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Popkultur

Zeitsprung: Am 9.6.2015 verstirbt James Last, der Grandseigneur des Easy Listening.

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James Last
Foto: David Redfern/Redferns/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 9.6.2015.

von Peter Hesse und Christof Leim

James Last, der Grandseigneur des Easy Listening. Rock’n’Roll ist das nicht. Oder doch? Der Bremer wurde dreimal zum Jazz-Bassisten des Jahres gekürt, schrieb als einziger Deutscher einen Song für Elvis und hat von Pavarotti bis Tom Jones mit den ganz Großen zusammengearbeitet. Mit seiner Band spielte er Songs von Deep Purple und Hawkwind und dient Hip-Hoppern als Inspirationsquelle. Kurzum: Als Bandleader, Komponist, Arrangeur und Musikproduzent war Last ein Gigant. Am 9. Juni 2015 verstarb er in Florida. Bühne frei für unseren Rückblick auf ein Leben voller Superlative.

Hier könnt ihr euch James-Last-Klassiker anhören:

James Last war ein grenzenloser Musiker, weil es für ihn Genregrenzen nicht gab. Im Jahr 1929 wird er in Bremen als Hans Last geboren, sein Vater arbeitet als Gasableser bei den Stadtwerken. Früh begeistert sich der Junge für Jazz. Er beginnt eine Ausbildung an der Heeresmusikschule Bückeburg und hat das Glück, bei Kriegsende nicht an die Front, sondern nach Hause geschickt zu werden. Von Auftritten in amerikanischen Army-Clubs spielt er sich zu einem Engagement als Bassist im Tanzorchester von Radio Bremen hoch, wechselt zum NWDR nach Hamburg und wird dreimal hintereinander zum deutschen Jazz-Bassisten des Jahres gewählt.

Von Klassik über Easy-Listening bis zum Hard Rock

Superlative mag Last zeitlebens nicht, er wehrt sich dagegen, wie ein Star behandelt zu werden. „Ich bin Musiker“, so stellt er sich im Gespräch gerne vor und ergänzt dann im hanseatisch gefärbten Schnoddersprech: „Ich habe immer nur die Musik gespielt, die mir selbst gefällt. Die Band und ich haben Spaß daran – und das merken die Leute.“ In seinen Konzerten reihen sich volkstümliche Weisen und Klassik von Haydn oder Smetana aneinander, dazu aktuelle Chart-Hits im Big-Band-Sound oder überdrehter Polka-Kitsch. Dazu kommen natürlich seine eigenen schwerelosen Easy-Listening-Kompositionen, die immer so klingen, als würde man in Zeitlupe auf Wolken laufen: Happy Heart, Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung oder Games That Lovers Play.

In seinem Orchester herrscht dabei musikalische wie geografische Barrierefreiheit: die Besetzung teilweise klassisch ausgebildet bei den Berliner Philharmonikern, Backing-Sängerinnen und -Sänger aus Südafrika, Percussionisten aus Brasilien, Jazz-Trompeter, die schon für Glenn Miller, Frank Sinatra, Al Jarreau oder Herbie Hancock spielten, und mit Stefan Eggert sogar der Drummer von der Band Selig. Noch bunter, unterschiedlicher und kosmopolitischer kann man sich das kaum vorstellen. Und wie kommt man an diese Leute? Gegen Ende der Sechziger sucht Bandleader James Last nach einer neuen Besetzung für den Bass und findet den Hamburger Rocker Benny Bendorff, der im Windschatten des Star-Clubs groß wurde. „Sie müssen sich verwählt haben, ich bin alter Rock’n’Roller“, sagt der Mann zu James Last. Doch der Orchesterchef ist überzeugt, den Richtigen gefunden zu haben.

Big-Band mit Hardrockern

Zusätzlich wird im Jahr 1971 ein weiterer Hardrocker ins Ensemble gelotst: Peter Hesslein kommt als Gitarrist von Lucifer’s Friend und produziert 1975 das Debüt Das erste Mal von Marius Müller-Westernhagen. Mit solchen echten Krachmuckern weht im James Last Orchester plötzlich ein anderer Wind, auf den Tanzmusik-Alben werden immer öfter Rock-Klassiker veröffentlicht, etwa Children Of The Revolution von T-Rex oder eine ganz besonders intensive Version des Hawkwind-Klassikers Silver Machine aus der Feder eines gewissen Lemmy Kilmister.

Space-Rock mit Bläser-Sätzen und Boogie-Woogie-Piano: Das ist schon etwas Besonderes. Im Jahr 1972 erscheint Nonstop Dancing 2 und beginnt nicht etwa mit einer Nummer von Freddy Quinn oder einer Volksmusik-Weise. Nein, Fireball von Deep Purple gibt den Opener, und die Tom-Figuren von James-Last-Drummer Barry Reeves klingen ähnlich elegant wie die vom Original. Auch Black Night von Blackmore & Co. gehört 1970 als feste Größe zum Programm. „Es ist immer eine große Ehre, wenn ein Musiker ein Stück von dir spielt“, sagt Deep-Purple-Drummer Ian Paice. „Wenn es dann noch James Last ist, umso schöner. Ich habe mal in Schottland einen Fanclub von ihm kennengelernt, das sind wirklich fanatische Leute und echte Musik-Liebhaber.“

Der Karajan der kleinen Leute?

Für James Last liegt der Schlüssel zur Musik in einer einfachen Devise: „Mit wenigen Takten, manchmal sogar nur mit einem einzigen Akkord, müssen Gefühle und Stimmungen ausgedrückt oder gezielt Effekte gesetzt werden. Diese Art von Arbeit kommt meinem natürlichen Gefühl für Musik sehr entgegen.“ Der gelernte Kontrabassist hält außerdem den Rekord in der Royal Albert Hall: Er ist dort 87 Mal aufgetreten – und hat damit nach dem Krieg viel für die deutsch-britische Völkerverständigung getan. Der ehemalige WDR-Intendant Friedrich Nowotny nannte Last mal den „Karajan für die kleinen Leute“ – doch dieses Signet ist zu kurz gedacht.

Denn James Last hilft im Laufe seiner Karriere wie kein zweiter Musiker mit seinen Interpretationen von Bach, Brahms und Beethoven, die Klassik in die Wohnzimmer der werktätigen Bundesrepublik zu bringen. Gerade in den Sechzigern ist die Präsentation von klassischer Musik sonst eine strenge und stocksteife Angelegenheit, und Lasts Interpretationen gehen keinesfalls mit Qualitätseinschränkungen einher: „Ich habe immer großen Wert darauf gelegt, das Original nur sehr behutsam zu verändern“, sagte James Last mal über seine Arbeit als Arrangeur. „Zudem setze ich auf eine schlanke Instrumentierung und unterlege das Arrangement mit einem zarten Rhythmus.“

Auch Quentin Tarantino steht auf James Last

Auf die Frage, ob er etwas verpasst hat, sagt James Last, den seine Freunde meist als Hansi ansprachen: „Ich hätte gern einmal für Rainer Werner Fassbinder komponiert. Das wäre eine faszinierende Aufgabe gewesen, denn zu all seinen Filmen fällt mir sofort etwas ein. Aber zu einer Zusammenarbeit kam es leider nie.“ Dafür wählte Regisseur Quentin Tarantino für den Soundtrack von Kill Bill die Last-Komposition Der einsame Hirte (The Lonely Shepherd) aus.

Auch in der elektronischen Musik wurde er gefeiert: Mit Fettes Brot ging Hansi im Jahr 1999 als Bassmann auf Tour, Wu-Tang-Clan-Rapper RZA und Die Beginner sampelten ihn, und P. Diddy komplettierte mit einem Bläsersatz-Fragment vom Last-Song Fantasy seinen Track Where’s Sean. „Ich finde es immer gut, wenn sich junge Musiker an meinem Werk bedient haben – nur so kann sich die Musik weiter entwickeln und neue Impulse setzen“, fasste Last seine Einstellung zum Thema Sampling zusammen. Eine ganz besonders gelungene Sample-Hommage gelang dem britischen Electro-Duo Nightmares On Wax, die ihren Song Ethnic Majority mit swingenden Parts von der Last-Komposition Washington Square ausgestattet haben.

Vor James Last muss man einfach Respekt haben“

Stets versteht sich der vielseitige Arrangeur und Bandleader als musikalischer Dienstleister, nie als überkandidelter Künstler. Er will gleichzeitig der Musik, seiner Big-Band und seinem Publikum gerecht werden – und mit sieben Platin-Schallplatten, 208 Goldenen Schallplatten und über 80 Millionen verkauften Tonträgern zur Weltmarke. Sven Regener von Element Of Crime sagte einmal: „Vor James Last muss man einfach Respekt haben. Und wer das nicht hat, hat vor gar nichts Respekt.“

Seit den Achtzigern lebt der begeisterte Hobby-Koch aus Bremen dann in Fort Lauderdale, Florida.  Im stolzen Alter von 86 Jahren verstirbt James Last dort am 9. Juni 2015. Möge er in Frieden ruhen – und vielleicht tanzt auf „Wolke 7“ ja ein Fernsehballett dazu.

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