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Popkultur

Solokarrieren: Fluch und Segen des Alleingangs

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Susan Wood/Getty Images

Es gibt kaum große Künstler*innen, die dem Reiz eines Soloalbums widerstehen können. Das ist nicht immer eine gute Idee und häufig schlecht für die Band, die sie groß gemacht hat. Finanziell hingegen lohnt es sich immer. Aber worin besteht er eigentlich, dieser Drang zum Alleingang? Wir haben mal versucht, das zu ergründen.

von Björn Springorum

Gleich zu Beginn mal ein Faktum, das für eine Solokarriere spricht: Einige der größten Künstler*innen aller Zeiten erlebten den Zenit ihres Schaffens ohne die Bands, die sie berühmt gemacht hatten. Phil Collins, Michael Jackson, Diana Ross, George Michael, Eric Clapton, Iggy Pop, Rod Stewart, Lou Reed, Neil Young, Billy Idol… wir könnten uns hier eine ganze Weile einzig und allein damit aufhalten, Namen wie diese zu nennen, um das Argument weiter zu unterstreichen. Wir könnten uns aber auch einfach mal fragen, woher er kommt, dieser Drang zur Solokarriere. Egoismus? Gar Narzissmus? Geldgier? Frustration? Am Ende vielleicht aber auch Selbstverwirklichung?

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Fünf Geschichten, die nur aus dem Leben von Lou Reed stammen können

Fangen wir also mal da an, wo alles anfängt. Bei einer Band. Da raufen sich ein paar Heranwachsende zusammen, kaufen gebrauchte Instrumente, nehmen vielleicht ein bisschen Unterricht und fangen an, zu spielen. Jeder träumt insgeheim davon, der nächste Jimi Hendrix zu werden, die nächste Janis Joplin. Vielleicht auch nur der nächste Ed Sheeran. Bei den meisten wird daraus natürlich nichts. Aber darum geht es gar nicht: Die Band ist ein wichtiges soziales Gefüge. Man bildet eine Gemeinschaft, eine Art Geheimloge fast, mit der elterlichen Garage als Hauptquartier. Man verbringt viel Zeit miteinander, kämpft für etwas, tritt geschlossen auf, genießt es, zusammen Musik zu machen. All das geht nur in einer Band. Und gerade das setzen viele Künstler aufs Spiel, die sich gegen ihre Band und für eine Solokarriere entscheiden. Der ursprüngliche Grund, überhaupt erst mit der Musik angefangen zu haben, wird urplötzlich zweitrangig.

Buddy Holly hat es vorgemacht

Seltsam, oder? Und dennoch so alt wie der Rock‘n‘Roll selbst. Schon Buddy Holly entschied sich dazu, sein Ding als Solitär durchzuziehen. Gut, seine Band The Crickets koexistierte parallel und spielte zudem auf seinen Solo-Aufnahmen; das Fundament für die Rock‘n‘Roll-Initiierung schlechthin, die Solokarriere, wurde jedoch schon in den Fünfzigern gelegt. Und ob die Alleingänge nun de facto erfolgreicher oder weniger erfolgreich, besser oder eher zum Weglaufen waren: Schaut man sich die Rock- und Popwelt des 20. Jahrhunderts mal ganz genau an, so findet man erschreckend wenige Weltstars, die es nicht zumindest mal solo versucht hätten.

Vielleicht ist der Reiz aber auch verständlich. Man hat es geschafft, ja. Aber selbst der Leadsänger ist ja nur so berühmt, weil er Teil einer Band ist. Eines Kollektivs. Und da heißt es eben: Kohle teilen, Ruhm teilen, Relevanz teilen. Der Gedanke kommt da wahrscheinlich ganz von selbst, erst unmerklich, dann immer pochender: Kannst du es auch allein schaffen? All der Ruhm, all die Kohle, alles für dich allein?

Klar, man kann es auch gleich übertreiben. Wie die Beatles, die noch im Jahr ihrer Trennung jeder mit mindestens einem Soloalbum um die Ecke bogen. Dann wiederum gilt für die Liverpooler eh ein ganz eigenes Gesetzbuch. Die Gretchenfrage wird aber immer diese bleiben: Wieso muss man eine Band wie die Beatles überhaupt erst auflösen, wenn danach eh jeder weiter Musik macht? Yoko Ono ist Schuld, werden jetzt die einen wieder schreien. Aber die Antwort ist komplizierter als das. Viel komplizierter. Und das nicht nur bei den Beatles.

Geben und nehmen

Denn so schön die Idealvorstellung einer Band auch ist, so zermürbend kann ihr Alltag aussehen. Auch oder sogar besonders bei den sehr erfolgreichen. Ständig unterwegs, belagert von Paparazzi. Erwartungshaltungen von außen, Druck von innen, vor allem aber bandinterne Kompromisse. Natürlich war das damals nicht schlimm, wenn man stolz wie Oskar einen Song in den Proberaum schleppte und die anderen alles andere als begeistert davon waren. Aber heute, viele Jahre und Millionen verkaufter Platten später? Was bilden die sich eigentlich ein? Wie können sie es wagen, einen Song von mir zu kritisieren. Und außerdem: Der Drummer nervt mich schon länger, der Basser hat schon länger nichts mehr beigetragen, die neue Freundin des Keyboarders ist schwierig und die Gitarristin kommt immer zu spät zur Probe. Vielleicht hat man, wie Sting, auch einfach keinen Bock mehr auf Reggae. Fuck it, I‘m going solo!

Passiert. Manchmal sind findige Manager Schuld, die ihre Schützlinge gezielt gegeneinander ausspielen und eine Solokarriere des Sängers lancieren wollen. Manchmal befindet sich eine Band in einer kreativen Sackgasse und schränkt den Genius manches Künstlers ein. Manchmal hat man sich einfach auseinandergelebt und will nichts mehr voneinander wissen. Alles verständlich, fragt mal die Gallagher-Brüder. Bei der schieren Masse an Solokünstlern ist da höchstens fraglich, weshalb ausgerechnet Axl Rose noch kein Soloalbum veröffentlicht hat. Aber vielleicht vergessen wir diesen Gedanken auch gleich wieder. Aber nein, Axl, wir haben nichts gesagt!

Denn: Es klappt nicht immer mit der güldenen Karriere als Solostar. Gene Simmons zum Beispiel versuchte es mehrfach, kam aber nicht weit. Selbst ein Mick Jagger produzierte solo nur Flops – gemessen am Erfolg seiner Stones, versteht sich. Herrje, Dee Dee Ramone versuchte sich sogar mal an einem Rap-Album. Ganz miese Idee.

Flops der Rockgeschichte: Dee Dee Ramone wird zum Rapper Dee Dee King

Man kann also festhalten: So ein Egotrip kann Fluch oder Segen sein. Fluch, weil wir dadurch viele hochverehrte Bands verloren haben. Segen, weil wir im Gegenzug jede Menge wundervolle Musik geschenkt bekommen haben. Lennons Imagine sei da nur mal exemplarisch genannt, durchaus so etwas wie eines der schönsten Lieder aller Zeiten. Und wo wir gerade bei den Beatles sind: George Harrison verkündete damals, 400 Songs herumliegen zu haben. Verwunderlich eigentlich, dass All Things Must Pass „nur“ aus drei LPs besteht.


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 Wie eine alte Ehe

Viele Musiker vergleichen eine alteingesessene Band ja gern mal mit einer Ehe. Da kommt es auch mal vor, dass sich Differenzen über die Jahre langsam aufbauen und aus einer Mücke plötzlich ein Elefant wird. Bei Bands, die viele Jahrzehnte zusammenspielen, kommt natürlich auch noch die eigene Entwicklung dazu. Wie viele Kindergartenfreunde hat man denn so durchschnittlich in seinem Leben? Eben. So gesehen ist es fast schon ein Wunder, dass es Bands gibt, die 20, 30, 40 oder gar 50 Jahre bestehen, noch dazu in gleicher oder ähnlicher Besetzung.

Klar, es kommt durchaus vor, dass manche Künstler einfach nur deswegen solo gehen, weil sie Bock haben. Weil ihre Band gerade Pause macht oder weil es eben einfach gerade passt. Freddie Mercury machte nach zwei Soloplatten weiter mit Queen Musik. Mick Jagger und Keith Richards tun abseits der Stones munter, was sie wollen. Gut, auf die Oasis-Reunion werden wir wahrscheinlich ewig warten müssen, aber dann wiederum hat es ja sogar mit Guns N‘Roses geklappt – je nach Sichtweise, versteht sich. Ob man nun also Fan davon ist oder nicht: Die Solokarriere ist untrennbar mit der Musik verbunden. Und wird auch weiterhin dafür sorgen, dass wir wunderbare Bands verlieren und wunderbare Musik dazugewinnen. Es ist eben der älteste und normalste Kompromiss der Musikwelt.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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Popkultur

25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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