinem Leben.

von Markus Brandstetter

1. Er spielte in der 1978 erschienenen Horrorkomödie Attack of the Killer Tomatoes (deutscher Titel: Angriff der Killertomaten mit).

Im Film sang er sogar einen Song — und zwar das Stück Puberty Love. Cameron war damals 16 Jahre alt.

2. Er spielte als Teenager in einer KISS-Coverband.

Die hieß ebenfalls Kiss (kleingedruckt stand unter dem Namen „imitation“). Das Management der echten KISS fand das weniger lustig — und drohte der Gruppe mit einer Klage. Die Band löste sich daraufhin auf.

3. Sein Spitzname war Foo.

Das hat aber nichts mit den Foo Fighters zu tun — sondern mit seinem Bruder Pete, der seinen Namen Matthew als „Ma Foo“ aussprach. So nannte sich der Drummer früher Foo Cameron.

4. Er war zur selben Zeit aktives Mitglied bei Soundgarden und Pearl Jam.

Nämlich, als Soundgarden 2010 eine Reunion feierten. Bei Soundgarden spielte er übrigens ab 1986 und ist auf allen Alben der Band zu hören. Zu Pearl Jam stieß er 1998, als diese einen Satz für Schlagzeuger Jack Irons suchte. Im Jahr davor hatten sich Soundgarden aufgelöst. „Ich bekam aus heiterem Himmel einen Anruf von Mr. Ed Ved, Stoney und Kelly (Curtis, Pearl Jam’s Manager). Ich wurde überfallen. Es war wirklich sehr kurzfristig. Er rief an und fragte: ‚Hey, was machst du diesen Sommer?’“. Kurze Zeit später wurde Cameron fixes Mitglied von Pearl Jam.

5. Er gehörte zur ersten Live-Besetzung von Queen Of The Stone Age.

Als sich die legendären Wüstenrocker Kyuss auflösten, gründete Bandchef Josh Homme 1996 die Band Queens Of The Stone Age. Weil der ursprüngliche Drummer Victor Indrizzo nur ein Jahr dabei blieb, brauchte die Band für ihre ersten Konzerte einen Drummer. Wer’s wurde, könnt ihr euch denken: Cameron trat 1997 mit ihnen auf.

6. Eddie Vedder bezeichnet ihn als besten Schlagzeuger der Welt.

Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder spricht in höchsten Tönen über Matt. „Matt Cameron schreibt Songs, und wir rennen los, um Tritthocker zu finden, um sein Niveau zu erreichen, … was für ihn selbstverständlich ist, lässt uns mit gesenktem Kopf zurück, wie die verwirrten Hunde, die wir sind, … bis wir es schließlich verstehen. Haben wir schon erwähnt, dass er der beste Schlagzeuger der Welt ist?“, schreibt Eddie Vedder in den Linder Notes zu Lost Dogs.

7. Er schrieb zahlreiche Songs für Pearl Jam und Soundgarden. 

Bei vielen Songs ist er als Co-Autor gelistet, einige Stücke stammen zur Gänze aus seiner Feder. Die Liste ist lang, einige Beispiele sind aber Jesus Christ Pose und New Damage vom Soundgarden-Album Badmotorfinger, das er mitschrieb — oder Drawing Flies vom selben Longplayer, bei dem die Musik zur Gänze von ihm stammte. Auch bei Pearl Jam gehen manche Songs auf sein Konto — etwa Get Right von Riot Act oder Into The Moonlight von Lost Dogs, bei denen er sowohl die Musik als auch den Text schrieb.

8. Er mag auch Jazz und Prog.

Das zeigt sich in Camerons Nebenprojekten, wie der (längst wieder aufgelösten) Gruppe Tone Dogs. Anspieltipp: deren Album Ankety Low Day aus dem Jahr 1990.

9. Er arbeitete mit Nickelback-Frontmann Chad Kroeger

Ihr erinnert euch sicher noch an den Song Hero von Nickelback-Chef Chad Kroeger und Ex-Saliva-Frontmann Josie Scott — den Soundtrack des 2002 erschienenen Films Spider-Man. Am Schlagzeug: unser Geburtstagskind. 

10. Seinen größten Hit nahm er gleich doppelt auf.

Er spielte zwölf Jahre nach der Veröffentlichung des Soundgarden-Hits Black Hole Sun noch einmal ein — für Rocklegende Peter Frampton und dessen Album Fingerprints im Jahr 2006… und zwar als Instrumentalversion.

Ihr wollt mehr über Matt Cameron erfahren?

Sein wahrscheinlich bestes Interview gab er vor kurzem übrigens YouTuber Rick Beato. Das knapp 55-minütige Video bietet großartige Anekdoten über Camerons Karriere und geht musikalisch ziemlich ins Detail.

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10 Grunge-Empfehlungen für den Einstieg

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Popkultur

Zeitsprung: Am 28.11.1978 veröffentlichen die Blues Brothers ihr Debütalbum.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.11.1978.

von Max Röbel und Christof Leim

Es ist eines dieser Alben, die man auch dann kennt, wenn man sie noch nie richtig gehört hat. Am 28. November 1978 erscheint das Debütalbum der Blues Brothers und wird aus dem Stand zum Klassiker. Als Jake und Elwood Blues landen die Comedians Dan Aykroyd und John Belushi mit Briefcase Full Of Blues einen Welthit.

Hier könnt ihr euch Briefcase Full Of Blues anhören:

Wie aus Bienen Brüder werden: 1976 hatten sich Aykroyd und Belushi in New York am Set der noch jungen Comedy-Show Saturday Night Live (damals noch unter dem Namen NBC’s Saturday Night) kennengelernt. Als Geburtsstunde der Blues Brothers gilt ein SNL-Sketch aus diesem Jahr, in dem die späteren Weltstars im Bienenkostüm den Slim-Harpo-Klassiker I’m A King Bee darbieten. Wenn man sich die alte Aufzeichnung anschaut, wird trotz alberner Aufmachung schnell klar, dass es dem Komikerduo mitnichten bloß um müde Witze geht. Ganz im Gegenteil: Die Bluesbrüder machen ernst. Ein schweißbenetzter John Belushi schreit sich am Mikrofon die Seele aus dem Leib, während Dan im Hintergrund wie besessen die Harp bearbeitet – zwar nicht virtuos, aber mit Innbrunst.

John Belushi und Dan Aykroyd 1976 als Blues-Bienen bei „Saturday Night Live“

Entfachte Liebe zum Blues

Wie in der schreibenden Zunft üblich, trifft sich die Belegschaft im Anschluss an die Aufzeichnungen regelmäßig in einer einschlägigen Kneipe ein paar Blocks weiter. Die mit R&B-Klassikern beladene Jukebox des von Aykroyd angemieteten Etablissements zeigt Wirkung, ebenso die eilig angeschaffte Grundausstattung an Verstärkern und Instrumenten. Als Belushi, der spätere “Jake Blues”, 1977 bei Dreharbeiten auch noch den Soulsänger und Mundharmonikaspieler Curtis Salgado kennenlernt und der ihm einen Stapel Bluesplatten leiht, ist es endgültig um ihn geschehen. O-Ton: „Das hat mein Leben verändert. Als weißer Junge aus der Vorstadt ging man einfach nicht in die Viertel, wo der Blues war. Disco mochte ich nicht, und Rock wurde mir langweilig. Wie viele Rod-Stewart-Alben kann schon man kaufen?” SNL-Bandleader Howard Shore (richtig gelesen, der von Herr der Ringe) schlägt kurzerhand vor, die beiden Nachwuchsmusiker mögen sich doch einfach “The Blues Brothers” nennen –  und so kommt es dann auch.

Mit der Hilfe von SNL-Pianist Paul Shaffer stellen Aykroyd und Belushi eine Allstar-Truppe zusammen, die sich gewaschen hat. Neben Lou Marini und Tom Malone, die damals ebenfalls zur Hausband von Saturday Night Live gehören, engagieren die Blues Brothers mit Gitarrist Steve Cropper, Bassist Donald Dunn und Drummer Willie Hall drei Stax-Records-Veteranen, die zu diesem Zeitpunkt bereits mit Booker T., Elvis, Isaac Hayes und Otis Redding zusammengearbeitet hatten. An der Leadgitarre gewinnt das Allstar-Projekt mit Matt “Guitar” Murphy (Howlin’ Wolf, Etta James, Buddy Guy) ein echtes Mississippi-Original. Komplettiert wird das Line-up von Saxofonist Tom Scott und Trompeter Alan Rubin.

Auf die Bühne

Die nunmehr unter den Namen Jake und Elwood Blues firmierenden Frontmänner der Truppe tragen fortan Wayfarer-Sonnenbrillen (wie der immercoole John Lee Hooker) und gehen ausschließlich im Cab-Calloway-Gedächtnisanzug auf die Bühne. Zunächst probiert sich die Band weiterhin bei Saturday Night Live aus, zum ersten Mal am 22. April 1978. Bald gehört das Projekt zum festen Repertoire der Sendung und erfreut sich größter Beliebtheit erfreut. Am 9. September 1978 spielen die Blues Brothers dann eine Show als Opener für Steve Martin im Universal Amphitheater in Los Angeles. Bei diesem Konzert wird Briefcase Full Of Blues mitgeschnitten.

Anfänglich begegnen die Medien der aufstrebenden Supergroup noch mit Skepsis. Vielerorts fragt man sich, wie ernst es die beiden Komiker mit der Musik wirklich meinen. Manch einer fühlt sich von der Band mit der erfundenen Biografie und den Akrobatikeinlagen sogar auf den Arm genommen. Doch zunehmend lösen sich die Zweifel in Luft auf. Wie es scheint, lieben Aykroyd, Belushi und Co. einfach ihren Job. Hinzukommt, dass die Truppe durchweg aus Spitzenmusikern besteht. “Am Ende war es eine der besten Ansammlungen von Bluesmusikern, die ich je gesehen habe”, resümiert Gitarrist Steve Cropper 2014.

Im Auftrag des Herrn unterwegs

Auch an persönlichem Engagement mangelt es den Blues Brothers nicht. Als der Vorschuss des Labels aufgebraucht ist, steuern Belushi und Aykroyd 50.000 US-Dollar aus eigener Kasse bei, um die Produktionskosten des Albums zu decken. Der Einsatz zahlt sich aus: Briefcase Full Of Blues landet unglaublicherweise auf Platz eins der Billboard Charts und knackt sogar zweimal die Platinmarke. Prompt greift in den USA das Blues-Brothers-Fieber um sich. 

Die Blues Brothers live 1978 – Pic: Richard McCaffrey/ Michael Ochs Archive/ Getty Images

Zwei Jahre nach Veröffentlichung ihres Albumdebüts erscheint der gleichnamige Kultfilm, in dem Jake und Elwood “die Band wieder zusammenbringen müssen”, um mithilfe eines Benefizkonzert das nötige Kleingeld für die Grundsteuerrechnung ihres ehemaligen Waisenheims zu erspielen. Neben einem immensen Budget für demolierte Polizeiwagen, antifaschistischem Widerstand im Straßenverkehr und der ikonischen Fahrstuhlszene glänzt der Film mit zahlreichen Gastauftritten bekannter Musiker und Musikerinnen, etwa Aretha Franklin, Ray Charles und Cab Calloway).

Gerechte Lizenzen

Daran, dass die Blues Brothers faktisch eine Coverband sind, scheint sich kaum jemand zu stören. Im Gegenteil: Mit ihrem sprudeligen Livesound setzt das Projekt einen willkommenen Kontrastpunkt zu den zunehmend synthlastigen Pop-Releases der späten Siebziger. Doch es gibt eine weitere Gruppe, die von dem Phänomen Blues Brothers profitiert. Vor der Veröffentlichung von Briefcase Full Of Blues, schlägt die Plattenfirma Atlantic zunächst vor, den ursprünglichen Songschreibern fünfzig Prozent der Lizenzeinnahmen anzubieten. John Belushi und Aykroyd bestehen jedoch darauf, die Tantiemen in Gänze an die Urheber gehen zu lassen. Lediglich die Abgaben für ihre Live-Auftritte behalten sich die Blues Brothers vor. “Uns hätte ein Anteil an der Musik gehören können, aber wir haben keinen genommen. Das gehört sich nicht”, kommentiert Dan Aykroyd später im Interview.

Die Geste kommt an. Dank des Erfolgs der Neuauflagen erhalten Bluesveteranen wie Floyd Dixon, von dem Hey, Bartender stammt, auf einmal Schecks in bisher ungekannter Höhe. Einige Jahre nach John Belushis Tod an einer Überdosis 1982 trifft Harp-Spieler und Blues-Brothers-Inspiration Curtis Salgado den Songwriter beim Chicago Blues Festival. Man unterhält sich über die Band und kommt auf den unverhofften Geldsegen zu sprechen . Auf die Frage, was er mit dem Geld angestellt habe, antwortet Dixon: “Ich habe alles auf Pferderennen verwettet. Ich hatte eine wundervolle Zeit, Mann.“

Zeitsprung: Am 22.4.1978 treten die Blues Brothers zum ersten Mal auf.

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