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Popkultur

Zeitsprung: Am 11.9.1969 besingt Janis Joplin den Ol’ Kozmic Blues auf ihrem Solodebüt

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 11.9.1969.

von Thilo Hornschild und Christof Leim

Im Herbst 1969 startet Janis Joplin in ihre kurzlebige Solokarriere. Nachdem ihre Band Big Brother & The Holding Company im Vorjahr mit Cheap Thrills ein sensationell erfolgreiches Nummer-eins-Album abgeliefert hat, wird die 26-Jährige aus San Francisco nach Los Angeles geholt, um ihr eigentliches Plattendebüt als Janis Joplin zu geben. Mit diesem Album reiht sie sich in die Tradition ihrer Vorbilder ein, die großen, amerikanischen Blues-Ladies wie Bessie Smith, Big Mama Thornton und Ma Rainey. Das wunderhübsch betitelte I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again, Mama! erscheint am 11. September 1969.

Hier könnt ihr euch I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again, Mama! anhören:

War die Holding Company ganz im Sinne des Zeitgeists ihrer Heimatstadt San Francisco eine psychedelische, experimentelle Rockband, entscheidet sich Janis bei ihrem Soloeinstand ganz bewusst dazu, ein erdiges R&B-Album zu kreieren. Unterstützung holt sie sich dafür bei Sam Andrews, ihrem Gitarristen von der Holding Company. Erstmals kann sie zu einer Bläsersektion singen, was im vorigen Rock-orientierten Kontext nicht möglich schien. So entsteht ein ungleich zeitloseres Werk, das so auch durchaus aus den Fünfzigern hätte stammen können – oder aus den Retro-verrückten Zehner Jahren dieses Jahrtausends. Bis auf zwei Stücke beinhaltet das Album nur Coverversionen, wobei es in diesem Fall adäquater wäre, von Interpretationen zu sprechen.

Die unerfüllte Liebe

So finden sich DooWop-Songs wie Maybe (ein Hit von The Chantels aus den späten Fifties) und To Love Somebody von den BeeGees. Bei Little Girl Blue handelt es sich um einen Vaudeville-Standard aus den Dreißigern, der bereits von Frank Sinatra, Louis Armstrong und Chet Baker interpretiert wurde. Das Titelstück Kozmic Blues stammt von Janis und Gabriel Mekler und wird wie Try (Just A Little Bit Harder) erfolgreich als Single ausgekoppelt. Eine Nummer entspringt sogar komplett Joplins eigener Feder: One Good Man. Hier konstruiert sich eins der großen Themen, das man seither mit ihr assoziiert: die unerfüllte Liebe. (Auf ihrem posthum veröffentlichten Album Pearl (1971) sollte mit ihrem Überhit Me And My Bobby McGee dieses Sujet für alle Zeit ausformuliert werden.)

Mit Kozmic Blues emanzipiert sich Janis Joplin von ihrer Haight/Ashbury-Beatnik-Zeit und  verabschiedet sich davon, lediglich eine Sängerin in einer Band zu sein. Sie wird endgültig zu dem Star, der sich bereits beim Monterey-Auftritt 1967 ankündigte.

Skandale und die Liebe zum Blues

Die junge Musikerin könnte man gut und gerne als Skandalnudel bezeichnen, wäre da nicht ihr tiefes Wissen über traditionellen Blues, das sie sich in ihren jugendlichen Trips nach Louisiana in die schwarzen Juke-Joints aneignete. Man täte ihr Unrecht, sie allein auf ihren äußerst hedonistischen Lebensstil zu reduzieren. Schon seit frühester Jugend allerdings wird sie von Rausch und sexuellen Ausschweifungen scheinbar magnetisch angezogen.

Janis Joplin

Foto: Evening Standard/Getty Images

Weil Southern Comfort und Heroin zu ihren beinahe ständigen Begleitern gehören, möchte Produzent Gabriel Mekler diesem wilden Treiben nicht weiter zusehen. Er holt Janis für den Verlauf der Aufnahmen in sein Haus in Los Angeles, um sie vom Heroin und ihrer nicht weniger feierwütigen Entourage fernzuhalten. Ob er sich nun wirklich um ihr Wohl sorgt oder schlicht eine halbwegs schlüssige Platte produzieren möchte, bleibt Spekulation, doch es funktioniert. Das Ergebnis kommt an, denn zwei Monate nach Veröffentlichung erreicht das Album Goldstatus. Fans und Kritiker reiben sich allerdings daran, dass Janis von den experimentellen Eskapaden ihrer Vorgängerband Abstand nimmt. Manche Zuhörer konstatieren sogar, dass ihre Stimme im Kontext der großen Besetzung unterzugehen droht.

Mehr Songs, weniger Jams

Schon der Opener Try (Just A Little Bit Harder) fällt üppig aus, lässt sich retrospektiv allerdings nicht sofort in der Hippie-Ära verorten, zu deren Ikonen Janis Joplin zweifelsohne zählt. Vielmehr handelt es sich bei dem Stück um lupenreinen, klassischen Rhythm & Blues. Künstlerisch orientiert sich die Sängerin hin zum Great American Songbook und weg vom richtungslosen Jammen. Für Schatzsucher hält das Album übrigens nicht nur in der Songauswahl interessante Details bereit: Als Sessiongitarrist wird Michael Bloomfield ausgesucht, ein sogenannter „musician’s musician“ und unbesungener weißer Blues-Held seiner Zeit, dessen nicht minder turbulente Biografie verdient, an anderer Stelle einmal angeschaut zu werden.

Doch Joplins zeitweise Abstinenz hält nicht lange an. Spätestens seit ihrem Auftritt in Woodstock im August 1969 lassen sich die Drogen- und Alkoholeskapaden nicht mehr übersehen. Ein kurzer Trip nach Brasilien im Folgejahr soll sie von der Nadel fernhalten, ihr Tourplan untergräbt dieses Vorhaben allerdings immer wieder. Ob Joplin nun das fragile Mädchen aus der konservativen texanischen Kleinstadt Port Arthur ist, das in ihrem monströsen Konsum Halt, Identität und Wärme sucht, oder eine bisexuelle Partymaschine, die einfach mit Vollgas durch ihr eigenes Leben stürmt – darüber lässt sich streiten.

Unbezweifelt bleibt aber ihre tiefe Liebe zum Blues und die Fähigkeit, ungebremst in die Musik einzutauchen, sie als Klangkörper zu begreifen und mit ihrer Stimme und Performance kollektive Ekstasen zu schaffen. Vielleicht bedingten sich bei ihr die Intensität der Musik und der astronomische Drogenkonsum gegenseitig.  Da kann nicht jedes Publikum mithalten: In der Dick Cavett Show mokiert sie sich über lahme Fans in Deutschland. Das mit dem „get down“ hätte man dort nicht so drauf, und womöglich hat sie Recht.

Irgendwann ist es zu viel

Dennoch holt sie ihr Lifestyle ein. Während der Produktion des Nachfolgealbums Pearl spritzt sie sich das letzte Mal Heroin – und stirbt 4. Oktober 1970 in Hollywood, ebenso einige andere Kunden ihres Dealers. Rund zwei Wochen vorher fiel bereits Jimi Hendrix in London seinem Lebensstil zum Opfer, ein Jahr zuvor Brian Jones, im Folgejahr Jim Morrison. Der Club 27 fordert seinen Mitgliedsbeitrag. Dabei hatte die junge, enorm talentierte Blues-Chanteuse gerade erst damit begonnen, sich als eine relevante amerikanische Künstlerin zu etablieren, und I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again, Mama! legt darüber Zeugnis ab.

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