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Popkultur

Wie Taylor Swift zum Springsteen für Millennials gekrönt wurde

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Taylor Swift

11. Dezember 2020. Plötzlich, fast am Ende eines sehr merkwürdigen, eigentlich katastrophalen Kalenderjahres kommt noch eine musikalische Überraschung: Taylor Swift veröffentlicht noch ein neues Album. Ihr zweites dieses Jahr, evermore heißt es.

von Markus Brandstetter

Angekündigt wurde es wenige Stunden zuvor von der Künstlerin selbst. Sie habe nach dem letzten (ausgesprochen guten) Album folklore nicht aufhören können, wollte den Kosmos von folklore weiter erkunden, hieß es. Kurz darauf war evermore tatsächlich da – und setzte nahtlos dort an, wo Swift vor kurzem aufgehört hatte.

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Hier könnt ihr das neue Taylor-Swift-Album evermore hören:

The Last Great American Dynasty

Taylor Swift ist also beim Folk angekommen, bei eingängigen Americana-Pop oder wie man es auch immer nennen will. Erstmal, als Zwischenstation, wer weiß, wohin es noch geht. Sie kam vom eingängigen, braven Country ihrer Frühphase über perfekten Bubblegum-Pop dorthin. Und wie kolossal dieser Bubblegum-Pop war! Hochglanz in Ultra HD, Hookline nach Hookline nach Hookline, eine größer als die andere. Welcome To New York und Blank Space, später dann wütender mit Reputation und Lover. 2020 stand sie plötzlich in schwarz-weiß im Wald (auf dem Albumcover von folklore) und statt „But I’ve got a blank space, baby / And I’ll write your name“ (perfekter Popsong) hieß es plötzlich:

Rebekah rode up on the afternoon train, it was sunny
Her saltbox house on the coast took her mind off St. Louis
Bill was the heir to the Standard Oil name, and money
And the town said ‘How did a middle class divorcée do it?’

 The wedding was charming, if a little gauche
There’s only so far new money goes
They picked out a home and called it ‘Holiday House’
Their parties were tasteful, if a little loud
The doctor had told him to settle down
It must have been her fault his heart gave out

 (The Last Great American Dynasty, auf: folklore)

Tolles Songwriting, keine Frage. Das war es auch schon vorher, egal mit Star-Co-Autor*innen oder nicht. Aber auf folklore ging’s viel mehr in Richtung Storytelling, rein ins amerikanische Epos. Um Charaktere (wahre und erfundene) und deren Geschichten, Zerwürfnisse und Sehnsüchte, Mythen. Weg vom stetigen Erzählen in der ersten Person. Immer noch Pop, aber Pop, der ganz woanders hin will. Das kennt man von anderen großen Songschreiber*innen, mit denen sie jetzt – die Leute brauchen ja Superlative und den neuen XY und die neue X – verglichen wird.

Taylor und Paul.

Selbes Jahr, Dezember 2020. Taylor Swift ist wieder einmal auf dem Cover vom US-amerikanischen Rolling Stone, aber diesmal ist sie nicht alleine. Neben ihr steht Paul McCartney. Sie legt auf den Bild lässig den Arm um seine Schulter, neigt ihren Kopf in seine Richtung. Swift und McCartney – die sich im Gespräch zur Titelgeschichte ganz offensichtlich blendend verstanden haben – haben ein paar Sachen gemeinsam. Sie haben beide neue Alben (McCartney III erscheint am 18.12, Swifts evermore – ihr zweites in diesem Jahr – erschien am 11. Dezember, nachdem sie es wenige Stunden zuvor angekündigt hatte). Und sie haben beide etliche Nummer-eins-Hits geschrieben – Paul noch ein paar mehr, aber er hat den Alters- und Beatles-Vorsprung. Das Gespräch liest sich erfrischend auf Augenhöhe.

Der Springsteen ihrer Generation?

Zuvor hatte das US-amerikanische Magazin Vox bereits erklärt, Swift sei der Bruce Springsteen der Millennials. „Beide Musiker*innen lieben Songs über eine Art weißes Americana, das nie wirklich existiert hat, dessen Hauptfiguren sich aber trotzdem gezwungen fühlen, es zu verfolgen […] Sie sind unheimlich gut im Wortspiel. Beide sind fasziniert von der Art und Weise, wie die Adoleszenz und die Erinnerungen an die Adoleszenz weiterhin eine unglaubliche Kraft für Erwachsene haben. Beide sind erstaunlich gut darin, Brücken zu bauen, die bereits gute Songs auf eine andere Ebene heben. Und beide schreiben Songs über fiktive Menschen, deren Leben durch winzige, intime Details skizziert wird, die für ihr ganzes Selbst stehen“, schreibt die Autorin Emily Van Der Werff in dem Artikel etwa – und sieht viele Parallelen zwischen der Millennial (Swift) und dem Boomer (Springsteen – und ja, der Boomer-Millennial-Vergleich ist irgendwie überflüssig).

Springsteen über Swift.

Springsteen selbst äußerte sich vor einiger Zeit durchaus bewundernd über Swift. „Meine Tochter war im College, sie hat mich mit all ihren Freundinnen mitgenommen, und es war eine fantastische Show. (Swifts) Publikum erlebt ihr Songwriting sehr, sehr persönlich, und ich denke, sie spricht einen großen Teil von ihnen sehr persönlich an. Was das Handwerk angeht, so sind [ihre Songs] wirklich, wirklich gut gebaut und gut gemacht; sie sind sehr, sehr robust, und die Platten sind es auch. Ich bewundere die moderne Albumproduktion und das moderne Songwriting.“

Die Sache mit den Vergleichen

Ob man Swift jetzt unbedingt mit den Gigant*innen der Musikgeschichte vergleichen muss und ob man ihr damit einen Gefallen tut, ist eine andere Frage – genauso, ob es notwendig ist, dass die Alarmglocken der Ehrfurcht bei solchen Vergleichen zu lärmen beginnen („Springsteen? Wie kann man so einen Vergleich wagen!“). Andererseits, warum auch nicht? Für ihre eigene Fanbase – und die ist wirklich unglaublich groß – ist Swift definitiv das, was Springsteen & Co. für ihre jeweilige Generation waren. Der Ausdruck von Sehnsüchten, die persönlich empfundenen Durchhalteparolen, das Versprechen von etwas neuem, besseren, wie ein guter Coming-Of-Age-Film.

Fest steht, dass Swift mit folklore zweifellos einen riesengroßen Schritt getan hat als Songwriterin, Co-Produzentin, Musikerin und Texterin und selbst offensichtlich großen Spaß an diesem Fortschritt hat. Unbestritten auch, dass sie einer der größten Popstars unserer Zeit ist – ganz besonders in den USA natürlich. Es wird spannend, wo sie sich mit den nächsten Alben hinbewegen wird. Und eins kann man auch getrost sagen: Mehr Musiker*innen ihres Kalibers im Mainstream (denn da ist Swift natürlich trotz Folk, Bon Iver als Gastmusiker und Americana-Mythen zweifellos) würden der Musikwelt definitiv gut tun.

Die musikalische DNA von Taylor Swift

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