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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.3.1995 versuchen sich Warrant mit „Ultraphobic“ an neuen Sounds.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.3.1995.

von Christof Leim

Schluss mit Partymusik: Die Hair-Metal-Heroen Warrant legen sich 1995 für ihr viertes Album Ultraphobic einen raueren Stil zu, der ihre Qualitäten mit den Sounds aus Seattle verbindet. Schlechte Laune hat Songwriter Jani Lane aus privaten Gründen ebenfalls genug. Es funktioniert weitestgehend sogar. Aber so richtig will es keiner hören…

Hier könnt ihr euch Ultraphobic anhören:

Schwierige Zeiten, die Neunziger. Zumindest für die Rock-Helden der vorangegangenen Dekade. Neue Sounds braucht die Welt, Grunge und Crossover begeistern jetzt das Gros der Fans (und dominieren die Programmplanung bei Radio und Musikfernsehen). Von buntem Rock’n’Roll mit Hedonismus und Lebensfreude will niemand mehr so richtig etwas wissen. Außerdem hat sich das Genre totgelaufen. 

Andere Zeiten, andere Klänge

Bands wie die Partybrigade Warrant stehen damit allerdings vor einem Dilemma. Spielen sie weiter höchst vergnüglichen Hair Metal, der ihnen für ihre beiden ersten Alben ordentlich Platin und Ruhm eingebracht hat? Kann schwierig werden. Kopieren sie stumpf, was alle machen? Taugt nix, glaubt keiner. Oder machen sie den Laden dicht? Auch doof. Schwierige Frage, zumal das Quintett die Neunziger ohnehin mit strukturellen Problemen beginnt.

So bringt die Truppe 1992 auf Album Nummer drei, Dog Eat Dog, zwar eine ganze Latte an gereiften und überraschend harten Songs an den Start, die die leichtgewichtigen Glam-Kompositionen der Vergangenheit in die Tasche stecken und an Skid Rows Geniestreich Slave To The Grind (1991) erinnern. Doch leider sind die Zeiten von Top-Ten-Platzierungen vorbei. Rang 25 in den USA und „nur“ eine Goldene müssen reichen. Nach der Tour steigt Sänger und Songwriter Jani Lane kurzzeitig aus, dann schickt die Plattenfirma die Kündigung. Jani kehrt zurück, aber Leadgitarrist Joey Allen hat keine Lust, wieder in kleinen Clubs aufzutreten, und sucht sich einen „vernünftigen“ Job. Drummer Steven Sweet tut es ihm nach. Alles in allem sehen die Voraussetzungen für die vierte Platte nicht besonders gut aus.

Hilft ja nix

Immerhin finden die verbliebenen Originalmitglieder Jani Lane, Gitarrist Erik Turner und Bassist Jerry Dixon zwei neue Kollegen, nämlich Rick Steier (Gitarre) und James Kottak (Drums) von Kingdom Come. (Kottak trommelt später lange bei den Scorpions.) Ein neues Label findet sich im Indie CMC International, allerdings müssen Warrant hier kleinere Brötchen backen.

Sie begegnen der Situation mit Augenmaß: Als sie im November 1994 die Aufnahmen für Ultraphobic beginnen, haben sie ein knappes Dutzend Songs am Start, die durchaus die melodischen Hard-Rock-Wurzeln früher Tage in sich tragen, aber deutliche Einflüsse der aktuellen Rockwelt zeigen. Man könnte sagen: Warrant entwickeln den harten und schon Glam-reduzierten Sound von Dog Eat Dog weiter und hören dabei auch, was gerade sonst in der Welt so lärmt. Sunset Strip streift Alice In Chains und Soundgarden, wenn man so will. Und grundsätzlich ist Weiterentwicklung ja gut.

Orientierung gesucht

Mindestens Hauptkomponist Lane muss sich die schlechte Laune dazu nicht mal vorstellen: Der Mann verarbeitet, so heißt es, die unangenehme und schmerzliche Scheidung von Ehefrau Bobby Brown, der Mutter seiner Tochter. (Bei Bobby Brown handelt es sich um die zweifelsohne attraktive Dame aus dem Video zu Cherry Pie. Ja, genau, der Clip mit Kirschkuchen und Rollschuhen.)

Dass Lane grundsätzlich ein ziemlich guter Songwriter ist, hört man Ultraphobic an, denn gute Hooklines und Riffs gibt es hier auch. Aber ein wenig läuft die Stilveränderung aus dem Leim; so richtig wissen die Nummern manchmal nicht, wo sie hinwollen. Das könnte vielleicht auch daran liegen, dass die anderen Kollegen diesmal an der kreativen Front so viel mitmischen wie nie zuvor. Und die Mucke klingt schlicht anders, rumpeliger und rauer, obwohl sogar Beau Hill, der Produzent der beiden ersten Scheiben, zurückgekehrt ist.

Schon gute Lieder, aber…

Die erste Single Family Picnic ist ein starker Song mit ernster Botschaft gegen familiäre Gewalt, steht aber eben nicht für sich alleine und deshalb etwas zwischen den Stühlen von früher (Hollywood) und jetzt (Seattle). Das gilt noch mehr für Followed, Chameleon, Ride #2 oder Crawl Space. Immerhin bietet die Eröffnungsnummer Undertow mit ihrem großen Refrain bekannte Kost. Hilft alles nichts: 1995 hört da keiner mehr so richtig zu. Und das, obwohl Lane mit dem auf der Akustikgitarre gezupften, country-esken Stronger Now sein Meisterstück abliefert. Die Nummer hätten auch Songwriting-Schwergewichte wie die Eagles bringen können. Wenn jemand wie Pink das Ding singen würde, wäre es ein Hit. Denn es gilt wie immer Regel eins: Ein guter Song ist ein guter Song ist ein guter Song.

Das Album erscheint am 7. März 1995, in den Charts tummeln sich zur der Zeit aber andere. Immerhin lobt Kerrang! die Band für ihr stilistische Weiterentwicklung und verleiht der Platte die Höchstverwertung. Damit steht das britische Magazin aber weitestgehend alleine da. Natürlich geht die Band auf Tour, doch Drummer Kottak ist ein Jahr später schon wieder raus. Warrant suchen in der Folge weiter eine Marschrichtung, die zu ihnen passt, verfehlen dieses Ziel aber schon 1996 mit Belly To Belly mit Schwung.

Nun passiert es in der Musikgeschichte oft, dass Bands sich nach turbulenten Jahren irgendwann wieder fangen und gereift zu einer erwachsenen Versionen ihres ureigenen Stil zurückkehren, der dann auch gar nicht mehr zu den Sounds der Stunde passen muss. Bei dieser Kapelle funktioniert das nicht: Jani Lane steigt mehrfach aus, kämpft vergeblich mit dem Dämon Alkohol – und stirbt am 11. August 2011 mit nur 47 Jahren. Dass das durchwachsene und in seinen trotzdem vorhandenen Qualitäten verkannte Ultraphobic seine letzte ernstzunehmende kreative Leistung bei seiner Stammband darstellt, ist fast schade.

Zeitsprung: Am 31.1.1989 erscheint das erste Album von Warrant.

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