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Popkultur

40 Jahre „The Wall”: Die definitive Verschmelzung von Konzeptalbum und Rockoper feiert runden Geburtstag!

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The Wall ist nicht das erste Konzeptalbum der Rock-Geschichte. Aber das berühmteste, erfolgreichste, komplexeste und sehr wahrscheinlich auch stimmigste. Zu seinem 40. Geburtstag widmen wir uns der Entstehung dieses Epos – und seiner spannendsten Nachfolger.

von Björn Springorum

Hört euch hier The Wall von Pink Floyd an

The Who haben ganze Pionierarbeit geleistet. Schon 1969 – also vor genau 50 Jahren – ließen sie ihren Tommy auf uns los, eines der ersten Konzeptalben der Geschichte und durchaus so etwas wie ein Blueprint in Sachen Rock Opera. Doch auch wenn die Handlung des Klassikers dem Leben und Streben des Protagonisten Tommy folgt, so ist der Plot alles andere als stringent und der Inhalt der einzelnen Songs bisweilen nur lose miteinander verknüpft.

Zehn Jahre später sieht das schon ganz anders aus. Als Pink Floyd am 30. November 1979 ihr elftes Studioalbum The Wall veröffentlichen, zeigen sie der Rock-Welt, wie man ein Konzeptalbum nach Maß inszeniert. Die Erkenntnisse, die daraus gewonnen werden konnten, waren unter anderem: Man braucht einen starken Plot – in diesem Fall das Leben des abgehalfterten Rock-Stars Pink (Parallelen zu real existierenden Personen klar beabsichtigt!), dessen selbst verursachte Entfremdung von der Gesellschaft durch eine Mauer symbolisiert wird. Das passt genau! Das trifft den Nerv einer Zeit, in der der Eiserne Vorhang ebenso gelebte Wirklichkeit ist wie die Berliner Mauer. 1980 ging kein Album öfter über die Ladentheken der Welt als dieses.

Eines der besten Alben aller Zeiten

Man braucht aber natürlich auch verdammt starke Musik. Und da lassen sich Pink Floyd auf ihrem letzten Album als Quartett natürlich nicht lumpen: Ursprünglich fand die Kritik die 80 Minuten noch reichlich prätentiös und aufgeblasen; seit Jahrzehnten gilt The Wall aber längst als eines der besten Alben aller Zeiten. Nebenbei enthält es mit Another Brick In The Wall, Part 2 die einzige Nummer Eins der Band in den USA, Großbritannien und Westdeutschland. Und klar, ganz nebenbei befindet sich auf dem theatralischen Art-Rock-Meisterwerk mit Comfortably Numb noch ein zweites Jahrhundertlied.

Drittens: Nach einer zweijährigen Tournee, die in Sachen Produktion und Spezialeffekten so ziemlich alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, wird The Wall 1982 für die große Leinwand adaptiert. Und selbst 2010, als Roger Waters das Album mal wieder exhumiert und auf Tournee bringt, gelingt ihm mit „The Wall Live“ eine der erfolgreichsten Touren aller Zeiten eines Solokünstlers. Kurz gesagt: The Wall ist eines der besten, erfolgreichsten und wegweisendsten Alben aller Zeiten. Und das Rüstzeug, das dieses Epos bot, das ebnete in der Folgezeit dem einen oder anderen Klassiker den Weg.

Von Meat Loaf bis Green Day

Durch MTV in den Achtzigern, digitale Musik in den Neunzigern und das Aufkommen der Streamingdienste in diesem Jahrtausend gewinnt der einzelne Song gegenüber dem Albumformat als solches zwar zunächst mehr und mehr Bedeutung. Von dem schaurigen Liebesgeschichten eines Meat Loaf oder den eng verzahnten Großtaten Arcade Fires über Green Days American Idiot (2004), Operation: Mindcrime von Queensrÿche (1988) und The Black Parade von My Chemical Romance (2006) bis hin zu den Metropolis-Wunderwerke von Dream Theater ist der Einfluss von Pink Floyds desillusionierendem Rockstar-Abgesang in einer feindlichen Welt bis heute deutlich messbar. Mehr noch: The Wall allein macht in seiner Verschmelzung von Ernsthaftigkeit und Entertainment deutlich, wie weit allzu theatralische, pathetische Bombast-Materialschlachten wie die von Avantasia übers Ziel hinausschießen.

Aber noch mal: Weder Rockopern noch Konzeptalben waren Pink Floyds Erfindung. Auch The Lamb Lies Down On Broadway von Genesis (1974), Bowies Ziggy Stardust (1972) oder Zappas Joe’s Garage (1969) gab es vor The Wall. Die Vermählung von fortlaufender Geschichte, Musik, Zeitgeist, eigener Biografie und bombastischer Bühnenshow, die geht jedoch auf das Konto von Pink Floyd. Dass dieser Höhepunkt zugleich für die Risse im Bandgefüge verantwortlich ist, die nie mehr gekittet werden sollten, ist nur eine weitere Anekdote aus der unberechenbaren und tragischen Welt des Rock’n’Roll.

10 Songs, die jeder Pink Floyd-Fan kennen muss

Popkultur

Zum 10. Todestag von Ravi Shankar: Wie die Sitar in die Pop- und Rockmusik kam

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Ravi Shankar
Foto: Express Newspapers/Getty Images

Am 11. Dezember 2022 jährt sich Ravi Shankars Todestag zum 10. Mal. Wir erinnern uns an den indischen Ausnahmemusiker — und daran, wie er die westliche Pop- und Rockmusik prägte.

von Markus Brandstetter

Alle Augen und Ohren waren auf Ravi Shankar gerichtet, als der indische Sitar-Spieler an einem Sonntagnachmittag im Juli 1967 die Bühne des Monterey Pop Festivals erklomm und dort gemeinsam mit Ustad Alla Rakha (Tabla) und Kamala Chakravarty (Tanpura) ein hypnotisches, mitreißendes Konzert spielte. Die anwesenden Zuhörer und Zuhörerinnen, darunter auch Jimi Hendrix (der wenig später sein legendäres Konzert auf demselben Festival spielte, bei dem er seine Gitarre verbrannte), waren gebannt von der Komplexität und der Kraft der Ragas.

„Ich sah einige sehr berühmte Leute aus dem Bereich der Rock- und Popmusik. Es war sehr merkwürdig. Sie saßen einfach da, hörten mir zu, schwangen mit und hatten Spaß. Ich hatte sie am Abend zuvor auftreten sehen und sie waren so anders. Danach hatte ich Angst, weil ihre Art, die Show zu präsentieren, so anders ist als unsere. Damals habe ich es nicht bemerkt, ich war aufgeregt, aber später haben mir so viele Leute erzählt, wie sehr das ihr Leben verändert hat, das war sehr bewegend“, erinnerte sich Ravi Shankar an den Auftritt. Und auch wenn er bereits lange davor in der westlichen Welt Fuß gefasst hatte, so war das Monterey Pop Festival der Wende- und eigentliche Startpunkt für ihn: „All die jungen Leute waren so frisch und leidenschaftlich und fühlten sich so sehr von meiner Musik angezogen. Von dem Moment an, als ich meinen ersten Schlag auf dem Instrument (Sitar) machte, wusste ich, dass wir miteinander verbunden waren.“

Ravi Shankar distanziert sich von Woodstock

Es dauerte aber nicht lange, bis Shankars Sympathie für die Populär- und Gegenkultur etwas getrübt wurde. Zwei Jahre nach dem Monterey Pop Festival trat er auf dem legendären Woodstock Festival auf. Allerdings fand er die Drogenaffinität der Festivalbesucher und -besucherinnen alles andere als angenehm — und distanzierte sich später von der Hippie-Gemeinschaft. „Ich fühle mich ziemlich verletzt, wenn ich sehe, dass Drogen mit unserer Musik in Verbindung gebracht werden. Für uns ist die Musik die Religion. Der schnellste Weg zur Frömmigkeit führt über die Musik. Ich mag es nicht, wenn eine schlechte Sache mit der Musik in Verbindung gebracht wird“, so der Musiker. Für Shankar sollten der Rausch, die Ekstase und die spirituelle Verbindung ausschließlich durch die Musik und in der Musik passieren.

Zwei Jahre später, am 23. November 1971, war Shankar — gemeinsam mit seinem Freund George Harrison (dazu gleich mehr) — in der Dick Cavett Show zu Gast, und sprach genau über dieses Thema.

Ravi Shankar und George Harrison

Gehen wir aber gleich ein paar Jahre zurück: Bevor Shankar mit seinem Auftritt auf dem Monterey Pop dem Rock-Publikum die Kunst der Ragas zeigte, war es vor allem einer, der die Sitar in der Popmusik bekannt machte: George Harrison. Der stieß während Dreharbeiten in einem indischen Restaurant auf den Klang der Sitar und war fasziniert.  Wie seine Witwe Olivia Harrison erklärte, war indische Musik für ihren Mann eine Art Erweckungserlebnis: „Als George indische Musik hörte, war das wirklich der Auslöser, es war wie eine Glocke, die in seinem Kopf ertönte. Es weckte nicht nur den Wunsch, mehr Musik zu hören, sondern auch zu verstehen, was in der indischen Philosophie vor sich ging. Es war eine einzigartige Abwechslung.“ Im Jahr 1966 kam es im Haus eines gemeinsamen Freundes zum ersten Treffen zwischen Harrison und Shankar. Die Sitar-Legende erinnerte sich daran: „Ich hatte damals von den Beatles gehört, aber ich wusste nicht, wie populär sie waren. Ich habe alle vier getroffen, aber bei George hat es sofort Klick gemacht. Er sagte, er wolle [Sitar] richtig lernen. Ich sagte, dass es nicht nur darum geht, Akkorde zu lernen, wie bei der Gitarre. Man braucht mindestens ein Jahr, um Sitar richtig zu lernen, weil das Instrument so schwer zu halten ist. Dann schneidet man sich die Finger so ab [zeigt die Spitzen von zwei Fingern – lila, mit Schwielen]. Er sagte, er würde es versuchen. Er schien so nett und aufrichtig zu sein, dass ich ihm das glaubte.“ Harrison wurde zum Schüler Shankars, verbrachte Zeit bei ihm in Indien.

Shankar hasste den Beatles-Song Norwegian Wood

Der Beatles-Song Norwegian Wood, bei dem Harrison Sitar spielte, wurde allerdings ein Jahr vor dem Zusammentreffen veröffentlicht. „Ich erzählte ihm, man habe mir gesagt, er habe die Sitar benutzt, obwohl ich das Lied Norwegian Wood nicht gehört hatte. Es schien ihm ziemlich peinlich zu sein, und es stellte sich heraus, dass er nur ein paar Sitzungen mit einem indischen Burschen gehabt hatte, der in London war, um zu sehen, wie das Instrument gehalten werden sollte und um die Grundlagen des Spiels zu lernen“, erinnerte sich Shankar laut Far Out Magazine. „Norwegian Wood hat angeblich so viel Aufsehen erregt, aber als ich das Lied schließlich hörte, dachte ich, es sei ein seltsamer Klang, der auf der Sitar erzeugt worden war.” Gegenüber dem US-amerikanischen Rolling Stone gestand Shankar, das Beatles-Lied grauenhaft gefunden zu haben, er habe Harrison dies aber nie gesagt: „Um die Wahrheit zu sagen, musste ich meinen Mund halten. Es wurde mir von meinen Nichten und Neffen vorgespielt […] Ich konnte es nicht glauben, weil es für mich so schrecklich klang.“

Wie man richtig Sitar spielt, brachte Shankar seinem prominenten Schüler schließlich bei — unter anderem im Jahr 1968, als dieser ihn in Indien besuchte. Filmdokumente aus dieser Zeit belegen dies. Es kam später immer wieder zu Zusammenarbeiten und Zusammentreffen der beiden Musiker.

Sitarklänge sollte es bei den Beatles daraufhin bei mehreren Stücken geben — nämlich bei Tomorrow Never Knows, Within You Without You und The Inner Light.

Auch dem legendären US-amerikanischen Violinisten Yehudi Menuhin kommt eine wichtige Rolle in der Bekanntmachung Shankars zu. Menuhin war es, der Shankar einlud, in New York City zu spielen und somit der US-Metropole klassische, indische Musik vorzustellen. Der Geiger war bereits in den 1950er-Jahren während einer Indienreise auf die Musik des indischen Virtuosen gestoßen.

Bei Shankars New-York-Gastspiel hatte es sich längst nicht um seinen ersten Auftritt im Westen gehandelt, bereits als Kind ging er mit der Tanzgruppe seines Bruders auf Tour, damals noch als Tänzer und Musiker. Später nahm ihn der Multiinstrumentalist und Komponist Allauddin Khan unter seine Fittiche. Shankar studierte unter Khan indische Klassik, kombinierte später indische mit westlicher Klassik. Aber zurück zu Menuhin: Als Shankar durch den Violinisten erneut im Westen Fuß fasste, bemerkte er das Potenzial indischer Musik hier. Er tourte durch die USA, Großbritannien und Europa, nahm 1956 in London seine erste EP Three Ragas auf. Das gemeinsame Album von Shankar und Menuhin, West Meets East, wurde 1967 zum Welterfolg.

Ravi Shankar ging als einer der wichtigsten Protagonisten der Weltmusik aller Zeiten in die Geschichte ein. Dabei handelte es sich bei seiner Musik, das sei abschließend gesagt, um keine für den westlichen Markt verwässerte Light-Version indischer Musik. Shankar brachte Kulturen zusammen. Er starb am 11. Dezember 2012 und hinterließ zwei Kinder, die selbst beide Weltstars sind: Sitar-Virtuosin Anoushka Shankar und Jazz-Pop-Superstar Norah Jones.

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„The Concert For Bangladesh“: Die Mutter aller Benefizkonzerte wird 50

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Popkultur

Bowie, Banken und Urin: 5 Dinge, die ihr über Placebo-Dandy Brian Molko noch nicht wusstet

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Brian Molko
Foto: Ricardo Rubio/Europa Press via Getty Images

Die Geschichte der Rockmusik wäre ohne Placebo und vor allem ihren androgynen Frontmann Brian Molko anders verlaufen. Zum 50. Geburtstag des ewig jungen Peter Pan des Rock’n’Roll haben wir mal ein paar Dinge zusammengetragen, die ihr vielleicht noch nicht wusstet. Aber Achtung: Eins ist ziemlich eklig.

von Björn Springorum

Ach, Brian Molko. Was war da los, als er in den Neunzigern mit Placebo die Alternative-Rock-Welt im Sturm erobert und mit Eyeliner, aufwühlenden Texten über Mental Health, Obsession, Sucht und Femininität einen dringend benötigten Gegenpol zum ewigen Schwanzvergleich der Alphamännchen liefert. Brian Molko, dieser zierliche, verletzlich wirkende Künstler mit den traurigen Augen, wird zur Ikone, zur Galionsfigur einer ganzen Generation. Zu seinem 50. Geburtstag blicken wir auf die unbekannte Seite des Sängers und seine teilweise gewöhnungsbedürftigen Marotten.

1. Brian, der Banker

Wenn es nach Brian Molkos Vater gegangen wäre, einem jüdischen Amerikaner mit französischen und italienischen Wurzeln, wäre der junge Brian ein Banker geworden. Molkos Reaktion ist Rebellion und Aufbegehren, er legt sich sein androgynes Image zu, trägt Nagellack und Lippenstift. Seine Schule verlässt er bald darauf, weil er gemobbt wird, und findet erst in seinem Schauspielstudium in London Erfüllung. Indirekt ist es also Molkos Vater zu verdanken, dass es Placebo überhaupt gibt. Thanks, Dad!

2. Mittelfinger für Homophobie

Brian Molko ist bisexuell. Zu Beginn seines meteoritenhaften Aufstiegs zum Idol und Sexsymbol spielt er gern mit Geschlechterklischees, um gegen Homophobie in der Musik vorzugehen. „Ich wollte, dass homophobe Typen zu unseren Konzerten kommen und denken: ‚Wow, mir gefällt die Sängerin. Ist die heiß!‘ Später würden sie dann herausfinden, dass der Sänger Brian heißt, was dann vielleicht dazu führt, dass man sich ein paar Fragen stellt.“

3. Dreckige Stiefel

Der Song, der Brian Molkos Leben ganz offiziell ändert, ist Dirty Boots vom wegweisenden Sonic-Youth-Album Goo. „Mein Kumpel Nick und ich waren 16, er kam zu mir, wir rauchten einen Joint, löschten das Licht und legten Goo auf“, erinnert sich Molko mal. „Damals spielte ich seit drei Jahren Gitarre, aber alles, was ich glaubte, mit einer elektrischen Gitarre tun zu können, löste sich an diesem Tag in Luft auf. Ein ganzes Universum neuer Möglichkeiten lag vor mir. Bis heute sind Sonic Youth wahrscheinlich mein größter Einfluss. Sie sind die größte Rock’n’Roll-Band aller Zeiten.“

4. Rat vom Starman

Die Freundschaft zwischen Brian Molko und David Bowie gehörte zu den besonders heilsamen Momenten in diesem ganzen irrsinnigen Rock’n’Roll-Karneval. Erst gehen Placebo auf Einladung von Bowie mit ihm auf Tour, später nehmen sie gemeinsam Without You I’m Nothing auf. Das wichtigste Detail dieser Beziehung liegt jedoch im Einfluss, den Bowie auf den damals sehr unsicheren, eskalativen, berauschten Molko hat: „David machte mich zu einem besseren Menschen. Mir wurde das aber erst nach seinem Tod klar. Damals war ich bei Weitem zu

5. Angepisst

Vor vielen Jahren gaben Placebo regelmäßig Meet And Greets für Wettbewerbsgewinner*innen. Bei einem kommt es zu einer unschönen Szene, Molko wird sehr unangenehm belästigt. Seither pinkelte er vor einem dieser Treffen stets auf seinen Zeigefinger. „Sie liefen alle mit ein klein wenig Molko-DNA davon“, sagte er mal. Ist aber lange her, wie er versichert.

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10 Songs, die jeder Placebo-Fan kennen muss

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Popkultur

Tarja im Interview über 15 Jahre „My Winter Storm“: „Ich spürte, dass ein neues Kapitel in meinem Leben begann“

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Tarja
Foto: Frank Hoensch /Getty Images

15 Jahre ist es her, dass Tarja Soile Susanna Turunen Cabuli — besser bekannt nur unter ihrem Vornamen Tarja — ihr Soloalbum My Winter Storm veröffentlichte. Der Longplayer war zwar genaugenommen nicht ihr Solo-Debüt (das war nämlich das finnischsprachige Weihnachtsalbum Henkäys ikuisuudesta, das noch während ihrer Zeit bei Nightwish erschien) – aber ohne Zweifel ein riesengroßer Befreiungsschlag und Meilenstein in ihrem Leben. Zwei Jahre trennten sich Nightwish von Tarja — jene Band, die sie mitgegründet und mit ihrer Stimme so maßgeblich geprägt hatte. Ein schwerer Schlag und ein großer Wendepunkt für die finnische Musikerin.. Umso erfreulicher war es natürlich, dass My Winter Storm bei Fans voll ins Schwarze traf. Das Album wurde zum Riesenerfolg — und zum Fundament für eine immer noch erfolgreiche Solokarriere. Im uDiscover-Interview spricht Tarja darüber, wie alles begann — und wie es sich anfühlt, in Buchform auf ihre Karriere zurückzublicken.

von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr euch My Winter Storm anhören:

Dein Soloalbum My Winter Storm wird dieses Jahr 15 Jahre alt. Kannst du ein wenig über deine Einstellung zu dieser Zeit erzählen – und woran du dich am meisten an diese Zeit erinnerst?

Der Beginn meiner Solokarriere war für mich persönlich eine super spannende Zeit. Ich wollte schon an meiner eigenen Musik arbeiten, als ich noch in der Band war, aber als es dann wirklich losging, fühlte sich alles wie ein Traum an. Jede Person, die mit mir arbeitete, war neu für mich, und ich musste erst einmal Vertrauen zu ihr fassen. Das war schwer, zumal ich nach dem, was mit mir und der Band passiert war, leider jegliches Vertrauen in die Menschheit verloren hatte. Ich war nicht stark genug, um einigen Leuten gegenüberzutreten und ihnen zu sagen, dass mir die Dinge nicht gefielen, wie sie liefen, aber ich habe es irgendwie geschafft, meine Stimme zu finden. Auch das Songschreiben war neu für mich, und ich war mir nicht sicher, ob ich es in mir hatte oder nicht. Erst nach einigen Jahren und mehr Erfahrung begann ich mich beim Songschreiben wohl zu fühlen und hatte keine Angst mehr davor. Für mich klingt mein Debüt-Rockalbum ziemlich unschuldig und erinnert mich daran, wie nervös ich damals war, aber es hat mich beflügelt, meine Karriere zu starten und auf eine bessere Zukunft zu hoffen.

Hattest du von Anfang an eine feste Vorstellung, wohin du mit deiner Solokarriere gehen wolltest?

Auf jeden Fall. Ich hatte ein kristallklares Bild davon, was ich erreichen wollte, aber ich war mir nicht so sicher, wie ich es erreichen sollte. Um meine Ziele zu erreichen, brauchte ich Menschen, die mir helfen, und ich musste mein Selbstvertrauen finden, um sie zu führen. Das war nicht leicht, aber ich bin immer meinem Herzen gefolgt, und nie hat mir jemand gesagt, was ich mit meiner Kunst tun sollte.

My Winter Storm war ein riesiger Erfolg. Es wurde in verschiedenen Ländern mit Gold oder Platin ausgezeichnet — auch in Deutschland. Ich kann mir vorstellen, dass ein solcher kommerzieller Erfolg eine große Erleichterung nach der ganzen Band-Situation gewesen sein muss?

Natürlich war es das, aber was mich noch glücklicher machte, war die Tatsache, dass ich endlich frei war, mich selbst auszudrücken. Ich spürte, dass ein neues Kapitel in meinem Leben begann, und ich war froh, diese Seite aufzuschlagen und weiterzumachen. Es war die Zeit, in der ich produktiv, kreativ und frei sein konnte.


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Tarja
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2LP Translucent Blue

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In Deutschland bist du vor allem in der Metal- und Rockszene bekannt, in Finnland reicht deine Popularität weit darüber hinaus. Ist das für dich ein spürbarer Unterschied, was den Kontakt zu den Fans in beiden Ländern angeht und wie du wahrgenommen wirst?

Ja, das ist ein großer Unterschied. In Finnland bin ich eine Berühmtheit, eine öffentliche Person, wenn man so will. Mein Privatleben ist Gegenstand des Medieninteresses, und manchmal war es für mich ziemlich schwierig, damit umzugehen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich nicht mehr in meinem Heimatland lebe. Als Künstlerin stehe ich gerne im Mittelpunkt, aber als Einzelperson bin ich nicht bereit, diese Last zu tragen. Seit Beginn meiner Karriere war mir klar, dass ich diese beiden Dinge in meinem Leben getrennt halten möchte. Mein Privatleben gehört mir. Das brauche ich, um mit einem gesunden Herzen Musik machen zu können.

Finnland scheint ein sehr gutes Umfeld für Musiker zu sein, da viele großartige Bands und Künstler von dort kommen, nicht nur im Rock und Metal, sondern auch im Jazz – in gewisser Weise vergleichbar mit Island. Siehst du das auch so – und wenn ja: warum denkst du, dass das so ist?

Du hast die Landschaft erwähnt. Sie ist ein inspirierender und wichtiger Einfluss für die Künstler in meinem Land, und das war schon immer so. Finnland ist ein ziemlich großes Land mit viel Natur und natürlichen Ressourcen, aber nicht zu vielen Menschen und überfüllten Orten. Unsere Natur ist sehr wichtig für uns. Wir wissen sie zu schätzen und sind stolz auf das, was wir haben. Es ist ziemlich schwierig, die dunklen und kalten Winter zu überstehen, und wenn im Frühling die Sonne am Himmel erscheint, ist jeder ein bisschen überwältigt von der Energie, die von ihr ausgeht. Jede Jahreszeit ist sehr unterschiedlich und dennoch inspirierend.

Letztes Jahr hast du dein Buch Singing In My Blood veröffentlicht, das du im ersten Jahr des Lockdowns geschrieben und zusammengestellt hast. Wie hat sich dieser Rückblick auf deine bisherige Karriere angefühlt, vor allem in einer sehr seltsamen Zeit wie dieser, in der alles still stand?

Die Arbeit an dem Buchprojekt war für mich teilweise wie eine Therapie. Es hat mir bewusst gemacht, wie reich mein Leben war und wie viel ich als Mensch schon erlebt habe. Es hat mich Dankbarkeit spüren lassen. Gerade wenn die Welt stillzustehen schien, musste ich mich auf das Buch konzentrieren, um das Gefühl zu haben, dass ich noch lebe. Es war wundervoll, Hunderte von Fotos durchzugehen, Menschen zu interviewen, die im Laufe der Jahre mit mir gearbeitet haben, und die Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, die ich vergessen hatte. Ich habe die Arbeit an dem Buch wirklich genossen.

Was hättest du zu Beginn deiner Karriere gerne gewusst, was du heute weißt?

Ich hätte einige Änderungen an meinen Lebensumständen auf Tournee vorgenommen, um Stresssituationen zu vermeiden und mich zu schonen.

Du veröffentlichst gerade deine erste Best-of-Platte veröffentlicht. Im Grunde habe ich dazu die gleiche Frage wie bei dem Buch: Was war das für ein Gefühl, an einem solchen Rückblick zu arbeiten?

Der emotionalste Teil war für mich die Erkenntnis, dass es mir gelungen ist, eine lange Karriere aufzubauen, in der ich mich frei fühle, meine Kunst zu schaffen, ohne dass jemand die Fäden zieht und mir sagt, was ich tun soll. Die Jahre sind ziemlich schnell vergangen und ich habe es geschafft, an mehreren erfüllenden Veröffentlichungen und Projekten zu arbeiten. Es hat lange gedauert, an dieser Veröffentlichung zu arbeiten. Es ist ein Album, das mir genauso wichtig ist wie jedes andere von mir und ich war froh, es zusammenzustellen; ein Paket aus drei Alben und einer Live-Show. Ich bin meinen Fans einfach super dankbar für ihre Unterstützung und Liebe. Ohne sie würde ich meinen Traum nicht leben.

Es gibt einen neuen Song auf dem Album namens Eye Of The Storm. Kannst du ein wenig über diesen Song erzählen?

Der Song ist schon vor langer Zeit entstanden. Ich erinnere mich, dass ich damals auf der Suche nach meinem Platz in der Welt war. Ich hatte sowohl in Finnland als auch in Argentinien ein Haus und sogar ein Sommerhaus in Antigua in der Karibik, wohin ich zwischen meinen Tourneen fuhr, um mich zu erholen. Wir waren damals als Familie ständig auf Reisen. Ich war gerade erst Mutter geworden und war mir nicht sicher, wo ich hingehöre und was mein Herz will, also schrieb ich ein Lied darüber. Künstlerisch war ich zu der Zeit bereit, die Welt zu erobern und wollte alle neuen Informationen aufsaugen und alles über Musik lernen, aber persönlich fühlte ich einen Aufruhr in mir. Der Song ist von zwei sehr wichtigen Ländern in meinem Leben inspiriert, Argentinien und Finnland. Man kann auch einen Einfluss von Astor Piazzola und Jean Sibelius darin hören.   Nach vielen Jahren und vielen Entscheidungen hatte ich das Gefühl, dass ich bereit war, diesen Song zu veröffentlichen, weil ich endlich Frieden in mir selbst gefunden habe und mich großartig fühle. Diese Best-Of-Veröffentlichung fühlte sich wie der perfekte Ort dafür an.

Du hast kürzlich in einem Interview erwähnt, dass du während der Pandemie sehr produktiv warst. Auf welche neuen Projekte können wir uns freuen – und wird es ein neues Album geben?

Ich arbeite derzeit an drei Albumveröffentlichungen gleichzeitig! Ihr könnt in den nächsten Monaten Single- und Albumveröffentlichungen von meinem elektronischen Projekt Outlanders erwarten. Außerdem schreibe ich Songs für die kommende Rock-Veröffentlichung, die ihr 2024 erwarten könnt. Was das dritte Album angeht… das ist noch ein Geheimnis. Im nächsten Jahr gibt es eine Menge Tourneen: die letzten In the Raw-Touren im Februar und März in Europa und Best of-Konzerte im Rest des Jahres. Am Ende des Jahres gibt es natürlich noch eine Weihnachtskonzerttournee …und vieles mehr. Ich hoffe, wir sehen uns irgendwo unterwegs!

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