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Popkultur

“She Loves You“ von den Beatles: Eine kleine Silbe spaltet eine ganze Generation

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Es fällt heute durchaus schwer sich vorzustellen, welch revoluzzerisches Rowdytum, welche Gefährdung töchterlicher Jungfräulichkeit und Beleidigung des an Hochkultur geschulten Gehörs die Beatles für die ältere Generation der 1960er Jahre darstellten. Vier Pilzköpfe in Maßanzügen schmachteten in die Mikrofone und Teenager auf der ganzen Welt, in Deutschland auch Backfische genannt, schnappten nach Luft wie ein – genau – Fisch auf dem Trockenen. Den Großvater der Autorin veranlasste diese Band einmal zu der Aussage: „Herrschaftszeiten, die immer mit ihrem yeah, yeah, yeah! Das hält kein Mensch aus!“

Es war durchaus auszuhalten, dieses yeah, yeah, yeah. Genau genommen yeah-ten sich die Beatles nicht nur an die Spitzen der Charts so ziemlich aller Länder und wurden zur erfolgreichsten Band aller Zeiten, sie stellten auch Rekorde mit genau jenem Song auf, den das an Bachkantaten geschulte Ohr des Großvaters so dermaßen beleidigt hatte.


Hör hier in She Loves you rein:

Für den ganzen Song klick auf “Listen”.

She Loves You war ein eher ungewöhnlicher Beatles-Song. John Lennon und Paul McCartney schrieben ihn 1963 wie die meisten Songs gemeinsam, in ihrer ureigenen Dynamik quasi-brüderlicher Rivalität. Sie klimperten im Tourbus auf der Heimfahrt von einem Konzert in Newcastle die ersten Akkorde zusammen, setzten ihre Session dann im Hotelzimmer fort und im Wissen darum, hier etwas Außerordentlichem auf der Spur zu sein, beendeten sie ihr Songwriting am nächsten Tag im Haus von Pauls Eltern. Als sie den Song Pauls Vater vorspielten und das letzte yeah-Echo durchs Haus schallte, räusperte sich der Vater und sagte: “That’s very nice son, but there’s enough of these Americanisms around. Couldn’t you sing ‘She loves you, yes, yes, yes!'” (Frei übersetzt bedeutet das so viel wie: “Das ist ein sehr schöner Song, mein Sohn, aber ihr heutzutage mit euren Amerikanismen. Könnt ihr nicht einfach ‘Sie liebt dich, ja, ja, ja!’ singen?”)

Ganz offenbar spaltete dieser Song und seine Sprache die Generationen. Kaum vorstellbar, dass ein einzelnes Wort so sehr Nationalstolz und lyrisches Empfinden beleidigen konnten. Paul und John prusteten los und Paul gab unbeirrbar zurück, nein, man könne nicht einfach “yes” statt “yeah” singen. Der Vater verstehe das wohl nicht.



Und tatsächlich hatten die Beatles mit diesem Song und der Hookline ein untrügliches Gespür. Der Song sollte die erfolgreichste Single der Beatles und die erfolgreichste Single in Großbritannien der gesamten 1960er Jahre werden, am 23. August 1963 wurde sie veröffentlicht. Ihr Text, eine Ermutigung an jemanden, an die Liebe einer in die Krise geratenen Beziehung zu glauben, erwies sich als unglaublich eingängig, Millionen von Menschen verursachte dieser Song und vor allem sein Refrain wochenlange Ohrwürmer.

Und stets passierte das Gleiche: Irgendwo lagen die Setlist oder die Lyrics herum und ein Tontechniker, der das Mikrofon richtete, jemand, der die Instrumente stimmte oder auch nur die Wasserflaschen vor dem Konzert verteilte und den Song noch nie gehört hatte, dachte: „Jetzt fällt ihnen nichts mehr ein, da singen sie halt nur noch mundfaule Yankee-Laute.“ Sobald die Beatles aber zu singen anfingen, war es um ihre Zuhörer und Zuhörerinnen geschehen. Gut möglich, dass John, Paul, George und Ringo überhaupt dazu beitrugen, dass diese informelle Bestätigungssilbe „yeah“ in den Sprachwortschatz der vornehmen Engländer überging. Vielleicht nicht in der Generation der Queen, aber für alle knapp drunter.


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