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Popkultur

Die musikalische DNA von Novalis

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Popkultur ist immer auch Gradmesser für sozialpolitische Prozesse. Manchmal aber möchte sie am liebsten alles über den Haufen werfen. In den siebziger Jahren lief eine Mauer durch Deutschland, am Schulpult und auf den Richterbänken saßen waschechte Altnazis und was cool war, wurde vom Radio aus den USA oder Großbritannien diktiert. Zeit, sich die Haare wachsen zu lassen und eine neue Identität auszubilden! Viele Bands machten sich daran, eine kulturelle Revolution anzustreben und mit üblichen Konventionen zu brechen. Allein, es half nichts: Natürlich wurde auch dafür eine Schublade gefunden! Krautrock nannte die Musikpresse damals die zahlreichen deutschen Bands, die am Synthesizer oder mit gigantischen Jam-Sessions eine neue Identität finden wollten.


Hört euch hier die musikalische DNA von Novalis in einer Playlist an und lest weiter:

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Eine der Bands, die im aufkommenden Krautrock-Hype ab Mitte des Jahrzehnts viel Beachtung bekam, war Novalis. Wie andere Bands dieser Zeit veröffentlichten sie Platten über das legendäre Label Brain, deren Manager der Novalis-Drummer Hartwig Biereichel zwischen 1974 und 1978 war. Novalis aber orientierten sich in ihrem Sound aber deutlicher am britischen Prog Rock, als dass sie sich wie andere Krautrock-Heroen tief in den Innereien ihrer Synthesizer verloren hätten. Wie ihr Namensgeber, der pararomantische Schriftsteller Novalis, legten sie es dennoch auf Entgrenzung an. Frei nach dem Motto »Wer Schmetterlinge lachen hört / der weiß, wie Wolken schmecken«. Novalis waren selbst innerhalb eines einzigartigen Phänomens eine herausragende Band. Was sie inspiriert hat, verrät ein Blick auf die musikalische DNA der Hamburger Band, deren Musik heute sogar von Drake gesampelt wird.


01. Cravinkel – Two Circles

»Organist und Schlagzeuger für Rockband mit neuen Ideen gesucht«, las sich eine unauffällige Zeitungsannonce im Hamburger Abendblatt im Herbst 1971. Auf der Suche waren der Sänger Jürgen Wenzel und Heino Schünzel, sie fanden Lutz Rahn und Hartwig Biereichel. Die neue Formation nannte sich zuerst Mosaik, entschied sich dann aber für einen inspirierteren Namen: Novalis. Ihren ersten Auftritt spielte das Quartett in der Hamburger Fabrik im Vorprogramm der kurzlebigen Folk-Rock-Band Cravinkel. Biereichel erinnert sich an einen merkwürdigen Zwischenfall, als Wenzel während des Auftritts an den Bühnenrand trat, ins Publikum starrte und »Wenn ihr Probleme habt, könnt ihr ruhig zu mir kommen« ins Mikro schnauzte. Vielleicht war die Unfreundlichkeit ihres Frontmanns ein Grund, warum die Band anfangs kaum Fuß fassen konnte? Immerhin überlebten Novalis die Band Cravinkel und steuerten nach einem kleinen Kurswechsel mit ihrem zweiten Album auf den verdienten Erfolg zu.


 02. Greg Lake – In The Court Of The Crimson King (Live)

In ihren Anfangstagen spielten Novalis noch Coverversionen auf, die viel über ihre eigenen Vorlieben verrieten. Während zeitgleich Bands wie Can und Neu! versuchten, eine ganz neue Musik zu erschaffen, orientierten sich Novalis am Psychedelic und Prog Rock, der vor allem aus England zu hören war. Von King Crimson liehen sie sich sogar den markanten Sound des Mellotrons, der das King Crimson-Debüt In The Court Of The Crimson King einen einzigartigen Sound verlieh und auch live für eine starke Atmosphäre sorgte, wie Crimson-Sänger Greg Lake bis zu seinem Tod im Dezember 2016 wieder und wieder bewies. Der Mellotron-Sound prägte auch entscheidend das Klangbild von Novalis über ihre produktive Phase in den siebziger Jahren hin, bevor die Band nach einigen Veränderungen im Line-Up auch einen Stilwechsel vornahm.


03. Pink Floyd – Pigs (Three Different Ones)

Eine andere britische Band, die einen erheblichen Einfluss auf Novalis ausübte, waren Pink Floyd. »Natürlich haben uns solche Bands beeinflusst, daran kam man ja auch nicht vorbei«, gestand Biereichel in einem Interview. »Prog beziehungsweise Art Rock war die größte Musikströmung in der ersten Hälfte der Siebziger und junge Bands orientieren sich doch meistens an dem, was aktuell angesagt ist!« Neben Bands wie Emerson, Lake & Palmer, King Crimson oder Genesis waren es vor allem die Floyds, die es Novalis angetan hatten. Das war nicht nur auf der Debüt-LP Banished Bridge zu hören, sondern zeigte sich auch während der Tour zum Konzeptalbum Flossenengel, welches unter dem Motto »Das Meer muss leben« einen großen, aufblasbaren Blauwal auf die Bühne brachte. Die Leihgabe von Greenpeace erinnerte eindeutig an das aufblasbare Schwein, das Pink Floyd während ihrer Animals-Ära während ihrer Konzerte über den Köpfen schweben hatten. So eine richtige Prog Rock-Band bot ihren Fans eben weitaus mehr als nur Musik!


04. Jethro Tull – No Lullaby (Including Flute Solo) (Live at Madison Square Garden)

Mellotron, aufblasbare Blauwale – noch was? Klar! Ähnlich wie die großen Jethro Tull versuchten Novalis, ein ganz besonderes Instrument in ihren reichhaltigen Klangkosmos zu integrieren: die Querflöte! Schon auf ihrem Debüt war das Instrument zu hören, ganz besonders markant ist es auf dem Live-Album Konzerte aus dem Jahr 1977 zu hören. Verantwortlich dafür war Fred Mühlböck. »Es war mir wichtig, so Sachen mit einzubringen wie Akustikgitarre, Geige, Gongs, Querflöte und Ziehharmonika«, erklärte er ein Mal. Zugegeben, ein Ian Anderson war Mühlböck wohl nicht – aber wer ist das schon? Die Querflöte fügte sich in den romantischen Rocksound von Novalis zumindest bestens ein und gab ihm einen außerweltlichen Charme.


05. Achim Reichel – I’ll Be Your Singer, You’ll Be My Song (von Grüne Reise, 1971 – zweisprachig)

Ein Alleinstellungsmerkmal von Novalis waren immer schon ihre Texte. Zum Teil vertonten sie Gedichte ihres Namensgebers, des pararomantischen Schriftstellers  Friedrich von Hardenberg, zum Großteil jedoch erdachten sie ihre farbenfrohen Sprachwelten selbst. Mit Ausnahme des ersten Albums selbstverständlich, das noch komplett auf Deutsch betextet wurde. Verantwortlich für den Kurs- und Sprachwechsel war Achim Reichel, der mit der zweiten LP Novalis die Produzentenrolle einnahm und der Band ein neues Image verpasste, welches sie zum Erfolg bringen sollte. Deutsche Texte gehörten natürlich dazu! Dabei hatte Reichel selbst vor Kurzem noch überwiegend auf Englisch gesungen, wie etwa auf dem Album Die grüne Reise mit seiner Band A. R. & The Machines zu hören ist. Na, sei’s drum: Die Zusammenarbeit mit Reichel erst machte Novalis zu einer erfolgreichen Band und viele ihrer Zeilen sind genau deshalb zeitlos, weil sie auf Deutsch gesungen wurden. Mit Reichel allerdings entzweiten sich Novalis nach einem Labelwechsel zu Phonogram und landeten wegen Vertragsfragen vor Gericht. Die Novalis-LP Bumerang aus dem Jahr 1984 entstand nur deshalb, weil die Band rechtlich dazu verpflichtet war! Selbst Schlagzeuger Hartwig Biereichel findet die hastig aufgenommene Platte heute noch ziemlich schlecht.


06. Anton Bruckner – Symphony No. 5 in B flat major (Original Version 1875-1878): Scherzo: Molto vivace (schnell)

Das zweite Novalis-Album markierte also einen Umschwung für die Band, der nicht nur textlicher Natur war: Jürgen Wenzel hatte die Band verlassen, Heino Schünzel und Detlef Job übernahmen den Gesang. Neben dem ewigen Novalis-Klassiker Wer Schmetterlinge lachen hört ist Impressionen ein besonders auffälliges Stück. Komponiert hat es Lutz Rahn, der darin Motive aus Anton Bruckners fünfter Sinfonie verarbeitete. »Ich habe nun mal gewisse Vorlieben für emotionale Musik und Bruckners tiefsinnige Musik spricht da so eine Ecke bei mir an«, gab der Keyboarder zu. »Es war bei Novalis immer ein Ziel von mir, die Menschen mit der Musik emotional anzusprechen.« Dass ihm ein romantischer Komponist zum Vorbild gereicht, scheint da nur völlig ins Bandkonzept zu passen!


07. Maurice Ravel – Boléro, M. 81

Auch der Impressionist Maurice Ravel übte seinen Einfluss auf Novalis aus. Sein magischer Boléro gehört zu einem der beliebtesten Stücke der Musikgeschichte, löste aber bei der Erstaufführung des Ballettstücks einen kleinen Skandal aus: »Hilfe, ein Verrückter!«, schrie der Legende nach eine Zuhörerin. »Die hat’s kapiert«, frotzelte Ravel selbst. Tatsächlich brach die Komposition mit damaligen Kompositionskonventionen und Hörgewohnheiten, mittlerweile aber hat das Stück einen ganz anderen Stellenwert. Biereichel erinnert sich aber ebenso an böse Fanpost: »Einer der ‘Spezialisten’ hat sich darüber mokiert, dass wir als Intro zu unseren Konzerten vom Band Ravels Boléro gespielt haben«, erklärte er. »Das wäre doch die Titelmusik zum Softporno Die Traumfrau und das würde nun gar nicht gehen. Ich konnte dem Mann beweisen, dass dieser Film erst fünf Jahre später in die Kinos kam und davon Mitte der 70er nichts zu ahnen war. « Auweia! Auf ihrem Live-Album Konzerte aus dem Jahr 1977 ist aber natürlich ebenso ein Auszug aus Ravels verrückter Komposition zu hören.


08. Vangelis – Heaven & Hell, Pt. 1

Später allerdings sollten sich Novalis doch für eine andere Einlaufmusik entscheiden. Statt des Ravel-Stücks gab es Zeitgenössisches von Vangelis zu hören. Der griechische Komponist hatte es der Band vor allem mit seinem Album Heaven & Hell angetan, auf dem er epische Chöre mit Synthesizer-Sounds und Jazz zu einer einzigartigen Mischung verschmolz. Das perfekte Intro für die spektakuläre Bühnenshow von Novalis, die selbst den experimentelleren Spielarten der neuen Musik nie abgeneigt waren. Obwohl sie sich ab Ende der siebziger Jahre einem poppigeren Rocksound widmeten, der bei Fans und Kritik nicht immer gut ankam.


09. Paso Doble – Computerliebe (Die Module spielen verrückt)

Ein Gerücht über einen eher verblüffenden Einfluss auf das Schaffen von Novalis hält sich hartnäckig: Auf der Debüt-LP Banished Bridge, heißt es, seien sechs Chorsängerinnen zu hören, die zeitgleich im selben Studio an einer Single von Roberto Blanco arbeiteten! In den Linernotes des Albums dankt die Band den »sechs kleinen Goldkehlchen«. Stimmt’s, dass damit Blancos Chor gemeint ist? Wohl eher nicht! Tatsächlich nämlich lud sich die Band die Sängerin Rale Oberpichler ins Studio, die später auch auf der ikonischen LP Sommerabend zu hören war und deren größter Hit noch ein Jahr entfernt lag: Gemeinsam mit Frank Hieber hatte sie als Paso Doble einen großen Hit mit dem Song Computerliebe in der virilen Neue Deutschen Welle-Szene. Ein Jahr, bevor sich Novalis 1985 mit dem Album Nach uns die Flut verabschieden sollten. Welle, Flut – ob das miteinander zu tun hat?


10. Nena – 99 Luftballons

»Vor uns lag eine avantgardistische Zukunft; dann schnitten wir uns die Haare ab«, kalauerte Deutschlands (angeblich) erster Punk Jäki Eldorado in der Oral History Histori_City. Der Umbruch von den siebziger auf die achtziger Jahre brachte eine neue deutsche Musik mit sich. Aus Punk wurde die Neue Deutsche Welle, die schnell den Mainstream erfasste und eher zweifelhafte Synthie-Schlager mit sich brachte. Mittendrin: Carlo Karges, der selbst kurzzeitig bei Novalis dabei war und seinen größten Hit mit Nena 99 Luftballons feiern konnte, für den er die Lyrics schrieb. »Für emotionale Musik ist in Zeiten eines Musikgeschmacks mit ‘Globalemotion’ nicht so viel Platz«, gestand Lutz Rahn in Hinsicht auf die alles verschlingende Neue Deutsche Welle. Die Zeiten hatten sich geändert, Novalis’ Erfolg schwand und die Band löste sich Mitte der achtziger Jahre auf, während Nenas Welthit aus jedem Radio der Welt plärrte. Das Erbe von Novalis aber lebt weiter und nicht nur Rock-Fans erfreuen sich weiterhin an ihrer Musik: Selbst der Rapper Ghostface Killer sampelte ihren Song Dronsz im Jahr 2006 und 2015 ließ sogar Weltstar Drake das Novalis-Stück »Nimm meine Hand« auf seinem Mixtape If You’re Reading This It’s Too Late erklingen. Nicht schlecht für eine Band, deren Schicksal in den achtziger Jahren besiegelt schien!


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Popkultur

Zum 79. Geburtstag von Jimi Hendrix: Erneuerer, Mythos, unerreichtes Genie

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Jimi Hendrix
Foto: Svenska Dagbladet/AFP via Getty Images

Er prägte das E-Gitarrenspiel wie wenige andere, revolutionierte in den wenigen Jahren, die ihm vergönnt waren, die Rockmusik und ist noch immer die Messlatte für alles. Heute wäre James Marshall „Jimi“ Hendrix 79 Jahre alt geworden. Sein Einfluss ist nach wie vor allgegenwärtig.

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von Markus Brandstetter

Jimi Hendrix schaffte in der Gitarrenwelt das, was nach ihm wohl nur Eddie Van Halen gelang: diesen alles erschütternden Moment, der keinen Stein auf dem anderen ließ. Bei beiden gibt es hunderte, tausende ähnliche Geschichten prominenter Musiker und Musikerinnen, die von regelrechten Erweckungserlebnissen erzählen. Geschichten von dem Moment, in dem sie Hendrix im Fernsehen gesehen haben, gleichermaßen begeistert und fassungslos darüber, wie er spielte, wie ungewöhnlich, radikal und — je nach Song – auch wunderschön das klang. Es gab vor Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen und es gab nach Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen. Aber es gibt eben auch eine Zeitrechnung: die der Gitarre VOR Hendrix und Gitarre NACH Hendrix. Es ist das, was viele unserer Gitarrenheld*innen auch über den Moment berichten, an dem sie zum ersten Mal Eddie Van Halen gesehen oder gehört haben: Es war danach einfach alles anders und kein Stein blieb auf dem anderen.

Ynwgie Malmsteen über Hendrix: „Er hat alles auf den Kopf gestellt”

Aber was machte diese unglaubliche Anziehungskraft aus? Yngwie Malmsteen erzählte 2019 gegenüber dem deutschen Magazin Gitarre und Bass, es sei zunächst Hendrix’ Image gewesen, das ihn fasziniert habe, mit der Musik habe er sich erst später beschäftigt. „Es sind seine Songs, sein Sound, sein Auftreten, seine Erscheinung. Sein Spiel war gar nicht zwingend das, was mich faszinierte. Das war Blues-Musik auf Drogen. Aber er hat sie wie kein anderer gespielt“, erzählte Malmsteen dem Magazin, und fuhr fort: „Er hat alles auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekrempelt. Die Art, wie er auf der Bühne gespielt hat und wie er sich dabei gab, hat dazu beigetragen, dass er zu dem wurde, was er heute ist. Wenn er ruhig und nett in der Ecke herumgestanden und brav gespielt hätte, wäre er keine Legende geworden.“

Steve Vai: Hendrix war „elektrischer Zucker“

Eine weitere Gitarrenlegende, die von Hendrix maßgeblich geprägt wurde, ist Steve Vai. Der erklärte 2010 gegenüber Music Radar: „Es war wie elektrischer Zucker, um einen Ausdruck von Tom Waits zu gebrauchen. Ich war etwa 12 Jahre alt und lag mit Kopfhörern da und hörte mir Jimi an, wie er The Star Spangled Banner und Purple Haze spielte, wieder und wieder und wieder. Ich wusste nicht, wie er aussah, ich wusste gar nichts über ihn. Ich wusste nur, was auch immer er tat, wie auch immer er diese Klänge erzeugte, es war unglaublich. Ich war so aufgeregt und dachte: Wann immer dieser Typ in die Stadt kommt, um zu spielen, muss ich ihn sehen. Ich hatte keine Ahnung, dass er gestorben war.“

„Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute“

Auch für Vai bestand die Magie von Hendrix gleichermaßen in Hendrix’ Musik als auch seiner Person: „Irgendwann bekam ich ein Exemplar von Are You Experienced, und das war eine Offenbarung für mich. Die Songs waren zugänglich, sie waren schön, und Jimi hatte etwas, das extrem cool war. Coolness ist etwas, das aus deinem Inneren kommen muss. Es ist ein Selbstvertrauen, das man hat. Jimi hatte genug Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute.“

Hendrix’ Spiel

Es gibt unzählige Faktoren und Elemente, die Hendrix’ Spiel und Stil so einzigartig machten. Ein Teil der Magie bestand schon allein darin, wie Hendrix seine Gitarre zähmte. Das Set-up: ein Marshall-Stack, jede Menge Verzerrung und Rückkopplung, die alles andere als geräuscharmen Single-Coil-Tonabnehmer seiner Stratocaster — auch körperlich machte Hendrix beim Spielen den Eindruck, als würde er gerade einen wilden Mustang zureiten. Den er aber stets vollständig unter Kontrolle hatte.

Und dann war da Hendrix’ unvergleiche Fähigkeit, Rhythmus und Melodie miteinander verbinden, Akkordfolgen zu zerlegen, kleine Verzierungen und Licks einzubauen, seinen Gesang damit zu akzentuieren. Man hört das bei Stücken wie Little Wing, Bold As Love, Castles Made Of Sand oder The Wind Cries Mary — immer dann, wenn Hendrix runter vom Verzerrer ging. Er verschmolz in seinem Spiel mühelos verschiedene Stile, und ganz wichtig: Er schrieb auch phänomenale Stücke. Alles was er brauchte, war ein Trio und trotzdem klang seine Musik so voll wie ein Orchester.

Hendrix steht auch wie kein anderer für eine historische Phase der Gegenkultur, für den Bruch mit Erwartungen. Er war gleichermaßen Aushängeschild wie auch Erneuerer. Er schuf nicht nur ikonische Sounds, sondern auch ikonische Bilder — Woodstock, brennende Gitarre in Monterey. Hendrix war nicht nur Genie, sondern auch Projektionsfläche und Mythos. Eines steht wohl außer Frage: Ohne ihn wäre die Gitarre nicht da, wo sie heute ist.

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Popkultur

Synths, Pathos & SM: „Non-Stop Erotic Cabaret“ von Soft Cell wird 40

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Soft Cell
Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

Happy Birthday, Non-Stop Erotic Cabaret: Das wegweisende Album des englischen Synth-Pop-Duos Soft Cell wird 40 Jahre alt.

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von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Non-Stop Erotic Cabaret hören:

Manchmal passieren die besten Dinge mit limitierten Mitteln — anders gesagt: Meniger Möglichkeiten fördern in so mancher Situation die Kreativität. Als Soft Cell 1980 ins Studio gingen, hatten sie weder ein Riesenbudget noch die Mittel für eigenes State-of-the-Art-Equipment.

Wobei: Ein Instrument, das Sänger Marc Almond und Instrumentalist Dave Ball nutzten, war durchaus sündteuer: Dabei handelte es sich um ein NED Synclavier, eine Art früher digitaler Synthesizer, der von der New England Digital Corporation of Norwich produziert wurde. Der Synth, der in den 1980er- und 1990er-Jahren auf etlichen Produktionen zu hören war, kostete damals 120.000 Pfund — gehörte allerdings nicht der Band, sondern dem Produzenten Mike Thorne. Ansonsten war das technische Set-up eher überschaubar, als Herzstück fungierte eine ReVox Bandmaschine, dazu nutze die Band einen Drumcomputer von Roland und einen Synth-Bass von Korg. Damit schufen Soft Cell einen wegweisenden Sound.

Was vor Non-Stop Erotic Cabaret passierte

Monate bevor Non-Stop Erotic Cabaret erschien, veröffentlichte die Band ihre erste Single des kommenden Albums – den Song Tainted Love, ein 1965 erschienener, im Original von Gloria Jones gesungen und von Ed Cobb geschriebener und produzierter Song.

Zuvor hatte die Band bereits eine EP namens Mutant Moments veröffentlicht, für deren Aufnahme sie sich 2.000 Pfund von Dave Balls Mutter geliehen hatten. Dadurch waren Labels auf die Band aufmerksam geworden — unter anderem Some Bizarre Records, wo das Debütalbum erschien. Soft Cell hatten mit Memorabilia einen kleineren Hit in den Clubs landen können, der Ruhm ließ aber noch auf sich warten. Bis die Coverversion von Tainted Love erschien und zu einem großen Erfolg wurde, mit dem so keiner gerechnet hatte. Die Nummer ging in etlichen Ländern auf Platz eins der Charts, zwei weitere Top-5-Singles folgten mit den Stücken Bedsitter und Say Hello, Wave Goodbye.

Skandal mit SM-Video

Auch wenn Tainted Love vom Popularitätsfaktor musikalisch alles andere in den Schatten stellte — ein weiterer Song sorgte auch für jede Menge Gesprächsstoff: Das Video von Sex Dwarf wurde in Großbritannien aufgrund seiner expliziten SM-Szenen zum regelrechten Skandal. Das Video wurde zurückgezogen, Almond erklärte später sogar, es zu bereuen.

Es waren die Gegensätze zwischen den beiden Bandmitgliedern — Almonds Liebe zu Pathos und Dramatik, die Reibefläche zwischen den beiden Charakteren, die Soft Cell damals so gut funktionieren ließen. Sex, Club, Dekadenz, Rausch: Das waren die Eckpfeiler, die die Band auch wenige Jahre später implodieren ließen (1984 war Schluss — die erste Reunion folgte 2001).

Was Soft Cell heute über Non-Stop Erotic Cabaret sagen

40 Jahre ist Non-Stop Erotic Cabaret also alt — Dave Ball selbst zeigt sich positiv angetan davon, wie gut die Platte gealtert ist. „Was mich überrascht, ist, wie frisch Non-Stop Erotic Cabaret heute noch klingt. Ich nehme an, das liegt daran,dass wir beide 40 Jahre jünger waren, daher klingt Marcs Stimme jugendlicher und nicht so poliert wie heute. Mein Synthesizer-Spiel und meine Arrangements waren einfacher, obwohl ich immer versucht habe, bei meinem minimalistischen Stil zu bleiben“, zitiert ihn das Magazin Northern Life.

Almond ist ganz der Meinung seines Kollegen: „Wenn ich mich zurücklehne und darüber nachdenke, ist es schwer zu glauben, dass eine kleine Sammlung von Songs ein so langes Leben hatte, dass die Leute sie immer noch hören und genießen. Ich bin erstaunt, wie aktuell es immer noch klingt. Und textlich ist es immer noch relevant. Es fühlt sich überhaupt nicht so an, als wäre es 40 Jahre alt, aber der Gedanke, dass es so ist, macht mir ein bisschen Angst!“

Mit Non-Stop Erotic Cabaret leisteten Soft Cell jedenfalls Pionierarbeit — die sie heute selbst ordentlich feiern: Vor kurzem stand die wieder formierte Band in Glasgow und Manchester auf der Bühne — 2022 soll mit Happiness Not Included ein neues Album erscheinen.

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10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

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Popkultur

Zeitsprung: Am 27.11.1987 erscheint „Live…In The Raw“ von W.A.S.P.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.11.1987.

von Christof Leim

Ja, in den Achtzigern konnte man noch schocken: Damals sind W.A.S.P. die bösen Buben, weil sie „Blut“ aus Schädeln trinken und rohes Fleisch in die Menge werfen. Das ist für junge Metalheads natürlich cool, also verkaufen sich die ersten drei Alben ganz gut. Am 27. November 1987 erscheint das erste Livealbum der Truppe.

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Hört hier in Live…In The Raw rein:


Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.


1987 touren W.A.S.P. zu ihrer dritten Platte Inside The Electric Circus. Zwar haben sie ihre aufsehenerregende Bühnenshow da schon reduziert und machen kurz gesagt nicht mehr so viel Sauerei, aber bei den Konzerten gibt es weiter genug zu gucken. Die Bühne sieht wie ein Zirkuszelt aus, und die Pyrotechnik darf ordentlich rumballern. Frontmann Blackie Lawless trägt sogar eine Funkenkanone im Schritt. Die geht bei einer Show in Dublin auch mal nach hinten los, und zwar im Wortsinn, aber das ist eine andere – und für Blackie sehr schmerzhafte – Geschichte, wie er in diesem amüsanten Interview mit der Washington Post berichtet. Alles in allem bieten W.A.S.P. also herrlichen, nicht immer ganz ernst zu nehmenden Heavy Metal-Spaß, über den sich Eltern aufregen. Bestens.

Die bösen Männer im Metal der Achtziger: Blackie Lawless von W.A.S.P. Credit: Erin Combs/Getty Images

Um das für die Nachwelt festzuhalten, lässt die Band die letzten Konzerte ihrer US-Headliner-Tour aufzeichnen, insbesondere die Show am 10. März 1987 in der Long Beach Arena in Kalifornien. Das Ergebnis heißt Live…In The Raw und erscheint am 27. November 1987. Darauf hauen Blackie Lawless und seine Mannen ihre frühen Hits in ziemlich flotten Versionen raus. Von Wild Child über L.O.V.E. Machine bis zu I Wanna Be Somebody ist hier alles dabei.



Die Aufnahmen klingen etwas künstlich, was die Vermutung nahe legt, dass an diesem Livealbum nicht alles live ist. Insbesondere Passagen, in denen Blackie zu sich selbst Backing-Vocals zu singen scheint, machen doch stutzig. Vielleicht hat aber auch einer der anderen Kollegen eine ähnliche Stimme und trifft jeden Ton, man weiß es nicht. Letztendlich kann das der geneigten Fanschar notfalls auch egal sein, denn das Album macht Spaß.



Außerdem gibt es drei neue Songs, zwei davon in Liveversionen: Einer davon heißt The Manimal (sic!) und thematisiert die philosophischen Implikationen der hormonell bedingten zwischenmenschlichen Anziehungskraft. Oder kurz: Es geht ums Poppen. Insbesondere im Hard Rock der Achtziger stellt das nun gar keine Besonderheit dar, aber den Titel finden wir doch besonders, nun ja, hübsch.

Damals hat die Band Streit mit einer Organisation namens P.M.R.C., die böse Inhalte in der Musik verbieten will und davon ausgeht, dass der Bandname W.A.S.P. für „We Are Sexual Perverts“ steht. Diesem Verein verdankt die Welt zum Beispiel die berüchtigten „Parental Advisory“-Aufkleber. (Die gesamte Geschichte könnt ihr hier nachlesen.) Für jene Leute hat „Schwarzie Gesetzlos“ extra ein weiteres neues Lied mit dem Titel Harder Faster geschrieben, über das sie sich ordentlich aufregen können. Ganz am Ende der Platte findet sich schließlich noch ein Studiotrack: Scream Until You Like It (noch ein geiler Titel!), der in der Horrorkomödie Ghoulies II Verwendung findet.



Mit Live…In The Raw halten W.A.S.P. den überdrehten, aber nicht allzu ernst zu nehmenden Wahnsinn ihrer Shows stilecht fest und fangen den Geist der Ära auf unterhaltsame Weise ein. Das reicht für Platz 77 in den US-Charts. Nach der Veröffentlichung verabschiedet sich allerdings Drummer Steve Riley in Richtung L.A. Guns.

Im Rückblick stellt die Scheibe eine Zäsur zwischen den alten, krassen W.A.S.P. und den reiferen, ambitionierteren Tönen der nächsten Jahre dar. Dass Blackie mal intelligente sozialkritische Kommentare ablassen und gefeierte Konzeptalben wie The Crimson Idol (1992) veröffentlichen würde, lag 1987 nicht gerade auf der Hand.


Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

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