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Popkultur

Die musikalische DNA von Soundgarden

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Mitte und Ende der achtziger Jahre fanden sich rund um die Stadt Seattle im US-amerikanischen Bundesstaat Washington viele Bands zusammen, die Rock neu definieren wollten. Die pompösen siebziger Jahre lagen weit zurück, die Punk-Revolution war erlahmt und die Musik, die Anfang des Jahrzehnts als Hardcore bekannt wurde, verlor ebenso ihre Kraft. Metal hingegen – ob Heavy oder Thrash, amerikanisch oder britisch – war mittlerweile in den großen Stadien angekommen. Das konnte unmöglich der richtige Ort für Gegenkultur sein!


Hört hier in die musikalische DNA von Soundgarden rein:

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Soundgarden war eine der Bands, die es anders machen, die eine Alternative anbieten wollten. Ihre Lyrics waren poetischer, die Musik bewegte sich zwischen stiller Introspektion und krassem Lärm. Soundgarden waren von Anfang an nuancierter, differenzierter und abwechslungsreicher als viele ihrer Vorgängerbands und vor allem als die meisten der zeitgenössischen Gruppen. Was allerdings niemanden daran hinderte, sie mit vielen anderen Bands in einen Topf zu werfen. Von Alice In Chains über Pearl Jam zu Nirvana: Soundgarden ist Grunge, hieß es. Ein problematischer Begriff, denn nicht nur hatten diese Bands nur bedingt viel miteinander zu tun. Auch wird er der musikalischen Komplexität der Gruppe schlicht nicht gerecht. „Wir waren nie Grunge, sondern nur eine Band aus Seattle”, fasst Ben Shepherd es einst zusammen.

The Velvet Underground, die Meat Puppets, Killing Joke und Metallica nannte Leadgitarrist Kim Thayil als Eckpfeiler ihres „Klanggartens“ und der 2017 durch Suizid aus dem Leben geschiedene Sänger Chris Cornell bezog sich in seinen Texten unter anderem auf die Werke der Dichterin Sylvia Plath. Ein noch genauerer Blick auf die musikalische DNA von Soundgarden verrät, warum Soundgarden so wichtig für die Rock-Musik der Achtziger, Neunziger und dem neuen Jahrtausend waren und bleiben. In ihrer Musik läuft Härte und Zärtlichkeit, Dunkelheit und Optimismus zusammen wie bei keiner anderen Gruppe – ob nun aus Seattle oder nicht.


1. Skin Yard – The Blind Leading The Blind

Aber fangen wir doch genau dort an, denn um Seattle führt kein Weg herum. Kim Thayil und Chris Cornell wurden hier geboren und Thayil lernte hier an der High School Hiro Yamamoto kennen, der gemeinsam mit den beiden anderen im Jahr 1984 Soundgarden gründen sollte. Zuerst aber gab es die Band Shemps mit Cornell am Schlagzeug und Yamamoto am Bass, der später von Thayil abgelöst werden sollte. Nach Ende der Band blieben sie in Kontakt, fanden für Jam-Sessions zusammen und siehe da, Soundgarden – benannt nach einem Landschaftskunstwerk von Douglas Hollis in der Nähe ihrer Heimatstadt – war geboren und wurde bald von Scott Sundquist ergänzt, der von Cornell das Drumkit übernahm.

Nach einigen Konzerten veröffentlichte die Gruppe ihre ersten drei Songs auf der Compilation Deep Six neben Bands wie den Melvins und Malfunkshun. Neben dem Sub Pop 100-Sampler und Green Rivers Come On Down-EP gilt die Sammlung als eines der frühsten Dokumente des neuen Sounds von Seattle, der später unter dem unglücklichen Namen Grunge zusammengefasst werden sollte. Wichtig war für Soundgarden vor allem die Verbindung zur Band Skin Yard, deren Werk heute fast vollständig in Vergessenheit geraten ist und die doch als großer Einfluss auf Gruppen wie Green River, Screaming Trees und natürlich Soundgarden gelten. Nicht allein, weil Skin Yard-Schlagzeuger Matt Cameron Sundquist bei Soundgarden dauerhaft ersetzen sollte…


2. Nirvana – About a Girl

Nicht selten hat es den Anschein, als wäre die neue Generation von Bands aus Seattle ein eingeschworener Haufen gewesen, als hätten sie zusammen in verräucherten Backstageräumen die weltweite Grunge-Revolution geplant. Das ist ein Mythos, die Realität war bei weitem profaner: Die einzelnen Gruppen kannten einander zwar, mochten einander mehr oder weniger, bewegten sich bisweilen aber in völlig verschiedenen Kreisen. Am nächsten kamen sich Soundgarden und Nirvana etwa in den Charts, als Badmotorfinger und Nevermind um die Pole Position stritten. Wer damals gewann, wissen wir.

Doch jeder noch so absurde Mythos enthält mitunter ein Quäntchen Wahrheit. Nirvana-Frontmann Kurt Cobain zählte zu den größten Fans von Soundgarden und Gerüchten zufolge soll er ihretwegen auf das Label Sub Pop zugegangen sein, wo 1989 das Debütalbum seiner Band erschien. In den Credits von Bleach wird ein gewisser Jason Everman genannt, der auch auf dem Cover zu sehen ist – ab Februar des Jahres verstärkte er die Band an der Gitarre. Zu hören war er darauf allerdings nicht und verließ Nirvana nach wenigen Monaten, um woanders anzuheuern: Everman wurde Bassist von Soundgarden.


3. The Beatles – Come Together

Diese Anekdote verdeutlicht wohl am besten, was es mit der Seattler Szene auf sich hatte: Es war ein ständiges Kommen und Gehen, personelle Überschneidungen bei einigen der größten Bands dieser Zeit waren gang und gäbe. Everman, der später eine erfolgreiche Karriere in der US-amerikanischen Armee aufnahm, verließ Soundgarden auch schnell wieder und wurde von Ben Shepherd ersetzt, der seitdem den Bass schwingt. Neben der LP Loudest Love und dem Live-Video Louder Than Live war Everman allerdings noch auf einem eher ungewöhnlichen Cover vertreten: 1990 interpretierten Soundgarden Come Together von den Beatles neu.

Come Together wurde als B-Seite zur Maxi Hands All Over vom Loudest Love-Album veröffentlicht und markierte den Beginn einer kleinen Soundgarden-Tradition, ihren Singles Cover-Versionen von bekannten Songs aus der Rock- und Pop-Geschichte beizugeben. Dabei war schon das Original voller Anspielungen auf berühmte Stifterfiguren, die auch für Soundgarden wichtig waren wie etwa Muddy Waters (mit der Zeile „He got muddy water, he one Mojo filter“ nach dem Waters-Stück Got My Mojo Workin‘). Den Helden des Blues und dem Rock’n‘Roll-Vorläufer Rhythm and Blues zollten Soundgarden schließlich auch an anderer Stelle Tribut – siehe zum Beispiel ihre Interpretation von Smokestack Lightning von Howlin’ Wolf.


4. Led Zeppelin – In My Time of Dying

Dass der moderne, von Metal und Punk gleichermaßen inspirierte Rock-Sound der Gruppe im Blues wurzelt, ist aus heutiger Sicht nicht sofort erkenntlich. Damals allerdings hörten alle vor allem eine Band aus dem Sound der frühen Veröffentlichungen des Quartetts heraus: Led Zeppelin, selbst so etwas wie britischen die Traditionsverwalter des Blues Rock. Es ist vielleicht eine Ironie der Musikgeschichte, dass ausgerechnet diejenige Band, deren Karriere von Plagiatsvorwürfen begleitet wurde, dermaßen viele Nachahmer auf den Plan rief. Soundgarden aber, so meinte die Presse früher, gehörten unbedingt dazu.

Es ist aber eben auch schwer von der Hand zu weisen, dass Soundgarden sich einiges von Led Zeppelin abgeguckt haben. Jimmy Page und Co. hatten schließlich vorgemacht, wie sich Härte und Eleganz, Energie und Virtuosität miteinander vereinen ließen. Dass insbesondere Cornell den Gesang Robert Plants genau studiert hatte, lässt sich nicht leugnen. Bei ihrem letzten Konzert vor Cornells Tod im Mai 2017 spielte die Band sogar einen Led Zeppelin-Song an. Kaum mehr als eine Stunde, bevor sich Cornell in seinem Detroiter Hotelzimmer erhängte, sang er die Zeilen des von Led Zep aufgepeppten Traditionals mit dem Titel In My Time of Dying


5. The Doors – Waiting for the Sun

Aus ihrem Faible für den klassischen Rock der sechziger und siebziger Jahre machten Soundgarden im Allgemeinen keinen Hehl. Wieso auch? Bands wie Led Zeppelin oder auch die Doors hatten schließlich mit ihren monumentalen Riffs den Weg für den Sound der Band geebnet. Ein Cover von The Doors‘ Waiting for the Sun erschien auf der limitierten Before the Doors: Live on I-5-EP im Jahr 2011, wurde allerdings bereits 1996 bei einem Soundcheck aufgenommen, derselben Zeit also, welches das Live-Album Live on I-5 abbildet.

Was die Band an den Doors faszinierte, ist offensichtlich. Auch Cornells Interesse an ihrem enigmatischen Frontmann Jim Morrisson erklärt sich fast wie von selbst. Morrisson war einer der wenigen Sänger seiner Generation, der Songtexte immer auch als Lyrik verstand. Während sich Morrisson allerdings eher für die Kraft des Unbewussten mit all ihren sexuellen Implikationen interessierte, siedelten sich Cornells Texte auf der Schattenseite des Lebens an. Die Texte von Superunknown beispielsweise wurden von den Gedichten der Schriftstellerin Sylvia Plath inspiriert, selbst nicht unbedingt für eine lebensbejahende Einstellung bekannt. Da bedeutete es für Cornell vielleicht eine schöne Abwechslung, statt Black Hole Sun mal folgende Zeilen zu singen: „Can you feel it / Now that Spring has come / That it‘s time to live in the scattered sun“.


6. Jeff Buckley – Last Goodbye

Das Rätselhafte und Mysteriöse, das Existentielle und Düstere sind fester Bestandteil von Soundgardens musikalischer DNA. Während andere Bands aus dem Seattler Wirkungskreis ihre Depressionen, ihren Weltschmerz und ihre Drogenprobleme in unbändiger Wut kanalisierten, ließen Soundgarden immer auch Verletzlichkeit zu. Wut und Schmerz gehen in ihrer Musik Hand in Hand, was für die Rock-Welt eher ungewöhnlich ist. Ein Songwriter allerdings war dafür beispielhaft: Jeff Buckley. Obwohl der früh und unter ungeklärten Umständen im Mai 1997 verstorbene Sänger zu Lebzeiten nur ein einziges Album veröffentlichte, ist sein Einfluss auf die Rock-Musik der neunziger Jahre und darüber hinaus kaum zu überschätzen.

Einer seiner größten Fans war Chris Cornell, der fast auf den Tag genau 20 Jahre später aus dem Leben schied. Er sollte ursprünglich das unfertige zweite Buckley-Album (heute als Sketches for My Sweetheart the Drunk bekannt) nach dessen Tod vollenden. „Er hatte eine Aura”, erklärte Cornell. „Es ist unmöglich zu sagen, was ein Typ wie er an sich hat, dass es so viele Menschen in seinen Bann zieht. Aber er hatte mehr davon als jeder andere Mensch, den ich je getroffen habe.“ Ab 2011 stand bei Solo-Shows Cornells immer ein Hocker mit einem roten Telefon drauf auf der Bühne – ein Geschenk von Buckleys Mutter, die Cornell das Telefon aus Buckleys Besitz vermacht hatte. Der Anruf für ein Last Goodbye kam allerdings nie.


7. Guns N’Roses – November Rain

Bevor es zu deprimierend wird, möchten wir eins einwerfen: Soundgarden können genauso gut ziemlich viel Arsch treten! Ihr eigener Musikgeschmack bezog sich schließlich selbst nicht allein aus wehmütiger Musik, sondern ebenso aus Rock, wie er leibt, lebt, feiert und Spaß macht. Gut, Guns N’Roses waren auf ihre eigene Art bisweilen nicht ohne, gehören aber wohl zu den eher fröhlichen Hard Rock-Kombos, die Soundgarden unter ihre Fittiche nahmen. 1991 – dem Jahr, in dem Use Your Illusion I & II erschienen – wählten Axl Rose und seine Mannen die noch junge Band als Support für ihre Nordamerika-Tour aus.

Sonderlich gut ging nicht. „Es hat nicht wirklich viel Spaß gemacht, jeden Abend 35 Minuten für 40 000 Menschen zu spielen“, resümierte Cornell. „Die meisten hatten unsere Songs nie gehört und scherten sich einen Dreck drum. Es war ziemlich bizarr.“ Das änderte nichts daran, dass Soundgarden und die enfants terribles des Hard Rock weiterhin gut befreundet blieben, als ihre Wege sich nach der Tour trennten. Als Guns N’Roses-Gitarrist Slash zum Beispiel 2009 sein selbstbetiteltes Solo-Debüt veröffentlichte, fand sich darauf auch eine Nummer mit Cornell am Mikrofon, Promise.


8. Black Sabbath – Into The Void

Abgesehen von der Unterstützung und allen zwischenmenschlichen Faktoren war es wohl auch Guns ‘N Roses erfrischendes Amalgam aus Punk und Metal, das Soundgarden reizte. Denn obwohl Soundgarden auch langsam und getragen können: Manchmal reißen sie die Verstärker gerne bis 11 auf, wie es bei Spinal Tap – der fiktiven Band aus der This Is Spinal Tap-Mockumentary, von der Soundgarden ebenfalls ein Stück coverten – heißen würde. Metal ist eine der großen Leidenschaften von beispielsweise Shepherd und Cameron, die 2000 die große Ehre hatten, an Tony Iommis Album IOMMI mitzuwirken. „Soundgarden sind ganz gut…“, ließ der sich zitieren. „Das ist ungefähr derselbe Kram, den wir gemacht hätten.“

Wir? Richtig, Iommi spricht von Black Sabbath, mit welcher er Heavy Metal aus der Taufe hob. Die schweren, schleppenden Riffs des italienischstämmigen Briten prägten die Klangsprache ganzer Generationen – einschließlich Soundgarden! Thayil bezeichnete seine eigene Truppe sogar als „Sabbath-beeinflusste Punkgruppe“ und auch Cornell bezog sich auf die Band, deren Song Into the Void vom Album Master of Reality sie 1992 für die EP Satanoscillatemymetallicsonatas neu interpretierten: „Als wir Soundgarden gründeten, waren wir ziemlich Post-Punk – sehr schrullig. Dann fanden wir irgendwie diesen neo-Sabbath-Psychedelic Rock, der bestens zu uns passte.“


9. Bauhaus – Bela Lugosi’s Dead

Moment mal, Post-Punk? Jetzt wird uns einiges klar. Wie schon einleitend erwähnt bezogen sich Thayil zufolge auf die Musik von The Velvet Underground, den Meat Puppets und Metallica, aber auch Killing Joke. Ferner standen Gang of Four, Wire und selbst die Goth-Pioniere Bauhaus hoch in ihrer Gunst. Die Band um Sänger Peter Murphy hob Punk auf ein neues Level und brachte Elemente aus Dub und Funk in ihre düsterschwarze Musik mit ein. Das begeisterte viele aus der Seattler Szene, weil Bauhaus für eine alternativen Zugang zur typischen Punk-Ästhetik standen: elegant und doch wild, schwermütig und doch energisch.

Daniel House, unter anderem Bassist bei Skin Yard und eine einflussreiche Figur im Seattle der achtziger Jahre, erinnerte sich in einem Interview an die Anfangstage von Soundgarden, als diese noch ein Trio waren. „Die Leute halten mich heute für verrückt, wenn ich das sage, aber sie waren eine komplette Bauhaus-Rip-Off-Band“, erklärte er. „Ich habe mir Chris immer als Schwamm vorgestellt. Zu dieser Zeit kaute er Bauhaus und Peter Murphy wieder…“ Und das sogar wortwörtlich: Der Song Entering von Soundgardens Debüt-EP Screaming Life ist deutlich an Bauhaus und ihren Song Bela Lugosi’s Dead angelehnt. Das beweist auch ein Live-Video der zu dieser Zeit schon aus vier Mitgliedern bestehenden Band aus dem Jahr 1988: Das Stück geht nahtlos in eine Cover-Version über…


10. Linkin Park – One Step Closer

Soundgarden stehen wie keine andere Band ihrer Generation für eine radikale Offenheit ein. Einerseits stilistisch, denn wie wir mit Blick auf ihre musikalische DNA erfahren haben, kannten die vier Kernmitglieder Cornell, Thayil, Shepherd und Cameron keine Scheu vor genrefremder Musik und mischten sich ihren eigenen musikalischen Cocktail. Andererseits waren es auch die Lyrics Cornells, die Soundgardens Musik zu etwas Besonderem machen. Es sind poetische Texte, die doch klar von den Seelenabgründen ihres Autors sprechen. Damit fand Cornell bei den nachfolgenden Generationen offene Ohren und Herzen vor.

Linkin Park gründeten sich 1996 und feierten ihren internationalen Durchbruch 2000 mit dem Album Hybrid Theory, drei Jahre nach der Auflösung von Soundgarden, die sich erst 2010 wiedervereinten. Obwohl die Band mit ihrer Mischung aus Metal, Hardcore und Hip Hop gänzlich anders klang, schienen sie doch das weiterzuführen, was Soundgarden einst begonnen hatten. Es verwundert deshalb kaum, dass sich die beiden Sänger Cornell und Chester Bennington anfreundeten. Bennington wurde sogar der Patenonkel von Cornells Tochter. Mehr noch als die Musik vereinte die beiden ihr tragisches Schicksal: Der eine wie der andere litt unter Depressionen. Nur etwas mehr als zwei Monate nach Cornells Freitod nahm sich auch Bennington am 20. Juli 2017 das Leben – es wäre Cornells 53. Geburtstag gewesen. Nun ist es an der neuen Generation, das Erbe der beiden Ausnahmesänger weiterzuführen.


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Popkultur

Aqua-Sängerin Lene Nystrøm wird 50: Was wurde aus dem Barbie Girl?

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Lene Nystrøm
Foto: Sergione Infuso/Corbis via Getty Images

Life in plastic, it’s fantastic: Das sind Songzeilen, denen seit 1997 niemand entgehen kann – so sehr er oder sie es auch versucht. Anlässlich ihres 50. Geburtstags haben wir uns das Leben der Barbie-Girl-Sängerin Lene Nystrøm einmal genauer angesehen!

von Sina Buchwitz

Als Lene Grawford Nystrøm am 2. Oktober 1973 im norwegischen Tønsberg geboren wird, hat von dem Wörtchen Eurodance noch nie jemand gehört. Dennoch entdeckt die Künstlerin früh ihre Leidenschaft fürs Performen und arbeitet zunächst als Model und Barkeeperin. Anfang der Neunziger ist sie außerdem regelmäßig in einer norwegischen TV-Quizshow zu sehen. Dann zieht es die spätere Aqua-Sängerin aufs Wasser.

Mit der Fähre zum Plattenvertrag

Wir schreiben das Jahr 1994. Nystrøm arbeitet als Sängerin auf der Fähre M/S Peter Wessel, die zwischen Norwegen und Dänemark hin und her schippert. Hier trifft sie auf den Musiker René Dif, der auf der Suche nach einer Leadsängerin für seine Band Joyspeed ist. Bisher besteht diese aus Rapper Dif sowie den Produzenten Søren Rasted und Claus Norreen. Um die zuckersüßen Vocals von Nystrøm reicher dauert es nicht lang, bis die Truppe ihren ersten Plattenvertrag eintütet. 1995 erscheint ihre Debütsingle Itsy Bitsy Spider, die sich jedoch nur eine Woche lang am unteren Ende der Charts festkrallen kann.

Es ist vor allem Lenes mädchenhaft anmutender Gesang, der den Bubblegum-Sound der Band komplettiert. So wundert es auch nicht, dass die kommenden Songs den Zuhörer*innen kaugummiartig in den Ohren kleben bleiben: Sowohl Roses Are Red als auch My Oh My fahren in Skandinavien große Erfolge ein. Letzterer wird in Dänemark nach nur sechs Tagen mit Gold zertifiziert. Ein Rekord.

Barbie Girl: Tiefgründige Message trotz Kleinmädchenstimme

Während der Aufnahme ihres später größten Hits kommt es zwischen den Bandmitgliedern zu Diskussionen: Nystrøm findet die Tonart ihres Gesangs deutlich zu hoch. Jahrzehnte später wird sie im Interview mit der skandinavischen Vogue sagen, sie „wurde dazu gezwungen, ihre Kleinmädchenstimme zu nutzen“. Den restlichen Aqua-Mitgliedern gelingt es, ihre Leadsängerin zu überreden.

Obwohl Barbie Girl nur allzu leicht als sarkastische Hasstirade gegen die weltbekannte Mattel-Puppe verstanden werden kann, sei die Intention des Tracks eine ganz andere. Im Interview mit dem Rolling Stone erklärt René Dif: „Die Message ist, dass es okay ist, die Person zu sein, die du bist, und so auszusehen, wie man aussieht, und damit selbstbewusst umzugehen. Man muss nicht unbedingt Schönheitsoperationen vornehmen lassen, um ein besserer Mensch zu sein.“

Goldblonde Barbie-Perücke? Nicht mit Lene Nystrøm!

Diese Philosophie nimmt sich Nystrøm auch beim Musikvideodreh zu Barbie Girl zu Herzen. Zunächst hegt Regisseur Peder Pedersen nämlich die Vision, die Leadsängerin für das Musikvideo zur Barbie zu transformieren. Ein für ihn völlig logischer Schritt. Nicht so für die Norwegerin: „Ich wollte nicht wie Barbie aussehen. Das ist komplett gegen den Sinn des Songs“, erklärt sie in einem Interview.


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Die blonde Perücke kommt nicht zum Einsatz. Dem Erfolg des Songs tut das keinen Abbruch. Er wird trotzdem unsterblich. Nach der Veröffentlichung 1997 gelingt der Band der internationale Durchbruch; in über 35 Ländern erreicht Barbie Girl eine Nummer-eins-Platzierung. Auch privat befindet sich die Künstlerin auf dem Höhenflug: Sie verliebt sich in ihren Bandkollegen Søren Rasted. Die beiden heiraten heimlich in Las Vegas und gründen eine Familie. Für Aqua bedeutet das zunächst das Ende: Im Jahr 2001 trennt sich die Band. Immer wieder gibt es Gerüchte, dass eine fatale Dreiecksbeziehung zwischen Nystrøm, Dif und Rasted für das Zerwürfnis der Gruppe gesorgt habe.

Play With Me: Nystrøms Solokarriere

Lene Nystrøm konzentriert sich zunächst auf ihr Solodebüt. Das Album Play With Me schafft es 2002 in Dänemark jedoch nur für eine Woche auf Platz 30 der Charts. Erfolgreicher hingegen verläuft Nystrøms Karriere als Schauspielerin für verschiedene skandinavische Produktionen. Auch als Songwriterin fasst sie Fuß: So greift sie zum Beispiel der Girlband Girls Aloud unter die Arme und verhilft ihnen zu ihren ersten Charterfolgen. Und schon bald soll es auch für Aqua ein Comeback geben: 2008 startet die Gruppe eine Reunion-Tour.

 

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Auch über 25 Jahre nach der Veröffentlichung ihres Mammut-Songs ziehen Aqua noch immer Eurodance-Fans aus der ganzen Welt zu ihren Konzerten. Die einstigen Querelen scheinen der Vergangenheit anzugehören: In trauter Dreisamkeit stehen Dif, Nystrøm und Rasted bis heute auf der Bühne. Einzig Claus Norreen bleibt der Wiedervereinigung fern.

Neuerlichen Ruhm erreichen Aqua und ihr Barbie Girl 2023, als Greta Gerwigs Popcorn-Kinofilm Barbie die Welt im Sturm erobert. Und wieder einmal gilt: „Life in plastic, it’s fantastic!“

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Zeitsprung: Am 2.10.1995 macht „(What’s The Story) Morning Glory?“ aus Oasis Superstars.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.10.1995.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Rund um die Veröffentlichung von Oasis’ zweitem Album (What’s The Story) Morning Glory? geht es bei den Britpop-Vorreitern hoch her: Kein verbales Handgemenge, keinen Rausch lässt die Band um die Gallagher-Brüder aus. Und trotzdem schaffen sie es, eine der erfolgreichsten britischen Platten hervorzubringen. Im heutigen Zeitsprung widmen wir uns der Entstehung dieses Klassikers.

Hier könnt ihr (What’s The Story) Morning Glory? hören

Kennt man das Ego der Gebrüder Gallagher, dann weiß man, dass es im Vorfeld zum zweiten Album bei Oasis nicht gerade rosig aussieht. Zwar beschert der Erstling Definitely Maybe erste Chartplatzierungen, der besonders von Noel G. angepeilte Legendenstatus lässt aber auf sich warten. Global verkauft sich das Werk zwar nicht übel, der Erfolg stellt sich zunächst jedoch vor allem auf nationaler Ebene ein. Aber die dortige Konkurrenz schläft nicht.

„Battle of Britpop“: Oasis vs. Blur

Die Kollegen von Blur bereiten den Gallaghers und ihren Kollegen einiges an Kopfzerbrechen. Im „Battle of Britpop“ und im direkten Vergleich der Songs Country House (Blur) und Roll With It (der zweiten Vorabsingle aus Morning Glory), die beide am 14. August 1995 veröffentlicht werden, müssen sich Oasis zunächst geschlagen geben; finden dafür aber wie üblich kreative Gründe. Seitens des Managements heißt es mal, dass es am günstigeren Preis der Blur-Nummer liege, oder gern auch, dass der Strichcode aus rätselhaften Gründen versagt hätte. 

Als Bandleader Noel dazu Stellung nehmen möchte, wählt er nicht die weisesten Worte: „Ich hoffe, Blur bekommen AIDS und sterben.“ Das muss er selbstverständlich zurücknehmen; 2011 stellt er klar: „Ich hätte ihnen besser eine üble Erkältung gewünscht.“ Aber das PR-Desaster lässt sich nicht mehr abwenden. Die Spannungen zwischen den Rivalen spiegeln sich zudem auch innerhalb der Band.

Besetzungswechsel & Drogeneskapaden

Schon während der ersten US-Tour zieht Liam Noel ein Tamburin über, Noel wiederum befindet sich auf direktem Weg in die Drogen-induzierte Psychose. Dass der Rest der Besetzung ungefähr so oft wechselt wie die Reiseroute, wundert also nicht. Zum Glück bleibt den Gallaghers aber dieses verdammte Talent.

Man ahnt: Es darf gerne noch kommerzieller sein. Zum Glück hat Songwriter Noel anderen Stücken etwas fettere Refrains und ein bisschen mehr Gefühl verpasst, von Produzent Owen Morris stammt außerdem erneut ein perfekter Neunziger-Sound. Gäste gibt es auch: So kann man den „Modfather“ Paul Weller beispielsweise am Sechssaiter und im Hintergrundgesang auf Champagne Supernova wahrnehmen. Innerhalb von 15 Tagen hatten Oasis die Platte im Kasten. Was die Arbeitsmoral angeht, kann man Kain und Abel 2.0 nichts nachsagen.

Geradewegs in die Pop-Stratosphäre

Als Oasis ihr Werk am 2. Oktober 1995 veröffentlichen, müssen sie noch eine kurze Schrecksekunde aushalten: Bei der Kritik kommt der Langspieler nämlich nicht wirklich an, man nennt ihn „banal“ und einen „Lückenfüller“. Zum Glück teilt die Öffentlichkeit diese Meinung nicht und macht (What’s The Story) Morning Glory? zum durchschlagenden Erfolg. Singles wie Wonderwall, Don’t Look Back In Anger und Champagne Supernova können auch heute noch wirklich alle mitsingen, die schon mal ein Radio benutzt haben. Im Vereinigten Königreich mausert sich das Album zum bestverkauften der Dekade und erhält unglaubliche 15 Platin-Auszeichnungen, während auch weltweit die Kassen klingeln. Wer waren noch gleich Blur?

Üblicherweise folgt zu diesem Zeitpunkt die Ehre eines MTV Unplugged, das Liam aber schwänzt und zu allem Überfluss auch noch sabotiert. Bei den MTV Video Music Awards 1996 kann man dann live beobachten, wie der singende Gallagher ordentlich abdreht: Rüde Gesten in Richtung seines Bruders, und feine Ohren meinen gar, die Supernova befinde sich nun „up your bum“. Es wundert also nicht, dass die Geschichte von Oasis 2009 mit einem Gerichtsverfahren endet.

Zeitsprung: Am 28.8.2009 steigt Noel Gallagher endgültig aus & Oasis lösen sich auf.

 

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1985 wird Madonnas Filmdebüt gegen ihren Willen veröffentlicht.

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Madonna Ende der Siebziger in New York - Foto: Michael McDonnell/Archive Photos/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1985.

von Sina Buchwitz und Christof Leim

Viele Popstars wagen im Laufe ihrer Karriere einen Ausflug in die „benachbarte“ Film- und Fernsehwelt. Pop-Urgestein Madonna bildet da keine Ausnahme: Sie spielt zwischen 1985 und 2002 in 18 Spielfilmen mal größere, mal kleinere Rollen mit ebenso variierendem Erfolg. Ihr Debüt in A Certain Sacrifice von 1979 bringt ihr 100 Dollar – und dem Regisseur ein „Fuck You“. 

Hier könnt ihr das Album Like A Virgin anhören:

Mitte der Achtziger brennt sich Madonna für immer in die Netzhaut der Popkultur: In Brautkleid und Bustier singt die Meisterin der Provokation erst bei den MTV Awards Like A Virgin und schockt damit die konservativen USA, um wenig später im Musikvideo zu Material Girl im Marilyn Monroe-Look einmal mehr zu beweisen, dass Männer in ihrer Welt höchstens die zweite Geige spielen. Im Frühjahr 1985 geht Madonna mit dem Album Like A Virgin auf Tour und festigt ihren Status als neue Stil- und Musikikone. Die Platte verkauft sich weltweit über 14 Millionen Mal. Zur gleichen Zeit feiert sie ihr Debüt auf der Kinoleinwand mit Desperately Seeking Susan (hierzulande: Susan… verzweifelt gesucht).

Ein kleines Stück vom Glück

Nun möchte auch jemand anders ein Stück von Madonnas Ruhm abhaben und veröffentlicht am 1. Oktober 1985 Madonnas eigentliches Filmdebüt. Das hatte sie bereits 1979 gedreht, bis dato war es aber nie an die Öffentlichkeit gelangt. Und das unterscheidet sich deutlich vom Hochglanz-Hollywood-Streifen Desperately Seeking Susan: In der bizarren Low-Budget-Produktion A Certain Sacrifice spielt Madonna die Rolle der Bruna, einer New Yorkerin, die mit ihren drei „Liebessklaven“ auf der Lower East Side lebt. Als die Figur sich unerwartet in einen jungen Mann verliebt und mit ihrer Clique brechen will, wird sie vergewaltigt. Ein brutaler Ritualmord ist die Folge.

Mit nur 20.000 Dollar produziert Regisseur Stephen Jon Lewicki die 60-minütige Geschichte und zeigt sich vom Einsatz seiner Hauptdarstellerin begeistert. Die hatte sich mit einem dreiseitigen, handgeschriebenen Brief beworben, obwohl nicht mal eine Gage ausgeschrieben war. Letztlich erhält sie als einzige Schauspielerin 100 Dollar, um ihre Miete zahlen zu können.

„Fuck You“, Lewicki!

Sechs Jahre später ist die ursprüngliche Begeisterung für den Film verflogen: Neben einer Vergewaltigungsszene sind es vor allem die Oben-Ohne-Sequenzen, die Pop-Ikone Madonna Sorge bereiten. Über die geplante Veröffentlichung zeigt sie sich entsprechend erbost und versucht, diese zu stoppen. Bei einer privaten Vorführung in Lewickis Apartment reagiert sie schockiert auf das Ergebnis, brüllt „Fick dich!“ und stürmt aus der Wohnung. Im Anschluss verklagt sie Lewicki.

Das Filmposter zu „A Certain Sacrifice

Am 2. August 1985 verliert Madonna den Rechtsstreit jedoch, und der Streifen darf veröffentlicht werden. Nach einigen Filmvorführungen in New York wird A Certain Sacrifice auf Videokassette vertrieben. Die Reaktionen sind überwiegend positiv. So schreibt die New York Post: „Madonna ist sexy wie die Hölle.“ Erwartungsgemäß geistert er heute mit verschiedenen Coverartworks auch durch das Netz. Ihrer Karriere tut die Entblößung keinen Abbruch, im Gegenteil. Nur zwei Jahre später wird sie mit ihrer Who’s That Girl World Tour zur erfolgreichsten Popsängerin der Achtziger

Zeitsprung: Am 21.10.1992 veröffentlicht Madonna ihr Buch „Sex“ — samt Skandal.

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