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Popkultur

Die musikalische DNA von Soundgarden

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Mitte und Ende der achtziger Jahre fanden sich rund um die Stadt Seattle im US-amerikanischen Bundesstaat Washington viele Bands zusammen, die Rock neu definieren wollten. Die pompösen siebziger Jahre lagen weit zurück, die Punk-Revolution war erlahmt und die Musik, die Anfang des Jahrzehnts als Hardcore bekannt wurde, verlor ebenso ihre Kraft. Metal hingegen – ob Heavy oder Thrash, amerikanisch oder britisch – war mittlerweile in den großen Stadien angekommen. Das konnte unmöglich der richtige Ort für Gegenkultur sein!


Hört hier in die musikalische DNA von Soundgarden rein:

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Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“

Soundgarden war eine der Bands, die es anders machen, die eine Alternative anbieten wollten. Ihre Lyrics waren poetischer, die Musik bewegte sich zwischen stiller Introspektion und krassem Lärm. Soundgarden waren von Anfang an nuancierter, differenzierter und abwechslungsreicher als viele ihrer Vorgängerbands und vor allem als die meisten der zeitgenössischen Gruppen. Was allerdings niemanden daran hinderte, sie mit vielen anderen Bands in einen Topf zu werfen. Von Alice In Chains über Pearl Jam zu Nirvana: Soundgarden ist Grunge, hieß es. Ein problematischer Begriff, denn nicht nur hatten diese Bands nur bedingt viel miteinander zu tun. Auch wird er der musikalischen Komplexität der Gruppe schlicht nicht gerecht. „Wir waren nie Grunge, sondern nur eine Band aus Seattle”, fasst Ben Shepherd es einst zusammen.

The Velvet Underground, die Meat Puppets, Killing Joke und Metallica nannte Leadgitarrist Kim Thayil als Eckpfeiler ihres „Klanggartens“ und der 2017 durch Suizid aus dem Leben geschiedene Sänger Chris Cornell bezog sich in seinen Texten unter anderem auf die Werke der Dichterin Sylvia Plath. Ein noch genauerer Blick auf die musikalische DNA von Soundgarden verrät, warum Soundgarden so wichtig für die Rock-Musik der Achtziger, Neunziger und dem neuen Jahrtausend waren und bleiben. In ihrer Musik läuft Härte und Zärtlichkeit, Dunkelheit und Optimismus zusammen wie bei keiner anderen Gruppe – ob nun aus Seattle oder nicht.


1. Skin Yard – The Blind Leading The Blind

Aber fangen wir doch genau dort an, denn um Seattle führt kein Weg herum. Kim Thayil und Chris Cornell wurden hier geboren und Thayil lernte hier an der High School Hiro Yamamoto kennen, der gemeinsam mit den beiden anderen im Jahr 1984 Soundgarden gründen sollte. Zuerst aber gab es die Band Shemps mit Cornell am Schlagzeug und Yamamoto am Bass, der später von Thayil abgelöst werden sollte. Nach Ende der Band blieben sie in Kontakt, fanden für Jam-Sessions zusammen und siehe da, Soundgarden – benannt nach einem Landschaftskunstwerk von Douglas Hollis in der Nähe ihrer Heimatstadt – war geboren und wurde bald von Scott Sundquist ergänzt, der von Cornell das Drumkit übernahm.

Nach einigen Konzerten veröffentlichte die Gruppe ihre ersten drei Songs auf der Compilation Deep Six neben Bands wie den Melvins und Malfunkshun. Neben dem Sub Pop 100-Sampler und Green Rivers Come On Down-EP gilt die Sammlung als eines der frühsten Dokumente des neuen Sounds von Seattle, der später unter dem unglücklichen Namen Grunge zusammengefasst werden sollte. Wichtig war für Soundgarden vor allem die Verbindung zur Band Skin Yard, deren Werk heute fast vollständig in Vergessenheit geraten ist und die doch als großer Einfluss auf Gruppen wie Green River, Screaming Trees und natürlich Soundgarden gelten. Nicht allein, weil Skin Yard-Schlagzeuger Matt Cameron Sundquist bei Soundgarden dauerhaft ersetzen sollte…


2. Nirvana – About a Girl

Nicht selten hat es den Anschein, als wäre die neue Generation von Bands aus Seattle ein eingeschworener Haufen gewesen, als hätten sie zusammen in verräucherten Backstageräumen die weltweite Grunge-Revolution geplant. Das ist ein Mythos, die Realität war bei weitem profaner: Die einzelnen Gruppen kannten einander zwar, mochten einander mehr oder weniger, bewegten sich bisweilen aber in völlig verschiedenen Kreisen. Am nächsten kamen sich Soundgarden und Nirvana etwa in den Charts, als Badmotorfinger und Nevermind um die Pole Position stritten. Wer damals gewann, wissen wir.

Doch jeder noch so absurde Mythos enthält mitunter ein Quäntchen Wahrheit. Nirvana-Frontmann Kurt Cobain zählte zu den größten Fans von Soundgarden und Gerüchten zufolge soll er ihretwegen auf das Label Sub Pop zugegangen sein, wo 1989 das Debütalbum seiner Band erschien. In den Credits von Bleach wird ein gewisser Jason Everman genannt, der auch auf dem Cover zu sehen ist – ab Februar des Jahres verstärkte er die Band an der Gitarre. Zu hören war er darauf allerdings nicht und verließ Nirvana nach wenigen Monaten, um woanders anzuheuern: Everman wurde Bassist von Soundgarden.


3. The Beatles – Come Together

Diese Anekdote verdeutlicht wohl am besten, was es mit der Seattler Szene auf sich hatte: Es war ein ständiges Kommen und Gehen, personelle Überschneidungen bei einigen der größten Bands dieser Zeit waren gang und gäbe. Everman, der später eine erfolgreiche Karriere in der US-amerikanischen Armee aufnahm, verließ Soundgarden auch schnell wieder und wurde von Ben Shepherd ersetzt, der seitdem den Bass schwingt. Neben der LP Loudest Love und dem Live-Video Louder Than Live war Everman allerdings noch auf einem eher ungewöhnlichen Cover vertreten: 1990 interpretierten Soundgarden Come Together von den Beatles neu.

Come Together wurde als B-Seite zur Maxi Hands All Over vom Loudest Love-Album veröffentlicht und markierte den Beginn einer kleinen Soundgarden-Tradition, ihren Singles Cover-Versionen von bekannten Songs aus der Rock- und Pop-Geschichte beizugeben. Dabei war schon das Original voller Anspielungen auf berühmte Stifterfiguren, die auch für Soundgarden wichtig waren wie etwa Muddy Waters (mit der Zeile „He got muddy water, he one Mojo filter“ nach dem Waters-Stück Got My Mojo Workin‘). Den Helden des Blues und dem Rock’n‘Roll-Vorläufer Rhythm and Blues zollten Soundgarden schließlich auch an anderer Stelle Tribut – siehe zum Beispiel ihre Interpretation von Smokestack Lightning von Howlin’ Wolf.


4. Led Zeppelin – In My Time of Dying

Dass der moderne, von Metal und Punk gleichermaßen inspirierte Rock-Sound der Gruppe im Blues wurzelt, ist aus heutiger Sicht nicht sofort erkenntlich. Damals allerdings hörten alle vor allem eine Band aus dem Sound der frühen Veröffentlichungen des Quartetts heraus: Led Zeppelin, selbst so etwas wie britischen die Traditionsverwalter des Blues Rock. Es ist vielleicht eine Ironie der Musikgeschichte, dass ausgerechnet diejenige Band, deren Karriere von Plagiatsvorwürfen begleitet wurde, dermaßen viele Nachahmer auf den Plan rief. Soundgarden aber, so meinte die Presse früher, gehörten unbedingt dazu.

Es ist aber eben auch schwer von der Hand zu weisen, dass Soundgarden sich einiges von Led Zeppelin abgeguckt haben. Jimmy Page und Co. hatten schließlich vorgemacht, wie sich Härte und Eleganz, Energie und Virtuosität miteinander vereinen ließen. Dass insbesondere Cornell den Gesang Robert Plants genau studiert hatte, lässt sich nicht leugnen. Bei ihrem letzten Konzert vor Cornells Tod im Mai 2017 spielte die Band sogar einen Led Zeppelin-Song an. Kaum mehr als eine Stunde, bevor sich Cornell in seinem Detroiter Hotelzimmer erhängte, sang er die Zeilen des von Led Zep aufgepeppten Traditionals mit dem Titel In My Time of Dying


5. The Doors – Waiting for the Sun

Aus ihrem Faible für den klassischen Rock der sechziger und siebziger Jahre machten Soundgarden im Allgemeinen keinen Hehl. Wieso auch? Bands wie Led Zeppelin oder auch die Doors hatten schließlich mit ihren monumentalen Riffs den Weg für den Sound der Band geebnet. Ein Cover von The Doors‘ Waiting for the Sun erschien auf der limitierten Before the Doors: Live on I-5-EP im Jahr 2011, wurde allerdings bereits 1996 bei einem Soundcheck aufgenommen, derselben Zeit also, welches das Live-Album Live on I-5 abbildet.

Was die Band an den Doors faszinierte, ist offensichtlich. Auch Cornells Interesse an ihrem enigmatischen Frontmann Jim Morrisson erklärt sich fast wie von selbst. Morrisson war einer der wenigen Sänger seiner Generation, der Songtexte immer auch als Lyrik verstand. Während sich Morrisson allerdings eher für die Kraft des Unbewussten mit all ihren sexuellen Implikationen interessierte, siedelten sich Cornells Texte auf der Schattenseite des Lebens an. Die Texte von Superunknown beispielsweise wurden von den Gedichten der Schriftstellerin Sylvia Plath inspiriert, selbst nicht unbedingt für eine lebensbejahende Einstellung bekannt. Da bedeutete es für Cornell vielleicht eine schöne Abwechslung, statt Black Hole Sun mal folgende Zeilen zu singen: „Can you feel it / Now that Spring has come / That it‘s time to live in the scattered sun“.


6. Jeff Buckley – Last Goodbye

Das Rätselhafte und Mysteriöse, das Existentielle und Düstere sind fester Bestandteil von Soundgardens musikalischer DNA. Während andere Bands aus dem Seattler Wirkungskreis ihre Depressionen, ihren Weltschmerz und ihre Drogenprobleme in unbändiger Wut kanalisierten, ließen Soundgarden immer auch Verletzlichkeit zu. Wut und Schmerz gehen in ihrer Musik Hand in Hand, was für die Rock-Welt eher ungewöhnlich ist. Ein Songwriter allerdings war dafür beispielhaft: Jeff Buckley. Obwohl der früh und unter ungeklärten Umständen im Mai 1997 verstorbene Sänger zu Lebzeiten nur ein einziges Album veröffentlichte, ist sein Einfluss auf die Rock-Musik der neunziger Jahre und darüber hinaus kaum zu überschätzen.

Einer seiner größten Fans war Chris Cornell, der fast auf den Tag genau 20 Jahre später aus dem Leben schied. Er sollte ursprünglich das unfertige zweite Buckley-Album (heute als Sketches for My Sweetheart the Drunk bekannt) nach dessen Tod vollenden. „Er hatte eine Aura”, erklärte Cornell. „Es ist unmöglich zu sagen, was ein Typ wie er an sich hat, dass es so viele Menschen in seinen Bann zieht. Aber er hatte mehr davon als jeder andere Mensch, den ich je getroffen habe.“ Ab 2011 stand bei Solo-Shows Cornells immer ein Hocker mit einem roten Telefon drauf auf der Bühne – ein Geschenk von Buckleys Mutter, die Cornell das Telefon aus Buckleys Besitz vermacht hatte. Der Anruf für ein Last Goodbye kam allerdings nie.


7. Guns N’Roses – November Rain

Bevor es zu deprimierend wird, möchten wir eins einwerfen: Soundgarden können genauso gut ziemlich viel Arsch treten! Ihr eigener Musikgeschmack bezog sich schließlich selbst nicht allein aus wehmütiger Musik, sondern ebenso aus Rock, wie er leibt, lebt, feiert und Spaß macht. Gut, Guns N’Roses waren auf ihre eigene Art bisweilen nicht ohne, gehören aber wohl zu den eher fröhlichen Hard Rock-Kombos, die Soundgarden unter ihre Fittiche nahmen. 1991 – dem Jahr, in dem Use Your Illusion I & II erschienen – wählten Axl Rose und seine Mannen die noch junge Band als Support für ihre Nordamerika-Tour aus.

Sonderlich gut ging nicht. „Es hat nicht wirklich viel Spaß gemacht, jeden Abend 35 Minuten für 40 000 Menschen zu spielen“, resümierte Cornell. „Die meisten hatten unsere Songs nie gehört und scherten sich einen Dreck drum. Es war ziemlich bizarr.“ Das änderte nichts daran, dass Soundgarden und die enfants terribles des Hard Rock weiterhin gut befreundet blieben, als ihre Wege sich nach der Tour trennten. Als Guns N’Roses-Gitarrist Slash zum Beispiel 2009 sein selbstbetiteltes Solo-Debüt veröffentlichte, fand sich darauf auch eine Nummer mit Cornell am Mikrofon, Promise.


8. Black Sabbath – Into The Void

Abgesehen von der Unterstützung und allen zwischenmenschlichen Faktoren war es wohl auch Guns ‘N Roses erfrischendes Amalgam aus Punk und Metal, das Soundgarden reizte. Denn obwohl Soundgarden auch langsam und getragen können: Manchmal reißen sie die Verstärker gerne bis 11 auf, wie es bei Spinal Tap – der fiktiven Band aus der This Is Spinal Tap-Mockumentary, von der Soundgarden ebenfalls ein Stück coverten – heißen würde. Metal ist eine der großen Leidenschaften von beispielsweise Shepherd und Cameron, die 2000 die große Ehre hatten, an Tony Iommis Album IOMMI mitzuwirken. „Soundgarden sind ganz gut…“, ließ der sich zitieren. „Das ist ungefähr derselbe Kram, den wir gemacht hätten.“

Wir? Richtig, Iommi spricht von Black Sabbath, mit welcher er Heavy Metal aus der Taufe hob. Die schweren, schleppenden Riffs des italienischstämmigen Briten prägten die Klangsprache ganzer Generationen – einschließlich Soundgarden! Thayil bezeichnete seine eigene Truppe sogar als „Sabbath-beeinflusste Punkgruppe“ und auch Cornell bezog sich auf die Band, deren Song Into the Void vom Album Master of Reality sie 1992 für die EP Satanoscillatemymetallicsonatas neu interpretierten: „Als wir Soundgarden gründeten, waren wir ziemlich Post-Punk – sehr schrullig. Dann fanden wir irgendwie diesen neo-Sabbath-Psychedelic Rock, der bestens zu uns passte.“


9. Bauhaus – Bela Lugosi’s Dead

Moment mal, Post-Punk? Jetzt wird uns einiges klar. Wie schon einleitend erwähnt bezogen sich Thayil zufolge auf die Musik von The Velvet Underground, den Meat Puppets und Metallica, aber auch Killing Joke. Ferner standen Gang of Four, Wire und selbst die Goth-Pioniere Bauhaus hoch in ihrer Gunst. Die Band um Sänger Peter Murphy hob Punk auf ein neues Level und brachte Elemente aus Dub und Funk in ihre düsterschwarze Musik mit ein. Das begeisterte viele aus der Seattler Szene, weil Bauhaus für eine alternativen Zugang zur typischen Punk-Ästhetik standen: elegant und doch wild, schwermütig und doch energisch.

Daniel House, unter anderem Bassist bei Skin Yard und eine einflussreiche Figur im Seattle der achtziger Jahre, erinnerte sich in einem Interview an die Anfangstage von Soundgarden, als diese noch ein Trio waren. „Die Leute halten mich heute für verrückt, wenn ich das sage, aber sie waren eine komplette Bauhaus-Rip-Off-Band“, erklärte er. „Ich habe mir Chris immer als Schwamm vorgestellt. Zu dieser Zeit kaute er Bauhaus und Peter Murphy wieder…“ Und das sogar wortwörtlich: Der Song Entering von Soundgardens Debüt-EP Screaming Life ist deutlich an Bauhaus und ihren Song Bela Lugosi’s Dead angelehnt. Das beweist auch ein Live-Video der zu dieser Zeit schon aus vier Mitgliedern bestehenden Band aus dem Jahr 1988: Das Stück geht nahtlos in eine Cover-Version über…


10. Linkin Park – One Step Closer

Soundgarden stehen wie keine andere Band ihrer Generation für eine radikale Offenheit ein. Einerseits stilistisch, denn wie wir mit Blick auf ihre musikalische DNA erfahren haben, kannten die vier Kernmitglieder Cornell, Thayil, Shepherd und Cameron keine Scheu vor genrefremder Musik und mischten sich ihren eigenen musikalischen Cocktail. Andererseits waren es auch die Lyrics Cornells, die Soundgardens Musik zu etwas Besonderem machen. Es sind poetische Texte, die doch klar von den Seelenabgründen ihres Autors sprechen. Damit fand Cornell bei den nachfolgenden Generationen offene Ohren und Herzen vor.

Linkin Park gründeten sich 1996 und feierten ihren internationalen Durchbruch 2000 mit dem Album Hybrid Theory, drei Jahre nach der Auflösung von Soundgarden, die sich erst 2010 wiedervereinten. Obwohl die Band mit ihrer Mischung aus Metal, Hardcore und Hip Hop gänzlich anders klang, schienen sie doch das weiterzuführen, was Soundgarden einst begonnen hatten. Es verwundert deshalb kaum, dass sich die beiden Sänger Cornell und Chester Bennington anfreundeten. Bennington wurde sogar der Patenonkel von Cornells Tochter. Mehr noch als die Musik vereinte die beiden ihr tragisches Schicksal: Der eine wie der andere litt unter Depressionen. Nur etwas mehr als zwei Monate nach Cornells Freitod nahm sich auch Bennington am 20. Juli 2017 das Leben – es wäre Cornells 53. Geburtstag gewesen. Nun ist es an der neuen Generation, das Erbe der beiden Ausnahmesänger weiterzuführen.


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Popkultur

Zum 79. Geburtstag von Jimi Hendrix: Erneuerer, Mythos, unerreichtes Genie

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Jimi Hendrix
Foto: Svenska Dagbladet/AFP via Getty Images

Er prägte das E-Gitarrenspiel wie wenige andere, revolutionierte in den wenigen Jahren, die ihm vergönnt waren, die Rockmusik und ist noch immer die Messlatte für alles. Heute wäre James Marshall „Jimi“ Hendrix 79 Jahre alt geworden. Sein Einfluss ist nach wie vor allgegenwärtig.

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von Markus Brandstetter

Jimi Hendrix schaffte in der Gitarrenwelt das, was nach ihm wohl nur Eddie Van Halen gelang: diesen alles erschütternden Moment, der keinen Stein auf dem anderen ließ. Bei beiden gibt es hunderte, tausende ähnliche Geschichten prominenter Musiker und Musikerinnen, die von regelrechten Erweckungserlebnissen erzählen. Geschichten von dem Moment, in dem sie Hendrix im Fernsehen gesehen haben, gleichermaßen begeistert und fassungslos darüber, wie er spielte, wie ungewöhnlich, radikal und — je nach Song – auch wunderschön das klang. Es gab vor Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen und es gab nach Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen. Aber es gibt eben auch eine Zeitrechnung: die der Gitarre VOR Hendrix und Gitarre NACH Hendrix. Es ist das, was viele unserer Gitarrenheld*innen auch über den Moment berichten, an dem sie zum ersten Mal Eddie Van Halen gesehen oder gehört haben: Es war danach einfach alles anders und kein Stein blieb auf dem anderen.

Ynwgie Malmsteen über Hendrix: „Er hat alles auf den Kopf gestellt”

Aber was machte diese unglaubliche Anziehungskraft aus? Yngwie Malmsteen erzählte 2019 gegenüber dem deutschen Magazin Gitarre und Bass, es sei zunächst Hendrix’ Image gewesen, das ihn fasziniert habe, mit der Musik habe er sich erst später beschäftigt. „Es sind seine Songs, sein Sound, sein Auftreten, seine Erscheinung. Sein Spiel war gar nicht zwingend das, was mich faszinierte. Das war Blues-Musik auf Drogen. Aber er hat sie wie kein anderer gespielt“, erzählte Malmsteen dem Magazin, und fuhr fort: „Er hat alles auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekrempelt. Die Art, wie er auf der Bühne gespielt hat und wie er sich dabei gab, hat dazu beigetragen, dass er zu dem wurde, was er heute ist. Wenn er ruhig und nett in der Ecke herumgestanden und brav gespielt hätte, wäre er keine Legende geworden.“

Steve Vai: Hendrix war „elektrischer Zucker“

Eine weitere Gitarrenlegende, die von Hendrix maßgeblich geprägt wurde, ist Steve Vai. Der erklärte 2010 gegenüber Music Radar: „Es war wie elektrischer Zucker, um einen Ausdruck von Tom Waits zu gebrauchen. Ich war etwa 12 Jahre alt und lag mit Kopfhörern da und hörte mir Jimi an, wie er The Star Spangled Banner und Purple Haze spielte, wieder und wieder und wieder. Ich wusste nicht, wie er aussah, ich wusste gar nichts über ihn. Ich wusste nur, was auch immer er tat, wie auch immer er diese Klänge erzeugte, es war unglaublich. Ich war so aufgeregt und dachte: Wann immer dieser Typ in die Stadt kommt, um zu spielen, muss ich ihn sehen. Ich hatte keine Ahnung, dass er gestorben war.“

„Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute“

Auch für Vai bestand die Magie von Hendrix gleichermaßen in Hendrix’ Musik als auch seiner Person: „Irgendwann bekam ich ein Exemplar von Are You Experienced, und das war eine Offenbarung für mich. Die Songs waren zugänglich, sie waren schön, und Jimi hatte etwas, das extrem cool war. Coolness ist etwas, das aus deinem Inneren kommen muss. Es ist ein Selbstvertrauen, das man hat. Jimi hatte genug Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute.“

Hendrix’ Spiel

Es gibt unzählige Faktoren und Elemente, die Hendrix’ Spiel und Stil so einzigartig machten. Ein Teil der Magie bestand schon allein darin, wie Hendrix seine Gitarre zähmte. Das Set-up: ein Marshall-Stack, jede Menge Verzerrung und Rückkopplung, die alles andere als geräuscharmen Single-Coil-Tonabnehmer seiner Stratocaster — auch körperlich machte Hendrix beim Spielen den Eindruck, als würde er gerade einen wilden Mustang zureiten. Den er aber stets vollständig unter Kontrolle hatte.

Und dann war da Hendrix’ unvergleiche Fähigkeit, Rhythmus und Melodie miteinander verbinden, Akkordfolgen zu zerlegen, kleine Verzierungen und Licks einzubauen, seinen Gesang damit zu akzentuieren. Man hört das bei Stücken wie Little Wing, Bold As Love, Castles Made Of Sand oder The Wind Cries Mary — immer dann, wenn Hendrix runter vom Verzerrer ging. Er verschmolz in seinem Spiel mühelos verschiedene Stile, und ganz wichtig: Er schrieb auch phänomenale Stücke. Alles was er brauchte, war ein Trio und trotzdem klang seine Musik so voll wie ein Orchester.

Hendrix steht auch wie kein anderer für eine historische Phase der Gegenkultur, für den Bruch mit Erwartungen. Er war gleichermaßen Aushängeschild wie auch Erneuerer. Er schuf nicht nur ikonische Sounds, sondern auch ikonische Bilder — Woodstock, brennende Gitarre in Monterey. Hendrix war nicht nur Genie, sondern auch Projektionsfläche und Mythos. Eines steht wohl außer Frage: Ohne ihn wäre die Gitarre nicht da, wo sie heute ist.

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Der Tod des Hippie-Traums: Die letzten Tage von Jimi Hendrix

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Synths, Pathos & SM: „Non-Stop Erotic Cabaret“ von Soft Cell wird 40

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Soft Cell
Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

Happy Birthday, Non-Stop Erotic Cabaret: Das wegweisende Album des englischen Synth-Pop-Duos Soft Cell wird 40 Jahre alt.

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von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Non-Stop Erotic Cabaret hören:

Manchmal passieren die besten Dinge mit limitierten Mitteln — anders gesagt: Meniger Möglichkeiten fördern in so mancher Situation die Kreativität. Als Soft Cell 1980 ins Studio gingen, hatten sie weder ein Riesenbudget noch die Mittel für eigenes State-of-the-Art-Equipment.

Wobei: Ein Instrument, das Sänger Marc Almond und Instrumentalist Dave Ball nutzten, war durchaus sündteuer: Dabei handelte es sich um ein NED Synclavier, eine Art früher digitaler Synthesizer, der von der New England Digital Corporation of Norwich produziert wurde. Der Synth, der in den 1980er- und 1990er-Jahren auf etlichen Produktionen zu hören war, kostete damals 120.000 Pfund — gehörte allerdings nicht der Band, sondern dem Produzenten Mike Thorne. Ansonsten war das technische Set-up eher überschaubar, als Herzstück fungierte eine ReVox Bandmaschine, dazu nutze die Band einen Drumcomputer von Roland und einen Synth-Bass von Korg. Damit schufen Soft Cell einen wegweisenden Sound.

Was vor Non-Stop Erotic Cabaret passierte

Monate bevor Non-Stop Erotic Cabaret erschien, veröffentlichte die Band ihre erste Single des kommenden Albums – den Song Tainted Love, ein 1965 erschienener, im Original von Gloria Jones gesungen und von Ed Cobb geschriebener und produzierter Song.

Zuvor hatte die Band bereits eine EP namens Mutant Moments veröffentlicht, für deren Aufnahme sie sich 2.000 Pfund von Dave Balls Mutter geliehen hatten. Dadurch waren Labels auf die Band aufmerksam geworden — unter anderem Some Bizarre Records, wo das Debütalbum erschien. Soft Cell hatten mit Memorabilia einen kleineren Hit in den Clubs landen können, der Ruhm ließ aber noch auf sich warten. Bis die Coverversion von Tainted Love erschien und zu einem großen Erfolg wurde, mit dem so keiner gerechnet hatte. Die Nummer ging in etlichen Ländern auf Platz eins der Charts, zwei weitere Top-5-Singles folgten mit den Stücken Bedsitter und Say Hello, Wave Goodbye.

Skandal mit SM-Video

Auch wenn Tainted Love vom Popularitätsfaktor musikalisch alles andere in den Schatten stellte — ein weiterer Song sorgte auch für jede Menge Gesprächsstoff: Das Video von Sex Dwarf wurde in Großbritannien aufgrund seiner expliziten SM-Szenen zum regelrechten Skandal. Das Video wurde zurückgezogen, Almond erklärte später sogar, es zu bereuen.

Es waren die Gegensätze zwischen den beiden Bandmitgliedern — Almonds Liebe zu Pathos und Dramatik, die Reibefläche zwischen den beiden Charakteren, die Soft Cell damals so gut funktionieren ließen. Sex, Club, Dekadenz, Rausch: Das waren die Eckpfeiler, die die Band auch wenige Jahre später implodieren ließen (1984 war Schluss — die erste Reunion folgte 2001).

Was Soft Cell heute über Non-Stop Erotic Cabaret sagen

40 Jahre ist Non-Stop Erotic Cabaret also alt — Dave Ball selbst zeigt sich positiv angetan davon, wie gut die Platte gealtert ist. „Was mich überrascht, ist, wie frisch Non-Stop Erotic Cabaret heute noch klingt. Ich nehme an, das liegt daran,dass wir beide 40 Jahre jünger waren, daher klingt Marcs Stimme jugendlicher und nicht so poliert wie heute. Mein Synthesizer-Spiel und meine Arrangements waren einfacher, obwohl ich immer versucht habe, bei meinem minimalistischen Stil zu bleiben“, zitiert ihn das Magazin Northern Life.

Almond ist ganz der Meinung seines Kollegen: „Wenn ich mich zurücklehne und darüber nachdenke, ist es schwer zu glauben, dass eine kleine Sammlung von Songs ein so langes Leben hatte, dass die Leute sie immer noch hören und genießen. Ich bin erstaunt, wie aktuell es immer noch klingt. Und textlich ist es immer noch relevant. Es fühlt sich überhaupt nicht so an, als wäre es 40 Jahre alt, aber der Gedanke, dass es so ist, macht mir ein bisschen Angst!“

Mit Non-Stop Erotic Cabaret leisteten Soft Cell jedenfalls Pionierarbeit — die sie heute selbst ordentlich feiern: Vor kurzem stand die wieder formierte Band in Glasgow und Manchester auf der Bühne — 2022 soll mit Happiness Not Included ein neues Album erscheinen.

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10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

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Zeitsprung: Am 27.11.1987 erscheint „Live…In The Raw“ von W.A.S.P.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.11.1987.

von Christof Leim

Ja, in den Achtzigern konnte man noch schocken: Damals sind W.A.S.P. die bösen Buben, weil sie „Blut“ aus Schädeln trinken und rohes Fleisch in die Menge werfen. Das ist für junge Metalheads natürlich cool, also verkaufen sich die ersten drei Alben ganz gut. Am 27. November 1987 erscheint das erste Livealbum der Truppe.

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Hört hier in Live…In The Raw rein:


Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.


1987 touren W.A.S.P. zu ihrer dritten Platte Inside The Electric Circus. Zwar haben sie ihre aufsehenerregende Bühnenshow da schon reduziert und machen kurz gesagt nicht mehr so viel Sauerei, aber bei den Konzerten gibt es weiter genug zu gucken. Die Bühne sieht wie ein Zirkuszelt aus, und die Pyrotechnik darf ordentlich rumballern. Frontmann Blackie Lawless trägt sogar eine Funkenkanone im Schritt. Die geht bei einer Show in Dublin auch mal nach hinten los, und zwar im Wortsinn, aber das ist eine andere – und für Blackie sehr schmerzhafte – Geschichte, wie er in diesem amüsanten Interview mit der Washington Post berichtet. Alles in allem bieten W.A.S.P. also herrlichen, nicht immer ganz ernst zu nehmenden Heavy Metal-Spaß, über den sich Eltern aufregen. Bestens.

Die bösen Männer im Metal der Achtziger: Blackie Lawless von W.A.S.P. Credit: Erin Combs/Getty Images

Um das für die Nachwelt festzuhalten, lässt die Band die letzten Konzerte ihrer US-Headliner-Tour aufzeichnen, insbesondere die Show am 10. März 1987 in der Long Beach Arena in Kalifornien. Das Ergebnis heißt Live…In The Raw und erscheint am 27. November 1987. Darauf hauen Blackie Lawless und seine Mannen ihre frühen Hits in ziemlich flotten Versionen raus. Von Wild Child über L.O.V.E. Machine bis zu I Wanna Be Somebody ist hier alles dabei.



Die Aufnahmen klingen etwas künstlich, was die Vermutung nahe legt, dass an diesem Livealbum nicht alles live ist. Insbesondere Passagen, in denen Blackie zu sich selbst Backing-Vocals zu singen scheint, machen doch stutzig. Vielleicht hat aber auch einer der anderen Kollegen eine ähnliche Stimme und trifft jeden Ton, man weiß es nicht. Letztendlich kann das der geneigten Fanschar notfalls auch egal sein, denn das Album macht Spaß.



Außerdem gibt es drei neue Songs, zwei davon in Liveversionen: Einer davon heißt The Manimal (sic!) und thematisiert die philosophischen Implikationen der hormonell bedingten zwischenmenschlichen Anziehungskraft. Oder kurz: Es geht ums Poppen. Insbesondere im Hard Rock der Achtziger stellt das nun gar keine Besonderheit dar, aber den Titel finden wir doch besonders, nun ja, hübsch.

Damals hat die Band Streit mit einer Organisation namens P.M.R.C., die böse Inhalte in der Musik verbieten will und davon ausgeht, dass der Bandname W.A.S.P. für „We Are Sexual Perverts“ steht. Diesem Verein verdankt die Welt zum Beispiel die berüchtigten „Parental Advisory“-Aufkleber. (Die gesamte Geschichte könnt ihr hier nachlesen.) Für jene Leute hat „Schwarzie Gesetzlos“ extra ein weiteres neues Lied mit dem Titel Harder Faster geschrieben, über das sie sich ordentlich aufregen können. Ganz am Ende der Platte findet sich schließlich noch ein Studiotrack: Scream Until You Like It (noch ein geiler Titel!), der in der Horrorkomödie Ghoulies II Verwendung findet.



Mit Live…In The Raw halten W.A.S.P. den überdrehten, aber nicht allzu ernst zu nehmenden Wahnsinn ihrer Shows stilecht fest und fangen den Geist der Ära auf unterhaltsame Weise ein. Das reicht für Platz 77 in den US-Charts. Nach der Veröffentlichung verabschiedet sich allerdings Drummer Steve Riley in Richtung L.A. Guns.

Im Rückblick stellt die Scheibe eine Zäsur zwischen den alten, krassen W.A.S.P. und den reiferen, ambitionierteren Tönen der nächsten Jahre dar. Dass Blackie mal intelligente sozialkritische Kommentare ablassen und gefeierte Konzeptalben wie The Crimson Idol (1992) veröffentlichen würde, lag 1987 nicht gerade auf der Hand.


Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

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