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Popkultur

Zeitsprung: Am 10.11.1975 legt Patti Smith ihr einflussreiches Debüt „Horses“ vor.

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 10.11.1975.

von Jana Böhm und Christof Leim

Mitte der Siebziger arbeitet Patti Smith im Buchladen, um über die Runden zu kommen. Die junge Frau scheißt auf Glamour, Haute Couture und schneidet sich die Haare selbst. Im damals bankrotten und kaputten New York verfasst sie Gedichte und hängt mit Allen Ginsberg rum. Dann gründet sie eine Band und schreibt Musikgeschichte. Ihr Debütalbum Horses wird ein Meilenstein auf ihrem Weg zur Ikone der Frauenbewegung und Mutter des Punk.

Hier könnt ihr Horses hören:

Damals kennt man Patti Smith in der New Yorker Punk-Rock- und Literaturszene. In Magazinen wie Rock und Creem erscheinen ihre von der Beat-Generation geprägten Gedichte, die sie manchmal in Lesungen vorträgt. Sie ist mit Allen Lanier liiert, Keyboarder der AvantgardeHard-Rocker Blue Öyster Cult, für die sie Texte wie Debbie Denise, Career Of Evil und The Revenge Of Vera Gemini schreibt. Daneben zählt sie Typen wie Tom Verlaine von Television zu ihren engsten Freunden. 

Aufnahmen in Hendrix Studio

Er ermutigt Patti 1974, endlich mal etwas aufzunehmen. Mit Lenny Kaye, der sie bei Lesungen oft auf der Gitarre begleitet hat, gründet sie eine Band. Ivan Kral am Bass, Jay Dee Daugherty am Schlagzeug und Richard Sohl am Piano komplettieren das Ganze. Die Gruppe spielt regelmäßig im berühmten CBGB’s und erhält 1975 einen Vertrag bei Arista Records. Mit Plattendeal in der Tasche mietet sich die Band in Jimi Hendrix’ legendären Electric Lady Studios ein. Patti hat den Song Elegie anlässlich des Todes von Jimi geschrieben und besteht darauf, ihn exakt am 18. September aufzunehmen, seinem fünftem Todestag. 

Patti Smith mit ihrer Band im CBGB’s in New York, April 1975. Foto: Richard E. Aaron/Redferns/Getty Images

Die Band möchte Tom Dowd als Produzenten gewinnen, der zuletzt mit den Bee Gees und Eric Clapton gearbeitet hat,. Patti entscheidet sich dann aber für John Cale, Mitbegründer von Velvet Underground. Der Ausnahmemusiker hat bis dato das Debütalbum der Stooges und drei Alben der Sängerin Nico produziert. Er konnte die neue Band schon einmal live erleben und sieht sich vor einem Dilemma: Als Künstler will Cale die Energie der Liveshows, das Zusammenspiel von Pattis Körperlichkeit auf der Bühne und ihrer Sprache auf eine Platte bringen, etwas, woran viele hervorragende Livemusiker immer wieder scheitern. Zudem verfügt Patti nicht über Routine, was Studioarbeit angeht, und steht sich selbst im Weg. 

Kreativer Streit

Jegliche Vorschläge oder Verbesserungen des erfahrenen Produzenten lehnt Smith erst einmal misstrauisch ab. Sie fühlt sich aus tiefstem Herzen als Poetin, die Musik kommt erst danach, und in ihrer Wahrnehmung muss Rock’n’Roll rau klingen, nicht überproduziert, nicht überbewertet und nicht glamourös. Die Aufnahme von Horses wird eine explosive Auseinandersetzung zweier Kreativköpfe. „Sie kämpften wie Tiere, aber die Musik klang, als würden sie es wie die Tiere treiben“, beschreibt Sängerin Nico die Zusammenarbeit. 

Patti Smith sagt über ihre Produzentenwahl später: „Ich habe ihn ausgewählt, weil seine Platten gut klingen. Aber ich habe den Falschen engagiert. Ich suchte einen Techniker, stattdessen gab es einen total verrückten Künstler. Ich habe mir ein teures Aquarell ausgesucht und stattdessen einen Spiegel bekommen.“ Am Ende hat Patti Smith viel gelernt, die Band geht mit engerer Verbindung untereinander aus dem Studio.

Ein Album setzt neue Maßstäbe

Am 10. November 1975 steht Horses in den Regalen und erweist sich in den folgenden Dekaden als einflussreich. Das ikonische Cover in schwarzweiß zeigt Patti Smith androgyn, dünn, mit einem Haarschnitt wie der ihrer männlichen Bandkollegen. Sie trägt ein weißes Oxfordhemd, eine Krawatte und hat ein schwarzes Jackett lässig über die Schulter geworfen. Kühn und gewagt starrt sie den Betrachter direkt an. Aufgenommen hat das Foto Pattis bester Freund und erste große Liebe, der Fotograf Robert Mapplethorpe. 

So auffallend anders wie das Cover klingt auch die Musik. „Jesus starb für jemandes Sünden, aber nicht für meine“ – so lautet die unübertroffene Eröffnungszeile des Songs Gloria, die den ahnungslosen Hörer direkt packt. Mit ihrer wild klingenden Stimme rezitiert Patti Smith ein Gedicht, dann wird die Musik schneller und schneller und zu einer kathartischen Punk-Version des von Van Morrison verfassten gleichnamigen Klassikers. Man versteht, warum Nico auf animalischen Sex anspielte.

Mit Flügeln aus Stein

Nach sechs rasanten Minuten folgt Redondo Beach mit sanften Reggae-Klängen. Birdland entpuppt sich als Klavierballade mit gesprochenen Worten, die im Laufe ihrer neunminütigen Spielzeit zu einer Klangorgie heranwächst und in einem Nervenzusammenbruch endet. Im Song Break It Up, den sie zusammen mit Tom Verlaine von Television schreibt, beschwört Smith den Geist von Jim Morrison, der ihr mit Flügeln aus Stein im Traum erscheint. 

Der Rock’n’Roll-Schamane ist eine große Inspiration der Poetin und Sängerin. Im Song Land übertrifft sie ihn gesanglich in punkto Ekstatik nahezu. Das Spiel mit den Tempowechseln lernt Patti von Velvet Underground, und gemeinsam mit John Cale schafft sie es auf Horses, mit jedem Stück die explosive Liveenergie der Band auf Tonband zu bringen.

Die Übermutter des Punk

Patti Smith hat den Punk nicht erfunden, doch sie war von Anfang an dabei. Mit Horses hat sie einen Meilenstein der Musikgeschichte geliefert, und das 15 Monate vor Marquee Moon von Television. Auch das Debüt der Punkveteranen Ramones erscheint erst im Jahr darauf. Der Korrektheit wegen sei hier angemerkt: In Deutschland erscheint Horses etwas später, am 13. Dezember 1975. So oder so: Patti Smith darf sich in jedem Fall „Godmother Of Punk Rock“ nennen.

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