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Popkultur

Zeitsprung: Am 27.3.1984 erscheint „Love at First Sting“ von den Scorpions.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.3.1984.

von Christof Leim

Es wird hier mal Zeit für klassischen Hard Rock aus Deutschland. Also los: Am 27. März 1984 veröffentlichen die Scorpions Love At First Sting. Damals sind die Hannoveraner längst weltweit aktiv und genießen einen hervorragenden Ruf, doch mit diesem, ihrem neunten Album schaffen sie endgültig den Durchbruch in die allererste Liga. Die Bandgründung ist da schon fast 20 Jahre her, an Ausdauer hat es den Herren also nicht gemangelt. Die größten Songs der Scheibe kennt jeder, ob er/sie will oder nicht. Gibt es dickere Fäuste-in-die-Luft-Hymnen als Rock You Like A Hurricane? Oder eine epischere Powerballade als Still Loving You? Eben, gibt es nicht. Als Rocker kann man das eigentlich nicht mies finden, selbst wenn manche das nicht zugeben wollen. (Keine Sorge, bleibt unter uns.)


Hier gibt es einen Vorgeschmack auf Love At First Sting. Für das ganze Album klickt auf „Listen“:


In die Achtziger sind die Scorpions gut reingerutscht: Ihren Sound haben sie nach dem (freundschaftlichen) Abgang von Virtuose Uli Jon Roth von verspieltem Siebziger-Ballast befreit und Gitarrist Rudolf Schenker das alleinige Songwriting-Zepter übertragen. Der setzt mit seiner Flying V konsequent Kurs auf breitbeinigen und eingängigen Hard Rock. Das passt hervorragend in die Zeit, in der auch Judas Priest, Iron Maiden und Def Leppard durchstarten. Mit ihrem letzten Album Blackout 1982 konnten die Scorpions die Hitsingle No One Like You ins US-Radio bringen, doch mit Love At First Sting wollen sie noch einen draufsetzen.…

Im Frühsommer 1983 starten die Aufnahmen zunächst in den Polar-Studios in Stockholm mit Stammproduzent Dieter Dierks, der die Band seit In Trance (1975) betreut. Doch irgendwie ist der Wurm drin: So spielen sogar anfangs die beiden US-Amerikaner Jimmy Bain (Rainbow, Dio) und Bobby Rondinelli (Rainbow) anstelle von Bassist Francis Buchholz und Schlagzeuger Herman Rarebell. Weil das alles nicht klingt, wie es soll, begibt sich die Mannschaft wieder in Dierks’ Studio in Stommeln bei Köln, wo fast alle früheren Scorpions-Platten entstanden waren. Hier fängt die Band in ihrer klassischen Besetzung Meine-Schenker-Jabs-Buchholz-Rarebell quasi wieder von vorne an – und jetzt knallt es: Die Scorpions ballern ein Ausnahmealbum raus, das zwar wesentlich glatter klingt als Blackout, aber trotzdem viel Kraft ausstrahlt und ein untrügliches Gespür für griffige Songs und tolle Melodien beweist. Dabei betreten die Akteure sogar #Neuland: Love At First Sting ist eines der ersten Hard Rock-Werke überhaupt, das komplett digital aufgenommen wurde.



Unter den neun Tracks finden sich zwei der wichtigsten Kompositionen der Hannoveraner überhaupt, nämlich Rock You Like A Hurricane und Still Loving You. Diese beiden Songs werden seit 1984 auf jedem, wirklich jedem Konzert gespielt. Doch selbst in der zweiten Reihe gibt es auf der Scheibe großartige Hard Rock-Nummern, was Love At First Sting ein durchgehend hohes Niveau beschert. Die Lieder stammen aus der Feder des bewährten Teams Rudolf Schenker (Musik) und Klaus Meine (Texte). Lediglich bei zwei Nummern – Rock You Like A Hurricane und Bad Boys Running Wild – hilft Drummer Herman Rarebell mit, dessen Englisch als das beste in der Gruppe gilt.



Lyrisch werden hier keine Gefangenen gemacht. Love At First Sting dreht sich um das, was man so vor der Nase hat, wenn man um die Welt fliegt und es jeden Abend krachen lässt: Nachtleben, Touren, Liebe, Lust und überhaupt: Rock’n’Roll, Baby. Das wird alles vorgetragen in wenig verschnörkeltem Englisch, aber mit Inbrunst. Je nach persönlicher Präferenz sind das die dünnsten oder dicksten, weil wichtigsten Bretter, die man in diesem Genre bohren kann. Man darf nicht vergessen, dass Klischees immer einen verdammt wahren Kern haben. Anders ausgedrückt: Um solche Sachen geht’s nun mal im Rock’n’Roll. Eine Ausnahme findet sich jedoch: In Crossfire werden die Scorpions tatsächlich politisch und erzählen aus der Sicht eines Soldaten, der gar keinen Krieg will. Erwähnt sei auch die Gitarrenarbeit von Matthias Jabs, der sich hier als äußerst geschmackvoller Flitzefinger empfiehlt. Die vielen Soli und Licks bieten Feuer, bleiben aber immer melodisch und im Ohr. Muss man auch erstmal können.



Als Vorabsingle erscheint am 7. Februar 1984 die besagte Hymne Rock You Like A Hurricane und wirbelt bis auf Platz 25 der US-Billboard-Hot-100-Charts. Das Ding ist heute ein Klassiker und einer der prägendsten Hard Rock-Songs der Achtziger, vielleicht ein bisschen todgenudelt, aber prinzipiell, sind wir doch mal ehrlich, großartig. Die Liste der Coverversionen ist endlos, ebenso die Aufzählung der Einsätze bei Sportveranstaltungen, in Filmen, Computerspielen und TV-Serien. Zuletzt tauchte Rock You Like A Hurricane zum Beispiel bei The Big Bang Theory und Stranger Things auf. Die GEMA-Abrechnungen zu der Nummer würden wir gerne mal sehen. Ach ja: Eigentlich ist im Refrain gar nicht „rock“ gemeint, aber das Wörtchen mit „f“ (quasi: „fock“) kann man ja nicht einfach so singen…

Im Juli 1984 legt die Plattenfirma mit Still Loving You die zweite Single nach und landet einen weiteren Hit. Die Nummer über eine Beziehung kurz vor ihrem Ende, die Schenker schon seit einigen Jahren im Schrank liegen hatte, gilt als Prototyp der Hard Rock-Powerballade. Kurz darauf kommt noch der äußerst eingängige Rocker Big City Nights als dritte Auskopplung. Nicht zuletzt dank dieser Stücke wird Love At First Sting zum damals erfolgreichsten Album der Band und erreicht bereits zum Ende des Jahres Doppelplatin.



Dabei hatte es sogar Ärger gegeben: Das Cover von Fotograf Helmut Newton zeigt ein Paar in einer Umarmung. Der Mann scheint gerade einen Skorpion auf das Bein der Dame tätowiert zu haben, sie entblößt ein wenig ihrer Brust. Harmlos. Trotzdem findet die US-Kaufhauskette Walmart das anstößig und sorgt dafür, dass die Scheibe in den USA mit einem schwarzweißen Bandfoto auf der Vorderseite veröffentlicht wird.

Das alternative Cover für die USA.

Da sind die Scorpions längst schon wieder auf der Straße: Die Love At First Sting Tour startet am 23. Januar 1984 in Birmingham und läuft ohne große Pausen bis zum 7. Februar 1985 in Tokyo, danach gibt’s noch einen Sommer lang internationale Festivals. Alleine 80 Shows finden in den USA statt, meistens eröffnet von einer aufstrebenden Nachwuchskapelle namens Bon Jovi. Die Liste der Daten ist beeindruckend: Die Kollegen haben echt durchgezogen und das Eisen geschmiedet, als es am heißesten war. Das lohnt sich, denn anschließend ist nicht nur der grandiose Mitschnitt World Wide Live im Kasten, sondern auch ein Stückchen Rock’n’Roll-Weltherrschaft erreicht. Aber das ist eine andere Geschichte.




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