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Popkultur

Zeitsprung: Am 20.6.1985 rocken die Scorpions World Wide Live, aber auf Platte.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 20.6.1985 .

von Matthias Breusch und Christof Leim

Als World Wide Live am 20. Juni 1985 erscheint, sonnen sich die Scorpions an der Spitze der Rock’n’Roll-Nahrungskette. Sie haben es planmäßig unter die größten Hard-Rock-Bands ihrer Ära geschafft. Aber das scheppert auch, das Ding. Scream for me, Californiaaaaaaaaa!

Hier könnt ihr das komplette Album anhören:

Kleine Quizfrage zum Start: Welche Band konnte sich den Luxus leisten, innerhalb weniger Jahre mit Tokyo Tapes und World Wide Live gleich zwei üppige Doppel-Livealben herauszubringen, ohne auch nur einen einzigen Song doppelt aufzuführen?In den Fußgängerzonen von Schlagerland wissen das vermutlich nicht viele, doch unter Fans hochkarätiger Krachmusik, die in den Siebzigern und Achtzigern von Hard Rock- und Metal-Viren infiziert worden sind, liegt die Kennerquote höher. 

Pioniere des Gitarrensports

Das gilt insbesondere für diejenigen, die selber Rockmusik machen: Zahlreiche Hauptfiguren, selbst aus den härtesten Disziplinen des Gitarrensports, singen unaufgefordert Loblieder auf die Pioniertaten der Scorpions. In Finnland, Belgien oder Texas hätte man einer Formation, die mit Uli Jon Roth und Michael Schenker gleich zwei Sechs-Saiten-Helden hervorgebracht und dank eines riesigen Ohrwurmkatalogs weltweit Fußballstadien ausverkauft hat, längst eigene Quizsendungen gewidmet.

Mitte der Achtziger auf verdientem Höhenflug: Rudolf Schenker, Matthias Jabs, Klaus Meine, Herman Rarebell, Francis Buchholz – Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Vor allem die ersten beiden Livealben sind zentrale Dokumente des Aufstiegs der Scorpions. Die Band hat zu Beginn ihrer eigentlichen Gründung 1973, als die Gruppen der Gitarristen Rudolf Schenker und Uli Roth in Hannover verschmelzen, vor allem eines im Sinn: sich kompromisslos mit Eigenkompositionen zu verwirklichen. Rudolfs Ziel: ein Platz unter den Top 30 der hart rockenden Weltliga. Um das zu erreichen, spielen sie als Mutproben sogar freiwillig Gigs auf dem für eine deutsche Band denkbar härtesten Pflaster, nämlich in Clubs auf der britischen Insel. Und sie ernten Respekt. Damit ist auch das Vorwärtskommen in der kritischen Heimat nicht mehr ganz so wichtig. 

Öffentliche Aufregung

Die kompositorische Formel geht von Album zu Album besser auf. Auf jedem der ersten fünf Studiowerke stehen mehrere Klassiker; die Band wird weit über Deutschland hinaus für ihre griffigen Songideen wahrgenommen. Coverdesigns mit erotischer Note (In Trance, Lovedrive) und schlicht untragbarer Motivwahl (das nackte Mädchen auf Virgin Killer), die laut Uli Roth auf die Initiative der Plattenfirma zurückgehen, sorgen zudem für reichlich erregte öffentliche Reaktionen. Drei furiose Shows in Japan markieren 1978 gleichzeitig Ulis Abschiedskonzerte, gekrönt von leidenschaftlichem Bombast (We’ll Burn The Sky), pulsierenden Hymnen (He’s A Woman, She’s A Man) und Overdrive-Irrsinn (Fly To The Rainbow). Tokyo Tapes schafft es 1978 in den deutschen Albumcharts bis auf Platz fünf. 

In den folgenden Jahren entwickelt sich der Himmelssturm zum Dauerhoch. Der Übergang gelingt nicht zuletzt dank des von UFO zurückgekehrten Michael Schenker, der 1979 maßgeblichen Anteil am Erfolg von Lovedrive hat, aber noch im selben Jahr mit der Michael Schenker Group in eine Solokarriere abbiegt. Mit ihrem neuen festen Leadgitarristen Matthias Jabs zocken die Scorps auf Erfolgsalben wie Animal Magnetism (1980), Blackout (1982) und Love At First Sting (1984) von nun an die kontrollierte Offensive fürs Rock-Radio – mit riesigem Erfolg. Dazu  gehört auch eine energiereiche Liveshow und eine schier endlose Abfolge an Tourdaten, und zwar weltweit. Die Live At First Sting betitelte Konzertreise läuft zum Beispiel vom 23. Januar 1984 (Birmingham, UK) bis 7. Februar 1985 (Tokio, Japan) mit 124 Shows in Nordamerika, Westeuropa und Japan plus dem Riesenfestival Rock in Rio in Brasilien.

Die großen Hallen

Auf World Wide Live sind sie deshalb längst durch und durch coole Säue, mit entspannten Groovern wie The Zoo, Loving You Sunday Morning oder No One Like You und Knallbonbons der Sorte Make It Real oder Blackout. Die Tour nach Love At First Sting wird nicht gerade in gemütlichen Jugendzentren mitgeschnitten, sondern den ganz großen Hallen: Die Bandmaschinen von Produzent Dieter Dierks laufen im Pacific Amphitheatre von Costa Mesa in Kalifornien und in der Pariser Sporthalle Bercy, dazu im Forum von Los Angeles, der Sports Arena in San Diego und der Kölner Sporthalle. 

Die Scorpions-Pyramide auf der Plattenrückseite von „World Wide Live“

Dass die Band längst unter Rudolfs ersehnten Top 30 angekommen ist, belegt nicht zuletzt die Wahl ihres Fotografen: Kein Geringerer als Robert Ellis, der Weltmeister der Konzertfotografie, sorgt für die Schnappschüsse im Innencover des Doppelvinyls. 

Dauerschleife

Parallel zu Kassensturz in den Plattenläden (alleine in den USA werden im Laufe der Jahre über zwei Millionen Exemplare von World Wide Live verkauft, in Deutschland knackt World Wide Live die Top 5) sind die Scorpions längst im Epizentrum des MTV-Universums gelandet. Der Musiksender zieht ihre Songs von da an in Dauerschleife, sogenannter „heavy rotation“, durchs 24-stündige Programm. Die Scorpions aus Hannover gehören quasi offiziell zu den größten Hard-Rock-Bands der Welt.

Rock You Like A Hurricane passt in den vollerotischen Alltag des amerikanischen Imperiums trotz seines wackligen Clip-Schnitts wie der berühmte Arsch auf den Eimer. Bis zum Wind Of Change sind es noch vier Jahre. Aber dann wird ohnehin alles total anders.

Zeitsprung: Am 25.2.1979 starten die Scorpions den „Lovedrive“.

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