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Popkultur

Die musikalische DNA von Genesis

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Kaum eine Band erregt  dermaßen die Gemüter wie Genesis. Ja, selbst die Fanbase der britischen Band könnte gespaltener nicht sein: Magst du die frühen Prog-Tage der Band, damals, als Peter Gabriel noch dabei war? Oder stehst du eher auf den sauber ausproduzierten Sound der späteren Pop-Rock-Tage unter Phil Collins? Fünf Jahrzehnte nach Gründung in einem britischen Kaff in der Grafschaft Surrey gilt die Band, welche neben einigen stilistischen auch personelle Veränderungen durchlief, als eine der kommerziell erfolgreichsten Gruppen der britischen Musikgeschichte.


Hört euch hier die musikalische DNA von Genesis in einer essentiellen Playlist an:

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Von der Gründungsbesetzung sind nur noch Tony Banks und Mike Rutherford übrig geblieben, der auf Solo-Pfaden sehr erfolgreiche Phil Collins rutschte im Laufe der Bandgeschichte immer weiter ins Rampenlicht. Seit einer Tour 2008 war von Genesis recht wenig zu hören. Die musikalische DNA von Genesis verläuft deswegen kreuz und quer durch die Epochen und Stile: Klassische Musik trifft auf Rockmusik, Blues und Soul auf Hip Hop – ein Genre, das wiederum die späten Genesis und Phil Collins stark beeinflussten sollten. Versuchen wir also, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen und einigen wir uns solange darauf, dass letztlich alle Rockbands von einem gesunden Maß an Kontroverse am Leben erhalten werden!


1. Bee Gees – Holiday

Die Geburt von Genesis fand in einer britischen Privatschule statt, der Charterhouse School in Godalming. Tony Banks und Peter Gabriel lernten sich dort 1963 kennen, im folgenden Jahr stieß Mike Rutherford hinzu und noch bald schon kam auch Gitarrist Anthony Philips an. Bevor die vier sich aber mit Schlagzeuger Chris Stewart zusammen schlossen, spielten sie in zwei verschiedenen Bands, aus denen erst im Januar 1967 Genesis hervorging. Eine Demo wurde aufgenommen, ein Produzent für die gerade 15- bis 17-jährigen Teenager aber fehlte noch. Gefunden wurde er in dem Charterhouse-Alumnus Jonathan King, der ihnen einen Vertrag mit dem Traditionslabel Decca besorgen konnte. King war ein Freund von poppigen Sounds, dessen Ego die Band überschattete – selbst der Name Genesis war eine Anspielung auf den Beginn seiner Produzentenkarriere! Peter Gabriel ließ das nicht auf sich sitzen und  erlaubte sich einen kleinen Scherz mit dem Song The Silent Sun, den er im Stile der Bee Gees schrieb, die im Sommer 1967 ihren internationalen Durchbruch mit Singles wie Holiday feierten und dessen großer Fan King war.


2. The Moody Blues – Love and Beauty

Ab 1969 tgingen Genesis und King getrennte Wege, nachdem sowohl ihre ersten Singles sowie das Debütalbum From Genesis To Revelation floppten – unter anderem, weil die LP des Titels wegen von Plattenläden in die Abteilung mit christlicher Musik geräumt wurde! Damit war allerdings der Weg für einen komplexeren Sound geebnet, der nach der LP Trespass auf Nursery Cryme in den fantastischen Lyrics’ Peter Gabriels, dem nuancierten Schlagzeug des Neuzugangs Phil Collins’ und den aggressiven Gitarrenparts des Philips-Nachfolgers Steve Hacketts seinen Höhepunkt fand. Zusätzlich zu Hacketts Neuerungen wie etwa dem kongenial eingesetzten Gitarren-Tapping brachte Tony Banks ganz neue klangliche Qualitäten in die Band mit ein, als er sich von King Crimson ein Mellotron besorgte. Die hatten bereits mit In The Court Of The Crimson King vorgemacht, dass selbst Prog Rock hitverdächtig sein kann. Obwohl sie das natürlich nicht wollten. »Wenn es in irgendeiner Weise populär klang, war’s vorbei«, erklärte das ehemalige Crimson-Mitglieder Peter Sinfield. »Es musste kompliziert sein, mit ausladenden Akkorden und merkwürdigen Einflüssen.« Die Idee mit dem Mellotron, das später bei Genesis den komplizierten Sound stellte, kam ursprünglich von The Moody Blues, die das Instrument mit dem Song Love and Beauty populär machten. Aus dem Populären wurde bei King Crimson und Genesis dann das Komplizierte.


3. Johann Sebastian Bach – Suite For Cello Solo No. 1 in G, BWV 1007: 1. Prélude

Der Sound war eines, die komplexen Kompositionen der Prog-Rock-Genesis zu Gabriel-Zeiten ein anderes. Banks nannte Ravel, Schostakowitsch, Mahler und Rachmaninow als Einflüsse für seine Arbeit an den Keyboards, Hackett sogar gab zu Protokoll: »Ich bin mit dem Blues und Bach aufgewachsen, hätte aber nie gedacht, dass sie sich zu einer dritten Sache zusammenfinden würden!« Das taten sie aber, woran der Gitarrist durchaus beteiligt war. Die Idee für sein Gitarre-Tapping, das erstmals auf Nursery Cryme seinen Einsatz fand, war inspiriert von Johann Sebastian Bachs »Toccata und Fuge«. »Mir wurde klar, dass ich es mit den Standardtechniken nicht so nachspielen konnte, wie ich es hören wollte«, erinnerte er sich. »Deshalb habe ich angefangen, mit der rechten Hand auf dem Griffbrett zu tappen.« Ein ganz bestimmtes Bach-Stück wurde für die gesamte bei der Aufnahme ihres Albums Foxtrot umso wichtiger: Die Suite Nr. 1 in G-Dur, seinem Werkverzeichnis nach die 1007. Komposition, wurde zum Vorbild des Songs Horizons. Gespielt wurde es, na klar, von Hackett auf der Gitarre – allerdings ohne Tapping und dafür mit noch anderen Komponisten wie William Byrd im Hinterkopf.


4. West Side Story Act I: America

Genesis wären in ihrer klassischen Phase sicher nichts ohne ihren charismatischen Sänger Peter Gabriel gewesen, der einerseits mit seinem exzentrischen Auftreten in aufwändigen Bühnenkostümen und andererseits mit seiner unvergleichlichen Einbildungskraft seinen Teil zur Magie der Band beitrug. Dazu gehörten ebenso seine erzählerischen Qualitäten, die im letzten Album der Gabriel-Ära ihren Höhepunkt fanden. The Lamb Lies Down on Broadway von 1974 wird oftmals als das definitive Genesis-Album betrachtet, markierte aber zugleich den Beginn innerer Zerwürfnisse. Gabriel verwarf die Idee Rutherfords, ein Konzeptalbum zu Antoine de Saint-Exupérys Le Petit Prince zu schreiben und ließ sich stattdessen von Filmen des kauzigen Regisseurs Alejandro Jodorowskys, dem Psychoanalytiker C. G. Jung oder der britischen Allegorie The Pilgrim’s Progress aus dem 17. Jahrhundert inspirieren. Grundlage für die Geschichte des Halb-Puerto-Rikaners Rael aber wurde der Roman beziehungsweise das Musical West Side Story, das wie The Lamb Lies Down on Broadway in New York spielte. Und das, obwohl Genesis noch mit Selling England by the Pound aus dem Vorjahr klar machen wollten, dass sie sich nicht an die US-amerikanische Kultur verkaufen wollten! Aber die Faszination mit America ist schließlich auch eines der Hauptmotive der West Side Story.


5. Frank Zappa & The Mothers – More Trouble Every Day (Live 1974)

Was tun, wenn die Gallionsfigur plötzlich das Handtuch wirft? Auf Gabriels Weggang folgte im Hause Genesis eine lange Zeit der Umstrukturierung, die weitreichende Konsequenzen haben sollte. Einige Sänger wurden ausprobiert, zufrieden war die Band jedoch mit niemandem – bis Phil Collins selbst im Studio den Song Squonk probe sang. Das gefiel allen, ein neues Kapitel der Bandgeschichte wurde aufgeschlagen und der Drummer fand sich plötzlich im Rampenlicht wieder.


Schaut euch hier eine Live-Version des Songs More Trouble Every Day an und lest weiter:


 

Dort aber benötigte er Unterstützung. Die fand er unter anderem in Chester Thompson, dem Drummer von Frank Zappas Band und Weather Report. Nachdem Collins eine LiveAufnahme vom Zappa-Song More Trouble Every Day auf dem Album Roxy & Elsewhere gehört hatte, rekrutierte er den Schlagzeuger ohne weiteres Vertun für das Konzert-Line-Up von Genesis. »Es hat mich total umgehauen«, erinnerte er sich. »Ich hatte ihn nie getroffen, rief ihn aber an und sagte: ‘Hi Chester, ich hab deinen Kram gehört – willst du bei Genesis spielen?’ Er hat nicht mal probegespielt!« Allerdings gab es auf Roxy & Elsewhere genug Material von Thompson zu hören, um das überflüssig zu machen.


7. Eric Clapton – Tears In Heaven

Die Wahl des gleichermaßen in Jazz wie Blues geschulten Aushilfsdrummers allerdings ist so überraschend nicht: Wie viele englische Bands der sechziger Jahre waren auch Genesis von Anfangstagen an vom Blues infiziert! Einer der herausragendsten britischen Blues-Gitarristen überhaupt ist Eric »Slowhand« Clapton. Er ebnete mit den Yardbirds, Cream und Blind Faith vielen anderen Bands den Weg, wie er auch später im Laufe seiner Karriere etwa durch eine Coverversion von Bob Marleys I Shot The Sheriff dem Genre Reggae Mainstream-Aufmerksamkeit im verschlafenem UK verschaffte. Clapton ist ein guter Freund von Phil Collins und als im Jahr 1991 sein Sohn Conor überraschend verstarb, verarbeiteten beide ihre Trauer auf ganz unterschiedliche Arten. Während Claptons Tears In Heaven, das durch seine legendäre MTV Unplugged-Session weltbekannt wurde, noch sanfte Akustik-Gitarren auffährt, zeigte Collins mit Since I Lost You seine vollen Gesangsqualitäten. Als vorletztes Stück des Albums We Can’t Dance setzt es allerdings auch einen Schlusspunkt nach drei Alben aus den achtziger Jahren, mit welchem sich Genesis immer mehr einem Pop-Rock-Sound zuwendeten, der Fans der ersten Stunde nicht gefiel und welcher der Band dennoch bahnbrechende Erfolge bescherte.


8. The Beatles – Twist and Shout

Mit ihrer ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte näherten sich Genesis zunehmend den Sphären an, in denen eine andere britische Band unterwegs waren. The Beatles allerdings fingen als sympathische Pop-Rocker an und entwickelten sich immer mehr zu einer Avantgarde-interessierten Band, die also ziemlich genau den umgekehrten Weg wählte. Die Fab Four allerdings waren schon immer große Vorbilder von Genesis. Als Gabriel hörte, dass John Lennon eines ihrer Alben gelobt habe, bedeutete dies für ihn eine der größtmöglichen Auszeichnungen. »Wir waren unglaublich stolz darauf«, bestätigte auch Hackett im Nachhinein. Collins verbindet mit der Band sogar noch mehr: Er spielte Schlagzeug auf dem George Harrison-Album All Things Must Pass und hatte sogar eine Komparsenrolle im Film A Hard Day’s Night, welcher drei Jahre vor Gründung von Genesis erschien. Ihren Tribut zollte die Band dem Quartett aus Liverpool allerdings erst 1982 mit einer EP, welche Aufnahmen aus der Abacab-Zeit versammelte und deren Cover sich an die Twist and Shout-Single der Beatles anlehnte.


8. The Impressions – Talking About My Baby

Die Beatles waren allerdings nicht die einzigen, auf die sich die Köpfe hinter Genesis einigen konnten. Sowohl Gabriel wie auch der spätere Frontmann Collins teilen etwa eine Leidenschaft für Otis Redding und die Soul-Musik, welche von Labels wie Stax oder Motown weltberühmt gemacht wurde. Beide nannten sie so etwa Curtis Mayfield als Inspiration, dessen Song Talking About My Baby mit der Band The Impressions Phil Collins später auf seinem Motown-Coveralbum Going Back aus dem Jahr 2010 neu interpretieren sollte. Nicht das erste Mal, dass er dem 1999 verstorbenen Sänger Tribut zollte: Schon 1994 erschien seine Version von I’ve Been Trying auf der Compilation A Tribute to Curtis Mayfield. Gut kamen diese Versionen allerdings nicht unbedingt an – während seiner Karriere war Collins stetiger Kritik von Fan und Musikpresse ausgesetzt. Der Schatten, den der stimmlich wesentlich agilere und ausdrucksstärkere Gabriel für Jahrzehnte auf sein Schaffen warf, scheint er bis heute nicht losgeworden zu sein…


9. Grandmaster Flash & The Furious Five – The Message

Dabei war es doch eigentlich Collins, der Genesis in die Neuzeit herüber retten konnte. Anfang der achtziger Jahre nämlich waren die Tage des ausgelassenen Stadionrocks gezählt. Mit Punk, Disco und nicht zuletzt Hip Hop machten sich andere Musikstile daran, die Popwelt ordentlich aufzurütteln. Der 1983 auf dem Album Genesis erschienene Song »Mama« etwa verwendete nicht nur eine Drummachine, wie sie insbesondere in Collins’ Solo-Produktionen zu seinem Markenzeichen werden sollte, sondern enthält der Legende nach auch eine versteckte Referenz auf einen Rap-Track, der Musikgeschichte schrieb. Ein Jahr zuvor erschien mit The Message von Grandmaster Flash & The Furious Five einer der wichtigsten Songs der frühen Hip Hop-Szene. Das charakteristische Lachen von Rapper Melle Mel soll Collins sich zum Vorbild für sein eigenes trockenes Gelächter genommen haben. »Was für ein toller Sound!«, schwärmte er und gab im selben Zug zu, dass Rap definitiv seinen Einfluss auf Genesis gehabt hätte.


10. Kanye West – Paranoid

Die Geschichte von Phil Collins und Hip Hop aber sollte eine gemeinsame werden. Von Ol’ Dirty Bastard über Lil’ Kim bis zu Bone Thugs-n-Harmony, die sich Collins sogar als Feature-Gast einladen konnten, oder aber neueren Acts wie Abra geben viele Artists aus dem R’n’B- und Rap-Bereich Collins als Inspiration an. Warum? Einerseits sicherlich wegen seiner Songwriter-Qualitäten, andererseits aber wegen seinem stilprägenden Umgang mit Drums und vor allem Drumcomputern. Der sogenannte »Gated Reverb«-Effekt von Collins’ Drum-Sound ist neben seinen Arbeiten mit der Roland CR-78 (In The Air Tonight) und der für Hip Hop wie später auch House und Techno maßgeblichen TR-808 (Another Day In Paradise) ganz besonders wichtig gewesen. Da war außerdem der merkwürdig glatte, Gesang auf Stücken wie In The Air Tonight, den Kanye West schon bei Gelegenheit live gecovert beziehungsweise bei Konzerten eingespielt hat und welcher Wests Autotune-Arien vorwegzunehmen schien. Dessen Album 808s & Heartbreak ist nicht nur »the coldest story ever told«, sondern auch stark von Collins und dessen 808-Experimenten beeinflusst. Der »Gated Reverb«-Effekt taucht dort selbstverständlich auch wie im Song Paranoid auf. Was das noch mit Genesis zu tun hat? Nun ja, zuerst war der Sound auf dem Stück »Intruder« eines gewissen Peter Gabriel zu hören – und ratet mal, wen sich der ehemalige Genesis-Frontmann dafür ins Studio geholt hatte!


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Popkultur

„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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Popkultur

„Keeper Of The Seven Keys: Part I“: Als Helloween den Power Metal erfanden

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Helloween
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Ursprünglich als Doppel-LP gedacht, veröffentlichen Helloween am 23. Mai 1987 den ersten Teil ihrer Keepers Of The Seven Keys-Saga. Die Schwelle zum Erfolg rückt näher, alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Der große Knall gelingt der Band zwar erst ein Jahr später mit Part II — doch Part I sowie die Rekrutierung von Sänger Michael Kiske markieren wichtige Grundsteine für den jahrzehntelangen Erfolg der Hamburger.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Keeper Of The Seven Keys: Part I von Helloween anhören:

Als Helloween am 23. Mai 1987 ihr zweites Album Keeper Of The Seven Keys: Part I auf die Öffentlichkeit loslassen, steht die Band an einem Wendepunkt: Mit Walls Of Jericho hatte die Gruppe 1985 ein vielbeachtetes Debütalbum vorgelegt, mit Keeper Of The Seven Keys: Part II wird den Hamburgern 1988 der ganz große Durchbruch gelingen. Part I ebnet zwischenzeitlich den Weg dorthin. Doch was hat sich im Hause Helloween vom Debüt bis zu Keeper Of The Seven Keys: Part I eigentlich verändert?

„So anders als die letzte ist die Platte im Grunde genommen gar nicht“, findet Gitarrist Michael Weikath im Frühjahr 1987 in einem Interview mit dem deutschen Metal Hammer. So ganz recht hat er damit nicht: Nach ihrem ersten Album nehmen Helloween nämlich einen entscheidenden Personalwechsel vor — und holen Sänger Michael Kiske an Bord.

Kai Hansen: „Ich bin eher ein Schreihals.“

Dass Gitarrist Kai Hansen seinen Posten am Mikrofon räumt, liegt hauptsächlich daran, dass er sich als Sänger nicht wohlfühlt; vor allem das gleichzeitige Gitarrespielen ist ihm nicht geheuer. „Ich habe mich nie wirklich als Sänger gesehen“, verrät er im Interview mit dem britischen Classic Rock Magazine. „Ich bin eher eine Art Schreihals. Außerdem hat mir die Disziplin gefehlt. Saufen und Rauchen machen die Stimme nicht besser.“

Als Gitarrist rückt Hansen auf Keeper Of The Seven Keys: Part I in den Vordergrund, weil sein Sechs-Saiten-Kollege Michael Weikath wegen Krankheit nur sporadisch an den Sessions teilnehmen kann. Dadurch entsteht zum Beispiel der legendäre Song Future World, den Helloween als einzige Single von Part I auskoppeln. Auch das Stück Halloween stammt aus Hansens Feder. Untätig bleibt Weikath natürlich trotzdem nicht.

Mit A Tale That Wasn’t Right steuert der Gitarrist eine Ballade für die Ewigkeit bei, auch an Follow The Sign schreibt er mit. Freshman Michael Kiske komponiert das Stück A Little Time und leistet damit ebenfalls einen Beitrag zu der historischen Errungenschaft, die man Keeper Of The Seven Keys: Part I im Allgemeinen nachsagt: die Erfindung des Power Metal.

Klassischer Heavy Metal, unfassbare Geschwindigkeiten, symphonische Elemente, epische Texte: Wenn es um Drachen, Zauberer und jede Menge Doublebass geht, ist das Wörtchen „Power“ im Metal nicht weit. „Mir kam es damals nicht so vor, als hätten wir etwas großartig Neues geschaffen“, erinnert sich Kai Hansen im ClassicRock-Interview. „Niemand konnte damals etwas mit dem Begriff Power Metal anfangen, für uns war das einfach nur Heavy Metal. Das ist es auch heute noch. Was zum Teufel soll Power Metal denn sein?“

Keeper Of The Seven Keys: Part I — ein Überraschungserfolg

Eigentlich hätten Helloween Part I und Part II der Keepers Of The Seven Keys-Saga lieber als Doppel-LP veröffentlicht, doch bei einer Newcomer-Band möchte die Plattenfirma Noise Records vermutlich lieber auf Nummer sicher gehen. Wer hätte schließlich geahnt, dass Helloween heute zu den größten Namen der Krawallmusik-Szene zählen würden und dass ausgerechnet der Doppelschlag Keeper Of The Seven Keys: Part I und II so sehr dazu beitragen würden.

Schon kurz nach der Veröffentlichung landet Part I unverhofft auf Platz 15 der deutschen Albumcharts. „Dass wir in die normalen Charts kommen, das hat wirklich keiner von uns erwartet“, erzählt Gitarrist Weikath im MetalHammer-Interview. Mit Part II gelingt sogar der Sprung auf Platz fünf. „Ich frage mich wirklich, wo denn eigentlich die Leute sitzen, die das alles kaufen. Da scheint es wesentlich mehr von zu geben, als ich angenommen hatte.“ Gut so!

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Zeitsprung: Am 29.8.1988 erscheint „Keeper Of The Seven Keys: Part II“ von Helloween.

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Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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